Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Protestkultur Aktion Roter Punkt

Protestkultur: Aktion Roter Punkt Fotos
Historisches Museum Hannover, HAZ-Hauschild-Archiv

Sitzblockaden, Tränengas, Schlagstockeinsatz: Für zehn Tage legten Hannovers Bürger im Juni 1969 die gesamte Innenstadt lahm, weil die Straßenbahn den Fahrpreis erhöht hatte. Kurzerhand organisierten sie ihren eigenen Nahverkehr - und zwangen die Behörden in die Knie. Von Andrea Jonischkies

Mein persönliches Bild vom heißen Demo-Sommer 1969 in Hannover ist ziemlich verschwommen. Was daran liegt, dass ich damals als 15-jähriger Teenager kurzsichtig war und meine Brille aus Eitelkeit nur im äußersten Notfall aufsetzte. An eine Szene erinnere ich mich aber genau: die Haltestelle am Kröpcke, in der Innenstadt. Es war später Nachmittag, und an Hannovers Hauptverkehrsachse, der Georgstraße, herrscht wie immer um diese Zeit viel Betrieb. Vor dem Café unter der alten Uhr warten zahlreiche Fahrgäste: die arbeitende Bevölkerung auf dem Heimweg. Doch statt Straßenbahnen fahren an diesen Tag Autos vor, hintereinander wie auf dem Jahrmarkt.

Einer nach dem anderen hält an. "Wer will mit nach Stöcken?" Rasch finden sich drei Mitfahrer, steigen ein und ab geht's. Nächster Wagen, erneutes Abfragen der Fahrstrecke. Linden, Ricklingen. So geht das Schlag auf Schlag. Manche Wagen haben einen roten Punkt an der Windschutzscheibe. Wer keinen hat, bekommt einen, frisch gepinselt auf weißem Papier. Auch meine Freundin und ich müssen nicht lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten. Der Fahrdienst bringt uns sogar direkt bis zur Haustür.

Ähnliche Episoden erzählt wohl jeder Hannoveraner, der die Aktion Roter Punkt miterlebt hat - und meist huscht dabei ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Es ist die Erinnerung an jene zehn wilden Tage zwischen dem 7. und 18. Juni 1969, als in Niedersachsens Hauptstadt Busse und Bahnen stillstanden - und sich eine aggressive Stimmung nach und nach in ein gutgelauntes Volksfest verwandelte.

Schlagstöcke und Tränengas gegen Demonstranten

Der Auslöser war die Fahrpreiserhöhung der hannoverschen Verkehrsbetriebe Üstra zum 1. Juni 1969. Schon lange hatten sich die Hannoveraner aufgeregt: über überfüllte Bahnen, lange Wartezeiten und ständige Verspätungen. Und dafür sollten sie jetzt noch satte 33 Prozent mehr bezahlen?

Vom Widerstand erfuhr ich wie die meisten Hannoveraner aus der Tageszeitung. Am 7. Juni, einem verkaufsoffenen Sonnabend, gab es eine erste Protestkundgebung. 300 Leute, vornehmlich Schüler, Studenten und Lehrlinge, zogen durch die Innenstadt und blockierten mit Sit-ins am Steintor die Straßenbahnschienen. Zur Kundgebung zwei Tage später kamen bereits tausend Menschen. Der Protest breitete sich aus wie ein Lauffeuer, am 10. Juni war die Menschenmenge bereits auf 3000 angewachsen. Auch dieser Marsch endete mit Blockaden und Sit-ins.

Die Fotos in der Presse sahen bedrohlich aus. Junge Menschen in leichter, bunter Sommerkleidung stehen einer wehrhaften Truppe mit Helmen und Schlagstöcken gegenüber. Die Demonstranten kommentierten den militanten Aufmarsch mit Rufen wie "Polizei, SA, SS", was zu Handgreiflichkeiten, Prügeleien und später dem Einsatz von Tränengas führte. Ohne Ergebnis. Trotz der harten Maßnahmen konnte die Polizei den Steintorkreisel, den zentralen Verkehrsknotenpunkt in der City, nicht räumen. Hitzige Diskussionen dauerten bis spät in die Nacht. Ich fand das Szenario gefährlich und hielt lieber Abstand.

