Private Ermittlungen Ein Buch als Zeuge

Private Ermittlungen: Ein Buch als Zeuge Fotos

Wer war Erna Simion? Ihr Name in einem Buch aus der Marburger Universitätsbibliothek stellte Bernd Reifenberg vor die Frage: Handelt es sich bei dem Band um Raubgut aus der Nazi-Zeit? Eine Google-Recherche brachte ihn auf die Spur einer skandalösen Geschichte.

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Eine junge Frau, mit einem Buch in der Hand, ihren Blick auf den Betrachter gerichtet. So zeigt ein Foto aus dem Jahr 1911 die Studentin Erna Simion, Tochter des Verlagsbuchhändlers Leonhard Simion und seiner Frau Louise. In der Universitätsbibliothek Marburg fand man den Namen Erna Simions in einem Buch, das die Bibliothek 1943 bei einem Berliner Antiquar gekauft hatte. Es gehört zu jenen rund 8000 Bänden, die in Marburg bei der Recherche nach Nazi-Raubgut ermittelt und überprüft wurden. Systematisch hatte man in der Bibliothek alle Erwerbungen von 1933 bis in die ersten Nachkriegsjahre nach Büchern durchgesehen, die antiquarisch, als Geschenk oder amtliche Abgabe erworben wurden. In einem der Bände - es handelt sich um die 1912 in deutscher Übersetzung erschienene Studie "Das Problem der Armut" von Sidney und Beatrice Webb - stand als Besitzvermerk "Erna Simion, Sommer 1913".

Den ersten Hinweis darauf, dass es sich bei dem Band vermutlich um Raubgut handelt, ergab eine Google-Recherche: Eine Website über jüdische Soldaten, die in der britischen Armee in der Schlacht um die Brücke von Arnheim gekämpft hatten, enthielt einen Hinweis auf den Fallschirmjäger Sergeant Ernest Simion, der dort am 20. September 1944 in Gefangenschaft geraten war und seit dem vermisst wird: "German Jewish refugee born in Berlin 8.8.1920 - son of Eva/Erna Simion of Hampstead and Gunter Levy (divorced). Came to UK in 1939."

Ebenfalls im Internet fand sich der Hinweis, dass das Deutsche Exilarchiv in Frankfurt einige Briefe der Schriftstellerin und Journalistin Toni Stolper an Erna Simion besitzt. Die Briefe stammen aus den Jahren 1947 bis 1975 und belegen, dass Erna Simion zu dieser Zeit in England lebte. In Toni Stolpers Biografie ihres 1947 verstorbenen Mannes, des Wirtschaftswissenschaftlers und Politikers Gustav Stolper, wird erwähnt, dass Erna Simion bei der von Stolper gegründeten Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt" arbeitete: "Als erste 'Volkswirtin' war bereits im Sommer 1926 eine umsichtige Frau, Dr. Erna Simion, in die Dachstube des Stolper-Hauses in Dahlem eingezogen, mit Schere und Klebstoff und Mappen und einem hieb- und stichfesten Registriersystem - es wird das Archiv des 'Volkswirt' begründet".

Beschlagnahmt und versteigert

Da Erna Simion hier mit Doktortitel vorgestellt wird, musste sie eine Dissertation veröffentlicht haben - eine Spur, die merkwürdigerweise zurück nach Marburg führt: In der Stadt an der Lahn promovierte sie 1919 bei dem bekannten Wirtschaftswissenschaftler Walter Troeltsch. Aus dem Lebenslauf zu ihrer Dissertation erfahren wir, dass Erna Simion 1890 in Berlin geboren ist, "preußische Staatsangehörige und jüdischer Konfession". Seit 1911 hatte sie zunächst in Berlin, dann in Freiburg und Marburg Nationalökonomie studiert und ihre Ausbildung mit einer Dissertation über das Thema "Mode und Preisbildung" abgeschlossen.

Eine umfangreiche Rückerstattungsakte beim Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen gibt Auskunft darüber, auf welchem Weg das Buch aus ihrem Besitz nach Marburg gelangte. Erna Simion emigrierte 1939 nach England. Ihre Wohnungseinrichtung, darunter eine rund 4000 Bände umfassende Bibliothek, war bereits verpackt und einer Spedition übergeben worden, erreichte aber nie ihren Bestimmungsort. Wie es die NS-Gesetzgebung für den im Land gebliebenen Besitz der Emigranten vorsah, wurde alles beschlagnahmt und 1942 in Berlin versteigert. Das in den Akten überlieferte Protokoll der Auktion verzeichnet neben Möbeln, Textilien, Geschirr und mehreren Gemälden auch "1 Posten Bücher". Er erzielte 680 Reichsmark.

