Protest in der DDR "Der Druck war unerträglich"

Protest in der DDR: "Der Druck war unerträglich" Fotos
Sonja Hess/ Dietrich Koch

Ein Grüppchen Mutiger protestierte 1968 mit einem Plakat gegen die Sprengung der Leipziger Unikirche. Die Stasi machte einen der Protestler dingfest. Doch trotz nächtlicher Verhöre, Psychopharmaka und Isolation ließ sich Dietrich Koch nicht zum Geständnis bewegen - und zog sich die Rache der Stasi zu. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    4.4 (55 Bewertungen)

Sie sollte den Weg für den Sieg des Sozialismus frei machen - am 30. Mai 1968 ließen die SED-Machthaber die Leipziger Universitätskirche St. Pauli sprengen. Die Leipziger Bevölkerung stand dieser Chuzpe trotz zahlreicher Proteste ohnmächtig gegenüber - bis am 20. Juni 1968 etwas passierte, womit niemand gerechnet hatte: Während des Abschlusskonzerts des III. Leipziger Bachwettbewerbs in der Kongresshalle entrollte sich plötzlich ein Plakat, das die Umrisse der Universitätskirche zeigte und den Wiederaufbau forderte. Das internationale Publikum brach in spontanen und anhaltenden Applaus aus - und brachte den gesamten Staatsapparat in Bewegung. Wer steckte hinter der Aktion?

Während der Verdacht der Stasi zunächst auf Theologen fiel, kam sie bald schon den wahren Urhebern auf die Spur - einer Gruppe junger Physiker. "Stefan Welzk hatte mich in Potsdam in den Plan eingeweiht", erinnerte sich Dietrich Koch, einer der Beteiligten, später. Wie Welzk promovierte er zu dieser Zeit gerade an der Leipziger Uni. "Mich, den Uhrensammler, bat er, eine Zeitauslösevorrichtung zu bauen. Tage später gab er mir in seiner Leipziger Wohnung einen originalverpackten Ruhla-Wecker." Koch war einverstanden. Geeignetes Werkzeug fand er in der Wohnung seiner Eltern, er weihte seinen Bruder Eckhard ein. "Um bei unserem Vater nicht zu sehr Aufmerksamkeit zu erregen, setzten wir das Klingeln des Weckers außer Betrieb. Wir entfernten noch den Abstellknopf. Eckhard kam eine gute Idee: Durch den Schlitz zwischen Grifffläche und Aufzugswelle des Weckwerks wird ein Nagel gesteckt, der herausfällt, wenn sich diese dreht. Dadurch entrollt sich das zusammengerollt an einem Faden am Nagel hängende Plakat."

In Stefans Wohnung und mit seiner Hilfe baute Dietrich alles zusammen. "Als wir fertig waren und gerade alles prüften, kam Harald Fritzsch hinzu. Noch am gleichen Abend besuchte ich meine Freunde Marlene und Horst Gurgel und erzählte ihnen, dass ich mit Eckhards Hilfe die Auslösemechanik gebaut hatte. Sie haben bis zur Friedlichen Revolution treu darüber geschwiegen." Auf andere Freunde konnte sich Dietrich Koch weniger verlassen. Aus Akten der Staatssicherheit ließ sich Jahre später rekonstruieren, was in jenen Junitagen des Jahres 1968 vorgegangen war - und welche Konsequenzen die Aktion für die jungen Leute hatte.

Verrat

Nachdem die Vorbereitungen erfolgreich abgeschlossen waren, brachte Welzk das Transparent schließlich auf der Bühne an, Fritzsch stand Schmiere. Doch die Aktion sollte bald schon für alle Beteiligten zur Gefahr werden. Denn kurz danach verließen Welzk und Fritzsch die DDR über Bulgarien und die Türkei. Für die zurückgebliebenen Freunde stieg das Risiko, entdeckt zu werden. Zur Verhaftung kam es schließlich durch Verrat.

Den entscheidenden Tipp bekam die Stasi von Welzks neuem West-Berliner Freund Bernard Langfermann. Die Häscher bedankten sich bei dem bekennenden DDR-Sympathisanten und Mitherausgeber der DDR-apologetischen Zeitschrift "Sozialistische Politik", IM "Boris Buch", für seine "patriotische Tat" mit marxistischer Literatur - und konnten die Denunzierten bereits eine Woche nach der Aktion verhaften.

"Nach meiner Festnahme wurde ich 19 Stunden von der politischen Kriminalpolizei K1 verhört", berichtete Koch später, "sie eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen mich. Von der Akademie wurde ich in einem von politischer Hysterie geprägten Disziplinarverfahren fristlos entlassen. Mit meinem Verhalten auf dem Karl-Marx-Platz, hieß es, hätte ich im Auftrag von Hintermännern staatsfeindliche Provokationen verübt. Ich verlor meine Dissertation, war fast zwei Jahre lang arbeitslos. Arbeitslosengeld gab es nicht."

Verhöre bei der Stasi

Die Stasi bemühte sich, den aufmüpfigen Physiker zu zermürben. Sie spielte die Freunde gegeneinander aus, weckte Rachegefühle, setzte Psychopharmaka ein und sogar einen Stasi-Psychiater. Die ständigen Bestrebungen, ihn "in Unruhe zu halten", sollten ihn erschöpfen. Koch wurde Hunderte Stunden verhört - ganztägig, öfter auch nachts. Die Stasi warf ihm dutzendfache staatsfeindliche Hetze, Verbindungsaufnahme, Gruppenbildung, Fluchtvorbereitung und staatsfeindlichen Menschenhandel vor.

