Politische Umerziehung Die Vergangenheit, die nicht sein durfte

Politische Umerziehung: Die Vergangenheit, die nicht sein durfte Fotos
Ernst Dr. Woll

Vom Fähnleinführer zum Antifaschisten: Nachdem der Krieg zu Ende war, wurde Ernst Woll 1947 Mitglied der Antifaschistischen Jugend, wo er wegen seiner führenden Funktion im Deutschen Jungvolk umerzogen werden sollte. Ein Aufsatz brachte ihn in Erklärungsnöte. Von

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Ende der dreißiger Jahre träumte ich davon, Verwalter eines großen deutschen Ritterguts in der Ukraine oder in Russland zu werden. Ich malte mir aus, wie schön es wäre, wenn ich als Inspektor über die Felder reiten und Befehle erteilen würde. Hitlers Osterweiterungspolitik, so wie ich sie als Kind begriff, war ganz in meinem Sinn. Ich ahnte nichts von dem Leid, das die Deutschen in die besetzten Länder brachten.

Im Deutschen Jungvolk war ich in den letzten Kriegsmonaten zum Fähnleinführer befördert worden. Ich war zwar selber erst 14 Jahre alt, trotzdem befehligte ich 80 zehn- bis vierzehnjährige Jungen. So hoch in der Rangfolge hatte ich nur deshalb steigen können, weil die älteren Jungen bereits Soldaten oder Flakhelfer geworden waren. Es herrschte sogenannter Führermangel im Deutschen Jungvolk.

Schon zwei Jahre später war ich in der sowjetischen Besatzungszone Mitglied in der 1945 gegründeten Antifaschistischen Jugendorganisation. Uns war gesellschaftspolitische Rehabilitierung durch Umerziehung versprochen worden. Eine Chance, die ich sofort ergriff. Dass die Angst, wegen meiner Vergangenheit möglicherweise Repressalien ausgesetzt zu sein, als Motiv für meine Mitgliedschaft eine große Rolle gespielt hatte, erwähnte ich in einem Aufsatz, den wir eines Tages in der Schule schreiben sollten, nicht.

Ein Nein zur eigenen Vergangenheit

"Welche Erwartungen stelle ich an mein zukünftiges Leben?" lautete das Thema. Zwar waren wir in einem Alter, in dem wir die gesellschaftlichen und historischen Umbrüche, die sich in unseren Biographien vollzogen, langsam zu verstehen imstande waren. Aber ich bin mir sicher, dass ich damals noch nicht in der Lage war zu formulieren, dass ich dankbar sein musste, zu jung gewesen zu sein, um an den Eroberungsfeldzügen der deutschen Armee teilzunehmen. Angesichts der mangelnden Fähigkeit zur kritischen Selbsteinschätzung im Hinblick auf die eigene Vergangenheit war es jedoch schwierig, sich ein Bild über die eigene Zukunft zu machen.

In der Regel schrieben und sagten wir damals das, wovon wir glaubten, dass es die die Lehrer und das neue politische System von uns hören wollten. Dazu gehörte, dass wir die Schule mit guten Ergebnissen abschließen und einen erstrebenswerten Beruf ergreifen wollten. Weil ich den Krieg hautnah erlebt hatte, konnte ich auch aus vollster Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass vom deutschen Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Die deutliche Ablehnung der eigenen Vergangenheit schien die Voraussetzung zu sein, um an der Gegenwart und der Zukunft teilzuhaben. Ob aus Einsicht oder nicht, war egal.

Damals waren mir die neuen kommunistischen Losungen noch fremd. Sie widersprachen dem, was ich jahrelang zuvor gelernt hatte. Aber meine Zweifel und Fragen traute ich mich nicht auszusprechen. Der Widerspruch zwischen dem, was ich sagte und dem, was ich dachte, quälte mich. Und in all diesem Durcheinander sollte ich zu allem Überfluss auch noch wissen, wie ich mir mein zukünftiges Leben vorstellte. Ich kaute verbissen an meinem Bleistift. Meine einstigen Zukunftsträume waren verfänglich geworden. Also verschwieg ich sie. Stattdessen nannte ich als Studienwunsch Landwirtschaftskunde.

Angst vor Repressalien

In politischen Fragen war ich damals unsicher und ahnungslos. Ich befürchtete sogar Konsequenzen aus meiner aktiven Mitarbeit im Jungvolk. Deswegen schrieb ich lieber über meine Gründungsmitgliedschaft in der 1946 ins Leben gerufenen FDJ und welche Rolle sie in meinem weiteren Leben spielen könnte. Ich versprach mir davon eine gute Beurteilung meines Aufsatzes. Wie man mit einem so schnellen Wechsel von einer nazistischen in eine sozialistische Jugendorganisation umging, spielte in meinem Aufsatz keine Rolle. Stattdessen bekannte ich mich zur Mitwirkung am Aufbau eines friedliebenden, antifaschistischen Deutschlands. Diesen Widerspruch musste ich mit mir selbst abmachen. Über Anpassungszwänge redete man nicht, auch nicht über die ideologische Verwirrung, mit der man sich trug.

Später erfuhr ich, dass das Jungvolk, dem ich während des "Dritten Reichs" angehört hatte, von den Machthabern nicht als faschistische Organisation eingestuft wurde. Auch Mitgliedschaften und Funktionen in der Hitlerjugend blieben für Jugendliche bis 19 Jahren nach einem Rehabilitierungsgesetz straffrei. Hierüber erhielt ich sogar im Februar 1948 eine amtliche Bescheinigung vom sogenannten Antifa-Block meiner Heimatstadt.

Trotz der Widersprüche, der verleugneten Vergangenheit und dem zeitweiligen Gefühl der Unaufrichtigkeit, nahm ich damals alles Neue begierig auf: Die neue Gesellschaftsordnung, die Gedanken zur Demokratie sowie die sowjetische Kultur und Literatur: Nachdem ein sowjetischer Kulturoffizier in unserer Schule einen Vortrag über Sowjetliteratur gehalten hatte, begann ich eifrig, Puschkin und Gorki zu lesen.

Diesen positiven Erfahrungen einer fremden Kultur, über die ich sprechen durfte, ja sogar sollte, standen jedoch die zahllosen negativen Erfahrungen des Besatzungsalltags entgegen. Über sie musste ich schweigen. Erst recht in meinem Aufsatz, den ich mit dem Wunsch nach der Einheit Deutschlands abschloss. Immerhin wurde diese damals auch im Osten des Landes lautstark propagiert. Natürlich unter den eigenen politischen Vorzeichen.

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