Prominente Schaufensterpuppe Gips ja gar nicht!

Prominente Schaufensterpuppe: Gips ja gar nicht! Fotos
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Sie war New Yorks größtes It-Girl - und eine Schaufensterpuppe: In den dreißiger Jahren eroberte Cynthia die Herzen der Amerikaner im Sturm. Die Schönheit aus Gips hatte nicht nur eine eigene Zeitungskolumne und moderierte eine Radioshow, sie rettete sogar ihrem Schöpfer das Leben. Von

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Ihre Eleganz und ihr Stil raubten New York den Atem: Im Juli 1937 prangte auf dem Cover der "Life" das Gesicht einer unbekannten New Yorker Schönheit, die schon bald zur High Society gehören sollte. Makelloser Teint, grazile Nase, sanft geschwungene Lippen und ein Blick, so mysteriös wie verheißungsvoll - kein Wunder, dass die Redaktion die Namenlose kurzerhand "Grace" (Anmut) genannt hatte.

Wenig später, am 13. Dezember, enthüllte "Life" die wahre Identität der Schönen. "Grace" hieß in Wirklichkeit Cynthia und wohnte mit einem Künstler namens Lester Gaba in einem luxuriösen Apartment am Gramercy Park. Eine Fotostrecke zeigte den Alltag des Paares: morgens Brunch mit befreundeten Schriftstellern und Malern. Mittags Besuch beim Stylisten auf der Fifth Avenue, der Cynthias blonde Locken wieder in Form brachte. Und am Abend, nach einer Vorstellung von "Madame Bovary" im Broadhurst Theater, eine romantische Kutschfahrt nach Hause - wo Lester seine Lebensgefährtin in sieben Stücke zerteilte und diese fest in einem Sack verschnürte.

Denn Cynthia war keine Frau, sondern nur eine Schaufensterpuppe aus Gips, die ihr exzentrischer Schöpfer Gaba mit sich durch die Stadt zu tragen pflegte. Doch obwohl sie kein echter Mensch war, wurde sie ein echter Star: ein Fotomodel, eine Kolumnistin, Radiomoderatorin und Liebling der New Yorker Schickeria. Bis ihre Karriere im Schönheitssalon einer Kleinstadt ein tragisches Ende fand.

Die Erfindung der "Gaba Girls"

Alles wäre anders gekommen, wäre da nicht dieser Seifenschnitzwettbewerb gewesen: 1917 lebte der zehnjährige Lester Gaba noch im verschlafenen Nest Hannibal in Missouri, wo seine Eltern einen Gemischtwarenladen betrieben. Eines Tages hörte er von einem Preisausschreiben: Der Seifenhersteller Procter & Gamble suchte die schönste, aus einem Stück Seife gefertigte Skulptur. Das Material war billig, und so verbrachte der kleine Lester Stunden damit, winzige, filigrane Seifenfiguren zu schnitzen. Einen Preis gewann er zwar nicht - aber er hatte eine Eingebung: Als Erwachsener wollte er Künstler werden.

Und so entschied er 1930, nicht den Laden der Eltern weiterzuführen, sondern zum Kunststudium nach Chicago zu ziehen. Finanziell hielt er sich über Wasser, indem er aus Seife Figuren für Werbeplakate des "Balaban and Katz"-Theaters schnitzte. Die Figuren waren so meisterhaft gestaltet, dass auch Zeitschriften sie bald zeigten. Sogar eine von Gaba gestaltete Kinderseifenserie kam bald auf den Markt. Von diesem Erfolg ermutigt, warf er sein Studium hin und zog 1932 nach New York, um als Seifenbildhauer berühmt zu werden.