Bei einer jungen Mutter hatte sie schließlich Erfolg. Nachdem man ihr mit der Zwangsadoption ihrer zu dieser Zeit 14-monatigen Zwillinge gedroht hatte, gab die Frau am 1. September 1970 zu Protokoll: "Am Jahrestag der Plakataktion offenbarte Koch mir auf meine Frage, dass er gemeinsam mit Stefan Welzk und Harald Fritzsch die Vorbereitungen und die Durchführung des Entrollens des Plakates bewerkstelligt hat." Koch würde "nie über diese Tat eine Aussage machen".

Doch auch Dietrich Koch war mittlerweile mürbe geworden: "Nach sieben Monaten war der Druck unerträglich. Ich schmuggelte einen Code über meine Mutter raus, um versteckt in den erlaubten Briefen Nachrichten zu schicken: Warnungen vor einem Spitzel bei S. Welzk und Bitten um Aussagen wegen der Plakataktion. Durch den Zellen-IM Dr. Manfred Franke kam die Stasi dahinter." Koch drohte eine Anklage wegen Spionage, ein Stasi-Major bot ihm daraufhin einen Deal an. "Wenn ich die Plakataktion gestünde, verzichteten sie auf Spionage. Ich bot nur einen kleinen Tatbeitrag weit unterhalb meines wirklichen an und schob das meiste auf Welzk und Fritzsch. Die Stasi ging darauf ein."

Falsche Beschuldigungen

Andere Verhaftete versuchten, ihre Bestrafung durch Zusammenarbeit mit der Stasi zu verringern. "Ein verhafteter Freund versuchte, mich über 'Klopfzeichen' zum Plakatprotest auszuhorchen." Später habe er erfahren, so Koch, dass der vermeintliche Freund die Ergebnisse für die Stasi aufgeschrieben habe. "Ein weiterer sagte zur Plakataktion aus, er wolle nicht, 'dass durch solch eine Aktion das Verhältnis Staat - Kirche geschwächt wird'. Er beschuldigte mich, der Plakatmaler zu sein."

Der falsche Freund ging noch weiter: Er sagte auch aus, Welzk habe gehofft, "dass beim Entrollen des Plakates ein Tumult in der Leipziger Kongresshalle ausbricht, der sich gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche und demzufolge auch gegen den Staat richtet". Koch selbst hatte seine Verteidigung bis dahin darauf aufgebaut, dass das Ziel der Plakataktion das "kunstgeschichtliche Gedenken" an die Universitätskirche gewesen sei. Die Aussage des Freundes habe seiner Verteidigung den Boden entzogen, erzählte Koch.

In einem Aktenvermerk zu einer Gegenüberstellung im November 1971 heißt es: Koch sei es teilweise gelungen, seinen Freund "zu verwirren und diesen von bereits gemachten Aussagen abzubringen. Kochs Verhalten zeigt klar, dass es ihm (...) um die Verwirrung des Sachverhaltes geht. Es wurde deshalb davon abgesehen, die für den heutigen Tag geplante Gegenüberstellung (...) durchzuführen, weil aufgrund jüngster Erfahrungen mit Koch das Ziel einer solchen Maßnahme nicht erreicht werden kann". Wenige Tage später wurde Koch ins Psychiatrische Haftkrankenhaus Waldheim gebracht. "Die Stasi hatte es mit mir aufgegeben. Das Ergebnis der Begutachtung erfuhr ich nicht."

Die Rache der Stasi

Koch wollte weder seinen Bruder noch andere Beteiligte belasten. Seinen wirklichen Tatbeitrag gestand er deshalb nie ein. Auch zu Welzk blieb seine Aussage pauschal. Die Stasi konnte den Plakatprotest nicht aufklären. "Der Angeklagte ist in den wesentlichsten Punkten des ihm zur Last gelegten strafbaren Verhaltens nicht geständig", heißt es im Urteil vom 13. März 1972. Im Gerichtsprotokoll steht stattdessen die Aussage eines Cousins von Harald Fritzsch: "Durch meinen Cousin erfuhr ich, dass Koch bei der Unikirchen-Sache beteiligt gewesen sei. Ich hörte, er sei an der Anfertigung des Plakats beteiligt gewesen."

Die Stasi rächte sich für Kochs Widerstand. Koch wurde zu 30 Monaten Haft verurteilt, eine anschließende Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet. Dabei war der junge Physiker bei seiner Verhaftung völlig gesund gewesen. In den Stasi-Akten fand sich später der Antrag des Leipziger Stasi-Majors auf Einweisung Kochs in die Psychiatrie. Koch habe sich als "sehr uneinsichtig" und in einem Umfang wie kein anderer Beschuldigter als widerspenstig erwiesen, heißt es darin. Das Urteil endet mit den Worten: "Um dem Wiederholen derartigen Verhaltens vorzubeugen und damit die Gesellschaft vor staatsfeindlichen Angriffen zu schützen (...), ist des weiteren nach Verbüßung der Freiheitsstrafe (...) die Einweisung des Angeklagten in eine psychiatrische Einrichtung (...) erforderlich."

Nach knapp 30 Monaten Haft wurde Koch schließlich in die Bundesrepublik abgeschoben. Dort studierte er noch Philosophie, promovierte bei Carl Friedrich von Weizsäcker und lehrte Philosophie an der Universität Essen. Das Gutachten der sächsischen Untersuchungskommission zum Psychiatriemissbrauch stellte 1995 fest: "Das medizinische Gutachten ist aus heutiger Sicht nicht vertretbar. Die Beurteilung durch Dr. Petermann war im Ergebnis methodisch ungenügend, inhaltlich falsch."

Dietrich Kochs Bruder Eckhard blieb in der DDR. Er wurde weiter von der Stasi überwacht und engagierte sich 1989 in der Bürgerbewegung Demokratischer Aufbruch.

Artikel bewerten
4.4 (55 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH