Chiles sozialistisches Internet Die Stunde der Kommunistenmaschine

Planwirtschaft im Cyberspace: Fast zwei Jahrzehnte vor dem World Wide Web schuf ein Engländer im sozialistischen Chile das erste landesweite Computernetz der Geschichte. Das System bewährte sich - dank US-Präsident Nixon.

Von Sascha Reh

CYBERSYN/Cybernetic Synergy

Die Bomben fielen bereits auf den Präsidentenpalast von Chile, als zwei Männer einen Koffer voller Dokumente, Magnetbänder und Lochstreifen aus der vom Militär umstellten Wirtschaftsförderungsbehörde CORFO schmuggelten. Es war der 11. September 1973, und das Militär unter General Pinochet putschte gegen Salvador Allendes sozialistische Regierung.

In deren Auftrag hatten Raúl Espejo und Guillermo Toro, die beiden Flüchtigen, an einer Anlage gearbeitet, die die rechte Propaganda als "Kommunistenmaschine" bezeichnete. Es handelte sich um ein visionäres Computernetzwerk, das die 400 wichtigsten Fabriken des Landes miteinander verband und von einer futuristischen Kommandozentrale aus gesteuert wurde - das Projekt Cybersyn.

Das System war die Schöpfung des englischen Kybernetikers und Unternehmensberaters Stafford Beer, der es in den vorangegangenen zwei Jahren im Auftrag des Wirtschaftsministeriums aufgebaut hatte. "Da war dieser große Engländer mit seinem gewaltigen Bart, immer freundlich, in der einen Hand eine Zigarre, in der anderen ein Glas Whisky, und wann immer ich mit ihm sprach, hatte ich das Gefühl: er spinnt, aber er ist völlig brillant", erinnert sich der technische Leiter der Gruppe, Raúl Espejo.

In der Wirtschaftsförderungsbehörde CORFO war man überzeugt, dass Beers kybernetische Managementprinzipien nicht nur Unternehmen, sondern auch eine ganze Volksökonomie effizienter machen konnten - selbst die eines unterentwickelten Staates wie Chile. Ziel war mitnichten eine Verwaltungswirtschaft nach sowjetischem Vorbild, sondern ein dritter Weg zwischen Plan- und Marktwirtschaft - ähnlich, wie Allende nach seiner Wahl 1970 den imperialen Kapitalismus zurückdrängen wollte, ohne eine kommunistische Diktatur zu errichten.

Chile am Draht

Die Kybernetik erschien ihnen als Mittel der Wahl. Als Lehre von der Steuerung lebendiger und technischer Systeme war sie Ende der fortschrittsgläubigen Sechzigerjahre zu einer Art Universalwissenschaft geworden, besonders in Fragen des Zusammenwirkens von Mensch und Maschine.

Chile brauchte in besonderer Weise einen fähigen Steuermann (griechisch: kybernétes), denn die Bevölkerung war tief gespalten. Allendes sozialistische Reformen hatten zwar die Besitzlosen und Arbeiter begünstigt, doch die konservative Opposition wehrte sich erbittert gegen den Verlust ihrer Privilegien. Großgrundbesitzer und Unternehmer, die eng mit US-Investoren kooperierten, bekamen in ihrem Widerstand Rückendeckung von der US-Regierung. Die unterstützte nicht nur die rechtsgerichtete Presse, sondern auch die paramilitärische Organisation Patria y Libertad. Ein Kreditstopp der Weltbank sowie die Devisenschwäche seiner Wirtschaft zwangen Allende schließlich dazu, die Staatsausgaben auf ein Minimum zurückzufahren.

In dieser Situation bekam Beer den Auftrag, für Effizienzsteigerung zu sorgen. "Die Wirtschaftsleistung eines Staates mithilfe von Statistiken einzuschätzen, ist ungefähr so, als wolle man einen Zug mit dem Fahrplan vom letzten Jahr erreichen", pflegte er zu sagen. Er wollte stattdessen die Produktion in Echtzeit kontrollieren. In den wichtigsten verstaatlichten Fabriken Chiles sollte ein Computer installiert werden, in den die aktuellen Zahlen eingegeben werden konnten, von der Kapazität und Auslastung über Rohstoff- und Energiebedarf bis zum Krankenstand der Arbeiter. Diese Daten sollten über Telefonleitungen an einen Zentralrechner im Präsidentenpalast übermittelt werden und dessen Software Cyberstride sollte sie in Beziehung zueinander setzen. Ähnlich einem Schmerzsignal würde das Programm Alarm schlagen, sobald Sollwerte nicht eingehalten wurden. Unterschritten etwa die Vorräte an Kohle oder Öl einen Mindestwert, würde automatisch dort nachbestellt, wo die Lagerbestände am größten waren.

Beer ließ sich vom deutschen Industriedesigner Gui Bonsiepe, der zufällig als Entwicklungshelfer im Land war, einen Entwurf für das Herzstück seiner "Decision Machine" anfertigen: Den "Opsroom". Nach dem Vorbild militärischer Einsatzzentralen sollten hier sowohl die Produktionsdaten der Fabriken zusammenlaufen als auch strategische Entscheidungen mithilfe von Zukunftssimulationen getroffen werden.

Nicht Science Fiction, sondern Science Fact

So ambitioniert ihre Entwürfe auch waren: Beer und seinen Mitstreitern wurden reichlich Steine in den Weg gelegt. "Wir hatten so gut wie kein Geld und kaum Material", erinnert sich Bonsiepe, "also mussten wir improvisieren." Die Regierung verfügte nur über eine Handvoll Großrechner, sodass das Team für sein landesweites Netzwerk auf Fernschreiber zurückgreifen musste. Da Beer alle Informationen grafisch darstellen wollte, mussten die Produktionsdaten mittels Bastelkarton zu Diagrammen verarbeitet und abfotografiert werden, um die Dias von hinten auf die Bildschirme projizieren zu können. Allerdings gab es in ganz Santiago kein Entwicklungslabor für Farbdias.

