Projekt "Biosphäre 2" Hölle im Glashaus

Projekt "Biosphäre 2": Hölle im Glashaus Fotos
Corbis

Sind wir reif für ein Leben auf dem Mars? Vor 20 Jahren ließen sich acht Menschen zum Test in dem Mega-Treibhaus "Biosphäre 2" einsperren. Doch schon bald geriet die Selbstversorger-Raumstation in der Wüste Arizonas zum Alptraum. Auf einestages erinnert sich Expeditionsmitglied Jane Poynter an Hunger, Kakerlakenterror - und die Angst, den Verstand zu verlieren. Von

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Jane Poynter saß gerade in ihrem Zimmer und schrieb Tagebuch, als ihr Freund Taber MacCallum hereingestürzt kam und sich auf das petrolfarbene Sofa plumpsen ließ. "Wir verlieren Sauerstoff", ächzte der innerhalb der "Biosphäre 2" für Technik verantwortliche Mann. An jenem Apriltag 1992 war der Sauerstoffgehalt abermals dramatisch abgesackt und die Luft so dünn geworden wie auf dem Gipfel des Kilimandscharo.

"Wir sind am Ende!", schrie Poynter. Ohne Sauerstoff kein Leben, kein Überleben. Weder für die acht Crew-Mitglieder noch für die gesamte "Biosphäre 2": Der Jahrhundert-Versuch stand nach nur einem halben Jahr kurz vor dem Aus - dabei war er mit so viel Elan gestartet worden. "'Biosphäre 2' ist das spannendste wissenschaftliche Projekt der USA, seit Präsident Kennedy uns zum Mond geschickt hat", jubelte das US-Wissenschaftsmagazin "Discover" noch vor dem Start euphorisch.

Um dem Traum von menschlichen Kolonien im Weltall näherzukommen, probten vier Frauen und vier Männer im roten Sand der Sonora-Wüste in Arizona ab September 1991 den Ernstfall: Für 24 Monate ließen sie sich in einem zwei Fußballfelder großen, luftdicht versiegelten Mega-Gewächshaus einsperren, gemeinsam mit 3800 Tier- und Pflanzenarten. Alle Kreaturen sollten, so der Plan, in der irdischen Raumstation voneinander abhängen, alle Luft, alle Lebensmittel und alles Trinkwasser selbst produziert werden. "Es war das verrückteste, aufregendste Experiment, von dem ich je gehört hatte. Ich musste einfach dabei sein", sagt Jane Poynter. Die damals 29-jährige Britin bewarb sich - und bestand alle vom Auswahlkomitee geforderten Härtetests.

"Fliegt euer Raumschiff ordentlich"

Um sich für das Überleben auf der autarken Mini-Erde zu qualifizieren, musste die Ökologin, so sah es "Biosphäre 2"-Gründer John Allen vor, auf dem Pferd durch den wilden australischen Busch reiten, giftige Schlangen und störrische Rinder bändigen sowie zwölf einsame Monate mit einem Forschungsboot über den Indischen Ozean und das Rote Meer segeln. Am 26. September 1991 schließlich war es so weit: Nach sechs Jahren Vorbereitungszeit war die "Biosphäre 2" bezugsfertig. Für seine Bewohner hielt das 150 Millionen-Dollar-Projekt, gesponsert vom texanischen Ölmilliardär Edward Bass, einen kleinen Garten Eden inklusive Regenwald, Ozean, Süß- und Salzwassermarschland, Savanne und Wüste bereit.

Sogar eine winzige Stadt befand sich unter der futuristischen Hülle aus Glas und Stahl, für die sogenannten Bionauten standen acht kleine Apartments inklusive Videotelefon und Fernseher zur Verfügung. Auf Toilettenpapier, Taschentücher, Tampons hingegen musste verzichtet werden: Zu aufwendig war die Zersetzung, schließlich sollte nichts zu Müll werden, alles im Umlauf bleiben. Unter den Palmen, Reisfeldern und Kunstfelsen versteckten sich die Eingeweide der "Biosphäre 2": eine ausgefeilte Technosphäre, bestehend aus Computern, Pumpen, Sprinkleranlage für den Regenwald, Gezeitensimulator für den Ozean.

"Gute Reise und fliegt euer Raumschiff ordentlich, damit die Menschen in Zukunft ihr Raumschiff Erde besser steuern", gab Mäzen Bass seinen acht Versuchspersonen, allesamt Wissenschaftler und Techniker zwischen 27 und 66 Jahren, mit auf den Weg. Eine mexikanische Magierin sowie ein tibetanischer Mönch segneten die Männer und Frauen, zwei mit Federn geschmückte Indianer geleiteten sie zur Eingangspforte ihrer selbstgewählten Isolationshaft.

