Hühner-Kernwaffe Englands gackernde Atombombe

Es war die seltsamste Massenvernichtungswaffe der Geschichte: Das britische Militär arbeitete in den Fünfzigerjahren an einer Nuklearmine, die mit lebenden Hühnern bestückt werden sollte. Ja, mit lebenden Hühnern!

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Dieser Fund hätte manchen sowjetischen Soldaten bei einer Eskalation des Kalten Krieges das Leben kosten können: ein meterhoher, sieben Tonnen schwerer Zylinder aus grünem Metall, von britischen Truppen im deutschen Boden eingegraben. Im Inneren schlummerte ein Plutoniumkern, umgeben von einer Sprengstoffhülle mit Fernzünder - ein Nuklearsprengsatz mit der halben Detonationskraft der Nagasaki-Bombe. Vielleicht hätte der Soldat in den letzten Sekunden seines Lebens vor der gewaltigen Explosion noch Zeit gefunden, sich kurz zu wundern - über das leise Hühnergegacker aus dem Inneren der Atombombe.

Ausgerechnet am 1. April 2004 enthüllte das britische Nationalarchiv jahrzehntelang unter Verschluss gehaltene Pläne zu einer ebenso tödlichen wie absurden Geheimwaffe, an deren Entwicklung das Militär des Vereinigten Königreichs in den Fünfzigerjahren unter dem Codenamen "Blue Peacock" gearbeitet hatte: ein quer durch Deutschland gezogener Minengürtel aus Nuklearsprengsätzen.

Im Fall eines Vorrückens der Sowjetarmee gen Westen sollten sie die russischen Truppen dezimieren und ihre Marschroute großflächig kontaminieren: eine Kette von im Boden vergrabenen, in Seen versenkten oder einfach auf der Erdoberfläche abgestellten Metallcontainern, in denen sich je eine modifizierte "Blue Danube"-Atombombe befand. Und Hühner.
Das klang nach einem Bombenwitz. Doch die Mitteilung des britischen Nationalarchivs war kein Aprilscherz.

Die Geschichte der wohl ungewöhnlichsten Atomwaffe der Geschichte hatte 1954 in der englischen Grafschaft Kent begonnen. Der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion war in vollem Gang, und England fürchtete, im Fall einer Eskalation schutzlos zwischen diesen beiden Fronten dazustehen. Die USA hatten Mittelstreckenraketen, die Sowjetunion Atom-U-Boote und Panzerdivisionen - doch Großbritannien hatte nichts, um den Sowjets Einhalt zu gebieten, falls die britischen Truppen im besetzten Nachkriegsdeutschland zum Rückzug gezwungen wären.

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Projekt Blue Peacock: Gefederte Massenvernichtungswaffe

Wissenschaftler in Fort Halstead, einem Forschungszentrum des britischen Verteidigungsministeriums, sollten für dieses Problem eine Lösung finden. Es war eine radikale: Der leitende Ingenieur der britischen Armee bezeichnete 1955 in einem strategischen Papier Nuklearminen als "besonders geeignet" für diese Aufgabe. Denn "eine fachmännisch angebrachte nukleare Mine", so führte er aus, könne "nicht nur Gebäude in einem großen Gebiet zerstören, sondern auch die feindliche Besetzung des Areals durch Kontamination für lange Zeit unmöglich machen". Dass auch etliche deutsche Zivilisten Opfer der Explosion und der radioaktiven Strahlung geworden wären, schien für ihn kein Grund zur Besorgnis zu sein.

Und so begann am Atomic Weapons Research Establishment (AWE) im nicht weit entfernten Dörfchen Aldermaston wenig später die Arbeit an dem Projekt "Blue Peacock". Natürlich wollte man so wenig öffentliches Aufsehen wie möglich erregen, doch schon die Prototypen der Bombe waren so sperrig, dass Testreihen mit ihnen - ohne Nuklearsprengsatz - nur im Freien möglich waren.

