40 Tage mitten im Meer Ein Mann, ein Fels

40 Tage lebte der Brite Tom McClean Mitte der achtziger Jahre auf dem winzigen Felsen Rockall im Atlantik. Der Ex-Soldat suchte das Abenteuer - und hatte eine Mission.

DPA

Kärglicher ging es kaum. Als die Sonne am Abend des 25. Mai 1985 langsam hinter dem Horizont verschwand, schlüpfte Tom McClean in seine Unterkunft: Eine Art Plastiksack, Bestandteil eines Überlebenssets. Eine Lampe war sein einziger Luxus. Unablässig pfiff der Wind über ihn hinweg. Auf hartem Stein schlief der Brite ein, während ab und an die Gischt über ihn hinwegspritzte. Doch einen geschützteren Schlafplatz hatte er nicht finden können, denn McClean befand sich auf einem winzigen Felsen mitten im Nordatlantik. Es war der Rockall, der etwa 300 Kilometer westlich der äußersten Hebriden-Insel St. Kilda 21 Meter aus dem Wasser ragte.

Erst wenige Stunden zuvor hatte Tom McClean dessen steile Wände bezwungen, allerdings erst im zweiten Anlauf. Beim ersten Versuch hatte ihn eine Welle von dem mit glitschigen Algen bewachsenem Gestein gespült. Der Absturz ging glimpflich aus. "Ich habe das Wasser in meinen Lungen gefühlt", berichtete McClean später. Mit dem zweiten Sprung gelangte er auf den Fels, auf dem er abgekämpft in den Schlaf sank.

Am nächsten Morgen gab es wahrscheinlich keinen zufriedeneren Menschen auf der Welt als Tom McClean. Er war am Ziel. Von dem Versorgungsschiff, das ihn gebracht hatte, beförderte er per Seil seine Ausrüstung auf den Felsen - gut eine halbe Tonne an Gewicht. Unter anderem gehörte dazu seine zukünftige Unterkunft: Eine in Einzelteile zerlegte Box, die zusammengesteckt ein Meter hohes Häuschen mit einem Grundriss von 1,70 mal 1,20 Meter ergab.

Danach hieß es Abschied nehmen: Das Schiff kehrte in Richtung Britische Inseln zurück. McClean blieb allein auf Rockall. Zusammen mit ein paar Basstölpeln, die aber bald Reißaus nahmen, als sie feststellten, dass dieser Mensch bleiben würde.

Ein neuer Bewohner

Es war die Abenteuerlust, die den ehemaligen Fallschirmjäger und Elitesoldaten des Special Air Service in diese Einsamkeit getrieben hatte - mit einer selbstauferlegten Mission: Um den herrenlosen Felsen war ein Streit entbrannt. Anfang der Siebziger hatte man hier Öl und Gas entdeckt, zudem üppige Fischgründe, die sich Briten, Isländer, Iren und Dänen jeweils exklusiv sichern wollten. Bereits 1955 hatten britische Matrosen auf Rockall den Union Jack gehisst. Die anderen Nationen scherten sich allerdings nicht darum.

TV-Bericht über die Rockall-Aktion von Tom McClean

Mit einem britischen Bewohner aber wäre Großbritanniens Besitzanspruch belegt. "Also dachte ich, ich bestätige noch mal unser Recht auf die Insel", meint McClean, der Patriotismus als Grund für seine Aktion angibt. Mit der Besetzung von Rockall wollte er zeigen, dass es sich um eine bewohnbare Insel handelte. Mehr als 21 Tage würde er auf Rockall bleiben müssen - so lange galt seine Anwesenheit nach internationalem Recht lediglich als simpler Aufenthalt. 40 Tage hatte McClean sich vorgenommen.

Wie aber wohnt es sich auf Rockall? "Jeder Tag war ziemlich gleich", sagt der Abenteurer. "Ich habe geschlafen, ich habe geschrieben und mich per Funk mit den Fischern auf ihren Schiffen in der Nähe unterhalten." Die Fischer wollten McClean kaum glauben, dass er mutterseelenallein auf Rockall lebte - freiwillig! "Die dachten, ich wäre völlig verrückt", meint McClean.

Einen festen Tagesablauf kannte der Brite nicht. Manchmal wachte er mitten in der Nacht auf, dafür schlief er dann tagsüber ein paar Stunden. Oft stand er gegen 6 Uhr auf und schaute aufs Meer, dann bereitete er sich auf seinem Campingkocher ein heißes Getränk und stellte das Funkgerät an, später schrieb er etwas in seine Notizbücher. Zum Frühstück gab es Müsli, im Tagesverlauf eine heiße Suppe. Übrig blieb endlos viel Zeit zum Lesen oder Nachdenken.

