Propagandabilder der Wehrmacht Waffenspaziergang gen Russland

Soldaten auf Kamelen, beim Pilzeputzen, in der Sauna: Mit ihren Fotos von der Front ließen Hitlers Propagandakompanien den Überfall auf die Sowjetunion aussehen wie einen Abenteuerurlaub. Bisher unbekannte Bilder zeigen das "Unternehmen Barbarossa" als beschauliche Ouvertüre des Schreckens.

Archiv Berliner Verlag

Von


Später wurde diese Geschichte nur noch von ihrem Ende her erzählt. Von Stalingrad. Von den vielen Toten. Dem Hunger und der Eiseskälte, dem Leid und der Brutalität. Dem angstvollen Ausharren der 6. Armee, eingekesselt vom mächtigen Gegner. Als es für die Wehrmacht kein Vor und kein Zurück gab. Als es nur noch ums Überleben ging. Und als in den Köpfen der Soldaten die Frage Raum griff: Warum waren sie überhaupt dort, mehr als 2500 Kilometer von der Heimat entfernt? Was wollten sie an der Wolga - mitten im russischen Winter 1942/43?

Aufgebrochen waren sie eineinhalb Jahre zuvor, im Frühsommer - zu einem großen Abenteuer. So hatte es jedenfalls ausgesehen auf den Fotos, die die Kriegsreporter der Propagandakompanien von der vordersten Front schickten: deutsche Soldaten auf Besichtungstour in der Altstadt von Tallin, auf Kamelen im exotischen Süden, schwitzend in einer Sauna im Birkenwäldchen, beim Pilzeputzen oder Bullenreiten. Ferien in Russland mit dem "Reisebüro Wehrmacht", wie man damals lakonisch sagte.

Die Aufnahmen erschienen 1941 in der "Wochenschau" und in fast jeder deutschen Zeitung. Sie begleiteten das "Unternehmen Barbarossa", den Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion, dem die Nationalsozialisten diesen Decknamen in Anspielung auf den Kreuzzug des deutschen Kaisers Friedrich I. gegeben hatten. Der Ostfeldzug sollte dem deutschen Volk neuen "Lebensraum" eröffnen, Hitler plante die "Neuordnung" Europas - mit der Sowjetunion als Teil seines Reiches. Als diese Pläne scheiterten, wollte kaum jemand mehr die Bilder von den vermeintlichen Russlandabenteuern sehen - bis jetzt.

Das Erbe der Nazis

Ende April 1945 erreichte die Gegenoffensive der Roten Armee die Reichshauptstadt Berlin. Die Sowjets besetzten die wichtigsten Schaltstellen der Nationalsozialisten. Im Propagandaministerium fielen ihnen dabei die gesammelten Werke der deutschen Frontberichterstatter in die Hände. Sie überließen sie der Redaktion der "Täglichen Rundschau", der ersten Tageszeitung, die nach dem Krieg in Deutschland erscheinen durfte. Mitte der fünfziger Jahre stellte das Blatt der Sowjetischen Militär-Administration seine Tätigkeit ein, sein Archiv übereignete es dem Berliner Verlag. Es wurde eingelagert.

Jahrzehnte später kommt das Material ans Licht. Der Kölner Verlag DuMont, inzwischen Eigentümer des Berliner Verlages, lässt Teile des Fotoarchivs zusammen mit der Deutschen Presseagentur dpa digitalisieren. Der Bestand umfasst Zehntausende Bilder, sorgsam eingetütet und feinsäuberlich sortiert nach Ländern, Feldzügen und Waffengattungen. Darunter sind auch Bilder aus den ersten Tagen und Wochen des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion, die nun in dem Buch "Der Fall Barbarossa. Der Krieg gegen die Sowjetunion in unbekannten Bildern" bei der Verlagsgruppe Eulenspiegel erschienen sind.

Anders als das brutale Ereignis und sein für alle mörderischer Ausgang erwarten lassen, wirken die Bilder vom Beginn des Ostfeldzuges geradezu beschaulich. Für den Betrachter heute sind sie womöglich irritierend: Was an diesen Fotos ist Inszenierung? Was ist echt? Irritierend wirken die Aufnahmen vor allem, weil bezweifelt werden kann, dass es sich trotz der fraglos propagandistischen Absicht ihrer Verbreitung in jedem Fall um "gestellte" Bilder handelt, wie die Autoren anmerken.

