Private Soldatenbilder Urlaubsfotos aus der Hölle

Private Soldatenbilder: Urlaubsfotos aus der Hölle Fotos
Friedrich Otto

Deutsche Soldaten zogen 1939 nicht nur mit Karabinern in den Krieg, viele hatten Kameras dabei. Private Schnappschüsse von Front und Freizeit zeigt nun eine Ausstellung, über die einestages berichtete - worauf viele Leser Fotos aus Familienalben schickten, mit teils erstaunlichen Geschichten. Von Philipp Schnee und Hans Michael Kloth

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Im Jargon der Landser nannte man sie "Knipser" - fotobegeisterte Wehrmachtssoldaten, die sich noch im Inferno des Zweiten Weltkriegs die Zeit nahmen, mit Kleinbildkameras festzuhalten, was sich um sie herum abspielte: das Leben in der Etappe und den Tod am Straßenrand, Sehenswürdigkeiten besetzter Länder und zerstörte Städte, gefangene Feinde und deutsche Soldatengräber.

Als einestages vor kurzem über eine Ausstellung mit Privataufnahmen deutscher Soldaten und ein dazu erschienenes Buch berichtete, war das Leserinteresse enorm - und bescherte der Redaktion eine Flut privater Fotoaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg. In vielen Familien haben sich Fotoalben oder Schachteln voller Abzüge mit dem charakteristischen gezackten Rand über Krieg und Nachkriegszeit hinaus erhalten. Nicht selten sind sie die einzigen Erinnerungen an Väter, Großväter oder Onkel, die nicht zurückkehrten.

Für viele der Soldaten-Schnappschüsse gilt, dass man über das Gezeigte kaum mehr sagen kann, als der bloße Augenschein hergibt. Auf manchen Bildern verraten Ortsschilder, bekannte Gebäude oder die Landschaft, wo die Aufnahme entstand. Gelegentlich geben auf die Rückseite oder an den Rand gekritzelte Anmerkungen spärliche Auskunft. Experten können aus Uniformen oder Fahrzeugtypen grobe Angaben über das Wann und Wo ableiten. Wie schwierig die Auswertung solcher Aufnahmen ist, mussten etwa die Macher der umstrittenen "Wehrmachtsausstellung" Mitte der neunziger Jahre feststellen - die Schau musste zurückgezogen werden, weil viele Bilder nicht das zeigten, was unterstellt wurde. Bei der Wiedereröffnung 2001 wurden von den ursprünglichen Fotos weniger als zehn Prozent gezeigt.

Die Fotos des vermissten Onkels

So ist Vorsicht bei der Interpretation der Soldaten-Schnappschüsse unabdingbar. Fotos etwa, die Kampfhandlungen zeigen, seien fast immer gestellt, weiß der Flensburger Historiker Gerd Paul, der sich seit Jahrzehnten mit Kriegsfotografie befasst. "Wie sonst können Fotografen die eigenen Soldaten von vorne, von der Sicht des Gegners aus zeigen?", fragt Paul. Dass sie inszeniert sind, sieht man den meisten Bildern aber nicht an.

Und selbst wo Details in den Aufnahmen ein paar Fakten preisgeben - nicht selten münden solche Antworten in weitere Fragen. Der Schriftzug über dem Laden ist in Litauisch - aber hatte Opa nicht immer erzählt, er sei in der Ukraine gewesen? Oder sie führen in eine ganz unerwartete Richtung, wie etwa im Fall der mehr als 200 Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg, die einestages-Leser Wolfgang Wiehe von seinem Onkel besitzt.

Werner Wiehe gilt seit 1944 als an der Ostfront vermisst, in den siebziger Jahren wurde er für tot erklärt. Selbst der Neffe weiß kaum etwas über seinen Verwandten; eigentlich nur, was die Bilder so erzählen können. In dem Konvolut, dass der Nachfahre vor kurzem ins Internet gestellt hat, ist auch eine Aufnahme, die vier deutsche Soldatengräber zeigt: schlichte weiße Holzkreuze an einem Wegrand, verziert mit dem Eisernen Kreuz, die Grabhügel geschmückt mit Tannenreisern. Ein großer Baum wölbt seine Äste bis fast über die Grabstellen, im Hintergrund entfernt sich ein Mann in Richtung mehrerer Häuser. Was war geschehen? Wo befinden sich die Gräber? Wer sind die Toten?

Spurensuche mit der Lupe

Mit etwas Mühe und einer Lupe lässt sich auf dem unscharfen Foto der Name auf dem ersten Holzkreuz entziffern: "Oberst Fritz Hertzsch, Kdr", darunter die unleserlichen Geburts- und Sterbedaten. Das Grab des Offiziers erweist sich als Schlüssel, um auch mehr über den verschollenen Fotografen Wiehe zu erfahren. Denn Oberst Fritz Hertzsch ist kein ganz Unbekannter - er war der Kommandeur des Infanterieregiments 77; Adolf Hitler beförderte den schon am 15. Juli 1941 Gefallenen postum zum Generalmajor und verlieh ihm das Ritterkreuz.

Erst wenige Tage vor Kriegsbeginn hatte der 1892 in Zittau geborene Berufsoffizier Hertzsch das Kommando über das I.R. 77. übernommen. Als Teil der 26. Infanteriedivision wurde die im Raum Köln-Bonn stationierte Einheit zunächst im "Westfeldzug" gegen Frankreich eingesetzt , bevor es im Juni 1941 an die russische Grenze ging. Dort nahmen die 77er an der "Operation Barbarossa", dem Überfall auf die Sowjetunion am 21. Juni 1941, teil. Schon drei Wochen später fiel der Kommandeur bei den Kesselschlachten um Smolensk und Witebsk.