Unter solchen Bedingungen überrascht es kaum, dass Allendes Kabinett dem Projekt skeptisch bis verständnislos gegenüberstand. Und obwohl die meisten Arbeiter auf Allendes Seite waren, hielt sich ihre Bereitschaft, sich einem Computerprogramm in der weit entfernten Hauptstadt unterzuordnen, in Grenzen.

Das Umdenken kam erst mit der Krise: Nach der Niederlage im Vietnamkrieg wollten die USA unter Nixon und Kissinger einen zweiten kommunistischen Brückenkopf in Lateinamerika neben Kuba unbedingt verhindern. Als im Oktober 1972 der mächtige Verband der Transportunternehmer zu einem landesweiten Streik aufrief, um Allendes Regierung zu Fall zu bringen, füllte die CIA die Streikkassen. Innerhalb weniger Tage brach die Versorgung des Landes zusammen, Schwarzmarktpreise explodierten, Aufstand und Bürgerkrieg drohten.

Flucht unter Lebensgefahr

Nun schlug die Stunde von Cybersyn. Über das Netzwerk wurden Nachschub- und Ersatzteillieferungen, regierungstreue Transportfahrer und Fachkräfte, ja sogar Lebensmittel organisiert und verteilt, wodurch die Auswirkungen des Streiks für die Bevölkerung spürbar eingedämmt wurden. Plötzlich beteiligten sich auch die zuvor unwilligen Arbeiter, die nun erkannten, dass das System half, die besetzten Fabriken in Eigenregie am Laufen zu halten. Wochenlang harrte Beers Team in der stickigen Einsatzzentrale des CORFO aus, in dem ein Dutzend Fernschreiber Tag und Nacht infernalische Hitze und Lärm produzierten. Das System verhinderte, dass die Regierung unter dem Streik zusammenbrach, und verschaffte Allende Zeit, sein Kabinett umzubilden und sich so den Rückhalt des Militärs zu sichern.

Kein Jahr später allerdings kam es zu einem noch größeren Streik. Ein weiterer Kabinettswechsel brachte General Augusto Pinochet an die Spitze des Militärs, der seinen Eid auf die Verfassung schwor und drei Wochen später den Regierungspalast bombardieren ließ. "Ich werde nicht zurücktreten", sagte Allende in seiner letzten Rede, die live im Radio übertragen wurde. "Vor eine historische Situation gestellt, werde ich meine Loyalität gegenüber dem Volk mit meinem Leben bezahlen!" Und so kam es - Allende, der sich verbarrikadiert hatte, nahm sich in seinem Amtszimmer das Leben.

Raúl Espejo und seinem Assistenten Guillermo Toro jedoch gelang auf vielen Umwegen und unter Todesgefahr die Flucht aus dem CORFO: "Als ein paar Carabineri uns stellten", erinnert sich Espejo, "konnten wir nur deshalb entkommen, weil andere Soldaten sie erschossen, wir wussten nicht, wieso. Es war Chaos."

Dieses Chaos erfasste schließlich das ganze Land: Während der folgenden Jahre versank Chile nicht nur in einer blutigen Diktatur, die Tausende Opfer forderte, sondern wurde einem weiteren Wirtschaftsexperiment unterworfen, das als neoliberale "Schocktherapie" bekannt wurde und noch heute nachwirkt.

Sascha Reh stieß bereits während seines Studiums auf das Projekt Cybersyn und reiste 2013 nach Chile, um dort mit den früheren Teammitgliedern zu sprechen. Sein dritter Roman "Gegen die Zeit", der aus dieser Recherche entstand, erscheint am 4. August bei Schöffling & Co.



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Mario Veygel, 01.06.2015
1. Traurige Wahrheit
die Interventionen der USA haben schon zig Länder ruiniert und unzählige Menschen das Leben gekostet. Dass ein solch ambitioniertes Projekt nicht mehr Aufmerksamkeit erfahren hat...
Rolanda Bartha, 01.06.2015
2. Es wäre der Beweis gewesen
dass auch eine sozialistische Gesellschaft unter Planbedingungen hätte funktionieren können. Ein Albtraum für Amerikas Großkapitalisten. Daher musste Allende sterben. So geht und ging es Allen, die sich dem amerikanischen militärisch-industriellen Komplex in den Weg stellen. Ein Lehrbeispiel für die Betrachtung der aktuellen Konflikte. Und wehe uns, sie schaffen es tatsächlich irgendwann. Dann werden alle Anderen Sklaven oder Begünstigte.
Achim Lippmann, 01.06.2015
3. sozialistische Kreativitaet
auch die DDR hatte fruehzeitig die Bedeutung der Kybernetik erkannt und versuchte, praxisreife Loesungen zu entwickeln. Gestoppt wurde es unter Honnecker, der mit Brezhnev s Hilfe die Macht uebernahm. Der eine war der Totengraeber des sowjetischen und der zweite des DDR-Sozialismus.
Manfred Broghammer, 01.06.2015
4. IBM Mainframe
Hat der Author jemals auf einer IBM 360/50 gearbeitet ? Wie könnte er sonst einen solchen Schwachsinn erzählen. Ich wäre froh, noch ein solches System zur Verfügung zu haben.
Ronald Lohse, 01.06.2015
5. Nachwirkungen?
Die Nachwirkungen der "neoliberalen Schocktherapie" bestehen darin, dass Chile heute das höchste Pro-Kopf-Einkommen aller Staaten Südamerikas hat.
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