Prominente Dopingfälle Star, Skandal - und dann?

Prominente Dopingfälle: Star, Skandal - und dann? Fotos
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Schuldig! Was man jahrelang ahnte, steht jetzt fest: Jan Ullrich war gedopt. Doch wie geht es nun weiter für den Radhelden a.D.? einestages blickt zurück auf die tragischen Schicksale anderer prominenter Dopingfälle. Was wurde aus Katrin Krabbe, Ben Johnson oder Dieter Baumann? Von

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Katrin Krabbes große Karriere beginnt mit ein bisschen Misstrauen und sehr viel Rückenwind. An einem Frühlingstag 1988 schiebt der die 18-Jährige über die Laufbahn eines Ostberliner Leichtathletik-Sportfests. Nach 100 Metern stoppt die Uhr bei 10,89 Sekunden. Juniorenweltrekord. Krabbe ist jetzt das schnellste Mädchen der Welt. Weil sie eine Sekunde schneller ist als noch im Jahr zuvor, mischt sich in den Jubel über das Lauftalent auch eine Spur Skepsis.

Ein Jahr später läuft Katrin Krabbe wieder 10,89 Sekunden, nur diesmal ist die Bühne größer: Noch für die DDR holt sie im September in Split den EM-Titel über 100 Meter, über 200 Meter gelingt ihr das gleiche. Katrin Krabbe ist 19, Doppeleuropameisterin und die schnellste Frau des Kontinents. Die Wiedervereinigung steht kurz bevor - die große Blonde aus dem Osten ist auf dem Weg zum gesamtdeutschen Sportstar.

Am 27. August 1991 - in Tokio ist es 18.21 Uhr - wird Katrin Krabbe Weltmeisterin über 100 Meter. Sie läuft 10,99 Sekunden, bei viel Gegenwind, 3,0 Meter pro Sekunde. 10,60 hätte sie wohl unter normalen Bedingungen laufen können, eine unfassbare Zeit. Sie gewinnt auch die 200 Meter. Krabbe ist 20, Doppelweltmeisterin und die schnellste Frau der Welt. Man nennt sie ehrfurchtsvoll die "Grace Kelly der Leichtathletik", passend dazu steht im Jahrbuch des deutschen Leichtathletik-Verbands: "Auf dem Schiff von Modeschöpfer Pierre Cardin schaukelte Katrin mit dem monegassischen (Geld-)Adel von Monte Carlo nach St. Tropez."

Diese eine schmutzige Affäre

Drei Jahre lagen zwischen dem Sportfest in Ost-Berlin und dem Jubel in Tokio. Ein rasend schneller Aufstieg, aber das passte zu Katrin Krabbe. Die Skepsis war zwar immer mitgelaufen, aber Krabbe schien schneller zu sein. Bis zum 15. Februar 1992.

An jenem Samstag vor zwanzig Jahren sorgte die schnellste Frau der Welt für die größte Schlagzeile ihres Lebens. Der Deutsche Leichtathletik-Verband DLV suspendierte die Vorzeigeläuferin, zusammen mit ihren Trainingskolleginnen Grit Breuer und Silke Möller. Das DLV-Präsidium hielt es für erwiesen, dass die Sportlerinnen ihre Dopingproben manipuliert hatten. Manipulation! Aus der Skepsis schien Gewissheit geworden zu sein, auch wenn Krabbe und Co. ihre Unschuld beteuerten.

Nur einmal hat es in Deutschland ähnlich viel Aufregung um einen Dopingverdacht gegeben wie bei Katrin Krabbe. Das war im Juli 2006, als der deutsche Radsport-Heros Jan Ullrich, einziger Tour-de-France-Sieger made in Germany, kurz vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt ausgeschlossen wurde. Ullrich wurde vorgeworfen, Kunde des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen zu sein, was der Radfahrer bestritt. Der internationale Sportgerichtshof Cas sprach ihn am Donnerstag schuldig. Nach sechs Jahren darf Ullrich offiziell als Dopingsünder bezeichnet werden.

Eine mysteriöse Verletzung, dann die Wahrheit

Im Gegensatz zu Jan Ullrich wurde Katrin Krabbe nie von einem Sportgericht verurteilt. Gebremst hat das Krabbes Abstieg nicht. Wie bei Ullrich verbindet man mit ihr heute nicht mehr ihre sportlichen Leistungen, sondern diese eine schmutzige Affäre, die fünf Monate nach Krabbes größtem Erfolg ihren Anfang nahm.

24. Januar 1992: Im Trainingslager in Stellenbosch, Südafrika, werden bei Krabbe, Breuer und Silke Möller Dopingproben genommen. Diese werden ins Labor des Kölner Doping-Experte Manfred Donike geschickt - und der stellt fest, dass die Proben von ein und derselben Person stammen. Außerdem wird nach Donikes Untersuchungen klar: Der Urin ist identisch mit Harnproben, die sechs Monate zuvor von der Trainingsgruppe um Krabbe in Zinnowitz abgegeben wurden.

