Politikerzitate in Popsongs "Ich sage Krieg!"

Egal ob Präsidenten, Diktatoren oder Anarchisten: Immer wieder dienen die Reden von Politikern als Inspiration - für Musik-Hits. Was der letzte äthiopische Kaiser 1963 vor der Uno sagte, ist vielen nur als Reggae-Song bekannt.

Corbis

Es war der 23. April 1976, als Bob Marley seinem Publikum den Krieg erklärte. Zu wummernden Bassläufen schmetterte der Reggae-Vater an diesem Abend im Tower Theater bei Philadelphia folgende Zeilen:

Bis die Ideologie,

die eine Rasse hervorhebt

und die andere erniedrigt,

schließlich und dauerhaft verdammt

und abgeschafft ist,

wird überall Krieg sein, ich sage Krieg!

Noch 13 Mal sollte Marley das mächtige Wort in den kommenden Minuten abfeuern: Krieg, "bis die Hautfarbe eines Menschen nicht von größerer Bedeutung ist als seine Augenfarbe", "Krieg im Osten", "Krieg im Westen", "Krieg im Norden", "Krieg unten im Süden". Überall Krieg. Dann donnerte es Applaus in dem einstigen Kino, und "War", das Lied, das Marley gerade zum ersten Mal vor Publikum performt hatte, wurde ein Hit.

Dabei stammte die melodische Kriegserklärung größtenteils gar nicht von Marley selbst - sondern: von einem Politiker.

Mehrmals in der jüngeren Musikgeschichte haben sich Liedermacher bei den Worten bekannter oder auch weniger bekannter Polit-Persönlichkeiten bedient - und aus ihren Zitaten Songs erschaffen. Malcom X, John F. Kennedy und Mao Zedong: Ihre Träume, Visionen, Pamphlete wurden allesamt zu Hits vertextet.

Bob Marleys Lied "War" etwa basiert fast Wort für Wort auf einer Rede, die der äthiopische Regent Haile Selassie vor 50 Jahren, am 4. Oktober 1963, vor der Uno-Vollversammlung in New York hielt. Die Ansprache war - anders als der Song vermuten lässt - keine wirkliche Kriegserklärung eines Staats gegenüber einem anderen. Denn tatsächlich benutzte Selassie das Wort "Krieg" kein einziges Mal in seiner Rede. Vielmehr prangerte das Staatsoberhaupt unter anderem die Degradierung von Schwarzen als Bürger zweiter Klasse an und kritisierte die unzureichenden Schritte der internationalen Gemeinschaft, um Frieden auf der Welt und dem afrikanischen Kontinent zu schaffen.

Politisch ist die Rede deshalb interessant, weil Selassie - damals Vorsitzender der gerade erst neugegründeten Afrikanischen Union - als Herrscher eines einzelnen Landes erstmals für den gesamten Kontinent sprach. Die Rede gilt, auch wegen ihrer eindrucksvollen Rhetorik, als international bedeutendste Selassies, der in den späteren Jahren seiner Herrschaft vor allem wegen der anhaltenden Hungernot in seinem Land in die Kritik geriet.

Außerhalb des diplomatischen Parketts erlangten seine Worte jedoch erst ab 1976 Gehör - nachdem Bob Marley die Botschaft mit einer Melodie versehen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Selassie bereits seit einem Dreivierteljahr tot.

Bob Marley wollte seinem Messias postum ein Denkmal setzen

Auf die Idee mit der Rede war Marley nicht von selbst gekommen. Kurz nachdem der letzte äthiopische Kaiser gestorben war, präsentierte der jamaikanische Fußballer Allan Cole seinem Freund Bob Marley eine englische Übersetzung der Ansprache. Selassie hatte die Rede vor der Uno nämlich auf Amharisch, Äthiopiens Amtssprache, gehalten, auch wenn er perfekt Englisch sprach - womöglich eine Erklärung dafür, warum die Rede vor Marleys Song nur wenig Verbreitung fand.

Marley, der bereits seit mehreren Jahren bekennender Rastafari-Anhänger war, sah in dem afrikanischen Staatsmann eine Art Messias. Ihm gefiel die Idee, Selassie mit ein paar seiner eigenen Zeilen postum ein Denkmal zu setzen. Und so entstand aus der Rede mit dem sperrigen Titel "What Life Has Taught Me About the Question of Racial Discrimination" der wummernde Reggae-Hit "War".

Das Lied wurde nach der Premiere im Tower Theater bei Philadelphia zu einem festen Bestandteil der meisten Bob-Marley-Konzerte. Und das Album, auf dem "War" erschien - "Rastaman Vibration" -, eroberte binnen weniger Wochen die Top Ten der amerikanischen Billboard-Charts - als erste und einzige Marley-Platte.

