Weltkriegsbriefe "Die Granaten platzen mit kleinen weißen Wölkchen"

Weltkriegsbriefe: "Die Granaten platzen mit kleinen weißen Wölkchen" Fotos
Frank Schumann/Neues Leben

Schatz aus Papier: 1986 wurde in einem alten Haus in der DDR eine einmalige Briefkorrespondenz aus dem Ersten Weltkrieg gefunden - und im Trubel der Wende vergessen. Jetzt wird das Hunderte Seiten starke Zeitzeugnis neu veröffentlicht und gewährt verstörende Einblicke in den Alltag des Krieges. Von

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"Liebe Mutter, sei doch so gut und schicke mir meine Uhr. Habe keinen Wecker, muss aber früh um 5 aufstehen, ... Grüße alle, Euer Erich"

Auch im Krieg wollte Erich Donath pünktlich sein. Gleich nach seiner Ankunft in der Garnison Naumburg schrieb er deshalb am 2. November 1914 an seine Mutter in Naundorf, einer kleinen Gemeinde bei Wittenberg. Er sei gut angekommen, die Kaserne allerdings voll belegt, weshalb er auf einem Dachboden schlafen müsse.

Im Frühjahr 1986 werden in einem alten Lehmhaus in Naundorf im heutigen Sachsen-Anhalt vergilbte Dokumente gefunden. Der Publizist Frank Schumann erfährt über einen Freund davon, kurz vor dem Abriss des Hauses klaubt er Fotos, Briefe und Karten, alte Zeitungen, Taufscheine und Arbeitsbücher zusammen. Erst bei der späteren Sichtung stellt er fest, welch einzigartigen Fund er vor sich hat.

Die ehemaligen Bewohner des Hauses waren offenbar leidenschaftliche Sammler, die über Generationen alles Geschriebene und Gedruckte aufbewahrt haben. Zum Vorschein kommen rund anderthalbtausend Feldpostbriefe und Korrespondenzen aus der Heimat, geschrieben in zwei mal vier Kriegsjahren zwischen 1914 und 1945. Eine Auswahl der Briefe veröffentlicht Schumann im Herbst 1989 in der DDR, wovon jedoch wegen der zeitgleich stattfindenden politischen Wende kaum jemand Notiz nimmt. Nun, knapp hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Beginn dieser bemerkenswerten Korrespondenz, ist der emsige Schriftwechsel neu erschienen.

Der Soldat Erich Donath ist 20 Jahre alt, als er 1914 zum ersten Mal an seine Mutter schreibt. Im Reich ist die allgemeine Mobilmachung in vollem Gange: Deutschland hat Russland und Frankreich den Krieg erklärt. Wie der gelernte Maurer aus Naundorf rücken im Herbst 1914 Tausende Wehrpflichtige in die Kasernen ein. Auch Erichs Stiefvater, der Landwirt Karl Falkenhain, muss die Uniform anlegen. Aus seinem Hof zurück, so erfährt der Leser, bleibt Minna, Erichs Mutter, verheiratet mit Karl in zweiter Ehe. Künftig würde sie sich allein um den Hof und die Felder kümmern müssen. Die Briefe sind ihre einzige Verbindung zu den Männern; in ihnen erkundigt sie sich nach dem Befinden, fragt um Rat, berichtet von den Ereignissen im Dorf und den Neuigkeiten bei der Verwandtschaft.

Wie lange dieser Zustand anhalten sollte, wusste damals keiner der drei. Als der Krieg endet, sind mehrere hundert Briefe und Karten geschrieben. Nacheinander, in zeitlicher Abfolge gelesen, ergeben sie eine Familienchronik, die authentischer kaum geschrieben sein könnte. Berührend naiv und fast beiläufig erzählen die Briefe von einem Weltereignis, das die Betroffenen in seinen Ausmaßen nicht überschauen konnten und von dessen Ausgang sie nichts ahnten. Ein Krieg, an dem in seinem Verlauf rund 65 Millionen Menschen beteiligt sein sollten, bei dem rund zehn Millionen getötet und 20 Millionen verwundet wurden. Nicht mitgerechnet die Millionen zivilen Opfer.

"Zieh Dich warm an"

Für den Naundorfer Erich Donath beginnt dieser Krieg mit einer kräftigen Erkältung.