Doch mit Seife war dort kein Geld zu machen. Dafür konnte Gaba sein Gestaltungstalent anders nutzen: Gerade wurden die bisher üblichen, unförmigen Wachspuppen in den Schaufenstern der Modeboutiquen entlang der Fifth Avenue ersetzt durch neue Gipsfiguren, detailgetreue Nachbildungen echter Menschen. Nur wenige fertigten bisher diese Puppen an, und Gaba witterte seine Chance. Er schuf die "Gaba Girls", lebensgroße Schaufensterfiguren nach dem Vorbild prominenter Damen - und verdiente gut damit: 150 Dollar brachte jede Figur.

Einladung vom König Englands

Sein Prunkstück wurde ein Puppenmodell, das er 1936 für das New Yorker Luxuskaufhaus Saks Fifth Avenue anfertigte. Er baute sie nach dem Vorbild eines ehemaligen Models namens Cynthia, das aus der Branche ausgestiegen war, um einen reichen Verehrer zu heiraten. Gaba erklärte stolz, seine Puppe sei kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden, denn er hatte sie mit menschlichen Makeln ausgestattet. So hatte sie etwa leichte Sichelfüße, links Schuhgröße 6,5, rechts 7, und angedeutete Sommersprossen überzogen ihre Haut.

Für ein Leben nur im Schaufenster schien Cynthia fast zu schade. Und so führte Gaba seine Schöpfung zum Scherz in festlicher Abendgarderobe aus: auf private Feiern, in die Oper oder in exklusive Nachtclubs wie das "El Morocco". Dabei behandelte er sie wie einen echten Menschen. Versuchten andere Gäste scherzhaft, seine stumme Begleiterin in ein Gespräch zu verwickeln, entschuldigte Gaba sie damit, sie habe gerade infolge einer Kehlkopfentzündung die Stimme verloren. Schnell wurden der exzentrische Künstler und seine Begleitung zum Gesprächsthema der Stadt. Bis schließlich 1937 das "Life"-Magazin auf sie aufmerksam wurde und das ungleiche Paar landesweit bekannt machte.

Über Nacht wurde Cynthia zum It-Girl: Kolumnisten schrieben über sie, als wäre sie aus Fleisch und Blut. Modemacher schenkten ihr Kleider und Pelze, damit sie sie auf Partys trug, Luxusjuweliere wie Cartier und Tiffany schickten ihr Schmuck, und die französische Modedesignerin Lilly Daché entwarf Hüte für sie. Cynthia bekam ein Logen-Abo der Metropolitan Opera - und die Luxusboutique Saks Fifth Avenue spendierte ihr sogar eine eigene Kreditkarte.

Bald hatte die Puppe nicht nur ihre eigene Zeitungskolumne und eine Radiosendung, in der Gaba mit verstellter Stimme für sie sprach, sondern trat auch an der Seite von Starkomiker Jack Benny im Kinofilm "Artists and Models Abroad" auf. In Gabas Apartment gingen Tonnen von Fanpost für seine Mitbewohnerin ein. Die New Yorker liebten ihren neuen Star - und nicht nur die: 1937 wurde Cynthia als "Freundin der Braut" eingeladen auf die Hochzeit von Wallis Simpson mit dem ehemaligen britischen König Edward VIII.

Der Sturz des Stars

Cynthia verdankte Gaba alles und revanchierte sich - indem sie ihm das Leben rettete: Am Ostersonntag 1937 waren ein junges Model, ihre Mutter und deren Untermieter in ihrer Wohnung in der New Yorker East Side ermordet worden. Am Tatort hatte der Mörder das detailgetreu nachgebildete Gesicht des Models hinterlassen, geschnitzt aus einem Stück Seife. Als berühmter Seifenschnitzer, der zudem in der Modewelt verkehrte, stand Gaba unter Mordverdacht. Doch Cynthia bewahrte ihn vor dem elektrischen Stuhl: Denn sie und er hatten zum Tatzeitpunkt die New Yorker Osterparade besucht. Und natürlich war sie - und damit auch er - auf etlichen Fotos festgehalten worden, die Gaba nun entlasteten.

