Pop statt Protest Der permanente Karneval

Pop statt Protest: Der permanente Karneval Fotos
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Elektroklänge, Punk und NDW: Während der Rest der Republik noch die Systemfrage klärte, brodelte im Rheinland bereits die kulturelle Revolution. Eine neue Ausstellung in Köln dokumentiert die Geburt des deutschen Pop aus dem Geiste rheinischen Frohsinns. Von

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Katholisch, kleinbürgerlich, Karneval als Ventil - mit diesem etwas uncharmanten Dreiklang beschrieb der Nobelpreisträger und gebürtige Kölner Heinrich Böll seine rheinische Heimat. Dass er mit der Nestbeschmutzung vielleicht ein wenig Recht hatte, könnte man beim Blick auf die wilden Jahre der Republik meinen: Während in Berlin, Frankfurt und Hamburg Achtundsechzig und folgende die Systemfrage gestellt wurde, das Rheinland blieb der Revolte einigermaßen abhold - und probte derweil lieber: den Pop.

Im Jahr 1967 - in Berlin erschoss ein Polizist den Demonstranten Benno Ohnesorg, Studentenführer Rudi Dutschke rief zum "Marsch durch die Institutionen" - öffnete in Düsseldorf das "Creamcheese", ein Meilenstein der deutschen Clubkultur. Zwanzig Fernseher, in einer Regalwand gestapelt, und Kunstwerke in jeder Ecke machten den Laden zur ersten Multimedia-Disko Deutschlands - erste Sahne, kein Käse.

Eine Wand aus zwanzig Bildschirmen

Die Anregung dazu kam direkt aus New York, wo die Multimediashows von Andy Warhol und "The Velvet Underground" den Künstler Günther Uecker fasziniert hatten. Die Importidee war auf Anhieb ein Bombenerfolg: Sämtliche Berühmtheiten der Düsseldorfer Kunstszene halfen bei der Einrichtung, und schon im Jahr nach der Eröffnung war das Projekt Gast auf der Kasseler Großkunstschau Documenta.

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Erinnern Sie sich an das "Creamcheese" in Düsseldorf? Oder das "Onkel Pö" in Hamburg? Haben Sie im legendären "Tresor" in Berlin getanzt?

Erzählen Sie auf einestages, wie es in den legendären Läden der Republik abging und die Clubkultur Deutschland eroberte!

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Auch wenn im "Creamcheese" selbstverständlich die jeweils angesagtesten Vinylscheiben auf den Plattentellern rotierten - das Herz der deutschen Popmusik schlug in dieser Zeit ein wenig rheinaufwärts beim ewigen Konkurrenten in Köln. Während 1968 der Deutsche Bundestag die Notstandsgesetze durchwinkte und Andreas Baader seinen ersten Anschlag verübte, gründete sich die in der Domstadt eine der vielleicht einflussreichsten deutschen Bands aller Zeiten: "Can" um den Bassisten und Soundtüftler Holger Czukay kreierten in ihrem Studio im Schloss Nörvenich einen Sound, der Schule machte und bis heute im Drum'n'Bass weiterlebt.

Geburtsstunde des Elektropop

Erst zwei Jahre später konnte Düsseldorf nachziehen, aber dafür umso wirkungsvoller: mit "Kraftwerk", die 1970 zusammenfanden und mit ihrer computergenerierten Klangteppichen nicht nur international Furore machten, sondern bis heute als Ahnherren der elektronischen Musik verehrt werden. Die Veröffentlichung des Kraftwerk-Albums "Autobahn" 1974 gilt unter Musikhistorikern all die Geburtsstunde des Elektropop.

Gemalt, gesprayt und gezeichnet wurde in Köln wie in Düsseldorf nach Kräften und erfolgreich - und eben nicht nur Demo-Schilder. Die Kölner Galeristen- und Künstlergruppe "Exit - Bildermacher" etwa verwandelte Alltagsobjekte zu Pop Art, und die "Mülheimer Freiheit" und die Düsseldorfer "Neuen Heftigen" erfanden gemeinsam den Expressionismus neu.

Als die neue Deutsche Welle anbrandete

Und während der junge Joschka Fischer sich im Frankfurter Westend noch für die Revolution von gestern prügelte, trat in den späten Siebzigern mit dem Punk die akute Musikrevolution vom "Ratinger Hof" in der Düsseldorfer Altstadt ihren Siegeszug durch Bundesdeutschland an. Auch die Neue Deutsche Welle brandete wenige Jahre darauf zuerst an der Düsseldorfer "Kö" an: Bands wie "Deutsch-Amerikanische Freundschaft" ("DAF") oder "Fehlfarben" schufen einen eigenständigen deutschen Pop-Sound, bei dem endlich auf deutsch gesungen wurde, ohne dass es gleich peinlich war.

Jedenfalls meist - alsbald nahmen die karnevalesken Züge in der "NDW"-Mucke deutlich zu. Rheinaufwärts in Köln widmeten sich derweil ernsthaftere Geister der abstrakten elektronischen Musik, die Anfang der neunziger von stilbildenden Gruppen wie dem Duo "Mouse on Mars" oder "Whirlpool Productions" geprägt, ja revolutioniert wurde.

Nicht leicht zu sagen, wessen Revolution letztlich den längeren Atem besaß - die Politrebellen im Rest der Republik oder die Kulturrevolutionären aus dem Rheinland. Der Geburt des Pop aus dem Geiste des Karnevals hat das Kölnische Stadtmuseum jetzt eine Ausstellung gewidmet, die den Spuren des permanenten Karneval nachgeht, der im Schatten der permanenten Revolution gedieh und die Rheinländer einigermaßen bewahrte vor Frankfurter Fanatismus, Marburger Marxismus und Berliner Bewusstseinsdiskussionen.

Die Ausstellung "Pop am Rhein: Strömungen in Musik, Film und Clubkultur" läuft noch bis zum 17. Februar 2008 im Kölnischen Stadtmuseum.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
der zotenschmied 15.12.2007
es ist nur schade, dass so viel dieses einzigartigen schaffens erst außerhalb deutschlands beachtung finden musste, bevor man hierzulande den eigentlichen wert erkannt hat. mehr als anderswo gilt in deutschland, einem der wichtigsten musikmärkte der welt (wichtiger als großbritannien): was sich nicht kommerziell vermarkten lässt, ist auch nicht gut. bis heute hat sich nichts daran geändert. es sind eher ausrutscher, wenn über künstler wie carsten nicolai alias alva noto berichtet wird. dabei hat herr nicolai bereits mehrere alben mit einem oscar-preisträger eingespielt. und schön ist seine musik auch noch, nicht kommerziell, aber schön.
2.
Moritz Reichelt 26.11.2012
"Der Plan" sei "stark von Kraftwerk beeinflusst". Das weise ich entschieden zurück! Die einzige Kraftwerk-Platte, die ich bis 1981 kannte, war die erste. Und davon sind im Werk des Plans mit Sicherheit keine Anklänge zu erkennen. Ein bisschen besser könnte man schon recherchieren, bevor man etwas in die Welt setzt.
3. test einestages
Julian Seegebarth 14.03.2014
test einestages
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