"Lieber Sohn! Wie ich lese, bist du halb krank und hast einen dicken Hals", schreibt die besorgte Mutter, Minna Falkenhain, am 24. November 1914 an ihren Jungen, "Zieh Dir immer 2 Hemden an, damit Du auf dem Leib warm gehst. Es soll noch kälter werden, und wenn Du eine warme Unterhose brauchst, dann schreibe es mir."

Erich ist nun bei der Infanterie. In der Garnison Naumburg wartet er auf seinen ersten Einsatz. Das kleine Naundorf hat bereits erste Tote zu beklagen, Erich erfährt davon aus den Briefen seiner Verwandtschaft. Doch von den grausigen Dimensionen der Verluste, die die Armee schon während der ersten Gefechte im ersten Kriegsjahr zu verzeichnen hat, erfährt er nichts. In der Schlacht bei Langemarck in Westflandern fallen an einem einzigen Tag rund 80.000 deutsche Soldaten. Erich aber weiß noch nicht einmal, wohin es für ihn geht. Die Wartezeit nutzt er zum Briefeschreiben - allerdings nicht nur an seine Mutter, wie diese missbilligend feststellt.

"Ich habe mich sehr geärgert", tadelt Minna Falkenhain, "dass Du an Wittes Magd geschrieben hast. Die ist durchs ganze Dorf gerannt und hat erzählt, Du schreibst oft an sie. Den Spaß unterlass bitte künftig."

In Naundorf packen sie Pakete für Erich. Ein Brief der Cousine Hedwig kündigt das zu Erwartende an. Mutter Minna schickt ihrem Jungen warme Sachen, ein angerautes Hemd, eine Leibbinde, einen Kopfwärmer - und gute Ratschläge.

"Lieber Sohn, wenn nun Eure Reise nach Frankreich beginnt, dann zieh Dich nur recht warm an. Sei nicht so leichtsinnig, wenn Du in Frankreich schlafen gehst. Durchsucht erst die Häuser. Den Leuten könnt Ihr nicht trauen, auch wenn sie noch so freundlich sind. Die ermorden Euch in der Nacht."

Doch entgegen den Vermutungen seiner Mutter muss Erich nicht nach Frankreich. Sein Einsatz als Jäger der Infanterie beginnt an der Ostfront. Minna kümmert sich um seinen geistigen Beistand. Sie rät ihrem Jungen, Bibeltexte bei sich zu tragen. Auch sonst denkt die Landfrau praktisch: Erich soll die Dinge, die er nicht braucht, nach Hause schicken.

"Deine Uhr, den Ring und die Schuhe und das Geld kannst Du vielleicht auch mitschicken. Unterwegs kommt es vielleicht weg."

Bei ihrem Vorstoß auf Lodz treffen die deutschen Truppen auf eine massive russische Verteidigung. Die spätere Geschichtsschreibung wird wissen, dass dabei allein auf deutscher Seite rund 10.000 Soldaten sterben. Für die daheim Zurückgebliebenen aber sind zu dieser Zeit kaum verlässliche Informationen von der Front zu bekommen. Minnas mütterliche Sorge gilt derweil Erichs sozialen Kontakten: "Der Otto Seidel beschwert sich immer, dass Du nicht an ihn schreibst. Schreibe ihm doch mal eine Karte. Er wollte Dir jetzt auch ein Paket schicken, aber ich sagte ihm, Du wärst schon weg. Lehmanns Emma sagt immer zu Bachmanns Anna, Du wärst ihr Schatz. Schreibe nicht so oft an Lehmanns Emma, Bachmanns Anna ärgert sich darüber sehr."

"Du brauchst Dich nicht aufzuregen"

Der Brief, den Erichs Stiefvater Karl Falkenhain am 14. Januar 1915 an seine Frau Minna schickt, ist kurz. Er trägt die Ortsangabe "Östlicher Kriegsschauplatz":

"Liebe Frau und Kinder! Ich will Euch mitteilen, dass wir am 12. abends 8 Uhr in Russland eingerückt sind und haben die erste Nacht in einem Rathaus auf Stroh geschlafen. Am 13. sind wir weitermarschiert ... Vorgestern um 6 Uhr sind wir angekommen. Liegen 600 bis 700 Meter vor dem Feind, aber gesehen haben wir ihn noch nicht. Besten Gruß und Kuss, Dein lieber Mann und guter Vater."

Minna ist beunruhigt. Im Dorf werden schreckliche Dinge erzählt, und die Landwirtin macht sich ihren Reim auf die Geschehnisse an der Front. Sie glaubt, Karl verschweigt ihr das Schlimmste - und konfrontiert ihn damit:

"Der Kortsche Meißner hat an Hebolds geschrieben, dass er fünf Tage im Feuer gestanden habe. Du musst doch auch dabei gewesen sein, denn Du hast dieselbe Adresse wie er."