Aber schon bald stand das berühmte Paar vor einem neuen Problem: Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Gaba zur Armee eingezogen. Er schickte Cynthia nach Hannibal, in die Obhut seiner Mutter - und bestand darauf, dass sie auch dort wie ein Star zu behandeln sei. Also musste seine Mutter die schwere Puppe regelmäßig zur Körperpflege in den örtlichen Schönheitssalon tragen. Bei einem dieser Besuche passierte es dann: Cynthia rutschte vom Stuhl, stürzte zu Boden - und zersprang in Hunderte Stücke.

Mit ihr zerbrach für Gaba eine Welt. Als er von dem Unglück erfuhr, war er so zerrüttet, dass die Armee ihm Sonderurlaub für einen Todesfall genehmigte und er nach Hannibal zu seiner "verstorbenen" Puppe reisen konnte. Die Zeitungen berichteten über Cynthias Ende, als wäre eine echte Prominente verschieden, und Amerika nahm Abschied von seinem vielleicht seltsamsten Star.

Gabas geheime Liebe

Allein Gaba konnte nicht loslassen. Aus Cynthias Gussform ließ er eine neue, verbesserte Puppe herstellen. Wie die "New York Times" im Mai 2010 berichtete, investierte er 10.000 Dollar allein in einen komplizierten Mechanismus mit Drahtseilen, mit dem sich ihr Mund bewegen ließ. Mit dieser Konstruktion sollte das Comeback glücken: 1953 startete Cynthias eigene TV-Show, in der sie mit Gabas Fistelstimme witzige Kommentare zum Weltgeschehen gab. Doch sosehr ihr Schöpfer auch an Cynthia festhielt - Amerika hatte genug von ihr. Schon nach kurzer Zeit wurde die Sendung abgesetzt. Schweren Herzens mottete er seine Puppe auf einem Dachboden in Greenwich Village ein.

Auch wenn es scheinen mag, als hätte sich Gaba krampfhaft an Cynthias Ruhm geklammert - wahrscheinlich war der wahre Grund für sein Beharren, dass er einfach niemand anderen hatte: Die Beziehung zu seiner wahren Liebe, dem Regisseur Vincente Minnelli - dem späteren Vater von Liza Minelli -, hatte er geheimhalten müssen. In einer Zeit, in der Homosexualität in den USA noch per Gesetz verboten war, schien die Öffentlichkeit eher bereit zu sein zu akzeptieren, dass Gaba mit einer Plastikpuppe zusammenlebte als mit einem anderen Mann. 1940 hatte Minelli dann ein Angebot in Hollywood bekommen und war aus New York fortgezogen. Gaba war zurückgeblieben, allein - bis auf Cynthia. Und nun hatte er auch sie verloren.

Er zog sich von seinen Mitmenschen zurück und konzentrierte sich völlig auf seine Arbeit: So schrieb er eine wöchentliche Kolumne für die "Women's Wear Daily" und das Buch "The Art of Visual Display", eines der ersten Standardwerke zu professioneller Schaufenstergestaltung. Noch in hohem Alter lehrte er als Professor am Laboratory Institute of Merchandising in Manhattan, bis er schließlich am 12. August 1987 im Alter von 80 Jahren einem Krebsleiden erlag.

Zwei Tage später ehrte die "New York Times" den Werbegestalter Lester Gaba ein letztes Mal und erinnerte auch an seine Schöpfung Cynthia. Der Nachruf schloss mit den Worten: "Es gibt keine Hinterbliebenen." Nur eine verstaubte Puppe auf einem Dachboden in Greenwich Village.

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Bernd Reitzler, 04.06.2012
Anerkennung für ihre schauspielerischen Leistungen erhielt sie u.a. für "Zeugin der Anklage" (1957) unter der Regie von Billy Wilder und für "Das Urteil von Nürnberg" (1961) an der Seite von Spencer Tracy. Nach den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film "Schöner Gigolo, armer Gigolo" (1978) beendete sie ihre Karriere aus gesundheitlichen Gründen. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1992 lebte sie zurückgezogen in ihrer Pariser Wohnung.
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