Postraketen Schöne Grüße aus dem Himmel

Postraketen: Schöne Grüße aus dem Himmel Fotos
Sammlung Martin Frauenheim

Express-Zustellung! Anfang der dreißiger Jahre verfolgte eine handvoll Tüftler eine irre Idee. Sie wollten Briefe nicht per Bahn oder Bote, sondern mit Raketen zustellen. Das verrückteste daran: Es funktionierte sogar - auch wenn die Technik manchmal Leben kostete. Von

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Soldat Schmiedl saß in der Falle. Er und Zehntausende andere Männer der kaiserlichen und königlichen Armee Österreich-Ungarns hatten sich im Winter 1914 in der polnischen Festung Przemyśl verschanzt und trotzten der russischen Offensive. Sie hatten keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Die Belagerten versuchten zwar, in kleinen Ballons Nachrichten hinter die feindlichen Linien zu schicken, doch der Wind verwehte die Briefe - oft in die Arme der Russen.

Als Berichte von der Belagerung schließlich Salzburg erreichten, griff ein Verwandter Schmiedls zu Stift und Skizzenblock. Friedrich Schmiedl, 13, Schüler des kaiserlich-königlichen Staatsgymnasiums, ließ das Schicksal seines Angehörigen nicht los: Er konstruierte eine kleine Rakete. Das Karton-Modell war 50 Zentimeter lang und mit einem Durchmesser von rund neun Zentimetern groß genug, um Briefe zu transportieren. Der größte Vorteil: Der Wind konnte das Geschoss nicht einfach in die falsche Richtung wehen. Physik- und Geografielehrer des Jungen stellten die Idee dem Armee-Oberkommando vor. Ohne Erfolg.

Der Österreicher aber war überzeugt, dass Raketen das Transportmittel der Zukunft sein würden. In einem Beitrag für die Münchner Neuesten Nachrichten aus dem Januar 1932 schrieb Schmiedl, inzwischen erwachsen, der "rapid anwachsende Fremdenverkehr und Bergsport in unseren Gebirgsgegenden" mache einen "raschen Postanschluss vieler Schutzhütten und Berghotels" zu einem "immer dringender werdenden Bedürfnis". Schmiedl hatte zu diesem Zeitpunkt laut seines Biografen Karl Trobas bereits tausende Raketen konstruiert, gebaut und abgeschossen. Hunderte Briefe waren aus schwer erreichbaren Tälern zum nächsten Postamt geflogen, die Presse berichtete regelmäßig über seine Starts.

Die Post fliegt zum ersten Mal

Und der Grazer war nicht alleine: In Deutschland werkelte etwa der Raketen-Pionier Reinhold Tiling auf dem Gelände des niedersächsischen Schlosses Arenshorst an seinen Flugkörpern, zeitgleich baute der Ingenieur Rudolf Nebel in einem Schuppen in Berlin-Reinickendorf explosive Geschosse, im Harz bastelte der Techniker Gerhard Zucker an umgebauten Feuerwerkskörpern. In Indien flogen die Raketen des Zahnarztes Stephen Hector Taylor-Smith über den Fluss Damodar und in den USA schoss die Post probeweise Briefe von New Jersey nach New York.

Als weltweit erster geglückter Flug einer Rakete mit Post an Bord gilt ein Test Friedrich Schmiedls am 2. Februar 1931. In der Idylle der Grazer Bergwelt schoss er seine Versuchsrakete Nr. 7 mit 102 Briefen vom Grazer Berg Schöckl ins fünf Kilometer entfernte Dorf Sankt Radegund. Entscheidend dafür, dass sie treffgenau ihr Ziel erreichte, waren exakte Berechnungen des Ingenieurs: Der Abschusswinkel von der kleinen Startrampe, die Menge des Treibstoffs, die Zeit, bis er verbrannt war und die Geschwindigkeit, mit der er verbrannte. War der Brennstoff ausgebraucht, zündete die Rakete einen Fallschirm und segelte daran senkrecht zu Boden. Obwohl die V7 erfolgreich in Sankt Radegund landete, zählte dieser Flug für Schmiedl nicht als erster Raketenpostflug: er fand an einem Feiertag statt, das Radegunder Postamt hatte geschlossen und konnte die historische Ladung nicht zur Weiterbeförderung entgegen nehmen.