Von Sohn Erich hat sie schon länger nichts mehr gehört. Dann endlich trifft ein Lebenszeichen von dem Jungen ein, abgeschickt am 16. Februar 1915:

"Ihr werdet Euch vielleicht wundern, warum ich noch nicht geschrieben habe. Als ich mich am 11. hinsetzen wollte, hieß es auf einmal, zwei Kompanien sofort fertigmachen, in den Schützengraben einrücken. Dort sind wir heute noch. ... es regnet jeden Tag. Wenn man sich nachts zweimal zwei Stunden zum Schlafen niederlegt oder auf Wache liegt - immer liegt man im Wasser. ... Du schreibst, Du hast zwei Pakete abgeschickt, über die ich mich sehr freuen würde. Wenn ich sie doch erst hätte … gestern hatten wir den ganzen Tag kein Brot, ..."

Bei Karl, dessen Truppe inzwischen nach Frankreich verlegt wurde, ist die Vorsorgungslage besser: Schinken, Käse, Butter, Fett und Zigarren seien ausreichend vorhanden, schreibt er am 23. Februar seiner Frau. Doch Erichs Stiefvater hat andere Sorgen, behutsam versucht er, seine Frau auf eine Neuigkeit vorzubereiten:

"Liebe Minna, jetzt muss ich Dir etwas mitteilen, was mir selber sehr weh tut und was am 22. abends ... passiert ist. Ich war hinterm Schützengraben austreten, und als ich wieder meinen Mantel anziehen wollte, ich hatte schon den linken Ärmel über, da kam eine Kugel geflogen und durchschlug den Mantel. Wir lagen nur 100 Meter vom Feind. Die Kugel ging durch bis auf die linke Schulter und streifte etwas Haut. Ich wurde abgelöst und kam ins Revier, aber es ist wirklich Gott sei dank sehr gut abgelaufen. Du brauchst Dich also nicht aufzuregen."

Karl Falkenhain kennt seine Frau gut. Natürlich würde sie sich aufregen. Ihr nächster Brief lässt daran keinen Zweifel. Die Predigt der fürsorgenden Gattin folgt umgehend:

"Wie kannst Du aber auch so töricht sein und aus dem Schützengraben gehn? Das kannst Du Dir doch selbst denken, dass die Franzosen dann nach Euch schießen! ... Und wenn Du wirklich wieder in den Schützengraben musst, dann geh nicht raus und gucke nicht raus, ... Auch Erich habe ich gewarnt. Aber bei Dir habe ich angenommen, Du wärst alt und verständig genug, ..."

"Das ist grundsätzlich eine Lüge"

Mittlerweile ist es März - da endlich kommt eine gute Nachricht von dem Jungen aus Bolimow, wo sich deutsche und russische Truppen erbitterte Kämpfe liefern:

"Liebe Mutter und Schwester! Als wir gestern aus dem Schützengraben kamen, erhielt ich Post von Euch. ... Am besten hat mir der Kuchen geschmeckt."

Auch Erichs Mutter weiß Erfreuliches zu berichten:

"Bei uns war auch für eine Zeit Fröhlichkeit. Unser lieber Vater war 10 Tage bei uns auf Urlaub, weil er in Frankreich krank gewesen ist und nach Magdeburg kam."

Und dann hat Minna Falkenhain noch eine besonders erbauliche Nachricht für ihren Jungen:

"Lieber Sohn, Du schreibst, Anna Bachmann habe Dich vergessen. Das ist aber auf keinen Fall wahr. ... Ich habe mich genau erkundigt, ob es wahr ist, dass sie mit Willy Lehmann gegangen ist. Das ist grundsätzlich eine Lüge, denn der Willy ist mit einer von den Simons aus Plossig verlobt und wartet darauf, dass der Krieg vorbeigeht, damit er sie heiraten kann. Diejenigen, die Dir etwas anderes geschrieben haben, haben Dich tüchtig belogen. Das kann Dir doch nur Emma Lehmann geschrieben haben. ... Die hat jetzt Kindtaufe machen müssen, denn die hat eines von dem Rockmann aus Großtreben, und der lacht sie jetzt wegen des Kindes aus und heiratet sie nicht."