1. Februar 1992: Krabbe sagt ihren Start beim Hallen-Meeting in Berlin ab. Begründung ist eine angebliche Knöchelverletzung. Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Krabbe, Breuer und Möller sind wegen der identischen A-Proben durch den DLV am Tag zuvor suspendiert worden.

8. Februar 1992: Die Anwälte von Krabbe und Breuer erwirken eine einstweilige Verfügung gegen die vorläufige Suspendierung. Am Tag danach wird Katrin Krabbe Deutsche Hallenmeisterin über 60 Meter, Grit Breuer gewinnt über 200 Meter. Dopingforscher Donike bestätigt öffentlich: Die Proben wiesen "eine vollständige Identität des Urins auf, als käme er von nur einer Person".

Eine Woche später dann die Entscheidung des DLV-Präsidiums: Krabbe, Breuer und Möller bleiben suspendiert. In den folgenden Wochen sind es vor allem Rechercheure des SPIEGEL, die Licht in den mysteriösen Fall bringen. Es geht um den "Steroid-Quotienten", der sich bei Krabbe auffällig verändert. Es geht um die Marke der benutzten Anti-Baby-Pille, die offenbar eine Rolle spielt. Und es geht um ein Malariamittel, das Hinweise auf den Ort der Urinabgabe gibt: Stellenbosch, Südafrika.

Die These des Dopingforschers Manfred Donike sieht am Ende so aus: Der Urin stamme von einer Frau, die in Südafrika war, aber offenbar weder von Krabbe, Breuer, Möller noch von deren Trainingspartnerin Manuela Derr. "Nach Aktenlage ist als allzeit bereite Urinspenderin jetzt nur noch eine weibliche Person, auf die alle Verdachtsmomente zutreffen, erkennbar: Conny Springstein, die Frau des Krabbe-Trainers Thomas Springstein, die in Stellenbosch ebenfalls dabei war", schreibt der SPIEGEL am 13. April 1992.

1,2 Millionen D-Mark Schadensersatz

Katrin Krabbe ist da bereits vom Sportgericht freigesprochen. Verfahrensfehler sind Schuld. Sie läuft wieder, aber sie läuft hinterher. Im Juli findet man in ihrem Urin Spuren des Kälbermastmittels Clenbuterol, ebenso bei Grit Breuer. Krabbe wird wegen Medikamentenmissbrauchs für ein Jahr gesperrt, weil Clenbuterol damals noch nicht auf der Dopingliste steht. Der Internationale Leichtathletikverband verlängert die Sperre um zwei Jahre. Krabbes Karriere ist engültig zu Ende. Sie ist 22 Jahre alt.

Insgesamt neun Jahre kämpft Krabbe gegen den Internationalen Leichtathletik-Verband um Schadensersatz, eine lange Strecke für eine ehemalige Sprinterin. 2001 bekommt sie Recht: Die Sperre sei zu lang gewesen und habe damit gegen das Grundrecht auf Berufsfreiheit verstoßen, urteilt das Landgericht München. 1,2 Millionen D-Mark bekommt Krabbe, die mittlerweile ein Sportgeschäft führt, zugesprochen.

2008 dann die letzte Verurteilung - diesmal wegen Steuerhinterziehung. Sie hatte vergessen, die Millionensumme beim Finanzamt anzugeben. Ein Jahr später meldet sie Privatinsolvenz an. Katrin Krabbe arbeitet jetzt in einem Autohaus in Neubrandenburg, ihrer Heimatstadt. Sie bereue nichts, sagte sie 2009 der "Sport Bild" in einem Interview. "Ich bin zufrieden, wenn ich zurückgucke. Man darf sich nicht zerfleischen. Ich lebe."

einestages über die Höhepunkte prominenter Sportler, ihren Absturz - und die Karriere nach dem Tiefpunkt.

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1.
Sigrid Kowollik 10.02.2012
Der Skandal ist: Jeder weiß, dass Doping Gang und Gäbe ist. Jeder entrüstet sich scheinheilig. Im Sport-Business gibt es einen Wettlauf zwischen Pharma-Industrie-Zweigen, die immer neue Doping-Mittel entwickelt und Pharma-Industrie-Zweigen, die Prüfmethoden für den Doping-Nachweis entwickelt. Ein Riesengeschäft! Die aktiven Sportler sind Bumänner und Leidtragende.
2.
Stephan Dunkel 11.02.2012
In Bild 5 ist im Hintergrund übrigens Rainer Calmund zu sehen, der scheinbar vom Kaffeetrinken mit Grit Breuer kommt
3.
Arnd Wegner 11.02.2012
Was ist denn da tragisch? Betrogen, erwischt, bestraft. Die sollen froh sein, dass sie meistens nicht wie andere Betrueger im Gefaengnis landen. Mitleid kommt da keines auf.
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