Alles war politisch

Aktionen dieser Art konnten böse enden. Das wussten wir - von Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke. Seit 1967 stand politisch alles unter Strom. Vietnamkrieg, Notstandsgesetze, die Stimmung war aufgeheizt. Bei jeder Gelegenheit wurde Flagge gezeigt, meist die rote. Das Virus breitete sich bis in die Schulen aus: Die Beteiligung in der Schülerbasisgruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) war einfach Pflicht. Mich hatte eine Schulkameradin mitgeschnackt. Und da saßen wir, lasen in der kleinen roten Mao-Bibel und philosophierten. Ich verstand kein Wort und beobachtete den damaligen Leiter unseres kleinen Zirkels, der mich an den französischen Sänger Jacques Dutronc erinnerte.

Er hieß Martin Lauermann, war der Vorsitzender des SDS in Hannover und entsprechend häufig auf Demo-Fotos zu sehen. Inmitten der Demonstranten, die dabei waren, Pflastersteine auf Schienenstränge zu legen, entdeckte ich hin und wieder ein bekanntes Gesicht aus der Clubszene oder der uns benachbarten Jungenschule.

Von meiner Mutter erfuhr ich, dass der Sohn von Klubkameraden meiner Eltern maßgeblich an diesen Aktionen beteiligt war. Detlef Roßmann gehörte zur Gruppe der Studenten, die als treibende Kraft hinter dem Protest standen. "Wir waren damals getrieben von dem Gefühl, dass das nicht richtig war, was die Polizei und Obrigkeit mit uns gemacht hatten, in Berlin und überall", erzählt Roßmann. Als Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Technischen Universität Hannover war der damals 23-Jährige bestens gerüstet für das, was Hannover im Juni 1969 bevorstehen sollte: "Alles, was ich in den zwei Jahren zuvor an Diskussionen hatte, an Erfahrungen, an Gesprächen mit Arbeitern, mit Gewerkschaftern und Politikern gesammelt hatte, habe ich in diese Aktion gelegt."

Der rote Punkt

Wer damals auf die Idee mit dem roten Punkt gekommen ist, weiß Roßmann nicht mehr genau. Mittlerweile nehmen viele die Erfindung für sich in Anspruch, der SDS, der Kabarettist Dietrich Kittner. "Manche sagen, sie kam aus dem AStA, aber im Grunde genommen war das eine große Bewegung, und es gab mehr als einen Ideengeber", erzählt Roßmann. Man traf sich in großen Gruppen, hauptsächlich abends, nebenbei wurde ein bisschen studiert.

Für die Organisation der Aktion, die beweisen sollte, dass die Hannoveraner auch gut ohne die teuren Verkehrsbetriebe zurechtkamen, konnte der AStA auf eigene Finanzen zurückgreifen: "Wir hatten sogar eine Sekretärin, die unsere Parolen getippt hat." An den Haltestellen aber war nach kurzer Zeit eine Organisation gar nicht mehr nötig. Der Ersatzverkehr rollte: Autos mit einem roten Punkt und freien Plätzen hielten einfach an den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs. Die Helfer der Aktion Roter Punkt wurden von umliegenden Geschäften kostenlos mit Essen und Getränken versorgt.

Am 12. Juni stellte die Üstra den Verkehr komplett ein. Das erwartete Chaos blieb aus. Roßmann ist noch heute begeistert: "Diese Solidarität der Leute! Es funktionierte! Wir haben schnell gemerkt, dass wir was bewegen konnten - auch ohne eine Partei oder irgendwelche Oberstadtdirektoren."

Streit in Grundsatzfragen

Hinter den Kulissen allerdings bröselte die Einigkeit des Zweckbündnisses aus mehr als einem Dutzend Schüler- und Studentengruppen allmählich. "Eigentlich haben wir uns alle prima verstanden, aber in den Grundsatzfragen kamen wir überhaupt nicht zusammen!", erinnert sich Roßmann. Der SDS schrieb in einem Flugblatt, dass das Rot eine grundlegende Bedeutung besäße: Es sei das Rot der Arbeiterbewegung, eben antikapitalistisch. "Ich habe ein Flugblatt dagegengesetzt und behauptet, der Punkt unserer Aktion sei nur rot, damit man ihn besser sieht."

