Postkarten von DDR-Urlaubern "Nach 46 Stunden angekommen, Auto fährt noch"

Postkarten von DDR-Urlaubern: "Nach 46 Stunden angekommen, Auto fährt noch" Fotos
Georg Keim

Der Westen war ihnen verschlossen, doch in Südosteuropa konnten auch DDR-Urlauber den Luxus des Reisens genießen. Davon zeugen ihre Postkarten, die sie an die "lieben Zurückgebliebenen" schrieben. Georg Keim hat Dutzende dieser kuriosen Karten gesammelt. Von

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Die arme Ly. So traurig findet sie dieses schlechte Wetter in so schöner Umgebung. Bärbel von der Redaktion der "Aktuellen Kamera" hingegen fühlt sich als Touristin nach Strich und Faden ausgenommen. Traudel hat schon einen Flirt für ihre sture Freundin Hildchen ausgemacht, während Irene schon wieder an Zuhause denkt: Sie freut sich auf die Schmorgurken am 10. August.

Nicht minder beeindruckt sind die Herren: Kalli kann sich "prima vom täglichen Stress im Betrieb" erholen. Peter vergnügt sich nach Bergwanderungen mit Bikinidamen, und Hans-Jörg findet alles "wie im Paradies, nur das Paradies fehlt".

Ly, Bärbel, Traudel, Irene, Kalli, Peter und Hans-Jörg ahnen es nicht, aber sie haben eines gemeinsam: Sie alle haben mindestens einmal im Leben die viel zitierten "schönsten Wochen des Jahres" in der Volksrepublik Bulgarien verbracht. Und alle haben sie Postkartengrüße verschickt. Schnell geschrieben. Ungefiltert. Mal eben vor dem Essen oder noch kurz vor der Abreise. Postkartengrüße nach Hause also. Und dieses Zuhause lag in der DDR. Denn - was auch vielen Westdeutschen erst so langsam dämmert - auch hinterm Horizont des eisernen Vorhangs ging es weiter. Stimmt, Reisefreiheit gab es nicht - Richtung Westen. Doch ostwärts standen manche Schlagbäume offen und Gulaschkanonen bereit - und davon machten unzählige DDR-Bürger reichlich Gebrauch. Jahr für Jahr.

Geschäfte voll, Leben bunt

Auf der Weltreise in den Ostblock entpuppten sich Ungarn und Bulgarien schnell als Lieblingsziele. Ungarn vor allem wegen der Nähe zur DDR und wegen des schönen Balaton-Sees. Außerdem galten Ferien im Pusztaland schon fast wie ein Urlaub im Westen: Geschäfte voll, Auslagen verlockend, Leben bunt. Immer im Verhältnis zum eigenen ostdeutschen Alltag, versteht sich. Bulgarien hingegen war nicht so westlich. Aber: Das schöne Land der zarten Rosenpflückerinnen und bulligen Gewichtheber-Koryphäen war das am weitesten entfernte europäische Reiseziel. Südlicher ging es nicht.

Da konnte auch Rumänien nicht mithalten. Bulgarien musste es sein. Süden musste es sein. Süden? Tatsächlich. Während für die meisten Wessis ein Urlaub in Bulgarien ein Urlaub im wilden Osten war, grüßten viele DDR-Touristen ihre Lieben daheim "aus dem Süden". Für Westdeutsche klang diese Formel nur nach Italien und Spanien, nach Rimini und Malle, nach Cote d'Azur und Mittelmeer. Doch für Trabbi-Fahrer und Interflug-Passagiere waren das unerreichbare Ziele. Ihr Laisser-faire lockte in Bulgarien am Schwarzmeerstrand. La Dolce Vita im Warschauer Pakt. Eviva Bulgaria!