Ameisen und Apathie

Dann öffnete sich die Luftschleuse, und die acht Bionauten, gekleidet in dunkelblaue, von einem Designer geschneiderten "Star Trek"-Anzüge, betraten die schöne, neue Kunstwelt. "In zwei Jahren werden Sie mich hier mit Gewalt rausschleifen müssen", rief Jane Poynter den umstehenden Journalisten zu und verschwand im gläsernen Glaspalast - eine Meinung, die sie gründlich revidieren sollte. Denn schon in der zweiten Woche schnitt sich Poynter mit der Dreschmaschine eine Fingerkuppe ab. Für fünf Stunden verließ sie die "Biosphäre 2", um ärztlich versorgt zu werden.

Zudem nagte von Tag eins an der Hunger an den Bionauten: Die unter hartem körperlichen Einsatz selbst angebaute Low-Fat-Kost, im Wesentlichen Süßkartoffeln, Getreide, Obst, Gemüse, Fisch und Eier, reichte einfach nicht aus, zumal die mit eingesperrten asiatischen Mini-Schweine den Bionauten viel zu viel wegfraßen. Schon bald verrohten die Esssitten, Streit ums Essen setzte ein: "Der Bananenraum musste abgeschlossen werden, um heimliches Hamstern zu unterbinden", erinnert sich Poynter, innerhalb der Hightech-Arche zuständig für Landwirtschaft. Weiter starben viele Tierarten, allen voran die Kolibris und Hummeln, während sich Ameisen und Kakerlaken explosionsartig vermehrten.

Milben und Pilze befielen die Ernte, die Korallen im Kunst-Ozean verkümmerten, Unkraut drohte alles zu überwuchern. Dazu ging den Bionauten Stück für Stück die Puste aus: Unter anderem sorgten heftige Regenfälle, Stürme und Dunkelheit außerhalb des Riesen-Treibhauses dafür, dass die Pflanzen in der "Biosphäre 2" ihre Photosynthese verlangsamten. Der Kohlendioxidgehalt in der Luft stieg an, während der Sauerstoff-Level immer weiter sank - was bei den Glashaus-Bewohnern zu Müdigkeit und Apathie führte. Im Schlaf setzte bei einigen immer wieder kurzzeitig die Atmung aus. Und Poynter wurde von so heftigen Depressionen heimgesucht, dass sie sich einer Telefon-Therapie unterziehen musste.

Disneyland, Touristenfalle, teurer Gag

"Immer wieder packte mich die Angst, den Verstand zu verlieren", sagt Poynter. Hätte sie nicht ihre große Liebe, der ebenfalls eingeschlossene Bionaut Taber MacCallum, getröstet, so wäre sie vermutlich durchgedreht, sagt sie. Am meisten jedoch litt die Britin unter der zunehmenden Aggression in der autarken Mini-Welt. "Wir wussten, dass kleine, von der Außenwelt isolierte Gruppen, etwa in der Antarktis oder auf Raumschiffen, sich oftmals untereinander zerstreiten. Dass das auch uns passieren würde, haben wir nicht einkalkuliert ", sagt die Britin. Doch die Mannschaft zerfiel in zwei tief verfeindete Fraktionen, die kaum noch miteinander sprachen. Als Poynter dem PR-Direktor der "Biosphäre 2" per Telefon mitteilte, dass die Bionauten die mitgebrachte Notration aufessen würden, um zu überleben, wäre sie um ein Haar aus dem Glashaus geflogen.

Am unerträglichsten wurde die Situation, als die Bionauten - in ihrem selbstgeschaffenen Verlies von Hunger, Sauerstoffknappheit und Dauerzoff gepeinigt - auch noch von der realen Welt attackiert wurden. Denn Anfang 1993, als der Sauerstoffgehalt im Riesen-Terrarium sich auf einem gefährlichen Niedrig-Rekord eingependelt hatte, pusteten die Chef-Konstrukteure der "Biosphäre 2" tonnenweise Frischluft in ihr Treibhaus - nun war die Seriosität des Projekts endgültig dahin.

"Jetzt ist der letzte Rest an Glaubwürdigkeit aufgebraucht. Das Zwei-Jahres-Projekt der Autarkie sieht nicht mehr nach Wissenschaft aus, sondern gleicht mehr und mehr einem 150-Millionen-Dollar-Gag", ätzte das "Time Magazine" im Februar 1993. Die Medien titulierten die Biosphäre als "Disneyland" und "Touristenfalle", man warf den Bionauten vor, heimlich Lebensmittel und technisches Gerät ins Innere geschmuggelt zu haben. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Nasa sowie führende Wissenschaftler längst aus dem Projekt zurückgezogen.

"Wir wurden Süßkartoffeln"

"Eine Unverschämtheit", schimpft Jane Poynter, die massive öffentliche Kritik empört sie noch heute. "Immerhin haben wir durchgehalten und uns nicht zerfleischt", sagt sie. Am 26. September 1993, um 8.20 Uhr, verließ die Britin, nach exakt zwei Jahren und 20 Minuten, gemeinsam mit den anderen sieben Versuchspersonen die Kunstwelt, um zurückzukehren zur echten Erde, der "Biosphäre 1". Um zehn Kilogramm abgemagert, übermüdet, orangefarben wegen der Süßkartoffel-Diät - und dennoch überzeugt davon, dass sich der gigantische Aufwand gelohnt habe.

