Posthum-Entdeckung Henry Darger Henry im Alptraum-Wunderland

Henry Darger war ein Niemand - bis er ins Altersheim ging und seine Wohnung geräumt wurde. Unter Kubikmetern bizarren Gerümpels fanden sich ein zigtausend Seiten langes literarisches Vermächtnis und hunderte Bilder. Die künstlerische Hinterlassenschaft strotzte nur so vor Brutalität - und gibt bis heute Rätsel über ihren Schöpfer auf.

© 2009, Kiyoko Lerner, aus "Henry Darger", Prestel Verlag

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Es gibt nur drei Fotos von Henry Darger. Wer hätte ihn auch ablichten sollen, diesen unscheinbaren Mann, der 1892 geboren, bereits mit acht Jahren beide Eltern verloren hatte, seine Jugend in Kinderheimen verbrachte und sich später mit Jobs als Hausmeister oder Küchenhilfe in diversen Krankenhäusern Chicagos durchschlug? Und warum? Trat Darger vor die Tür seines Zimmers in der Webster Avenue 851, duckte er sich in seine zerschlissene Armeejacke, verwickelte man ihn in ein Gespräch, berichteten seine Nachbarn später, redete er übers Wetter. Besuch bekam er nie.

Sein einziger Freund, William Shloder, verließ Chicago in den dreißiger Jahren und starb rund 20 Jahre vor ihm. Er knipste das bekannteste Bild von Darger. Die Aufnahme zeigt einen graugesichtigen Mann mit verwitterten Zügen. Den Blick in sich gekehrt hockt er am Rand einer Treppe, ein strähniger Schnurrbart überwuchert die Oberlippe, die Stirn ist von tiefen Furchen zerklüftet, wie die Oberfläche eines Schlachtfelds.

Darger schien eine dieser Seelen zu sein, die in die Welt gespuckt und wieder ausradiert werden, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Das dachten auch seine Vermieter Nathan und Kiyoko Lerner, der bekannte Chicagoer Fotograf und die Musikerin. Als Henry Darger 1972, 80-jährig und gebrechlich in ein Pflegeheim kam, um langsam dem Tode entgegenzudämmern, beauftragten die beiden einen seiner Nachbarn, die Wohnung des merkwürdigen Einsiedlers für den nächsten Mieter zu räumen. Kein leichtes Unterfangen.

Das Reich Dargers quoll über vor Zeug, das er zum Teil aus den Mülltonnen der Nachbarschaft gefischt hatte. Zu Knäueln aufgerollte alte Schnüre, Heiligenfiguren, gerissene Gummibänder, Dutzende Brillen mit zerbrochenen Gläsern, Berge alter Zeitungen, Magazine, Kinderbücher und Hunderte leere Flaschen des Magenmittels Pepto Bismol bedeckten den Boden des engen Apartments. Aus unerfindlichem Grund hatte Darger außerdem einen Stapel Ziegel unter seinem Bett gehortet. Ganze Wagenladungen seines seltsamen Nachlasses wurden auf die Müllkippe geschafft, bis ein Fund die Aufräumarbeiten zum Erliegen brachte. Denn zwischen all dem Kram verbarg sich ein Schatz, der den unscheinbaren Darger posthum zu einem berühmten Künstler machen sollte.

Hermaphroditen, Chimären und ein Tornado namens Sweetie Pie

Die Lerners waren überwältigt und schockiert, als sie das Vermächtnis ihres Mieters näher betrachteten: Stapel von Notizbüchern, riesige Stöße vergilbter Schreibmaschinenseiten und Hunderte Bilder. Diese oft in fröhlichen Farben kolorierten Zeichnungen und Collagen, bannten die Blicke der Lerners zuerst. Denn die Kluft zwischen der naiven Form und ihrem grausigen Inhalt könnte kaum größer sein.