Auf den Wessi-Postkarten fand man keine Spur von Anreise-Strapazen und Grenzstau-Schilderungen. Wieso auch? Wo doch alle eben mal kurz hinflogen. Ein Interflugticket nach Burgas oder Varna war hingegen richtig teuer. Für die, die sich das nicht leisten wollten oder konnten, galt: Rein in den Trabi und runter gemacht. "Fahrtstrecke hierher 2100 Kilometer über Prag, Brno, Bratislava, Komarno, Budapest, Nadlac, Calafat, Vidin, Sofia, Burgas", grüßen froh Irmchen, Horst und Frank auf einer Postkarte. Silke und Anhang wiederum haben sich auf der Herfahrt "mit dem Vorn-Sitzen" abgewechselt. Auch Karola atmet auf: "Gut hier unten angekommen, Auto fährt noch."

Beruhigende Post vom "Trempergirl"

Und die ohne Trabi? Machten es wie Gini, die gleich nach ihrer Ankunft vom Sofioter Bahnhof grüßt: "Sind 46 Stunden unterwegs gewesen." Siggi stöhnt über "3 Tage Bahnfahrt!", und die ganz Hartgesottenen trampen. Roland ist nach tausend Kilometer Trampen in Sofia gelandet und grüßt die "lieben Zurückgebliebenen". Michael bekommt beruhigende Post von seinem "Trempergirl": "Rumänien gut überstanden (Details zu Hause). Mit Rallyefahrern mitgefahren und 2 Italienern. Alle brav - keine Angst!"

Billig war Bulgarien für Ost-Touristen nicht: "Man kann sich als DDR-Reisender nur das Nötigste leisten", schreibt Doris. Ernüchterung auch bei Thomas: "Der Campingplatz hat trotz des Preises ebenso wenig Komfort wie früher." Bittere Zweiklassen-Erkenntnis auch bei Birgit und Stephan. Sie fühlen sich behandelt "wie eben DDR-Touristen behandelt werden." Das ändert sich mit der Einführung der D-Mark nach dem Mauerfall. Konrad jubiliert im Juli 1990: "Zum 13. Mal hier und nun das richtige Geld. Es ist 'ne Wucht." Seine Karte adressiert er in die "DDR (noch)".

Geld. Und noch ein weiteres Four-Letter-Word machte die Runde: O.B.S.T. Keine kecke Abkürzung für eine New-Romantic-Band aus den Achtzigern, sondern eher die Erkenntnis, dass zu Hause nicht nur die Bananen knapp waren. "Das viele Obst und Gemüse!", stöhnen Elfriede und Ralf lustvoll auf, "die Trauben sind reif! Riesige Felder gibt es davon. Es ist eben ein herrliches Land." Trauben, Pfirsiche, Aprikosen. Tonnenweise wurden sie verspeist. Und á la Post-Carte wurde der vitaminreiche Hochgenuss den Daheimgebliebenen umgehend mitgeteilt. Auch Tanja lebt im August 1975 "fast nur von Obst", bevor es wieder zurückgeht in die Heimat.

Manchmal "endlich", meistens "leider" hatte die DDR ihre Kurzzeitweltreisenden wieder. Schon 1957 fühlte sich ein in der ostdeutschen Zeitschrift "Das Magazin" zitierter Bulgarienreisender gleich nach der Rückkehr "rau in die Wirklichkeit zurück gerissen." Gelandet war er in Schönefeld. Wie übrigens auch die eingangs erwähnte traurige Ly. Sie hatte es nämlich nicht so schön wie jene Carola, die 1972 aus Vratza grüßt, die Weinkostprobe mit zwei Flaschen pro Nase vor Augen: "Holladrio, da kann ich ja die Straße messen." Na, dann Prost!

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1. In den Siebzigern, Achzigern....
Linda Zenner 10.06.2014
ist man auch in Westdeutschland nicht umbedingt "kurz hingeflogen". Sechs Personen im VW- Käfer, Gepäck aufs Dach geschnallt, auf Landstraßen nach Spanien ( die Autobahn war doch ziemlich teuer) , so kenne ich (50) durchaus noch die Familienurlaube meiner Jugend. Der Lohn des Reisens? Sogar Europa war irgendwie noch exotisch, mit so merkwürdigem Geld und so....
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