Für den SDS war das eine Provokation. "Die haben sich tierisch darüber aufgeregt, wie man so unpolitisch sein könne - das sei überhaupt das Wichtigste! Das hätte ich jetzt lächerlich gemacht! Für mich war entscheidend, dass das öffentliche Leben in der Stadt weiterging, während Polizei, Stadt und Üstra dachten, alles bricht zusammen. Es funktionierte besser als vorher und keiner brauchte was zu bezahlen! Eine selbst organisierte Gegenbewegung, das war außergewöhnlich", erzählt Roßmann stolz.

Dass das Chaos ausgeblieben war, wäre allein schon Grund zum Feiern gewesen. Am 17. Juni 1969 verkündete der Rat der Stadt einen einstimmigen Beschluss: Rücknahme der Preiserhöhungen im Nahverkehr und Verhandlungen zwecks Übernahme der Verkehrsgesellschaft in städtischen Besitz. Das übertraf alle Erwartungen.

Die Gewinner

Für den damaligen AStA-Vorsitzenden allerdings verlief das Ende der Aktion Roter Punkt wenig erfreulich: In Hannover rückte - ob dieses Erfolgs - nun aus Frankfurt und Berlin der gesamte Führungskader des SDS an, um aus der Bewegung eine revolutionäre zu machen. Es sei jetzt an der Zeit, dass die Straßenbahnwaggons angezündet werden müssten, hieß es da etwa, erinnert sich Roßmann. "Als ich entgegnete, das sei völlig abwegig, damit würde man alles kaputtmachen, hat man mich geschlagen und einen kleinbürgerlichen Spinner genannt."

Spätere Versuche, die Rote-Punkt-Aktion zu revitalisieren, erstickte die Polizei mit frühen Verhaftungen der Rädelsführer noch im Ansatz.

Die Üstra hingegen, ursprünglich Zielscheibe des Protests, feierte die Aktion vierzig Jahre später als den Beginn einer neuen Ära - mit einer Ausstellung im Kundenzentrum Hannover. Zur Eröffnung gaben Vorstand und ehemalige Mitarbeiter launige Anekdötchen zum Besten, darüber, wie selbst sie mit dem roten Punkt zur Arbeit kamen oder sie sich die lange Wartezeit mit Kartenspielen oder Wagenwaschen vertrieben. Langfristig waren sie die Gewinner: Im neu organisierten kommunalen Betrieb bekamen die Mitarbeiter bessere Verträge und mehr Geld.

Wenn ich an diesen Sommer zurückdenke, wünsche ich mir, dass sich mal wieder genügend Menschen zusammenfinden, um gemeinsam unliebsame Umstände neu zu organisieren.

