Protokoll der "Landshut"-Entführung "Wo sind die Schweine?"

Erstmals hat ein deutsches Ministerium Akten zur Entführung der Luftansa-Maschine "Landshut" 1977 freigegeben, darunter eine Art Operationstagebuch des Bonner Krisenstabes. Im Licht der Dokumente stellt sich die Geschichte des Dramas in vielen Teilen neu dar - ein Protokoll der Ereignisse.

AP

Donnerstag, 13. Oktober 1977

14.00 Uhr

In der Lufthansa-Boeing 737 "Landshut" auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt am Main ist gerade ein Imbiss serviert worden. An Bord sind 86 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder, überwiegend Deutsche, aber auch Norweger, Österreicher, Holländer, Amerikaner, ein Finne, fünf Spanier, ein Grieche , zwei Schweizer, eine Dänin - und ein vierköpfiges Terrorkommando der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP) mit Sitz in Bagdad. Als die Stewardessen das Geschirr abräumen, stürmen zwei Männer mit gezückten Pistolen ins Cockpit und schlagen auf den Co-Piloten Jürgen Vietor ein: "Raus, raus, raus aus dem Cockpit." Vietor weicht in die First Class zurück, dort erblickt er zwei junge Frauen, die Handgranaten in den ausgestreckten Händen halten und die Passagiere anschreien. Kurz darauf ertönt aus dem Bordlautsprecher die Stimme des Anführers, die eine Stewardess aus dem Englischen übersetzt: "Hier spricht Captain Martyr Mahmud. Die Maschine steht unter meinem Kommando. Wer meinen Anweisungen nicht folgt, wird sofort erschossen."

14.38 Uhr

Die Flugsicherung in Aix-en-Provence meldet eine Routenabweichung der Landshut. Kurz darauf berichtet die Flugsicherung in Mailand, ein "Hauptmann Mohammed Walter" verlange die Freilassung von "Kameraden", die in der Bundesrepublik inhaftiert seien. Im Auswärtigen Amt tritt ein Krisenstab zusammen. Die Außenstelle des deutschen Generalkonsuls in Barcelona mit Sitz auf Palma de Mallorca will sofort die Passagierliste besorgen

Kurz nach 17.00 Uhr

Die "Landshut" ist in Rom-Fiumicino gelandet und bekommt einen Halteplatz auf der äußersten Startpiste zugewiesen. Die italienische Polizei bildet mit gepanzerten Fahrzeugen einen Kordon um die abgedunkelte Maschine. Drei deutsche Botschaftangehörige und ein Lufthansa-Vertreter rasen zum Flughafen hinaus. Da ruft Innenminister Werner Maihofer die deutsche Botschaft in Rom an. Er habe eben mit seinem italienischen Kollegen Francesco Cossiga telefoniert. Notfalls soll "die Maschine durch Schüsse in die Reifen am Start gehindert werden" - eine Bitte, die der forsche Maihofer auf eigene Faust erteilt, obwohl für eine Befreiungsaktion niemand bereit steht. Die Bonner Diplomaten sollen den Wunsch an das italienische Außenministerium weitergeben.

Unterdessen irren die drei Diplomaten über den Flughafen - gleich mehrere Polizeidienststellen weisen ihnen einen falschen Weg, als sie nach dem Büro des Direktors der Flughafenpolizei fragen. In dem Büro, das sie schließlich vorfinden, ist niemand. Verärgert wenden sich die Männer an den Direktor des Flughafens. Der erklärt sich für nicht zuständig und verweist sie an den Generaldirektor für das Zivilflugwesen im italienischen Verkehrsministerium.

Noch während einer der Diplomaten diese Angaben an die Botschaft durchtelefoniert, unterbricht ihn um 17.42 Uhr der Flughafendirektor: "Die LH-Maschine ist soeben abgeflogen".

Ausrede der Italiener: Die Weisung Cossigas, den Abflug "um jeden Preis zu verhindern (sei) erst zweieinhalb Minuten nach dem Start beim Kommandanten der Polizeieinheit eingegangen". Cossiga stellt die Notlüge am nächsten Tag gegenüber Botschafter Arnold richtig: Er habe sich zu einem Schießbefehl "nicht entschließen können, weil das "mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Blutbad" verursacht hätte.

Früher Abend

Die Anti-Terror-Einheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes bekommt Order, der gekaperten Maschine hinterherzufliegen. Kanzler Helmut Schmidt gibt noch aus der Sitzung heraus Weisung an die deutsche Botschaft in Nikosia. Die Diplomaten sollen gegenüber den Zyprioten sich dafür einsetzen, dass die "Landshut" landen, "aber nicht wieder starten dürfe".

20.28 Uhr

Die "Landshut" rollte auf dem Flughafen Larnaca auf Zypern aus. Ein Diplomat berichtet später von absurden Szenen:

"Auf dem nur etwa dreißig Quadratmeter großen Tower drängten sich zeitweilig so viele Personen, dass man Mühe hatte, sich einen Weg durch sie zu bahnen. Der Telefonapparat, mit dem die mit Deutschland bestehende Standleitung bedient wurde, war ständig von Pressevertretern in unmittelbarer Nähe umlagert. Der herrschende Lärm erschwerte die Verständigung erheblich, so dass laut telefoniert werden musste. Die Weitergabe von Anregungen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland an die Verantwortlichen war so von Anfang an erschwert. (...)Die Szene steigerte sich zeitweise zur Groteske, als die Verantwortlichen im engen Kreis mit zusammengesteckten Köpfen, Rücken nach außen, berieten, während Pressevertreter dicht an sie heranrückten, um auf Zehenspitzen mit langen Hälsen und Ohren so viel wie möglich mitzuhören."

Die Entführer verlangen, die Maschine aufzutanken. Ein deutscher Vertreter spricht nacheinander mit Zyperns Staatssekretär für Inneres und Verteidigung, dem Innen- und Verteidigungsminister und dem amtierenden Außenminister. Alle versichern, "das Auftanken der Maschine, wenn notwendig, mit Gewalt zu verhindern". Den Entführern teilt der Tower mit, man könne so schnell keinen Tankwagen schicken, weil die Besatzung bereits zu Hause sei.

Mahmud tobt: "Ich erschieße Crew-Mitglieder und Passagiere, wenn meine Forderungen nicht erfüllt werden". Eine junge Deutsche mit dunklen Haaren (Mahmud: "Du bist jüdisch") soll als Erste sterben. Da geben die Zyprioten nach. Der deutschen Botschaft gegenüber erklären sie, "dass die auf dem Flughafen anwesenden Sicherheitskräfte keine Waffen besäßen, die sie (die Reifen - die Red.) durchschlagen könnten".

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