Pressefreiheit Gift und Galle

Pressefreiheit: Gift und Galle Fotos
Klaus Mehner

Da sahen die Genossen richtig rot: Als die SED-Oberen Anfang 1978 im SPIEGEL ein "Manifest der Opposition" aus den eigenen Reihen lesen mussten, zogen sie die Reißleine. Ex-Korrespondent Ulrich Schwarz erinnert sich an den Eklat um die Schließung des Ost-Berliner SPIEGEL-Büros vor 30 Jahren. Von

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Die zweite Hälfte der siebziger Jahre war für die SED-Führung eine nervenaufreibende Zeit. Erstmals regte und organisierte sich in der Intelligenzschicht des Arbeiter- und Bauernstaates DDR ein Geist der Aufmüpfigkeit, den die Oberen der sozialistischen Einheitspartei bis zu ihrem Untergang im Revolutionsherbst 1989 nicht mehr loswurden.

Im August 1976 verbrannte sich in Zeitz auf offener Straße der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Protest gegen die Jugendpolitik der SED und die nach seiner Überzeugung zu lasche Haltung seiner Kirchenoberen gegen den staatlichen Druck auf die DDR-Christen. Der Freitod löste nicht nur gehässige Kommentare in den SED-Medien gegen den angeblich geistig verwirrten Pastor aus, sondern erstmals in der DDR-Geschichte auch offenen Protest junger DDR-Sozialisten gegen ihre Obrigkeit: Sie verwahrten sich in einem Brief an den SED-Chef Erich Honecker gegen die Verächtlichmachung des Geistlichen - ein bis dato unerhörter Vorgang.

Hilflose Reaktion

Noch heftiger artikulierte sich die Unruhe unter den Ost-Intellektuellen, als die SED-Spitze im November 1976 den überzeugten Kommunisten und Liedermacher Wolf Biermann nach einem Konzert in Köln aus der DDR ausbürgerte. Via Westmedien verurteilten Kulturschaffende und Studenten im ganzen Land, unter ihnen so staatstragende Künstler wie der Dichter Stephan Hermlin und der Bildhauer Fritz Cremer, das Vorgehen des Politbüros. Die SED reagierte hilflos: Sie drängte in den Jahren danach einen Großteil ihrer renitenten künstlerischen Elite in den Westen, darunter die Schauspieler Armin Müller-Stahl und Manfred Krug sowie die Literaten Jurek Becker, Sarah Kirsch und Günter Kunert. Von dem intellektuellen Aderlass erholte sich die DDR nicht mehr.

Der Widerstand gegen geistige Gängelung und staatliche Bevormundung verbreitete sich selbst in der Speerspitze der Staatspartei, unter den Nomenklaturkadern der SED. Im August 1976 druckte der SPIEGEL Auszüge aus dem Buch "Die Alternative" des Wirtschaftsfunktionärs Rudolf Bahro, das wenig später im gewerkschaftseigenen Kölner Bund-Verlag erschien. Bahros "Alternative" war eine schonungslose Abrechnung mit der realsozialistischen Ordnung der DDR. Bahros vernichtendes Fazit: "In ihrer jetzigen politischen Verfassung hat diese Ordnung keinerlei Aussicht, die Menschen für sich zu gewinnen."

Bahro wurde nur einen Tag nach der SPIEGEL-Veröffentlichung verhaftet. 1978 verurteilte ihn die DDR-Justiz zu acht Jahren Gefängnis, 1979 wurde der Dissident im Zuge einer Amnestie zum 30-jährigen Bestehen der DDR in die Bundesrepublik abgeschoben. Völlig unabhängig von Bahro verfasste in Ost-Berlin ein Zirkel mittlerer und höherer SED-Funktionäre einen noch radikaleren Angriff auf die SED-Doktrin. Der Kreis nannte sich "Bund demokratischer Kommunisten", anders als Bahro arbeitete er anonym und konspirativ. Doch auch diese Genossen drängte es an die Öffentlichkeit, ebenfalls über den SPIEGEL, der zwar in der DDR auf dem großen sozialistischen Index stand, für die Herren in der Führungsetage der SED aber zur wöchentlichen Pflichtlektüre gehörte.