Blitzschnell ins Baltikum

Die meisten der Soldaten, die im Juni 1941 an den Fluss Bug nördlich von Brest verlegt wurden, waren ahnungslos. Der Aufmarsch sei ein Täuschungsmanöver, hatte es geheißen, man bereite die Invasion Englands vor. In aller Frühe des 22. Juni donnerte die Artillerie. Sturzkampfbomber flogen Angriffe gegen sowjetische Siedlungen auf der anderen Seite des Flusses. Die ersten Aufnahmen zeigen mächtige Rauchwolken am morgendlichen Himmel, als die deutschen Einheiten mit Schlauchbooten und Pontons übersetzen. Erst am Abend zuvor hatten sie den Marschbefehl erhalten: nach Osten.

Mit ihrer neuen Blitzkrieg-Strategie wollte die Wehrmacht in Richtung Leningrad, Moskau und im Süden zum Kaukasus vorstoßen. Bei Wintereinbruch, davon ging die Führung aus, würde das Gros der Truppe wieder zu Hause sein.

Und zunächst sah es wohl auch so aus, als ginge der Plan auf. Die deutschen Truppen kamen rasch voran. Propaganda-Blätter an der Front und im Reich veröffentlichten Dutzende Fotos sowjetischer Kriegsgefangener. "Es ist also wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb 14 Tagen gewonnen wurde", notierte Generalstabchef Franz Halder am 3. Juli in sein Tagebuch.

Jubelnder Empfang

Litauen, Lettland und Estland fielen binnen weniger Wochen. Die Bilder der Wehrmacht, die nun im Archiv des Berliner Verlages wiederentdeckt wurden, zeigen eine jubelnde Bevölkerung: Dorfbewohner heißen die Okkupanten gemäß ihrer Tradition mit Brot und Salz willkommen. Die deutschen Soldaten werden als Befreier gefeiert - Befreier vom "Bolschewismus" und Stalins Sowjetsystem. Die einfallende Armee wähnen sie als Verbündete.

Die deutsche Propaganda hat leichtes Spiel: Die freundlichen, hilfsbereiten Balten werden zu willfährigen Helfern von Wehrmacht und SS - und wirken sogar an der Vernichtung ihrer eigenen Landsleute mit. Sie treiben sie an, jene Züge zu besteigen, die sie zur Arbeit ins "Reichsgebiet" bringen soll. Eine kleine Kapelle spielt am Bahnhof, ein Fotograf hält die Abschiedszene fest, da ahnen die Reisenden noch nicht, dass sie als Sklaven in deutschen Lagern, Fabriken und auf Bauernhöfen werden schuften müssen.

Ein anderes, in Variationen immer wiederkehrendes Motiv zeigt die gute Versorgungslage an der Front: Mit einem Arm voller praller Würste, einem wagenradgroßen Käse, mit Kartoffelkörben oder beim Schweineschlachten lächeln die Soldaten in die Kamera. Die Truppe ist Selbstversorger, Nachschub aus dem Hinterland nicht erforderlich. Doch das heißt auch: Sie nimmt sich, was sie kriegen kann, raubt der Bevölkerung alle Vorräte. Eine Versorgung der Millionen Kriegsgefangenen in den Lagern war gar nicht erst vorgesehen.

Und so spiegeln die so beschaulich wirkenden Bilder vom Beginn des "Unternehmens Barbarossa" - mit dem Wissen von heute - auch seine Grausamkeit wider.

Zum Weiterlesen:

Michael Brettin, Peter Kroh, Frank Schumann (Hrsg.): "Der Fall Barbarossa - Der Krieg gegen die Sowjetunion in unbekannten Bildern". Das Neue Berlin GmbH 2011, 224 Seiten.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
torsten steinbeck, 03.06.2011
1.
allein folgende Bildunterschrift beweist, dass es sich hier auch nur wieder um eines der üblichen Geschichtfälscherbücher handelt: "Brandschatzungen: Wo die Wehrmacht durchzieht, hinterlässt sie verbrannte Erde. Die Propaganda behauptet, die Sowjets selbst hätten die Dörfer in Brand gesteckt, damit das Hab und Gut der Bewohner nicht an die Deutschen fällt." So ein Schwachsinn! Keiner vorwärts gehende Truppe würde es im Traum einfallen erobertes Gebiet abzufackeln und zu zerstören, was sollte das auch für einen Sinn ergeben, vor allem für die nachrückenden Truppenteile?! Natürlich hat die rote Armee bei ihrem Rückzug die Taktik der vebrannten Erde angewandt, was auch schon Napoleon zum Verhängniss wurde. Das ist im Übrigen durch genügend Augenzeugenberichte bestätigt. Es gibt auch glaubhafte Berichte, dass dabei nicht selten Rotarmisten in Wehrmachtsuniformen aktiv waren um den Partisanenkampf zu provozieren. Darüber Bücher zu schreiben wäre interessant, aber das paßt ja nicht in das Welt bild....Gute Nacht!
Steffen Rau, 02.06.2011
2.
Hmm, naja. Nette Geschichte, wenn auch zu emotional, unseriös und phantasievoll für meinen Geschmack. Wenn man den "Welt am Sonntag" Bericht zum eben gleichen Thema liest, wird ein Unterschied von Tag und Nacht zum Thema deutlich. Auf der einen Seite eine sorgfältig recherchierte und mit Nachweisen unterlegte historische Aufarbeitung, und auf der anderen Seite ihr Text. Historische Aufarbeitungen sind schwierig genug. Zu leicht passiert es, dass aus dem Material falsche Schlüsse gezogen werden oder aus dem Kontext gerissen und verfälscht werden. So wie es offensichtlich hier geschehen ist. Schade eigentlich.
hans-jürgen fülle, 03.06.2011
3.
Schliesse mich Herrn Rau an. Propaganda ist natürlich immer Propaganda. Die anderen kriegführenden Seiten haben da ja auch einiges zu bieten. Hat sich bis heute nicht geändert. Was sich geändert hat ist das Verhältniss getöteter Soldaten zu Zivilisten, jedenfals bei den Kriegen die die Industrienationen führen. ". Weltkrieg ca. 1 zu 1, Irakkrieg 1 Soldat auf 10 Zivilisten, wobei die Zahlen was die Zivilisten betrifft sehr schwanken. Das heisst dann in der Propaganda präzise Schläge.
Lukas Lichte, 03.06.2011
4.
Bildunterschrift 4 lautet: "Wo die Wehrmacht durchzieht, hinterlässt sie verbrannte Erde. Die Propaganda behauptet, die Sowjets selbst hätten die Dörfer in Brand gesteckt, damit das Hab und Gut der Bewohner nicht an die Deutschen fällt. " Das zeigt, dass der Verfasser keine große Ahnung von militärischer Taktik hat. Welchen Sinn sollte es machen, wenn eine vorrückende Truppe das eroberte Gebiet verwüstet? Wie soll denn da der Nachschub laufen? Ich darf Wikipedia zitieren: Zwei Wochen nach Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion befahl Josef Stalin, die wirtschaftlich kriegswichtige Infrastruktur in den Osten der Sowjetunion zu evakuieren und alle Güter in den von den deutschen Truppen bedrohten Gebieten zu zerstören, die diesen von Nutzen sein könnten. Er reagierte damit wie zuvor Alexander I. gegenüber dem Eroberungsversuch Napoleons und wie Peter der Große gegenüber Karl XI. Eine genauere Recherche hätte solche unrichtigen Aussagen verhindert. Das Prinzip der "verbrannten Erde" wurde von den Deutschen erst ab 1943 angewandt, als die Front stetig zurückgenommen werden musste. Es ist schon peinlich, wenn man dies verwechselt! Bei einem solch ernsten Thema sind Oberflächlichkeiten und schlampig recherchierte "Fakten" fehl am Platze!
Frank nolheimer, 03.06.2011
5.
Sehr geehrter Herr Rau. Was sie jetzt mit falschen Schlüssen meinen, erschließt sich mir nicht ganz. Gut, beide Artikel sind ja Artikel und keine wissenschaftlichen Arbeiten. . Die "Welt" hat online die Sicht der 7. Infanteriedivision mit Auszügen aus dem Divisionstagenbuch und anderen Dokumenten dargestellt. Da sie Kommentare und Einleitungen eingefügt hat, die auf die Gesamtperspektive hinweisen, wird eine Glorifizierung durch Verengung der Perspektive verhindert oder wenigstens erschwert. Der Beitrag eröffnet einen wichtigen Blick auf den Kriegsalltag und den unmenschlichen Umgang von Hitler und den Kriegsplanern mit den Soldaten der Wehrmacht, deren massenhaftes Hinsterben durch fehlende Ausrüstung schon in der Planung des Feldzuges in Kauf genommen wurde. Dennoch hat die "Welt" vergessen, dass sich hinter dem Wehrmachtsjargon "Partisanenbekämpfung" meist Massenerschießungen von unbewaffneten Zivilisten verbargen. Und eine Armee, die in Hitlers Namen und in Kenntniss seiner Vernichtungsparolen den Weg freikämpft für die Massenvernichtung ist nicht nur "vielleicht" "mitverantwortlich" für den Holocaust.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.