Darum konnten bald Grüppchen von Wissenschaftlern dabei beobachtet werden, wie sie klobige Metallobjekte in eine nahe gelegene Kiesgrube schafften und daran herumfuhrwerkten. Stellte jemand Fragen, was denn da Sonderbares vor sich gehe, gaben die Kernwaffenspezialisten vor, sie erforschten eine nukleare Energiequelle für Truppen im Schlachtfeld, so der "New Scientist" 2003.

Die tödlichsten Hühner der Welt

Die Entwicklungsarbeit ging gut voran, und der technische Aufbau der Bombe wurde immer raffinierter: Mithilfe eines fünf Kilometer langen Drahtfernzünders oder eines mehrtägigen Zeitzünders sollten die von der Britischen Rheinarmee aufgestellten Atomminen im Ernstfall punktgenau hochgehen, wenn die Sowjet-Truppen ihren Standort erreichten. Eine Entschärfung sollte unmöglich sein: Sobald jemand versucht hätte, die scharfe Mine zu bewegen oder zu beschädigen, sobald ihre Hülle geöffnet worden und der Druck in ihrem Inneren gesunken wäre, sollte ein zweiter Timer einsetzen. Zehn Sekunden später wäre anstelle der Bombe nichts weiter als ein Krater von etwa 200 Meter Durchmesser zurückgeblieben.

Dann aber stießen die Forscher des AWE bei ihren Testreihen auf ein Problem, mit dem sie nicht gerechnet hatten: Im kalten mitteleuropäischen Winter konnte die Zündelektronik der Bombe einfrieren und die Nuklearmine völlig nutzlos machen. Also überlegten sie, wie sie die Temperatur in der Bombe über null halten konnten. Eine Heizanlage mit Temperaturfühlern wäre zu aufwendig gewesen, sie brauchten eine simple, aber effektive Lösung. Einer schlug vor, die Bomben einfach in Fiberglas-Kissen einzuwickeln - aber ob das reichen würde, um den Bodenfrost über Tage hinweg abzuhalten?

Schließlich kam ihnen die rettende Idee, wie ein Memo aus dem Jahr 1957 belegt: Wenn man Hühner mit in die Atombombe stecken würde, zusammen mit ausreichend Wasser und Futter, um mehrere Tage zu überleben, dann würde ihre Körperwärme ausreichen, um die Zündelektronik funktionsfähig zu halten. Eine Hühner-Atombombe - so absurd die Idee auch war, sie schien dem Interesse an der Waffe keinen Abbruch zu tun: Im Juli 1957 bestellte die britische Armeeleitung zehn der "Blue Peacock"-Minen.

"Verwirrt und fasziniert"

Doch kurz vor ihrer Realisierung wurde die "Blue Peacock"-Mine eingestampft: Im Februar 1958 verwarf das britische Verteidigungsministerium nach vier Jahren Planungszeit sein exzentrischstes Forschungsprojekt.

Am Ende hatte die Einsicht gesiegt, dass es diplomatisch doch nicht ganz einwandfrei sein könne, in einem alliierten Land Nuklearminen zu vergraben, die bei Einsatz große Teile dieses Landes - und jener ringsum - durch radioaktiven Fallout verseucht hätten.

Zwei Prototypen der Mine waren alles, was von dem ungewöhnlichen Militärprojekt übrig blieb. Eine von ihnen wurde bei einem Test zerstört, die andere ist bis heute in der historischen Sammlung des AWE ausgestellt, wo sie Besucher der Ausstellung laut Kurator David Hawkings gleichermaßen "verwirrt und fasziniert".

Davon abgesehen ist der Plan für eine mit Hühnern gefüllte Atombombe - zum Glück - weitgehend folgenlos an der Welt vorbeigezogen. Mit einer Ausnahme: Allein die "Blue Peacock"-Mine, so erklärte der britische Regierungshistoriker Peter Hennessy 2004 im "Independent", sei es gewesen, die "uns Engländer zur führenden Komikernation in Sachen Atomkrieg gemacht hat".



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