Artikel bewerten
2.2 (166 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Detlef Mantz, 08.06.2009
Ein wenig sehr anders, als im Bericht erzählt, war es schon damals in Hannover. Als Mitbeteilgter der Demonstrationen am Steintorkreisel (damals 18 J. alt) möchte ich folgende sehr wichtigen Kleinigkeiten hinzufügen: Die Demos fanden zunächst zwar sehr friedlich statt, aber die "Bevölkerung" verhielt sich passiv bis ablehnend. Der große Durchbruch kam in wenigen Stunden: Die Polizei setzte (IMHO erstmals in Hannover) Tränengas ein und kesselte die Demonstranten recht brutal ein. Viele Passanten beobachteten das vom Rand aus. Ich selbst war mittendrin und wurde in einer Ausbruchbewegung mitgerissen und war draußen (an etliche umgerissene Polizisten, denen "im Vorbeilaufen" Helme und sogar Waffen entrissen wirden erinnere ich mich bis heute - deren fassungslose Gesichter waren kaum älter als ich). Danach- am gleichen Nachmittag war plötzlich alles anders - viel Sympathie der Bevölkerung bis hin zu Ladenbesitzern, die Kuchen, Kaffee usw. rausbrachten und verteilten. Eine solch spontane Emergente Ordnung ist in dieser Größe wohl erstmals passiert und womöglich auch so nie wieder in Deutschland. Irgendwelche Personen oder gar Gruppen waren an diesem Umschwung ganz sicher nicht beteiligt - bis zu diesem Punkt war es eine ganz "normale" Bewegung. 2. Die Verkehrsgesellschaft (Üstra) ließ danach (am gleichen späten Abend) absichtlich einen Anhänger mitten auf dem "Steintor" stehen - ganz deutlich mit der Absicht, dass Demonstranten diesen zerstören. Stattdessen diente der viele Tage lang als Kulisse für Reden und Kabarett (der erwähnte D.Kittner profilierte sich damit zum späteren Volkskabarettisten). Auch das war ein wichtiges Detail. Die Üstra stellte dann am folgenden Tag den Verkehr komplett ein, und daraufhin bildete sich der "Rote Punkt" als Volksbewegung. Die sehr konservative Zeitung "HAZ" druckte erst zwei Tage später einen Roten Punkt auf die Titelseite zum Ausschneiden. Der Anhänger war sofort und später die Tribüne für die Verbreitung der Nachrichten vom Erfolg der Demonstrationen. Diese Respektierung von "Volkseigentum" war selbstverständlich aus der Mitte der Bewegung entstanden - gewaltbereite Gruppen waren weder zu sehen noch hätten die irgendeine Chance gehabt. 3. Erst in den folgenden Jahren (als wieder erhöht wurde) wurden Demonstrationen zielgerichtet von Parteien beschlagnahmt - vor Allem von der unsäglich DDR-anhänglichen DKP (leider auch mit D.Kittner). Die Hannoveraner wollten sich nicht vor deren "Karren spannen" lassen und die Demos wurden schnell kleiner bis hin zur späteren Bedeutungslosigkeit. Ich bin sicher, dass ohne diese Vereinnahmung durch Parteien die Hannoveraner mit der gleichen Begeisterung weiter gemacht hätten - wahrscheinlich erfolgreich, denn der erkämpfte Fahrpreis im 1. Jahr war ungeheuer niedrig - praktisch ein Nulltarif (50 Pfennig Einheitstarif). Es ging also im Grunde um die Frage, ob ÖPNV praktisch vollständig von Steuern finanziert werden sollte oder kostendeckende Fahrpreise haben soll. Es wurde von Seiten der Stadt Letzteres angestrebt und dann auch sehr schnell mangels Gegenbewegung durchgesetzt. IMHO war es der Einfluss der unsäglichen K-Parteien aller Art, die das durch ihre Vereinnahmung der Volksbewegung ermöglicht haben.
2.
Werner Donner, 19.06.2009
Erinnerung nach 40 Jahren ist in der Regel nicht perfekt. Daher empfehle ich, sich die 1969 erschienene Zusammenfassung der Ereignisse von Agnes Hüfner, in "Der Rote Punkt" erschienen, nachzulesen. Auf diese wird auch auf der Wikipedia-Seite zu demselben Thema hingewiesen. Die Aktion war anfangs von Studenten- und Schülervertretungen sowie von meist linken politischen Gruppierungen getragen worden. Z. B. entwickelte sich z. Bdie Aktion Roter Punkt aus einer studentischen Mitfahrermöglichkeit für Studierende an der TU Hannover. Schon nach wenigen Tagen weitete sich der Protest zu einem fröhlichen Anliegen vieler Hannoveraner aus, die sich spontan selbst-organisierten und den Demonstranten mit großer Sympathie begegneten. In dem Artikel von Andrea Jonischkies gibt es eine Reihe kleinerer Unrichtigkeiten, u.a. wird die Rolle des SDS, der zunächst eifrig mitmachte, dann sich aber leider nach Utopia aufmachte, überschätzt, oder auch bei der Einordnung einzelner "Aktivisten". In jedem Falle verdient die Aktion Roter Punkt, bei der die Hannoveraner erst die ÜStra ersetzten und dann zu ihren Konditionen von Privataktionären übernahmen, eine liebevolle Erinnerung-auch und gerade jetzt nach 40 Jahren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH