Propaganda Klassenkampf per Kartoffelkäfer

Erinnern Sie sich auch an all die kleinen und großen Absurditäten, die leicht und schwer erkennbaren Unwahrheiten, Dummheiten und bewusst falschen Nachrichten, die zu DDR-Zeiten in der Schule, im Betrieb, in der Presse verbreitet wurden? Zeitzeuge Rainer Schinzel hat sich einige skurrile bis abstruse Beispiele notiert - kennen Sie noch mehr?


Karl-Eduard von Schnitzler war der bekannteste "Märchenerzähler" der DDR, aber auch außer dem "Schwarzen Kanal" gab es unzählige Möglichkeiten, aus Weiß Schwarz zu machen. In der Grundschule, gegen Ende der fünfziger Jahre, verkündete uns etwa ein Lehrer:

"Wenn wir den Kommunismus erreicht haben, wird das Geld abgeschafft werden. Alles gibt es dann im Überfluss, jeder nimmt sich aber nur, was er braucht, seinen Bedürfnissen entsprechend. Anfang der sechziger Jahre wird es soweit sein."

Als ich davon zu Hause berichtete, sagte mein Vater nur lakonisch: "Kein Geld habe ich jetzt schon, da brauche ich nicht erst auf die Abschaffung durch den Kommunismus zu warten."

Die Mär vom klassenkämpfenden Kartoffelkäfer

Vielen bekannt sein dürfte die Kartoffelkäferlegende. Nach dem Krieg gab es Kartoffelkäferplagen, als Schüler wurden wir deshalb zum Einsammeln der ekligen Viecher, Käfer wie Larven, auf die Felder entsandt. Die Amerikaner hätten die Kartoffelkäfer aus Flugzeugen abgeworfen, um die sozialistische Landwirtschaft zu schädigen, erzählten uns die Lehrer.

Ob sie dies selbst glaubten, erzählten sie uns nicht. Amerikanische Flugzeuge hatten wir nie wahrgenommen.

Revanche per Schlager

Als noch unbekannter Journalist und Agitator tourte Karl-Eduard von Schnitzler in den frühen Jahren der DDR durch Bildungseinrichtungen, ausgestattet mit Tonbandgerät. Ich erinnere einen Vortrag von "Sudel-Ede" - den Namen erhielt er erst später - an unserer Oberschule in Thüringen zu Anfang der sechziger Jahre. Dort spielte Schnitzler uns Schülern Westschlager vor und interpretierte deren Texte. Die Veranstaltung war sehr beliebt und hatte allein schon deswegen viel Zulauf, weil das Hören westlicher Rundfunksender ansonsten verboten war. Bei Karl-Eduard durfte man sozusagen "offiziell" zuhören, musste sich aber anschließend belehren lassen, dass ein zu jener Zeit äußerst beliebter Schlager von einem Sänger namens Ivo Robic mit dem Titel "Morgen" zutiefst revanchistisch sei. Wer zu erkennen gab, dass ihm die Schlager bekannt waren, hatte sich selbst ein Problem bereitet.

Der Text ging so:

"Morgen, morgen

Morgen, morgen, lacht uns wieder das Glück.

Gestern, gestern, liegt schon so weit zurück,

war es auch eine schöne, schöne Zeit.

Morgen, morgen, sind wir wieder dabei,

gestern, gestern, ist uns heut' einerlei,

war es auch eine schöne, schöne Zeit.

sind wir heut' auch arm und klein,

sind wir heut' auch ohne Sonnenschein,

sind wir heut' auch noch allein,

aber morgen, morgen, morgen, morgen, morgen.

Morgen, morgen, lacht uns wieder das Glück,

morgen, morgen, kommt die schöne Zeit zu uns zurück.

sind wir heut' auch arm und klein,

sind wir heut' auch ohne Sonnenschein,

sind wir heut' auch noch allein,

aber morgen, morgen, morgen, morgen, morgen.

