Politikerleben Wie ich Deutschlands erste Ministerpräsidentin wurde

Manche jubelten, andere hielten sie für einen Betriebsunfall: Heide Simonis wurde 1993 die erste Ministerpräsidentin eines deutschen Bundeslandes. Ihr Vorgänger Björn Engholm hatte geflunkert und war zurückgetreten. Simonis' Fazit: In der Politik wird eine Frau immer erst ins Amt gehoben, wenn es zuvor einen Mann kräftig aus der Kurve getragen hat.

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Manche hielten es für einen Betriebsunfall. Ich selbst fühlte mich, wie von einem Dampfer nachts in die kalte Ostsee geschmissen. "Tschüss" sagte der Dampfer - und plötzlich war ich Ministerpräsidentin. Das war am 19. Mai 1993, zwei Wochen nachdem Björn Engholm von seinem Amt als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zurückgetreten war.

Unter normalen Umständen wäre Björn Engholm nicht nur unser Kanzlerkandidat geworden, sondern höchstwahrscheinlich auch als Kanzler oder Fraktionsvorsitzender nach Bonn gegangen. Für diesen Fall - so wurde in Schleswig-Holstein diskutiert - kämen drei Leute als Nachfolger in Frage: Sozialminister Günther Jansen, Landtags-Fraktionschef Gert Börnsen und Heide Simonis. In dieser Konstellation standen die Chancen fifty-fifty, dass die SPD eine Frau nominieren würde. Sie kannten mich als Finanzministerin und als solche hatte ich mir einen guten Ruf erarbeitet.

Doch dann kam die Geschichte mit Björn Engholm.

Eine gewisse politische Eleganz

Schon der erste Barschel-Untersuchungsausschuss hatte für großes Interesse in der Bundesrepublik gesorgt. Ich erinnere mich noch an die Pressekonferenz im September 1987, bei der Uwe Barschel sein Ehrenwort gab. Damals war ich überzeugt davon, dass er nicht gelogen haben könne. Er hatte einen ähnlichen sozialen Hintergrund wie mein Vater, und der hatte mir vermittelt, dass man dem Ehrenwort eines Ehrenmannes absolut vertrauen kann. Um so empörter war ich, dass dieses Ehrenwort eine Lüge kaschieren sollte. Ich erlebte die Affäre damals aus der Distanz, als Bundestagsabgeordnete in Bonn. In der Landes-SPD war sie natürlich zentrales Gesprächsthema.

Nachdem die SPD 1988 die Neuwahlen zum Landtag gewonnen hatte, stellte sie natürlich Forderungen auf, wie Politik in Zukunft zu gestalten sei. Wir waren einfach die Besseren! Die besseren Menschen! Die besseren Demokraten!

Vorne dran stand die Lichtgestalt Björn Engholm. Die Menschen mochten ihn. Er hatte eine gewisse politische Eleganz, wirkte nicht so verkniffen wie andere Politiker. Er redete auch mit Leuten aus anderen Parteien und er verstand etwas von Kunst. Kurz: Er war ein ungewöhnlicher Sozialdemokrat - jedenfalls gemessen an den bekannten Vorurteilen gegenüber Sozialdemokraten. Björn Engholm war einfach eine interessante Person.

Die Republik hält die Luft an

Noch interessanter wurde er, als herauskam, dass er geflunkert hatte. Es ging um die Frage, ob er schon vor dem offiziellen Bekanntwerden etwas über die Machenschaften von Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer wusste. Hätte er gleich eingeräumt, "wir haben es im Wahlkampf nicht gewagt zu sagen, aber jetzt sagen wir es ..." wäre es wohl halb so schlimm gewesen. Aber er hat "Nein" gesagt.

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Vorreiterin: Allein unter Männern

Man kann diese Katastrophe für die SPD nur verstehen, wenn man die erste Runde der Barschel-Affäre miterlebt hat: Dieses Luftanhalten bis weit in die Republik hinein. Die Empörung darüber, dass ein Ministerpräsident jemanden aus der Staatskanzlei auf den Oppositionsführer ansetzt, um ihn am Sieg zu hindern.

Und dann die zweite Runde Barschel-Affäre. Die hehren Forderungen nach einer besseren Politik richteten sich nun gegen den Ministerpräsidenten selbst. Die Partei war vollkommen verdattert und wollte schnell eine Entscheidung.

Da haben sie mich aufs Tablett gehoben.