Waldspaziergang mit dem Renegaten

Im Herbst 1977 erfuhr ich erstmals von der Existenz des Papiers. Der Genosse Herrmann von Berg fragte mich bei einem Waldspaziergang, ob der SPIEGEL eine solche kritische Analyse der SED-Politik wohl drucken würde. Der SED-Adelige war unter Insidern im Westen kein Unbekannter. Berg fungierte zu einer Zeit, als es zwischen Bonn und Ost-Berlin offiziell keine Kontakte gab, immer wieder als heimlicher Kurier der roten Zaren. Er bereitete unter anderem. das Treffen zwischen Willi Stoph und Willy Brandt in Kassel mit vor und hielt im Auftrag seiner Oberen seit Jahren professionellen Kontakt zu westdeutschen Journalisten. Offiziell war Berg Ökonomieprofessor an der Ost-Berliner Humboldt-Universität.

Seiner Offerte an den SPIEGEL fügte Berg allerdings eine Warnung bei: "Falls ihr das veröffentlicht, ist das euer Ende in der DDR. Sie werden euer Büro dichtmachen und die ganze Sache westlichen Geheimdiensten in die Schuhe schieben." Die Chefredaktion des SPIEGEL wollte trotzdem. Ich selbst sollte Ende des Jahres in die Hamburger Zentrale zurückkehren. Aber auch mein designierter Nachfolger Karlheinz Vater, einer der besten DDR-Kenner im BRD-Journalismus, war für die Veröffentlichung, selbst wenn es ihn den Ost-Berliner Job kosten sollte.

Die Übergabe des Thesenpapiers, dem der SPIEGEL den Titel "Manifest einer SED-internen Opposition" gab, erfolgte ebenfalls konspirativ: Hermann von Berg diktierte mir den ersten Teil kurz vor Weihnachten 1977 in seinem Wohnzimmer - falls ich an der Grenze kontrolliert würde, hätten die Kontrolleure nur handschriftliche, kaum leserliche Notizen gefunden.

Da mir nach vier Stunden die Finger wehtaten, vertagten wir das Diktat des zweiten Teils des insgesamt 30 Schreibmaschinenseiten umfassenden Textes auf meinen Abschiedsbesuch kurz vor Silvester.

Die Stasi wusste es besser

Der erste Teil des "Manifestes", in dem sich die Autoren scharf mit der sowjetischen Orthodoxie auseinander setzten, erschien in der ersten Ausgabe 1978, die ab Silvester im Handel war. Das interessanteste Kapitel dieses ersten Teils forderte die Annäherung beider deutscher Staaten mit dem Ziel der Wiedervereinigung, eine im Westen hämisch kommentierte, utopisch anmutende Vision. Elf Jahre später fiel die Mauer.

Die SED reagierte, wie von Berg vorhergesagt, noch ehe der zweite Teil im SPIEGEL erschien. Die DDR-Medien spuckten Gift und Galle und wetterten gegen das "miserable Machwerk", das der Bundesnachrichtendienst "gemeinsam mit der Redaktion des SPIEGEL" verfasst habe. Als Karlheinz Vater am 2. Januar an der Grenze erschien, wurde ihm die Einreise verweigert. Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" beschuldigte mich am gleichen Tag, ich hätte in der DDR eng mit dem BND zusammengearbeitet und "als Überbringer von Aufträgen, Instruktionen und Materialien" fungiert. Die Stasi wusste es besser. Sie hatte mich anderthalb Jahre in der DDR auf Schritt und Tritt hautnah beschattet.

Am 9. Januar 1978 druckte der SPIEGEL den zweiten Teil des Manifests, die Schließung des Ost-Berliner Büros war da nur noch eine Formsache. Dieser zweite Teil traf die führenden Leute der Partei mehr noch als die theorielastigen ersten Kapitel. Denn er war gespickt mit persönlichen Attacken auf den üppigen Lebensstil zahlreicher Mitglieder des SED-Politbüros. Am 10. Januar ließ das DDR-Außenministerium per Fernschreiben die Chefredaktion der SPIEGEL wissen:

"Ihr Blatt hat in den letzten Monaten in ständig steigendem Maße die Deutsche Demokratische Republik und ihre Verbündeten böswillig verleumdet und vorsätzlich den Versuch unternommen, durch erfundene Nachrichten und Berichte die Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland zu vergiften. Eine besondere Rolle ist dabei offensichtlich dem von Ihnen gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst der BRD fabrizierten üblen Machwerk 'Bruch in der SED' zugedacht. In ihm werden in besonders infamer Weise das Staatsoberhaupt und anderer führende Persönlichkeiten der DDR verleumdet. ... Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Deutschen Demokratischen Republik sieht sich daher veranlasst, die Genehmigung zur Eröffnung Ihres Büros in der Hauptstadt der DDR, Berlin, aufzuheben und das Büro mit sofortiger Wirkung zu schließen."