Anna würde also warten - doch davon sollte Erich nichts mehr erfahren. Minnas Brief vom 29. März 1915 trifft wieder in Naundorf ein. Stempelvermerk: "Zurück/Auf dem Felde der Ehre gefallen."

"Einer von uns und einer von denen"

Minna Falkenhain schreibt in den folgenden Jahren noch viele Briefe. Sie berichtet ihrem Mann von der Schwindsucht der Cousine, die nun nicht mehr auf dem Hof helfen könne. Davon, dass das Brennholz aus sei, die Schweine verendeten und die Pakete nicht mehr ankämen. Vergeblich hofft sie, dass ihr Karl Urlaub bekommt, um bei der Ernte zu helfen. Doch Karl bleibt an der Front und versucht offenbar, seine Frau zumindest in seinen Briefen zu schonen.

"Hier im Wald singen und zwitschern die Vögel, und morgens liegt auf dem See dicker weißer Nebel. Es ist herrlich, so etwas zu sehen. Die reine Sommerfrische. ... Kommt ein Russe, schießt unsere Artillerie, kommt einer von uns, schießt der Russe. Gerade fliegt einer von uns und einer von denen, das ist ein Gesumm und Gebrumm von Schrapnells, es sieht schön aus. Dazu ein herrliches Wetter, der Himmel ist ganz blau, und wenn die Granaten platzen, entstehen kleine weiße Wölkchen."

Die seltsam poetische Beschreibung steht in irritierendem Widerspruch zu dem blutigen Gemetzel, das die Soldaten tatsächlich in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs erleben. Doch wenn es Karls Absicht war, seine Frau vor weiteren schlechten Nachrichten zu bewahren, könnte ihm das sogar gelungen sein. Denn jenseits der offiziellen Propaganda sind die Briefe der Soldaten für ihre Angehörigen die einzige Informationsquelle.

Karl sollte noch drei weitere Jahre bei der Feldarbeit fehlen. "Ob das wirklich jemals aufhören wird?", fragt ihn Minna im Juni 1918. Es hört auf: Im Herbst 1918 kehrt Karl Falkenhain heim. Neun Jahre lebt er noch mit Minna, bis er an Tuberkulose stirbt. Minna hingegen wird noch einen weiteren Krieg erleben, und sie wird - mittlerweile Großmutter - noch einmal viel Post bekommen. Im Januar 1941 schreibt ihr Schwiegersohn Otto Gasse aus Münster nach Naundorf:

"Liebe Oma, Frau und Tochter, Heute, Sonntag, den 12.1., haben wir unsere Sachen eingepackt, da wir eingekleidet sind. Wann die Pakete abgeschickt werden, wissen wir noch nicht. Zwischen die Taschentücher habe ich ein paar Zeilen gelegt. Die mitgenommene Wurst und Butter ist noch nicht alle. ... ich brauche nichts, höchstens ein paar Eier. Und der Batteriechef hätte gern eine Gans."

Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg angezettelt. Auch Schwiegersohn Otto ist nun Soldat.

Zum Weiterlesen:

Frank Schumann (Hrsg.): "Was tun wir hier? Soldatenpost und Heimatbriefe aus zwei Weltkriegen". Verlag Neues Leben, Berlin 2013, 272 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Günter Schellhase 22.08.2013
Mein Opa hat auch seine Kriegserinnerungen aus dem 1. Weltkrieg aufgeschrieben.
2.
Jesper Zedlitz 22.08.2013
Hier ist die Todesmeldung von Erich Donath in den Verlustlisten des Ersten Weltkriegs: http://java.genealogy.net/eingabe-verlustlisten/search/show/1869499
3.
Jochen Knauff 22.08.2013
Wenn schon übersetzen, dann aber richtig. In Bild 5 verwechselt Minna "mich" und "mir" (gleich zweimal). Und wie aus: "? gefreut habe das Du solche schöne ausgesucht hast." dann plötzlich: "weil Du eine so schöne ausgesucht hast." wird ist mir schleierhaft. Bitte korrekt wiedergeben, sonst besser lassen!!
4.
Andreas Job 23.08.2013
Zur 100 Wiederkehr des Weltkriegbeginns gibt es interessante Projekte: http://www.europeana1914-1918.eu/de http://www.verlustlisten.de/
5.
Gerald Krüger 24.08.2013
Akkuratesse geht anders! >>In der Schlacht bei Langemarck in Westflandern fallen an einem einzigen Tag rund 80.000 deutsche Soldaten.
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