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Politiker-Entgleisungen "Seit Goebbels der schlimmste Hetzer im Land!"

Politiker-Entgleisungen: "Seit Goebbels der schlimmste Hetzer im Land!" Fotos
dpa/Rolf Braun

Nazi-Hetzer Joseph Goebbels hat einen unrühmlichen Platz in der deutschen Geschichte - und einen festen in der Nachkriegspolitik: Der Vergleich mit ihm wurde zum übelstes Mittel im politischen Schlagabtausch. Adenauer zündete die schmutzige Bombe als Erster, Kohl gegen Gorbatschow - und einen traf es sogar mehrfach. Von

"Sie sollten sich schämen, hier eine solche Aufführung zu machen!" Ruhig, aber mit Nachdruck weist der Größere seinen Tischnachbarn zurecht. Der war ihm wieder und wieder ins Wort gefallen, hatte mit dem Zeigefinger gedroht, gar mit der Faust auf den Tisch gehauen. Nun holte er noch einmal tief Luft, und es sah aus, als würde er zur Widerrede ansetzen. Der Große ließ ihm keine Gelegenheit: "Das zeigt doch, dass Sie die Nerven verlieren ..." Der Gescholtene schaut daraufhin ein wenig betroffen, fast als würde er sich auf die Zunge beißen, und schweigt erst einmal.

Wie Schulbuben hatten sich die beiden Männer vor laufender Kamera aufgeführt - Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Kontrahent Willy Brandt am 12. Mai 1985 in der "Bonner Runde". Es war der Abend der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, und gegenseitig hatten sich die Parteivorsitzenden von CDU und SPD vorgeworfen, die Unwahrheit zu sagen. Als Kohl dann auch noch seinen Wahlkampfmanager Heiner Geißler in Schutz genommen hatte, war es aus Brandt herausgebrochen: "Ein Hetzer ist er! Seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land!"

Vielleicht habe er "unnötig zugespitzt reagiert", sagte Brandt später. Doch dass sein Vergleich des CDU-Generalsekretärs mit dem Propagandaminister des "Dritten Reiches", Joseph Goebbels, ein Ausrutscher gewesen sein könnte, nahm dem eher besonnen agierenden Politiker niemand ab. Zuspitzung gehörte zum Geschäft - auch schon bei Brandts und Kohls Vorgängern. Der Goebbels-Vergleich als letztes Mittel im politischen Schlagabtausch, als schmutzige Bombe im rhetorischen Waffenarsenal - der Sozialdemokrat war nicht der erste, der sie einsetzte. Konrad Adenauer (CDU) hatte so schon gegen Kurt Schumacher (SPD) gewettert, Herbert Wehner (SPD) gegen Franz Josef Strauß (CSU), Strauß wiederum gegen linke Demonstranten.

Und Brandt sollte auch nicht der Letzte gewesen sein. Nur knapp eineinhalb Jahre später griff der oberlehrerhafte Mahner Kohl selbst in die Kiste, um mit Dreck zu werfen. Über die Wirkung war er sich wohl nicht im Klaren. Vermutlich hatte er die Folgen unterschätzt, wenn ein deutscher Bundeskanzler (und Historiker) ausgerechnet den mächtigsten Mann jenes Landes in einem Atemzug mit dem Nazi-Chefpropagandisten nennt, der im Zweiten Weltkrieg die meisten Opfer zu beklagen hatte.

"Experte in Public Relations"

Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" veröffentlichte im Oktober 1986 ein Interview mit Helmut Kohl, in dem dieser über den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow sagte: "Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations."

Das Echo dieser Äußerung hallte weltweit nach. In kollektiver Erinnerung geblieben war vor allem Goebbels' Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943, als der Minister für Volksaufklärung und Propaganda seine rund 15.000 Zuhörer fragte: "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?" Und die Masse begeistert brüllte: "Ja!" So war Goebbels in die Weltgeschichte eingegangen. Und Gorbatschow sollte nun nach Ansicht des Kanzlers ähnliche Qualitäten haben?

Ein Skandal! Der sowjetische Botschafter Julij Kwizinski legte sofort Protest im Bonner Kanzleramt ein. "Tiefe Entrüstung" über die "unwürdigen Äußerungen" des Kanzlers herrsche in Moskau. Der Kreml verlange "völlige Klarheit" über die fragliche Textstelle.

Die Journalisten sind schuld

Das Kanzleramt sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen, die das Außenministerium an die Sowjetbotschaft weiterleitete. Darin hieß es: Kohl habe "keinen Vergleich zwischen Personen vorgenommen". Der Kanzler wollte "lediglich verdeutlichen, dass die Wirkung einer Öffentlichkeitsarbeit nicht unbedingt etwas über die Qualität der jeweiligen Politik aussagt".

Moskau genügte diese Erklärung nicht. Ohne eine öffentliche Klarstellung, so Botschafter Kwizinski, seien "normale Beziehungen zur Regierung der Bundesrepublik unmöglich". Die Sowjetunion werde zu "ernsthaften Konsequenzen" gezwungen sein, wenn sich der deutsche Kanzler nicht in "persönlich klarer und überzeugender" Weise "kategorisch" von seinem Vergleich der Propaganda-Qualitäten Gorbatschows und Goebbels' distanziere.

