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Private Kriegsfotos Mit Knarre und Kamera

Private Kriegsfotos: Mit Knarre und Kamera Fotos
Herbert Aschenbach

Millionen Männer zogen 1939 mit Panzern und MGs in den Krieg - aber auch mit Leicas und Agfa-Filmen. Die Fotoalben der Wehrmachtssoldaten landeten nach der Niederlage meist in Kellern und auf Dachböden. Ein Buch zeigt die Sicht der Soldaten auf ihren Krieg. Von

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Eine junge Frau watet durch das seichte Wasser einer Furt. Nach russischer Sitte trägt sie ihr Kopftuch hinter dem Kopf verknotet, den langen Rock geschürzt. Der Betrachter blickt von schräg hinten auf sie hinab, das Foto mag von einem Hochufer aufgenommen sein. Ihre braungebrannten Beine wirbeln das Wasser hinter ihr durcheinander. Vor ihr spiegelt sich ein Baum auf der glatten Oberfläche.

Die ländliche Idylle hat ein deutscher Soldat 1942 während des sogenannten Russlandfeldzugs aufgenommen und in seiner privaten Fotosammlung aufbewahrt. Das Motiv könnte ein fast zärtlicher Blick auf ein fremdes Land sein, die junge Watende als bewusster fotografischer Kontrapunkt zur Brutalität des Krieges und den dumpfen Parolen vom "Untermenschen". Es könnte - lauerte da nicht eine ungeheure Doppelbödigkeit in dieser vordergründig friedlichen Szene, verraten nur durch die handschriftliche Legende auf der Rückseite, verfasst in blassblauer Tinte: "Die Minenprobe". Die Frau wird als menschliches Räumgerät missbraucht, jeden Moment kann eine Sprengladung sie in Stücke reißen.

Die Soldaten der deutschen Wehrmacht waren während des Zweiten Weltkriegs in Europa nicht nur als Eroberer mit Panzern und MGs unterwegs, sondern immer auch als Touristen mit Kleinbildkamera und Agfa-Filmen. Entgegen landläufigen Vorstellungen von weitreichenden Fotografierverboten förderten die Nazis die Knipserei unter ihren Soldaten ausdrücklich: Die Landser sollten "Aufnahmen aus unseren Kampfräumen" für Wettbewerbe einsenden, in vielen Einheiten wurden "Kompaniefotografen" bestimmt. Es gab Ratgeber, wie Kameraden am besten in Szene zu setzen seien, ebenso wie Standard-Fotoalben mit Titeln wie "Erinnerungen an meine Dienstzeit". Manche Motive wurden gar professionell vervielfältigt und in "Musterbüchern" zum Kauf angeboten - auch die "Minenprobe" gab es in Serie.

Gegenbild zu den heroischen NS-Inszenierungen

Die Fotoalben, die deutsche Landser zwischen 1939 und 1945 anlegten, sind heute einzigartige Quellen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Überraschenderweise blieben sie fast ein halbes Jahrhundert weithin unbeachtet, wurden bestenfalls Teil von Familienüberlieferungen, nicht aber der allgemeinen Erinnerung. Erst in den neunziger Jahren kamen private Fotos vom Krieg mehr und mehr an die Öffentlichkeit - und entwarfen ein gewisses Gegenbild zu den heroischen Inszenierungen der bis dahin marktbeherrschenden Fotos der NS-Propagandakompanien. Die legendäre Wehrmachtsausstellung etwa, die ab 1995 jahrelange, heftige Kontroversen auslöste, stützte sich in erheblichem Maße auf Fotos aus privaten Quellen.

Nun hat die Oldenburger Kunsthistorikerin Petra Bopp unter dem Titel "Fremde im Visier. Privatfotografien der Wehrmachtssoldaten" eine faszinierende Ausstellung gestaltet und dazu ein großartiges Begleitbuch vorgelegt. Durch Aufrufe und Anzeigen in deutschen Medien ist es ihr gelungen, einzigartige Aufnahmen aus dem Dunkel alter Alben oder Schuhkartons zu befreien und öffentlich zu machen. Rund einhundert Personen erklärten sich bereit, Fotos aus den Nachlässen ihrer Väter und Großväter bereitzustellen. Auch von den ehemaligen Soldaten selbst sind noch Leihgeber dabei, die zu den Bildern die mündliche Überlieferung ergänzen konnten.

Und es sind nicht nur die Fotos selbst, die mal mit touristischem Blick den Eifelturm einfangen, mal als Voyeure gehenkte Zivilisten, mal Etappenfeiern, mal gefangene Feinde. Auch die Auswahl, Anordnung und Beschriftung der Aufnahmen in den Soldatenalben sprechen oft genug Bände über die Sicht der Bildersammler auf den Krieg. Wenn etwa neben einem Foto mit deutschen Soldatengräbern hingerichtete Zivilisten an improvisierten Galgen hängen, ist das gnadenlose "Auge um Auge" des Vernichtungskriegs im Osten sofort präsent. Bei zwei Fotos mit Kreuzen und je einem deutschen beziehungsweise französischen Stahlhelm über der Bildunterschrift "Heldengräber an der Aisne" deutet die Gleichbehandlung von eigenen und gegnerischen Toten auf einen letzten Rest von so etwas wie Ritterlichkeit.

Herausgerissen, aber nicht ausgelöscht

Immer wieder erstaunlich ist, wie viel damals bereits in Farbe fotografiert wurde. Immer noch ist das Bild des Zweiten Weltkriegs vor allem schwarzweiß. Doch seit 1936 waren Farbdiafilme auf dem Markt, und es war nicht zuletzt der Kriegsbeginn, der einen Boom bei der Farbfotografie auslöste. Es galt, mit "ungeheurer Wirklichkeitstreue", wie die Agfa-Werbung posaunte, "das große Erleben mit dem modernsten und fortschrittlichsten Mittel, der Farbenfotografie, festzuhalten". Das bittere Erleben zum Kriegsende hin wurde dagegen wieder in Schwarzweiß geknipst - Farbfilme standen 1944/45 kaum noch zur Verfügung.

Das Fotografieren von Hinrichtungen durch die Wehrmacht wurde 1941 strengstens verboten. Dennoch sind in den Alben auch Kriegsverbrechen dokumentiert - wenn nicht durch Aufnahmen von der Tat selbst, so doch indirekt: durch Fotos von Erschossenen und Erhängten, von Zivilisten, die offenbar ihre eigenen Gräber schaufeln. "Hier stand das Dorf Ljubatschj b. Szolzy" steht unter einem Foto, das nur einen verbrannten Baumstumpf zeigt und keine Spuren menschlicher Behausungen mehr erahnen lässt. In mehreren Alben fand Historikerin Bopp, dass Fotos von Gräueltaten nachträglich aus dem Album entfernt worden waren. "Erschossene Partisanen in Pleskau" steht da schon mal, das Bild dazu fehlt. In einem Fall blieb beim Herausreißen des Fotos eines Gehenkten der Bildteil mit dem Kopf des Opfers mit der Schlinge sichtbar im Album zurück.

Hatten die Fotografen Angst, als Mittäter zur Verantwortung gezogen zu werden? War der Bildersturm im Kleinen ein Akt der persönlichen Verdrängung nach dem Krieg? Oder waren es womöglich die Nachgeborenen, die solche schmerzhaften Motive nicht ertragen konnten oder wollten? "Der blinde Fleck legt Zeugnis ab für etwas, das nicht mehr bezeugt werden sollte", resümiert Bopp. Aber: "Mit dem Bildtitel alleingelassen, beginnen die Vorstellungen von neuen Bildern."

So sprechen nicht nur diese eindrucksvollen Privatfotos über die Jahrzehnte hinweg, sondern auch jene Bilder, die eigentlich ausgelöscht werden sollten.

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1.
Markus Kron, 10.09.2009
Die Meinung, dass nur gegnerische Verwundete oder tote Soldaten fotografiert wurden kann ich nicht teilen. Von meinem Grossvater, er war Sanitätsunteroffizier, besitze ich Fotos von verwundeten deutschen Soldaten (Minenopfer, beide Beine amputiert) oder von deutschen Soldatenfriedhöfen, als er gefallene Kameraden besuchte. Teilweise habe ich noch die mündliche Überlieferung, die er mir in meiner Kindheit erzählte, im Kopf. Bei Interesse kann ich Ihnen gerne ein paar Fotos zukommen lassen.
2.
Franz Nagel, 10.09.2009
Der Vernichtungskrieg im Osten sei ein gnadenloses "Auge um Auge" gewesen - diese gängige Redeweise verdreht das alttestamentarische Gebot in sein Gegenteil. Ein Mann namens Lamech prahlte im 1. Buch Mose: Fürwahr, einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Knaben für meine Strieme. Wenn Kain siebenfach gerächt wird, so Lamech siebenundsiebzigfach. Hitler befahl der Wehrmacht 1941, für jeden gefallenen oder verwundeten deutschen Soldaten 50 bis 100 Geiseln zu töten. Die tschtschenischen Geiselnehmer in Beslan drohten 2004, für jeden getöteten Kämpfer 50 Kinder zu töten, für jeden verletzten Mitstreiter 20. Diesem von alters her waltenden Prinzip der Gewalteskalation setzt das Gebot "Auge um Auge" eine Schranke.
3.
Guido Reinking, 10.09.2009
Vorsicht mit Interpretationen von Fotos! Das Bild "die Minenprobe" zeigt eine Frau, die durchs Wasser watet. Der Kommentar des Fotografen ist tatsächlich zynisch. Dass aber die Frau hier als "Minensuchgerät" missbraucht wird, halte ich für extrem unwahrscheinlich. Denn Tretminen in einen Wasserlauf zu legen macht nun wirklich keinen Sinn. Auch wäre diese Methode des Minensuchens wenig effektiv, weil die nachfolgenden Soldaten schon genau in den Fußspuren der Frau laufen müssten, um vor Minen sicher zu sein. Und das ist in einem Flusslauf schon gar nicht möglich. Das Foto ist also offenbar nur ein dummer Scherz und taugt nicht zum Beweis für "Verbrechen der Wehrmacht", die es zweifelsohne gab. Schade, jetzt habe ich den Buchautoren die ganze Pointe verdorben.
4.
Verenra Klatt, 10.09.2009
Wenn in Bild 5 ein Foto mit "Partisanen am Galgen" beschriftet ist, wieso schreibt der Spiegel dann von gehenkten "Zivilisten"? Mangels entgegenstehender Anhaltspunkte ist von der Richtigkeit der Beschriftung des Fotografen auszugehen, der näher am Geschehen war. Für die Richtigkeit sprechen auch die sichtbaren Schrifttafeln links am Galgen, auf denen nähere Informationen zu finden gewesen sein werden. Partisanen sind keine Zivilisten, da sie sich selbst zur Kriegspartei gemacht haben. Auch die Bildbeschreibung zu Foto 7 des Spiegel ist tendenziös da nichts dafür spricht, dass sich der deutsche Soldat an der Kontaktaufnahme nur versucht. Es ist auch nicht richtig, dass Soldatenfotos vom Krieg ein halbes Jahrhundert unbeachtet blieben. Durch die Behauptung soll nur die Neuigkeit des Buches von Bopp suggeriert werden. Was das Entfernen von Fotos angeht: Offen bleibt, wer sie entfernt hat, möglicherweise erst die Kinder oder Enkel der Fotografen.
5.
Uwe Bergermann, 10.09.2009
...und gehängte Partisanen als Zivilisten auszugeben, verdirbt auch schon die nächste Pointe. Schade, die Fotos an sich sprechen doch eine eigene Sprache, wirken linkische Bildunterschriften eher kontraproduktiv.
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