Die Akten werfen auch ein bezeichnendes Licht auf die Haltung der deutschen Nachkriegs-Behörden zu den Entschädigungsansprüchen der Emigranten. Als Wert ihrer beschlagnahmten Habe veranschlagte man 1953 den Erlös der Versteigerung von 1942, abzüglich der Gebühr für den Auktionator. Voller Empörung weist Erna Simion in einem Brief an den Berliner Finanzsenator darauf hin, dass sie niemanden beauftragt habe, ihren Besitz zu versteigern und daher auch nicht für die dabei entstandenen Kosten aufkommen müsse: "Die Widerrechtlichkeit der Beschlagnahme jüdischen Eigentums, die auch dieser Versteigerung zu Grunde lag, ist grundsätzlich anerkannt, und die ganze Gesetzgebung für Wiedergutmachung und Rückerstattung beruht auf dieser Auffassung. Die Anrechnung einer Gebühr zur Durchführung dieser widerrechtlichen Aktion zu Lasten des Geschädigten, steht im deutlichen Widerspruch zu dem Sinn der heutigen Gesetzgebung", schreibt sie im November 1953.

Der Hehler als Gutachter

Nicht weniger skandalös war auch die Wahl des Gutachters, den die Behörden zu Rate zogen - es war derselbe Auktionator, der Erna Simions Besitz wenige Jahre zuvor im Auftrag der NS-Machthaber versteigert hatte. "Ich verwehre mich auf das Energischste, Herrn Bernhard Schlüter als einen unvoreingenommenen Sachverständigen anzuerkennen", monierte die Emigrantin voller Zorn. "Dass dieser es mit seiner Stellung als vereidigter Versteigerer und Sachverständiger für vereinbar hielt, offenbares Raubgut öffentlich zu versteigern, möge er vor seinem eigenen Gewissen verantworten. Dass aber das Berliner Landgericht und eine deutsche Behörde heute und zur Durchführung der 'Wiedergutmachung' anerkannten Unrechts einen Mann als Gutachter heranzieht, der selbst an diesem widerrechtlichen Verfahren teilgenommen hat, widerspricht jedem Rechtsgefühl."

Auf der Suche nach dem rechtmäßigen Besitzer des Buches wandten sich die Universitätsbibliothek Marburg an die "Commission for Looted Art in Europe", eine in London ansässige gemeinnützige Organisation, die Betroffene bei der Suche nach Nazi-Raubgut unterstützt. Anne Webber, Ko-Vorsitzende der Kommission, stellte den Kontakt zu Erna Simions Familie her. Ihren Nachlass bewahrt heute Dr. John Segal auf, ein Enkel von Ernas Schwester Frida, der viel über die Besitzerin des in Marburg aufgefundenen Buches mitteilen konnte.

So erfuhren wir, dass Erna nach ihrem Studium eine Zeit lang als Sekretärin an der Berliner Handelskammer arbeitete, später dann für den Bund Deutscher Frauenvereine, wo sie den Aufbau der Altershilfe der Frauenbewegung organisierte. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre war sie dann - wie schon erwähnt - Mitarbeiterin beim "Deutschen Volkswirt"; nebenher arbeitete sie über viele Jahre ehrenamtlich für ihren Berufsverband, den Bund der Nationalökonominnen.

"Feindliche Ausländer"

Erna Simion hat zwei ältere Geschwister, Fritz und Frida. Fritz Simion verlässt Deutschland zusammen mit Erna und deren Sohn Ernst im August 1939. Frida bleibt in Deutschland; sie nimmt sich 1943 das Leben, um der Deportation zu entgehen.

Beim Ausbruch des Krieges werden Erna und ihr Sohn in Großbritannien zunächst interniert. In ihren Erinnerungen notiert sie: "Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden wir 'Feindliche Ausländer', sogar unsere Söhne, die zur britischen Armee gingen und ihr Leben für König und Vaterland gaben, erhielten nicht die britische Staatsbürgerschaft." Erna selbst arbeitete von 1941 bis 1945 als "reference librarian" für die deutschsprachige Tageszeitung "Die Zeitung", einige Monate auch für das amerikanische Office of War Information.

In den fünfziger Jahren bemüht sich Erna Simion um Entschädigung für ihren von den Nationalsozialisten geraubten Besitz - schließlich mit Erfolg. Zu dieser Zeit lebt sie mit dem Chemiker Robert Heublum zusammen, der in London als Übersetzer von Patenten tätig ist. Sie unterstützt ihn dabei und führt diese Arbeit noch viele Jahre nach Heublums Tod im Jahr 1962 weiter. Erna Simion selbst starb, fast hundertjährig, am 7. Dezember 1989 in London. Das aus ihrer Bibliothek stammende Buch, das als Raubgut der Nazis in den Bestand der Marburger Universitätsbibliothek gelangt war, wird ihr Großneffe John Segal der Wiener Library schenken, einer namhaften Holocaust-Forschungseinrichtung und Spezialbibliothek für jüdische Zeitgeschichte in London.

Bernd Reifenberg (30.8.1955), Referent für Handschriften, Nachlässe und Rara, Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte u.a. an der Universitätsbibliothek Marburg. Betreut seit 2001 die Recherchen nach NS-Raubgut in der Bibliothek.

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1.
Christoph Hörterer 17.02.2008
Jedes Unrecht gegen Juden war in Nazideutschland "skandalös" aber nach dem Lesen des Artikels suche ich immer noch nach der Außergewöhnlichkeit des Skandals, so wie es im Anleser suggeriert wird. Ein guter Anleser ist wichtig. Aber alles zum Skandal zu erheben ist Bild-Niveau.
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