In einer Regierungserklärung ging Kohl deshalb noch einmal auf das Interview ein. Schuld waren natürlich die Macher des Magazins: Der Zusammenhang zwischen Gorbatschow und Goebbels sei durch eine verkürzte Darstellung der "Newsweek"-Redakteure entstanden. Vor dem Bundestag sagte der Kanzler: "Das Interview in 'Newsweek' gibt in der entsprechenden Passage Sinn und Inhalt des eineinhalbstündigen Gesprächs nicht korrekt wieder."

Kein Ausrutscher

Nun reagierte die "Newsweek"-Redaktion, die sich von Kohl diffamiert sah. Sie gab den Originalton des im Kanzleramt aufgezeichneten Gesprächs frei. Für alle Welt war zu hören, wie der Kanzler sagte: "Ich bin kein Narr, ich halte ihn nicht für einen Liberalen. Es gibt genug Narren in der westlichen Welt zwischen Journalisten und Politikern. Die Frau Gorbatschow ist eine attraktive Frau, die reist nach Paris und kauft sich natürlich Kleider in Paris. Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun. Das ist ein moderner kommunistischer Führer. Der war nie in Kalifornien, nie in Hollywood, aber versteht was von PR. Der Goebbels verstand auch was von PR." Dann ist Gelächter zu hören und Kohl fährt fort: "Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen."

Entlasten konnte ihn die Aufnahme also nicht. Zumal das Interview in seiner gedruckten, sprachlich geglätteten Form - einschließlich der Erwähnung Goebbels - vorab von Kohls Mitarbeitern genehmigt worden war. Nicht nur das Ausland empörte sich über die Äußerung: 90 Prozent der Bundesbürger waren damals laut einer Umfrage der Ansicht, der Kanzler habe einen Fehler gemacht.

"Kohls Beleidigung des Sowjetführers war denn auch kein Ausrutscher, dahinter steckte Methode", schrieb der SPIEGEL damals. Kohl sei es darum gegangen, US-Präsident Ronald Reagan kurz nach den Abrüstungsgesprächen mit Gorbatschow in Reykjavík "daran zu erinnern, dass im Osten das Reich des Bösen sei". Kohl habe Reagan mahnen wollen, nicht auf Moskauer Propagandatricks reinzufallen, wenn Gorbatschow weitreichende Vorschläge zur Abrüstung unterbreite.

Die Zuspitzung schien wohl kalkuliert. Amerikanische Korrespondenten berichteten von einem Treffen mit Kohl in Bonn einen Tag vor dem "Newsweek"-Interviewtermin. Auch bei dieser Gelegenheit sei in ähnlichem Zusammenhang der Name Goebbels gefallen - das Synonym für einen diabolischen Propagandisten, das man fast überall auf der Welt in gleicher Weise versteht. Auch in den USA.

"Ich Rindvieh"

Der Schaden war enorm. Zwischen Moskau und Bonn löste die kohlsche Äußerung eine schwere Krise aus. Die sowjetische Regierung fror Kontakte in die Bundesrepublik ein, sagte Besuche ab, lud Besucher aus. Das Eis brechen konnte Kohl erst mit einem persönlichen Besuch bei Gorbatschow zwei Jahre später, im Oktober 1988.

Dem Einsatz von Goebbels-Vergleichen als verbale Schlagstöcke tat der Eklat keinen Abbruch. CDU-Generalsekretär Heiner Geißler etwa wurde sogar mehrfach Ziel derartiger Beschimpfungen. So einmal auch von TV-Star Hans-Joachim Kulenkampff, der ihn 1988 in einer Talkshow als einen Hetzer "schlimmer als Goebbels" bezeichnete und damit selbst die Äußerung von SPD-Chef Brandt noch überzog.

Was er offenbar bereute: "Warum habe ich Rindvieh nur nicht 'der Schlimmste seit' statt 'schlimmer als' gesagt?", soll er sich später geärgert haben. Kulenkampff entschuldigte sich umgehend. Warum es ihm besonders leid tat, erklärte der Showmaster später in einem Interview: "Das war eine Verwechslung. Ich hatte Herrn Stoiber gemeint, weil der sagte, die Nationalsozialisten seien auch Sozialisten."

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1. Strafbar
Volker Eschen, 07.11.2014
Man sollte Heiner Geißler nicht mit Joseph Goebbels vergleichen. Das ist eine Straftat nach § 189 StGB.
2. Politik
wolfgang venjakob, 06.11.2015
In der politischen Auseinandersetzung wird mit harten Bandagen gekämpft, was heißt, dass man mit Vergleichen und Bildern holzschnittartig verkürzen möchte, damit das Publikum die Brisanz des politischen Gegenstandes versteht. Lehrmeister sind hier unter anderem Willy Brandt, wie auch andere Politiker, die Goebbels als politischen Hammer benutzten. Man sollte daher Bachmanns Bemerkung hinsichtlich Maas nicht überbewerten, sondern abhaken.
3. ca. 60%
Thorsten Gerbes, 05.05.2016
der Bundesbürger verstehen gar nicht, was an einem Vergleich mit Goebbels so schlimm sein soll. Und Frau Petry kann damit schon gar nicht schrecken. Das ist der wahre Eklat.
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