Die meisten zeigen Gruppen kleiner Mädchen, offenbar abgepaust aus Comics, Kinder- und Malbüchern. Doch viele von ihnen sind nackt, manche beängstigende Mischwesen mit Hörnern, Schmetterlingsflügeln und Schlangenleibern. Die meisten der Mädchen haben Penisse. Auf den zahlreichen Bildern sind diese Hermaphroditen und Chimären verwickelt in Kriegsszenen voller Explosionen, Feuer und Dämonen, in denen Männer in Armeeuniformen sie jagen, quälen, töten. Es sind bis ins kleinste Detail dokumentierte Alpträume voller unfassbarer Grausamkeiten: Die kleinen Körper werden kopfüber gekreuzigt, gehängt, an Grabsteine gefesselt und mit Morgensternen traktiert, sie werden erwürgt, geköpft und ausgeweidet. Die mächtigsten dieser Schlachtenbilder sind fast vier Meter breite Friese. Und das war bei weitem noch nicht das gesamte Lebenswerk Henry Dargers.

Neben einem Journal, in dem er zehn Jahre lang Tag für Tag peinlich genau das Wetter dokumentiert hatte, und Dutzenden Tagebüchern fand sich eine 5500 Seiten starke Autobiografie namens "The History of My Life". Allerdings widmete sich der Autor nur auf den ersten 206 Seiten tatsächlich der Geschichte seines Lebens. Danach driftet das Buch über mehr als 5000 Seiten ab in die Geschichte eines Tornados namens "Sweetie Pie", der immer neue Landstriche verwüstet.

Eine Rache an Gott

Dennoch lässt erst Dargers Hauptwerk keinen Zweifel mehr daran, dass in seiner Phantasie ein Inferno gewütet haben musste, das ihn ein Leben lang begleitete: Es ist eine Erzählung mit dem Titel "The Story Of The Vivian Girls in What is Known as the Realms of the Unreal, of the Glandico-Angelinian War Storm, Caused by the Slave Child Rebellion" und mit 15.145 Seiten noch gewaltiger als sein Titel. Zumal es noch eine Fortsetzung namens "Crazy House: Further Adventures in Chicago" gibt - weitere 8500 handgeschriebene Seiten.

Das Mammut-Manuskript erzählt von den Vivian Girls, sieben Prinzessinnen, die auf einem fremden Planeten mit vielen Monden, von denen einer die Erde ist, in einen blutrünstigen Aufstand von Kindersklaven gegen ihre erwachsenen Unterdrücker kämpfen. Es ist eben jene Geschichte, die Dargers Bilder illustrieren. Über weite Strecken ist die Erzählung dann auch eine Aneinanderreihung immer neuer, immer grausamerer Schlachtenszenarien. Denn was er in seinem Phantasieuniversum passieren ließ, war nicht weniger als eine Rache an Gott.

Bis zu seinem 19. Lebensjahr war Henry Darger ein strenggläubiger Katholik, der drei bis viermal täglich zur Messe ging. 1911 dann passierte etwas, das seinen Glauben über Jahre erschüttern und seinen restlichen Lebensweg vorzeichnen sollte: Der Verlust eines Fotos. Eigentlich war es lediglich ein grob gerasterter Zeitungsausschnitt. Er zeigte ein zehnjähriges Mädchen namens Elsie Paroubek. Diese wurde 1911 entführt und kurze Zeit später tot in einem Kanal aufgefunden. Warum das Bild Darger so wichtig war, ist ungeklärt. Doch in seinem Tagebuch beschrieb er den Kampf um das Foto. Als er es verlor, flehte er Gott an, ihm bei der Wiederbeschaffung zu helfen. Erst bat er, dann drohte er damit, in den "Realms of the Unreal" schreckliche Massaker zu entfesseln, wenn das Bild nicht wieder auftauchte.