Die ersten Raketenpassagiere

Rund ein halbes Jahr nach seiner V7 stellte der Forscher auf dem Gipfel des Hochtrötsch ein Geschoss von 1,70 Metern Länge und 25 Zentimetern Durchmesser auf. Die R1 lehnte steil an einer eigens konstruierten Startrampe. Schmiedl hatte sie mit einem Gemisch aus 24 Kilogramm zusammengepresstem Chlorat- und Nitratpulver gefüllt. Der Treibstoff sollte die Rakete am 9. September mit 2200 Metern pro Sekunde in den Himmel und Richtung des nächstgelegenen - und geöffneten - Postamtes in Semriach schießen. Auf ihrem sieben Kilometer langen Flug vom Berg ins Tal beförderte die "R1" 333 Briefe, Karten und kleine Pakete - und ein paar Lebewesen.

Der Naturwissenschaftler polsterte die kleine Kapsel mit Gras und Laub, dann setzte er Käfer und Schmetterlinge an Bord. Schmiedl wollte testen, wie sich der plötzliche starke Schub auf einen lebenden Organismus auswirkte. Und so zündete die erste offizielle Postrakete der Welt an diesem Tag mit ihren Passagieren an Bord, zischte in den Himmel, zog eine weiße Rauchfahne hinter sich her, verbrannte innerhalb weniger Augenblicke den gesamten Treibstoff, zündete einen kleinen Mechanismus, stieß einen Fallschirm aus und segelte wie geplant auf die Gemeinde Semriach hinab. Dort nahm das Postamt die Briefe, Karten und Pakete entgegen und schickte sie auf dem üblichen Postweg per Bahn und Bote an ihre Empfänger in aller Welt. Laut Schmiedls Biograf Karl Trobas krabbelten die Käfer unversehrt von Bord, die Schmetterlinge berappelten sich erst einige Minuten lang, dann flatterten sie davon.

Im selben Jahr meldete auch Deutschland einen ersten offiziellen Raketenpostflug: Reinhold Tiling, 37, Weltkriegspilot, Kunstflieger und Raketentechniker, hatte erst wenige Jahre zuvor mit praktischen Experimenten begonnen. Tiling entwickelte zwei Arten von Raketen: Mit der einen sollte das möglich werden, was er "Raketenmenschenflug" nannte, mit der anderen die schnelle und zielgenaue Postbeförderung etwa vom Festland auf kleine Inseln.

Die Erfindung des Prinzips "Space Shuttle"

Dazu setzte Tiling auf das gleiche Prinzip wie sein Kollege Schmiedl: Die Rakete sollte in rasantem Tempo zu ihrem Ziel fliegen, über diesem abbremsen dann zu Boden gleiten. Allerdings unterschieden sich die Konstruktionen der beiden Forscher erheblich. Tiling verwendete keine Fallschirme, sie waren für ihn ein "gänzlich unzulängliches Mittel", um die hohe Geschwindigkeit einer Rakete sicher abzubremsen. Er favorisierte ein anderes Konstrukt: Damit seine Raketen während des Fluges nicht durch die Luft schlingerten, sondern in gerader Bahn dahin schossen, verlängerte er den Raketenzylinder um die doppelte Länge mit langgezogenen Tragflächen, die die Rakete stabilisierten. Sobald das Geschoss über seinem Ziel war, klappten die Tragflächen seitlich um, und die Rakete trudelte um ihre eigene Achse rotierend kopfüber zu Boden. Tiling nannte seine Erfindung "Raketenflugzeug als Kreiselflugzeug" und meldete es zum Patent an.

Am 15. April 1931 versammelten sich rund 200 staunende Gäste aus Wissenschaft, Technik, Behörden und Presse auf dem Ochsenmoor am Dümmersee nahe Osnabrück. Mit der Vorführung wollte Tiling beweisen, dass seine Raketen gefahrlos fliegen, sicher landen und nebenbei Post befördern konnten. Anders als in Österreich sollte das Geschoss dabei nicht von einem Ort in den nächsten fliegen, sondern senkrecht aufsteigen und danach zur Abschussstelle zurücktrudeln.

