Propagandawaffe Agfacolor Goebbels' Farbenlehre

Hitler und sein Propagandaminister liebten das Kino, vor allem Farbfilme aus Hollywood. Mitten im Krieg forcierten sie die Entwicklung von Agfacolorfilmen. Gedreht wurde sogar bei Fliegeralarm, Premieren fanden in den Ruinen Berlins statt - Goebbels' größte Kino-Wunderwaffe geriet trotzdem zur Fehlzündung.

Ufa in Farbe/Collection Rolf Heyne

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1944 tobte im Westen Berlins eine gewaltige Schlacht. Tausende Soldaten stürmten mit Gebrüll durch Pulverrauch und Geschützgewitter. Explosionen ließen schwarze Erde aufspritzen, gleich zu Dutzenden gingen die Frontkämpfer mit jedem Donnern zu Boden. Und über allem schwebte, wie der Kriegsgott Mars persönlich, Veit Harlan. Von einem Fesselballon aus brüllte er Kommandos in ein Megafon, dirigierte die Truppen, choreografierte das Gefecht. Doch während an Ost- und Westfront tatsächlich Abertausende Soldaten starben und alliierte Bomber Nacht für Nacht deutsche Städte in Schutt und Asche legten, spielte Harlan nur Krieg. Im Auftrag des "Führers" und Joseph Goebbels war der Regisseur dabei, mitten im Zweiten Weltkrieg die größte propagandistische Wunderwaffe des "Dritten Reichs" zu zünden: den Historienfilm "Kolberg".

Bereits am 1. Juni 1943 hatte der Regisseur Harlan von Joseph Goebbels persönlich den schriftlichen Auftrag für "den Großfilm 'Kolberg'" erhalten. Aufgabe des Schlachten-Epos solle es sein, "am Beispiel der Stadt, die dem Film ihren Namen gibt, zu zeigen, daß ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet". An der Bedeutung des Projekts ließ der Propagandaminister keinen Zweifel: "Ich ermächtige Sie, alle Dienststellen von Wehrmacht, Staat und Partei, soweit erforderlich, um ihre Hilfe und Unterstützung zu bitten und sich dabei darauf zu berufen, daß der hiermit von mir angeordnete Film im Dienste unserer geistigen Kriegsführung steht."

In den Händen der Nazi-Strategen sollte der Unterhaltungsfilm zur Waffe werden. Hitler und Goebbels glaubten fest an die suggestive Schlagkraft und die emotionale Wucht des Kinos. Sie waren begeisterte Filmfans, teilten die Passion für große Hollywood-Produktionen. Besonders angetan waren der "Führer" und seine rechte Hand von Greta Garbo: Nachdem die beiden den Film "Camille" gesehen hatten, notierte Goebbels in seinem Tagebuch über den Auftritt der schwedischen Schauspielerin: "Alles versinkt vor der großen, einsamen Kunst der göttlichen Frau." Und schwärmt: "Wir sind aufs Tiefste benommen und ergriffen. Man schämt sich der Tränen nicht."

"Stoff schlecht, aber Farbwirkung gut"

Mit der Begeisterung für die Produkte der transatlantischen Traumfabrik kam aber auch der Neid, dass die deutschen Filme nicht mithalten konnten. Ein besonderer Rückschlag war der Siegeszug des Technicolor-Films in den USA, wo ab Mitte der dreißiger Jahre erste abendfüllende Spielfilme mit dem neuen Material gedreht wurden und mit "Vom Winde verweht" von 1939 ein alles überragender Welterfolg gelang. Die Stars in Farbe zu sehen, fand Goebbels einfach "wunderbar". Und auch Hitler sah, laut einem Tagebucheintrag des Propagandaministers, "im Farbfilm überhaupt die filmische Zukunft".

Der Entwicklung des Farbfilms in Nazi-Deutschland haben Michael Krüger, Gert Koshofer und Friedemann Beyer den aufwändigen Band "UFA in Farbe - Technik, Politik und Starkult zwischen 1936 und 1945", der beim Verlag Collection Rolf Heyne erschienen ist, gewidmet. Reich bebildert stellt das Buch die Farbfilme des "Dritten Reichs" vor. In ausführlichen Texten wird die Entstehungsgeschichte der Werke rekapituliert.