Jahrelanger Bannfluch

Sieben Jahre blieb der SPIEGEL aus der DDR ausgeschlossen. Auch privat durften Mitarbeiter des Blattes das sozialistische Reich nicht betreten, nicht einmal zur Beerdigung enger Familienangehöriger. Erst Mitte 1985 hob die SED den Bann auf - weniger, weil das Regime sich gewandelt hatte, sondern weil die SED-Führung inzwischen sehr auf ihre internationale Reputation bedacht war. Und der war die Verbannung eines renommierten Presseorgans auf Dauer nicht förderlich.

Die Einheitssozialisten schluckten sogar eine Kröte: Sie akkreditierten mich, den angeblichen BRD-Agenten, als meinen eigenen Nachfolger in Ost-Berlin.

Für den Dissidenten Hermann von Berg bedeutete die Veröffentlichung des "Manifests" das Ende seiner politischen Karriere. Er wurde verhaftet, drei Monate verhört, dann aber überraschend wieder freigelassen. Angeblich, so Berg, habe ihm die Stasi seine Beteiligung am "Manifest" nicht nachweisen können.

Plausibler ist eine andere Erklärung: Berg und seine Gruppe vom Bund demokratischer Kommunisten hatten Rückendeckung von einem Teil der Parteispitze, die in jener Zeit kein monolithischer Block mehr war. Mitte der siebziger Jahre gab es heftige Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen SED-Chef Honecker und Ministerpräsident Stoph, in die auch das Ministerium für Staatssicherheit involviert war. Berg war, so viel steht fest, ein Stoph-Mann. Es spricht manches dafür, dass sein Mentor zumindest von dem "Manifest" gewusst hat.

Wer sonst noch zu dem Zirkel um Berg gehörte, ist bis heute ungeklärt. Berg verlor seine Professur an der Humboldt-Uni, aber er betreute weiterhin Fernstudenten. 1986 durfte er die DDR verlassen, er siedelte in die Bundesrepublik über.

Bittere Pointe

Im Osten entfaltete das "Manifest" keine breite Wirkung, vor allem, weil die Verfasser im Dunkeln blieben. Im Westen erregte der Text wochenlang heftig die politischen Gemüter. Viele Auguren, vor allem aus der SPD-geführten Bundesregierung, bezweifelten die Echtheit des Papiers. Die Spekulationen gingen bis zu der abenteuerlichen These, die Stasi selbst habe das Papier fabriziert, um den deutsch-deutschen Entspannungsprozess zu stören.

Eine bittere Pointe hatte die Geschichte für den "Manifest"-Autor Hermann von Berg, der sich erst nach der Wende geoutet hat: Bis heute betrachten ihn alte Genossen von einst als Vaterlandsverräter.

Ulrich Schwarz war von 1976 bis Ende 1977 und von 1985 bis 1990 SPIEGEL-Korrespondent in der DDR.


Literatur für Interessierte:

Dominik Geppert: "Störmanöver - Das "Manifest der Opposition" und die Schließung des Ost-Berliner SPIEGEL-Büros", Berlin 1996.

Erich Böhme (Hg.): "Deutsch-deutsche Pressefreiheit", Hamburg 1978

"DDR - Das Manifest der Opposition", eine Dokumentation, München 1978

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Thomas Glöckner 09.01.2008
Sehr geehrter Herr Schwarz, wie sicher sind Sie, dass dieses angebliche "Manifest" nicht nur ein großer Bluff gewesen war, der dazu dienen sollte, das "Spiegel"-Büro in Mißkredit zu bringen, um einen Vorwand zu haben es schließen zu können? Sie schrieben, dass dieses "Manifest" in der DDR und in der SED kaum bekannt geworden ist; wenn aber SED-Parteikader daran beteiligt gewesen sein sollten, warum wurde es dann nicht bekannt, denn diese hätten doch die "Macht" zu "Bekanntmachung" gehabt, zumindestens unter SED-Mitgliedern ? Mit freundlichem Gruss
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