Um halb vier Uhr nachmittags begann laut Protokoll der "1. Deutsche Flugraketenstart mit Postbeförderung". Der Schriftführer notierte: "Senkrecht schießt die Rakete empor, hoch, immer höher scheint sie sich in die blaue Himmelskuppe bohren zu wollen. So steigt sie ca. 1500 bis 1800 Meter hoch." Dann fuhr das Geschoss der Tilingschen Variante "Raketenflugzeug mit ausschwenkbaren Tragflächen" selbständig seine Flügel aus, so dass es in "wunderbar ruhigem Gleitflug, große Kreise über der jubelnden Zuschauerschar ziehend" zur Erde glitt. Reinhold Tiling hatte das Prinzip Space-Shuttle erfunden.

Maus an Bord?

Doch Tiling war noch längst nicht am Ziel seiner Träume: dem bemannten Raketenflug. Am 10. Februar 1932 erhielt das Oldenburger Ministerium des Inneren das Protestschreiben eines Berliner Tierschutzvereins: Durch die Zeitungen gehe eine Notiz, dass "ein Ingenieur Tiling auf der Insel Wangerooge Versuche mit Postraketen machen will". In diesen soll "als Versuchsobjekt ein Hund oder eine Katze eingesperrt werden".

Das Ministerium versuchte zu beschwichtigen: Tiling würde die Versuche ja durchaus lieber mit Menschen als mit Tieren durchführen - allein fehlten ihm die finanziellen Mittel, um eine Rakete zu bauen, die dafür groß genug sei. Sonst, so habe es der Ingenieur erklärt, würde er "den Versuch gleich mit einem Menschen machen lassen". Er habe auch bereits "viele Angebote von Leuten, die den ersten Raketenflug auf eigene Gefahr machen wollen". Das Ministerium fügte hinzu, es sei im Übrigen selbstverständlich, "dass man derartige Versuche mit Tieren macht - wie in der Medizin - nicht mit Menschen". Am 7. März schaltete sich das Landesveterinäramt ein: Tiling wurde angewiesen, "möglichst niedrig stehende Tiere" zu verwenden. Man riet dem Forscher zu einer Maus oder Ratte.

Ob je ein Tier mit einer Tilingschen Rakete in den Himmel flog, ist nicht bekannt. Der Ingenieur starb wenige Monate später bei der Befüllung seiner Raketen mit dem Pulver-Treibstoff. Eine gewaltige Explosion riss zwei seiner Mitarbeiter mit in den Tod.

Friedrich Schmiedl zündete bis Ende der dreißiger Jahre mehrere tausend von ihm entworfene und gebaute Raketen. Als die Generalpostdirektion Anfang 1935 eine Postwertzeichenschutzverordnung erließ, die Herstellung privater Vignetten und Briefmarken verbot, versperrte sie dem Pionier die einzige Möglichkeit zur Finanzierung seiner Forschungen: Bis dahin hatte er seine Forschungen mit dem Verkauf von eigens entworfenen und gedruckten Briefmarken bezahlt. Ende des Jahres stellte Österreich zudem den Besitz von Sprengstoff unter Todesstrafe. Der Einmarsch der Nationalsozialisten bedeutete schließlich das Ende für Schmiedls Forschungen. Die österreichische "Kleine Zeitung" schrieb später, er habe seine Aufzeichnungen vernichtet, damit Nazi-Deutschland sie nicht zum Bau von Raketenwaffen verwenden konnte.

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Franz Nagel 06.04.2011
Die schwedische Post experimentierte noch in den 60er und 70er Jahren mit Raketen zur Briefbeförderung. Die erste schwedische Postrakete startete am 1. November 1961. Zum 50 Jahrestag zeigt das Postmuseum Stockholm eine Ausstellung, bei der u.a. Raketen und Sonderbriefmarken aus dem Projekt gezeigt werden. Sie dauert vom 21.9.2011 bis zum 25.3.2012. Info zur Ausstellung: http://www.postmuseum.posten.se/utstallningar/utstallningar4.html#raket Zwei der Sonderbriefumschläge: http://www.postmuseum.posten.se/img/raket1_s.jpg http://www.postmuseum.posten.se/img/raket2_s.jpg
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