Der Band zeigt, dass die Produktion eigener bunter Filme von Goebbels zur Staatssache erklärt wurde. Anhand der technischen Neuerung sollte das deutsche Kino seine Konkurrenzfähigkeit mit den US-Produktionen unter Beweis stellen. Mit Hochdruck wurde während des Kriegs die Perfektionierung des deutschen Farbfilm-Pendants Agfacolor vorangetrieben. Im Juni 1939 wurde der erste abendfüllende "Großfilm" in Auftrag gegeben. Innerhalb von vier Monaten sollte der launige Kostümstreifen "Frauen sind doch bessere Diplomaten" entstehen. Der Film verfügte über ein Budget von fast 1,5 Millionen Reichsmark - beinahe doppelt so viel wie damals große Schwarzweiß-Produktionen kosteten. Doch die Arbeit mit dem neuen Filmmaterial stellte sich als schwierig heraus. Es bildeten sich Schlieren und blaue Flecken auf den Bildern, so dass das Material noch während des Drehs stetig weiterentwickelt werden musste. Viele Szenen wurden deswegen mehrfach gedreht. Am Ende dauerte die Fertigstellung von "Frauen sind doch bessere Diplomaten" mehr als zwei Jahre - die Kosten wuchsen auf 2,8 Millionen Reichsmark.

Bei der Premiere am 31. Oktober 1941 bezeichnete die gleichgeschaltete deutsche Presse den Tag als "bedeutsames Datum in der Geschichte der deutschen Filmkunst". Goebbels befand etwas zurückhaltender: "Stoff schlecht, aber Farbwirkung gut. Wir sind da viel weiter gekommen."

"Unpolitische, fast ideologiefreie Spielfilme" - und "Kolberg"

Trotz des Kriegs war für den Propagandaminister der deutsche Film noch immer Chefsache. Goebbels, der eigentlich davon geträumt hatte, Dramaturg und Schriftsteller zu werden, schöpfte seine Macht über die Filmindustrie genussvoll aus. Der Reichspropagandaminister trieb nicht nur mit Hochdruck die Entwicklung des Farbfilms voran. Er mischte sich in nahezu alle Aspekte der Filmproduktion ein: Stoffauswahl, Drehbuchentwicklung und Besetzungsfragen - mitunter bis in die kleinsten Nebenrollen. Ein Vorgehen, das in der Praxis zu erheblichen Mehrkosten führte, wie die Autoren von "UFA in Farbe" schreiben.

So wurden neben anderen Produktionen von 1939 bis 1945 13 Farbfilme fertiggestellt. Zwölf von ihnen, fassen die Autoren von "UFA in Farbe" zusammen, seien "Revue- und Musikfilme, Literaturverfilmungen, gegenwartsferne Liebesfilme und Komödien" gewesen - "unpolitische, fast ideologiefreie Spielfilme".

Der 13. Film war "Kolberg".

Veit Harlans Film über den Kampf der Bürger der Festung Kolberg an der Ostsee gegen die napoleonische Armee im Jahr 1806 war von Anfang an als unverhohlene Kriegspropaganda geplant. Regisseur Harlan hatte sich bereits 1940 mit dem antijüdischen Hetzfilm "Jud Süß" als Kreativer, der bereit war, auf Linie zu produzieren, empfohlen. Entsprechend griff Goebbels nach Herzenslust in die Produktion des kriegswichtigen Epos ein. Er änderte Dialoge, strich Figuren zusammen, dachte sich sogar eine Rahmenhandlung für den Film aus und legte den Schauspielern zum Teil eins zu eins Wendungen aus seinen Hetzreden in den Mund.

5000 Soldaten, 8,5 Millionen Reichsmark und 100 Waggons Salz

Als Budget für die Mammutproduktion wurde die Rekordsumme von vier Millionen Reichsmark veranschlagt - und sollte am Ende doch nicht ausreichen. Für die Massenszenen wurden 5000 Soldaten von der Front und 2000 Matrosen von einer Marineschule abkommandiert. Beim Dreh einer Kavallerie-Schlacht sollen angeblich 6000 Pferde beteiligt gewesen sein. Aus deutschen Theatern wurden 10000 Kostüme zusammengetragen. 30 Pyrotechniker arbeiteten daran, den Krieg möglichst echt aussehen zu lassen. Bis zu sechs Kameras filmten das Spektakel parallel von Wehrmachtskübelwagen, Schiffen und einem Fesselballon aus. Als Schneeersatz für Szenen, die im Winter spielten, wurden 100 Eisenbahnwaggons voll Salz herangekarrt. Und während Deutschlands Städte in Trümmer gebombt wurden, ließ Regisseur Harlan Teile von Kolberg in Groß-Glienicke bei Berlin aufbauen - nur, um es später mit Kanonen zu beschießen und abzubrennen. Am Ende verschlang der Film 8,5 Millionen Reichsmark, von denen Goebbels Szenen im Wert von rund zwei Millionen Reichmark wieder rausschneiden ließ. Sie zeigten die Schrecken des Kriegs allzu realistisch.