Morgen, morgen, wird das alles vergeh'n,

morgen, morgen, wird das Leben endlich wieder schön"

So enthüllten laut Karl-Eduard die "Bonner Ultras" ihre wahren Absichten. Dieses mit Schlagern und Textbeispielen untermalte Referat des Karl-Eduard hat uns Jugendlichen viel Freude bereitet, nebst Staunen, was man in Schlagertexte hineininterpretieren oder herauslesen konnte...

Zum Thema Volksverdummung gehörten auch von der DDR betriebene Rundfunksender wie der "Deutsche Freiheitssender 904", der angeblich "einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht", oder der "Deutsche Soldatensender", der die Bundeswehrsoldaten beeinflussen sollte. Der Standort dieser beiden Sender war bei Magdeburg, das war uns Schülern damals bekannt. Der Empfang war uns trotzdem verboten und unsere Lehrer mussten erhebliche ideologische Verrenkungen vollziehen, um uns zu erklären, warum man denn den "Deutsche Freiheitssender" nicht hören dürfe, da dieser doch "fortschrittlich" sei und auf der "richtigen" Seite" stünde.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Michael Schnickers, 26.10.2007
1.
Sehr gutes thema! Bitte mehr davon! auch vergleichende Propaganda.
Rainer Schinzel, 26.10.2007
2.
Hallo, Herr Schnickers, zur vergleichenden Propaganda ein Hinweis: Die DDR unterm Lügenberg von Ralph Hartmann, DDR-Botschafter a.D. im Ossietzky Verlag Hannover, 2007 erschienen. "Hier wird in 10 Kapiteln zu den wichtigsten Lügen in dieser Gesellschaft über die DDR Position bezogen. Hier werden die Lügen entlarvt und mit vielen Beispielen, Fakten und Zahlen argumentiert." Ich habe es noch nicht gelesen, werde es mir mal besorgen, Trotzkis Ausspruch im Hinterkopf: "Vielleicht kann ich die Wahrheit finden, indem ich die Lügen vergleiche." - Leo Trotzki 1925 während eines Schauprozesses
Redaktion einestages, 31.10.2007
3.
hallo! funktioniert das hier überhaupt???
Ulrich Berger, 21.12.2007
4.
Es war, glaube ich, in der 7. oder 8. Klasse, da ging es im "Staatsbürgerkunde"-Unterricht um die Rolle West-Berlins als "Pfahl im Fleische" der DDR (Spionage, Westradio/TV etc.). Da fragte ein Mitschüler ganz naiv: "Ja könnten wir die nicht einfach blockieren, also keine Nahrungsmittel etc. mehr durchlassen?" Von der wirklichen Blockade 1948 wussten wir ja nichts. Da sagte der Lehrer ohne mit der Wimper zu zucken: "Das würden Sozialisten NIEMALS tun, weil wir ja vor allem den West-Berliner Arbeitern - den 'Klassengenossen' - schaden würden!" Ich werde das nie vergessen.
jörg neubauer, 23.12.2007
5.
Übrigens das Thema Kartoffelkäfer kenne ich auch habe diesen auch jagen müssen. Übrigens ameriknische,englische oder französische flugzeuge ,nämlich die der Siegermächte des 2.Weltkrieges konnte man schon hoch oben am Himmel ihre Bahn ziehen sehen.Für diese Maschinen wurde eigens ein 30 km breiter Luftkorridor durch die Sowjets zur Verfügung gestellt.In diesem Zusammenhang ist mir eine Sache in Erinnerung gebieben. Mein Vater kam eines Tages zu uns Kinder und zeigte uns ein rosafarbenes A5 Blatt. Es war ein sogenanntes "Hetzblatt" der Amis--so seine Aussage. Der Inhalt dieses Flugblattes ist mir leider nicht mehr geläufig.Es muss sich aber um tief unter der Gürtellinie gehendes verfasstes Pamphlet gehandelt haben. Wir Kinder bekamen nun den Auftrag die weit verstreuten Exemplare einzusammeln und sie den anwesenden Eltern übergeben. Da der sich der Luftkorridor auch über meine Heimatstadt Eisleben befand und wir Kinder dies auch wussten--hatte man natürlich den Amis die Schuld in die Schuhe geschoben. Was wirklich an der Sache dran war hab ich nie erfahren
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