"Eingeatmet, ausgeatmet, und das war's"

Einsamkeit war für McClean kein Problem. Seit seiner Geburt, wahrscheinlich 1943, war er auf sich gestellt. Er wuchs in einem Waisenheim auf, danach ging er zur Armee. Später gründete er am Loch Nevis in Schottland ein Abenteuerzentrum. "Ich genieße es sehr, allein mit mir zu sein. Das ist eine Art von Reinigung. Ich betreibe ein Outdoor-Zentrum, und wenn ich da ein oder zwei Tage allein in den Hügeln bin, ist es phantastisch." Für ihn ein wichtiger Unterschied: "Du bist allein, du bist aber nicht einsam."

Auf Rockall begleiteten ihn seine Gedanken, die er in Hefte notierte: Erinnerungen an die Kindheit im Waisenheim, Gedanken über seine Entscheidung für die Armee, und vieles mehr. "Ich mag meine eigene Gesellschaft", so die wohl wichtigste Voraussetzung für McCleans Einsiedler-Leben.

Auf Rockall, so resümierte er später, sei ihm vor allem die eigene Bedeutungslosigkeit bewusst geworden. "Ja, du fühlst dich klein. Du schaust dich um und siehst nur den Horizont. Dann siehst du, wo du bist. Du bist ganz allein und isoliert. Aber in meinem Herzen und in meinem Gedanken habe ich mich einfach gut gefühlt."

Um ein wenig Bewegung zu bekommen, kletterte er am Rockall rauf, runter und immer wieder um die Spitze herum - gesichert mit einem Seil. Hinterher belohnte er sich selbst mit einer Tasse Tee. Aber sein eigentliches Training war ein anderes: "Ich habe hinausgeschaut, eingeatmet, ausgeatmet, und das war's."

Hechtsprung ins Wasser

So reich das Meer um Rockall an Fisch ist, so bescheiden war McCleans Speiseplan. Dehydrierte Armeerationen hatte der Brite in rauen Mengen mitgebracht, dazu etwas Obst und Kekse. "Geflügel mit Gemüse oder einem Yorkshire-Pudding - das habe ich schon vermisst", gibt er zu. Aber so eine große Sache sei das nun auch wieder nicht. "Meine Bedürfnisse sind ziemlich gering." Seine Familie daheim musste zumindest nicht auf seine Stimme verzichten, per Funk konnte er mit ihnen sprechen.

Obwohl McClean mit seinem Einsiedlerleben gut zurechtkam, war sein Aufenthalt auf Rockall von Anfang an begrenzt. Wissenschaftler hatten beobachtet, dass der Fels vor allem im Winter von bis zu 30 Meter hohen Wellen überspült wird.

Planmäßig nach 40 Tagen sollte McCleans Abenteuer daher enden. Am 4. Juli 1985 verließ er den Fels und verabschiedete sich von Rockall auf seine Art: mit einem Hechtsprung ins Wasser. Sein Schiff brachte ihn nach Hause. Im schottischen Mallaig bereiteten ihm die Menschen einen triumphalen Empfang.

McClean ist bis heute stolz auf seine Aktion: "Niemand anderes hat so etwas getan. Das ist schon ein gutes Gefühl." Würde er es wieder tun? "Ich würde jedes Jahr auf Rockall meine Sommerferien machen." Wenn der Fels nur nicht so gottverdammt weit draußen wäre…

An der territorialen Zugehörigkeit änderte McCleans Mission übrigens nichts. Rockall ist weiterhin staatenlos. Selbstverständlich wussten Iren, Dänen und Isländer, dass McClean sich überhaupt nur im späten Frühling und Sommer auf Rockall aufhalten konnte. Von einer britischen "Besiedlung" konnte man daher kaum sprechen. "Im Winter würden Sie auf Rockall nicht überleben. Die Wellen würden Sie zerschmettern", gibt auch Tom McClean unumwunden zu.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Rauner, 26.03.2014
1.
Nee, klar, ist schon tolle Sache, was der Brite da gemacht hat.
Sven Seifert, 26.03.2014
2. Toll!
Nur haben die Photos nichts mit Tom, McClean zu tun. Also irgendwie nict sehr viel mit dem romantischem Bericht. Naja, auch nicht weiter schlimm
martin sriedat, 26.03.2014
3. 1A Narzisstenaktion
naja 80er Männertypus halt.
Stefan Guld, 26.03.2014
4. der Mann war übrigens bei einer großen würtenbergischen Versicherung
versichtert!
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