Es besteht kein Zweifel daran, dass "Kolberg" ein pathetischer Durchhaltefilm ist. Er ist voll von Parolen, die die daheimgebliebenen Bürger zum "Volkssturm" anstacheln sollten. Schon in den ersten Minuten singt ein Zug von Menschen: "Das Volk steht auf, der Sturm bricht los." Eine Variation der letzten Worte von Goebbels' Sportpalastrede, in der er zum "totalen Krieg" aufrief.

Hitler nannte das Machwerk, das Ende Januar 1945 endlich bereit für die Premiere war, "eine gewonnene Schlacht in der politischen Kriegsführung". Goebbels überhäufte den Film, dem er persönlich den letzten propagandistischen Schliff verpasst hatte, mit mehr Prädikaten als jede andere Produktion: "Film der Nation", "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll", "kulturell wertvoll", "volkstümlich wertvoll", "volksbildend" und "jugendwert".

Uraufführung auf verlorenem Posten

Es folgte eine bizarre Vorpremiere in der von Deutschen besetzten französichen Hafenstadt La Rochelle: Am 30. Januar warf ein einsamer Flieger über dem von den Amerikanern eingekesselten Wehrmachtstützpunkt die Filmdosen von "Kolberg" an einem Fallschirm ab. "Tief beeindruckt von der heldenhaften Haltung der Festung Kolberg und ihrer künstlerisch unübertroffenen Darstellung", funkte der Kommandant in La Rochelle nach der absurden Uraufführung pflichtbewusst nach Berlin.

Die offizielle Premiere fand einen Tag später im völlig zerbombten Berlin statt. Da der Ufa-Palast, das damals größte Lichtspielhaus der Hauptstadt, längst in Schutt und Asche lag, wurde die Vorführung in ein kleineres Kino verlegt. Zeugen sollten sich später erinnern, dass der Kriegsfilm mit einem "Gefühl der Verlassenheit und Eiseskälte" aufgenommen wurde.

Nun hatten Hitler und Goebbels ihre propagandistische Wunderwaffe - aber es gab kaum noch Kinos, die den Film vorführen konnten. Nur wenig mehr als ein Dutzend Kopien wurde in Umlauf gebracht. Und wo "Kolberg" doch ein Kino erreichte, wollten die Menschen lieber "Münchhausen" sehen, das Unterhaltungsspektakel über den lustigen Lügenbaron.

Am 6. März 1945 stellte der Kommandant des echten Kolberg den Antrag, die Stadt kampflos übergeben zu dürfen. Die Bitte wurde verweigert. Als der Ort zwölf Tage später fiel, diktierte Goebbels resigniert: "Ich will dafür sorgen, dass die Räumung von Kolberg nicht im OKW-Bericht verzeichnet wird. Wir können das angesichts der starken psychologischen folgen für den Kolberg-Film augenblicklich nicht gebrauchen."

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Michael Lemken, 18.02.2011
1.
Es gibt momentan eine Ausstellung und Vortagsreihe zu Film und Propaganda im 3. Reich in der Dortmunder VHS. Mehr: http://michael-lemken.de/wordpress/?p=2525 Video dazu: http://www.youtube.com/watch?v=h822JdKkM1A
Ralf Bülow, 18.02.2011
2.
Das Technicolor-Verfahren basierte nicht auf neuem Material, wie der Text suggeriert, sondern auf dem Zusammenkopieren von drei Schwarzweiß-Filmen, die die unterschiedlichen Farbanteile einer Szene aufnahmen. Das US-Äquivalent zu Agfacolor war Eastmancolor, das erst 1950 herauskam. Da hatten also die "Nazis" klar die Nase vorn und nach ihnen die "Commies", die Agfacolor-Material als Sowcolor verwendeten und in der DDR als Orwocolor.
Frank Geisenau, 20.02.2011
3.
"gleichgeschaltete Presse" und "pflichtbewußt" hat der Autor seinen Vorgängern gleich. Sonst wäre er sachlich geblieben.
Burkhard von Grafenstein, 20.02.2011
4.
Auf Bild 20/20, Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1983-1014-501, ist ganz rechts sitzend Ewald von Demandowsky, Reichsfilmdramaturg und kurzzeitig Liebhaber von Hildegard Knef, zu sehen.
Wilhelm Tell, 21.02.2011
5.
"Das Volk steht auf, der Sturm bricht los." ist mitnichten eine Variation von Herrn Goebbels Worten, sondern Goebbels Worte sind eine Variation des Gedichtes "Männer und Buben" von Theodor Körner, der sich in eben diesem - im Film thematisierten - Befreiungskampf gegen die französische Besatzung sehr verdient gemacht hat.
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