Marley bediente sich auch bei anderen Politikern

"War" blieb nicht der einzige Hit, für den Bob Marley sich bei einer Politikerrede bediente. So zitierte Marley in seinem Reggae-Evergreen "Get Up, Stand Up" 1973 Abraham Lincoln, als er die Zeilen "You can fool some people sometimes / But you can't fool all the people all the time" in den Songtext einbaute.

Auch die bekannte Passage aus Marleys "Redemption Song", "Emancipate yourselves from mental slavery / None but ourselves can free our minds", stammt nicht aus der Feder des Reggae-Vaters. Ursprünglich hatte die Worte - in leicht abgeänderter Form - der jamaikanische nationalistische Politiker Marcus Garvey in einer Grundsatzrede 1937 im kanadischen Nova Scotia vorgetragen. Da war Marley noch gar nicht geboren.

So schön die Ergebnisse auch klingen mögen, ein Zitate-Song ist immer auch ein Kunstgriff zwischen Kreativität und Diebstahl: Nicht jede Rede darf beliebig lang kopiert und zitiert werden, ohne dass Urheberrechte greifen. Auf Martin Luther Kings monumentale "I have a Dream"-Rede beispielsweise gilt ein Copyright bis 2038. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich bisher kein Liedermacher getraut hat, mehr als ein paar Fetzen der Ansprache in einen Song einzubauen.

Von Abraham Lincoln bis Mao Zedong: einestages erinnert an große Polit-Zitate - und was Liedermacher mit ihnen anstellten.

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Jan Hofmann, 04.10.2013
1.
Ich weiß jetzt nicht, ob "The Dream" von Out of the Ordinary (eines der Thorsten Fenslau Projekte) den kompletten Text der Rede enthält, aber mehr als ein Paar Zeilen sind es schon. j.
Rainer Wichmann, 04.10.2013
2.
Ronald Reagan's "5 minutes" http://www.youtube.com/watch?v=sO53AXUdeV0&hd=1
Stefan Bürvenich, 04.10.2013
3.
Ergänzung zu "Get Up, Stand Up": Nach nochmaliger Lektüre des Artikels fällt auf, dass Sie Peter Tosh völlig ignorieren. Marley und Tosh schrieben diesen Song gemeinsam, somit haben sie beide, und nicht Marley alleine, das Zitat verwendet. In der Originalaufnahme wird die Passage zudem von Peter Tosh gesungen. Ergänzung zu "War": Im Englischen Original ist es keine "Kriegs-Erklärung", sondern vielmehr eine "Kriegs-Feststellung". Es ist nicht die Rede von "there will be war", sondern "everywhere IS war". Der Krieg ist bereits da. Und bis diverse Missstände nicht abgeschafft sind, wird der Krieg weiter bestehen und "wir Afrikaner" (als solcher hat auch Bob Marley sich verstanden) kämpfen weiter.
Johannes Weisser, 04.10.2013
4.
Und Ausschnitte aus der berühmten "In a solemn hour"-Rede von Winston Churchill sind in dem Song "Our solemn hour" der holländischen Symphonic Metal-Band Within Temptation zu hören.
Stefan Bürvenich, 04.10.2013
5.
Tschuldigung, aber ich kann mich noch nicht beruhigen: Zu den Rastafaris und ihrer Verehrung von Haile Selassie: Haile Selassies Geburtsname lautet Tafari Makkonen, sein Titel am äthiopischen Hof lautete "Ras". Ergibt zusammen Ras Tafari Makkonen. Daraus entstand der Name "Rastafari" für die Glaubensrichtung, die in Haile Selassie die Wiedergeburt Jesu Christi sieht (soviel zu "eine Art Messias"). Hier gibt es wiederum einen Zusammenhang mit dem im Artikel erwähnten Marcus Garvey, der nämlich in den 20ern die Krönung eines mächtigen afrikanischen Königs voraussagte, was mit der Krönung von Haile Selassies als Erfüllung der Prophezeihung gesehen wurde. Quasi der Auslöser der Rastafari Glaubensrichtung. Im Groben und Ganzen: Nette Idee, einen Artikel über Politikerzitate in der Musikwelt zu schreiben, aber von Haile Selassie und Bob Marley nur als "Politiker" und "Musiker" zu schreiben ist mehr als daneben. Der ganz überwiegende Teil von Marleys Werk dreht sich um seinen Glauben und somit auch um Haile Selassie, der für ihn nicht weniger als der Sohn Gottes war. So, jetzt geb ich Ruhe.
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