"Wir haben bewiesen, dass geschlossene Biosphären funktionieren", sagt Poynter. Zudem habe sie trotz aller Tortur auch wundervolle Erfahrungen gemacht: Nie wieder sei ihr so klar geworden, wie stark der Mensch von den Pflanzen abhängt: "Wir atmeten das Kohlendioxid aus, und es verwandelte sich in Süßkartoffeln. In gewisser Weise wurden wir ein Teil der Süßkartoffeln."

Multi-Planeten-Species Mensch

Ein Jahr, nachdem sie der gläsernen Hölle entronnen war, heiratete sie ihren Partner MacCallum in der Wüste Arizonas - auf der Wiese vor der "Biosphäre 2". Mit ihm gründete Poynter in Tuscon, nur eine Autostunde vom futuristischen Gewächshaus entfernt, die Firma Paragon Space Development Corporation, um irdisches Leben ins Weltall zu exportieren.

Eine der von Paragon entwickelten Mini-Biosphären, ein Gefäß von der Größe einer Bierdose, wurde von den Russen zur Raumstation ISS transportiert. Die Kapsel enthielt Shrimps, Schlangen, Krustentiere und Pflanzen - alle überlebten. Seit einigen Jahren versuchen Poynter und MacCallum nun, kleine Gewächshäuser für den Mond zu konstruieren - noch scheitert das Projekt jedoch an politischen und finanziellen Hürden.

Das langfristige Ziel der "Biosphäre 2"-Visionäre, die Menschen für ein Leben auf dem Mars fit zu machen, hat Jane Poynter auch 20 Jahre nach ihrem Eintritt in den Öko-Kerker nicht aus den Augen verloren: "Es spricht nichts gegen menschliche Kolonien im Sonnensystem und darüber hinaus. Die Menschheit", resümiert Poynter, "ist dazu bestimmt, eine Multi-Planeten-Species zu werden."

Zum Weiterlesen: Jane Poynter: The Human Experiment. Two Years and twenty minutes inside Biosphere 2, Kindle Edition 2006.

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1.
Siegfried Wittenburg 23.09.2011
Uhhh! Ich habe 38 Jahre unfreiwillig in einem geschlossenen Staat gelebt. In einem solchen Ding würde mich niemand reinkriegen, auch wenn es mitten in Amerika steht.
2.
Markus Abt 23.09.2011
Es ist eigentlich ganz einfach. Man kann Menschen, die in einem System der Habgier, Gier, Neid und Missgunst aufgewachsen sind nicht einfach in einen Glaskäfig sperren. Diese Menschen, die eines Tages einen anderen Planeten besiedeln sollen, muss von der Geburt an anderes erzogen und geprägt sein. Mit US-Amerikanern und den europäischen Abziehbildern war das Experiment schon zum Scheitern verurteilt. Wahrscheinlich hätte es viel besser funktioniert wenn man Indios aus dem Amazonas genommen hätte. Denn diese haben es noch nicht verlernt was - Gemeinschaft - bedeutet. Und mit der Natur können diese auch besser umgehen.
3.
John Johnson 23.09.2011
>Uhhh! Ich habe 38 Jahre unfreiwillig in einem geschlossenen Staat gelebt. In einem solchen Ding würde mich niemand reinkriegen, auch wenn es mitten in Amerika steht. Wie konnte man Sie denn 38 Jahre zwingen? Da sind die (meisten) Menschen schon 20 Jahre lang erwachsen. Ob das Experiment durchweg alle hohen wissenschaftlichen Standards eingehielt, ist eigentlich egal. Welches erste Experiment seiner Art hat das schon gemacht? Die meisten Wissenschaftler führen nur kleinere Experimente durch, so dass eine Wiederholung inkl. Verbesserung leichter möglich ist.
4.
Jürgen Nagel 24.09.2011
am besten wird sein, man schickt langstrafige gefangene auf die reise. die sind schon so hospitalisiert, daß ihnen das nichts ausmacht und sie können während der langen reise ihre haft absitzen.
5.
Siegfried Wittenburg 24.09.2011
@ John Johnson "Wie konnte man Sie denn 38 Jahre zwingen?" Die Antwort finden Sie unter anderem bei einestages. Es war das bisher größte Experiment mit lebenden Menschen in der Weltgeschichte. Millionen haben daran unfreiwillig teilgenommen, vom Säugling bis zum Greis. Haben Sie nie davon erfahren? Deshalb ist es für mich unverständlich, dass acht freie Menschen solche kleinen Experimente durchführten, obwohl wenige Jahre zuvor ein ähnliches Experiment im weitaus größeren Maßastab gescheitert war. Die Indios vom Amazonas sind so frei, dass sie in eine moderne Großstadt umziehen könnten. Doch sie tun es nicht, weil sie wissen, was dann auf sie zukommt. Und was sollten sie beweisen, wenn sie mit Kakerlaken unter einer solchen Käseglocke leben? Sie haben Besseres zu tun.
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