Die zahllosen Fotos aus dem Nachlass von Werner Wiehe zeigen genau diese Stationen: Man sieht angetretene deutsche Soldaten neben einem Wegweiser nach Nancy oder dunkelhäutige Gefangene in französischen Uniformen, dann russischen Weiten und zerschossene sowjetische Panzer, den Sturz einer Stalin-Statue. So ist es plausibel anzunehmen, dass der vermisste Fotograf im Infanterieregiment 77 diente und auf einem seiner Fotos auch das Grab seines gefallenen Kommandeurs dokumentierte. Falls Wiehe bei der Einheit blieb, marschierte er mit ihr tief nach Russland hinein bis auf die Höhe Moskaus nach Orel - und dann wieder zurück. Nach schweren Verlusten bei Kowel in der Nordukraine wurden die 26. Infanteriedivision und das I. R. 77 im Oktober 1944 aufgelöst.

"Ortsnamen in zittrigem Sütterlin"

65 Jahre später räumt die jetzt aufgetauchte Aufnahme von Wiehe sogar mit einem Irrtum auf. In den einschlägigen Lebensläufen des Oberst Hertzsch im Internet wird als Todesort "Kutjany" angegeben - ein Flecken, der sich weder in dieser noch in verwandten Schreibweisen identifizieren lässt. Eine russische Quelle nennt allgemein "nördlich von Smolensk". Auf seinem Foto hat der Soldat Werner Wiehe dagegen eine präzise und nachvollziehbare Ortsangabe für Hertzsch' Grab notiert: "Wettrino b. Polosk" steht dort in zittriger Sütterlin-Schrift. Das Dorf Vetrino liegt 20 Kilometer südwestlich der heute weißrussischen Stadt Polotsk, die vom 12. bis 15. Juni 1941 drei Tage lang schwer umkämpft war, bevor Wehrmachtseinheiten sie stürmten. Fritz Hertzsch fand dabei den Tod.

Werner Wiehe überlebte diese Schlacht und hielt noch drei Jahre lang den Kriegsalltag auf Zelluloid fest - russische Kinder und feuernde Artillerie, gefangene "Flintenweiber" der Roten Armee und Wehrmachtssoldaten bei der Schlachtung einer Kuh. Dann wurde er selbst von der Knochenmühle erfasst. Was mit ihm geschah, wo er begraben liegt, weiß niemand.

Ob ein anderer "Knipser" sein Grab fotografierte?

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1.
Lars Anders 28.09.2009
Auf dme Bild 19 sieht man nicht den Weihnachtsmann sondern den Nikolaus. Das lässt sich daran erkennen, dass der verkleidete Soldat eine Mitra trägt. Die Mitra ist ein Hut den Bischhöfe tragen. Der Weihnachtsmann hingegen hat eine Zipfelmütze.
2.
Marcus Lüdde 28.09.2009
Das Bild Nr. 20 zeigt die Stadt Stariza an der Wolga (Oblast Twer). Laut Internet am 12. Oktober 1941 von der Wehrmacht erobert und am 1. Januar 1942 von der Roten Armee zurückerobert. Das große Kloster am Wolga-Ufer ist das Maria-Himmelfahrts-Kloster.
3.
wolfgang wiehe 28.09.2009
Danke Marcus Lüdde für den Hinweis! Die Aufnahmen mit diesem Kloster haben mich von Anfang an fasziniert. wie-wolf
4.
wolfgang wiehe 28.09.2009
1941 und heute: http://www.flickr.com/photos/14868225@N04/3117778331/in/set-72157604653059332/
5.
Wilfried Jonas 28.09.2009
Ein paar Hinweise zum Photo aus Stariza. Laut mir vorliegendem Kartenmaterial stieß die 3. Panzergruppe rechts der Wolga auf Kalinin vor (so hieß Twer während des 2. Weltkrieges), die 9. A (ich vermute mal 9. Armee, aber auf der Karte stehts so) marschierte auf Torshok zu (40km westlich von Kalinin). Operationsziel dürfte wohl die Unterbrechung der Bahnlinie Moskau-Leningrad gewesen sein, die durch Kalinin führt. Auf sowjetischer Seite wurde der Frontabschnitt Kalininer Front genannt. Die 29. und 31. Armee kämpften auf sowjetischer Seite, die 31. Armee nahm Stariza in der Offensive, die Mitte Dezember 1941 begann, wohl ein. Ein interessantes Detail: Im Raume Wjasma gab es südlich davon im Spätherbst eine Einkesselung sowjetischer Truppen. Die sowjetischen Truppen haben sich wohl der Gefangennahme entzogen und bildeten zwischen Smolensk und Wjasma eine große Partisaneneinheit. Die deutschen Truppen in diesem Frontabschnitt waren wohl besonders stark von einer Einkesselung bedroht. Das Kartenmaterial zeigt aber nicht, ob die Einkesselung vollständig gelang (wie im Raume Demjansk). Die Karten stammen aus dem mehrbändigen Werk über den "Großen Vaterländischen Krieg", welches mir in einer Übersetzung vorliegt.
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