Der Ausschnitt blieb verschwunden und Darger begann, die Geschichte der Rebellion der Kindersklaven zu schreiben. In ihr machte er Paroubek zur Kindermärtyrerin Annie Aronburg, deren grausamer Tod den Aufstand der Halbwüchsigen gegen ihre Unterdrücker auslöst. Erst 1944, zwei Weltkriege und 32 Jahre später, beendete er sein Epos. Der Grund dafür, sein Leben einer Geschichte über eine Revolution von Kindersklaven zu widmen, bleibt trotz des gigantischen Umfangs im Dunkeln. Fest steht, dass er in seiner Jugend dreimal versucht hatte, aus den Kinderheimen, in denen er aufwuchs, zu fliehen, bis es ihm mit 17 endlich gelang. Kurze Zeit später wurde die Anstalt, aus der er entkommen war, in einen Missbrauchskandal verwickelt. Viele Darger-Experten vermuten, dass auch der Künstler selbst ein Opfer geworden sei.

Ein potentieller Massenmörder

In seiner Autobiografie, die er in den letzten Jahren seines Lebens verfasst hatte, erwähnt er seine Zeit in den Heimen nur mit wenigen Zeilen. Doch er schreibt, dass er am liebsten niemals erwachsen geworden wäre. Mit seinem Freund Shloder beschloss er später die "Children's Protective Society" zu gründen, ein Verein, der sich darum kümmern sollte, vernachlässigte und missbrauchte Kinder in liebevollen Familien unterzubringen. Das wäre wohl nur einem echten Erwachsenen gelungen. Doch statt sich in die Welt der Männer und Frauen einzufügen, hatte Darger sich ihr entzogen, um in den "Realms of the Unreal" die Vivian Girls in immer neue Kriege gegen sie zu führen.

Als Darger wenige Monate vor seinem Tod zum letzten Mal die Tür zu seiner Wohnung hinter sich schloss, hatte der Mann, der zu Lebzeiten kaum eine Spur in der Welt hinterlassen hatte, zugestimmt, dass alles darin weggeworfen werden könne. Nachdem die Lerners ihn kurze Zeit darauf informierten, dass sie sein Lebenswerk entdeckt hatten, erwachte er lediglich für wenige Momente aus seinem Dämmerzustand. "Jetzt ist es zu spät", sagte er nur. Wofür, verriet er nicht.

Erst nach seinem Tod wurde Henry Dargers Werk der Öffentlichkeit präsentiert. Die Lerners organisierten eine Ausstellung seiner Bilder, die ihn schlagartig berühmt machte. Manche Kritiker befanden zwar, dass Darger ein potentieller Massenmörder gewesen sei, doch andere waren fasziniert davon, mit wie viel Macht sich das Universum in seinem Kopf auf dem Papier manifestiert hat. Seine Manuskripte gelten allerdings als kaum lesbar. Selbst die begeistertsten Darger-Experten haben nicht die kompletten Abenteuer der Vivian Girls gelesen. Seine besten Bilder indessen werden heute für mehr als 100.000 Euro gehandelt. Sie haben Darger zu einem der wichtigsten Vertreter der sogenannten Outsider Art gemacht, eines Sammelbegriffes für die Kunst von Laien, Menschen mit geistiger Behinderung - und Kindern. Vielleicht hätte ihm das gefallen.

Henry Darger starb am 13. April 1973 im Alter von 81 Jahren. Auf seinem Grabstein steht "Künstler" und "Beschützer der Kinder".

Zum Weiterlesen:

Klaus Biesenbach: "Henry Darger". Prestel, München 2009, 304 Seiten. Das Buch erhalten Sie bei www.amazon.de.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Barbara Hörstel, 23.08.2011
1.
Pädophil?
Un Bekannt, 23.08.2011
2.
Sowohl vom Thema her als auch vom Namen einer der Hauptpersonen (Sweet Pea) haben die Abenteuer der Vivian Girls unübersehbare Ähnlichkeit zum Film Sucker Punch. Offenbar kannte Regisseur und Drehbuchautor Zack Snyder das Werk Dargers. Darauf deuten die phonetisch ähnlichen Namen Sweetie Pie bei Darger bzw. Sweet Pea bei Sucker Punch hin. Auf jeden Fall wirft dieser Artikel auch ein neues Licht auf die Interpretation des Films, der ja bisher von den Kritikern eher abgelehnt wurde.
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