"Kannst Du es? Willst Du es?"

Die Gremien wurden einberufen, es gab Sondersitzungen und dann kam der schleswig-holsteinische Parteivorsitzende Gerd Walter auf mich zu und sagte so etwas wie: "Wir können uns nichts Langes leisten: Kannst Du es? Traust Du es Dir zu? Willst Du es?" Und ich habe immer "Ja" gesagt.

In den Schlagzeilen tauchte mein Name erst auf, als es um die Frage ging, was jetzt mit der SPD in Schleswig-Holstein passiert. Vorher interessierte sich kaum jemand für eine eventuelle Ministerpräsidentin.

Auf dem Parteitag in Eckernförde kurz nach Björn Engholms Rücktritt hatte ich eigentlich mit einer schwereren Kür gerechnet. Ich hatte eine Rede vorbereitet, in der ich sagen wollte, was ich als Ministerpräsidentin tun würde. Aber das einzige, was die Leute zu interessieren schien, war: Wie schafft sie es, dass die Partei wieder zusammenfindet?

"Ihr versaut uns die ganze Arbeit"

Kurz darauf begann der Wahlkampf für die Kommunalwahlen im April 1994. Ein schwerer Wahlkampf, der hing wie Blei. Wo ich hinkam, waren die Versammlungsräume rappelvoll. Was immer ich über Kommunalpolitik erzählte - ich hätte es mir sparen können. Zwei Dinge wollten die Leute wissen: Wie die Partei die Krise bewältigt und wie sich eine Frau als Ministerpräsidentin macht. "Ihr da in Kiel, Ihr versaut uns die ganze Arbeit, die wir hier machen," hieß es aus einigen Ortsvereinen. Und von anderen: "Erst haben Sie das Maul schön voll genommen und nun erzählen Sie mal, wie sie damit fertig werden wollen..."

Es gab viel Skepsis - gegenüber der SPD und mir als Frau. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung beim Bauernverband als ein Mann, dem man im Gesicht und an seinen großen rissigen Händen seine harte Arbeit ansah, kopfschüttelnd in die Kamera sagte: "Ne, ne, dat ganze schöne Land in der Hand von eene eenzige Fru! ..."

Für manchen Mann war meine neue Rolle wohl etwas schwierig.

Die liebe Frau Kollegin

Übrigens auch in der Runde der Ministerpräsidenten-Kollegen. Als ich das erste Mal zum Ministerpräsidenten-Treffen kam, hob unser Sprecher, Kollege Kurt Biedenkopf aus Sachsen, zur Begrüßung an: "Meine Herren Kollegen, ...". Ein Mitarbeiter, der neben ihm saß, stupste ihn an und dann sagte er: " ... und Frau Simonis". Es dauerte ein bisschen, bis das mit der "Frau Kollegin" kam.

In manche Brief- und Adressdateien war bis zum Schluss nicht durchgedrungen, dass man nicht schreibt, "Sehr geehrte Frau Simonis, ... bitten wir Sie und Ihre Partnerin ...".

Schwierig waren auch die jährlichen Ministerpräsidenten-Treffen, wenn die anderen Kollegen ihre Gattinnen oder Lebensgefährtinnen zum Damenprogramm mitbrachten. Später hieß es Begleitprogramm - aber ich hatte nie jemanden zum Hinschicken. Mein Mann sagte dazu, er gehe gern in Schleswig-Holstein mit, aber nicht irgendwo, um einfach nur an einem Programm teilzunehmen. Er hat sich dann allerdings auch nicht mit Händen und Füßen gewehrt. In Schleswig-Holstein haben wir deshalb alternative Programme angeboten - zumal es ohnehin schwierig war, ein Programm zusammenzustellen, das allen Damen gefiel.

Aus der Kurve getragen

Die erste Wahl einer Frau an die Spitze eines Bundeslandes - ganz ohne große Diskussionen und die üblichen Vorstellungsrunden - ist nur aus dem zu verstehen, was 1993 aus der Barschel-Affäre in die SPD reinschwappte.

Es wäre schön, wenn es mal wieder eine Ministerpräsidentin in der 16-er Herrenrunde gäbe. Aber das bleibt wohl vorerst die Ausnahme. Auch die Karriere von Frau Merkel nach der CDU-Spendenaffäre zeigt: Eine Frau wird immer erst dann in ein solches Amt gehoben, wenn es vorher einen Mann kräftig aus der Kurve getragen hat.



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