Prousts Übersetzer Der Weg zu Schottlaender

1984 lernte Stephan Reimertz den ersten Proust-Übersetzer Rudolf Schottlaender kennen. Zwischen dem Studenten (West) und dem Philosophen (Ost) entwickelte sich eine tiefe Freundschaft - geprägt von der Teilung der Stadt Berlin.

Stephan Reimertz/Irene Selle

Ich war ein 22-jähriger Student, als mich beim internationalen Proust-Symposion 1984 in München eine ältere Dame ansprach: "Ich bin Frau Schottlaender!" Der Name ließ mich sofort aufhorchen. Jeder Proust-Fan weiß, dass im Januar 1926, keine drei Jahre nach dem Tod von Marcel Proust, in dem avantgardistischen Berliner Verlag Die Schmiede die erste deutsche Übersetzung von "Du côté de chez Swann" von Rudolf Schottlaender erschien.

Der Name Schottlaender ist aber nicht nur unter Eingeweihten ein Mythos, obwohl nur wenige die beiden blauen Leinenbände mit der braunen und goldenen Deckel- und Rückenbeschriftung je in der Hand gehalten haben. Unter dem Titel "Der Weg zu Swann" machten sie Marcel Proust in Deutschland bekannt. Der Einbandentwurf stammt von dem Bremer Gebrauchsgrafiker und Bühnenbildner Georg Salter.

Frau Schottlaender erzählte mir, dass sie mit ihrem Mann in Ostberlin lebe. Rudolf Schottlaender, 1900 geboren, war inzwischen 84 Jahre alt. Die Nachricht, Johann Heinrich Voß, der Zeitgenosse Goethes und Übersetzer Homers, lebe noch in Weimar, hätte mich nicht stärker überraschen können.

Tucholsky? In Ordnung

Noch in München lernte ich auch Schottlaenders Sohn Rainer kennen, einen furchtlosen Widerstandskämpfer, an dessen legendärer Flugblattaktion sich die Stasi die Zähne ausgebissen hatte und der nach einem missglückten Fluchtversuch aus einem DDR-Gefängnis in den Westen entlassen worden war.

Ich verabredete mich mit Frau Schottlaender zu einem Besuch in ihrem Haus in Ostberlin - und nur wenige Wochen später stand ich in der Schlange am Grenzübergang Friedrichstraße. Nach zwei Stunden wurde ich in eine beklemmende, mit Spiegeln ausgestattete Pressspanbox eingewiesen, die als Kontrollpunkt diente. Während "der Mann, der niemals lachte" die Daten meines Reisepasses in einen Computer eingab, konnte er mich zugleich im Spiegel von hinten sehen.

Ich sollte diese Apparatur in den folgenden fünf Jahren bis zum Fall der Mauer noch oft passieren. Gelegentlich wurde ich gefilzt. Als ich Professor Schottlaender eines Tages ein Buch mitbringen wollte, knöpften es mir die Beamten wider Erwarten nicht ab: "Tucholsky? In Ordnung."

Viel Gestank und wenig Reklame

Jeder, der damals nach Ost-Berlin wollte, wusste, dass man mitunter viele Stunden am Grenzübergang zubringen musste. Ich hatte die Zeit großzügig bemessen, so blieb Gelegenheit zu einem Spaziergang in Ostberlin, das ich bereits als Schüler zweimal besucht hatte, um mir das Pergamonmuseum und die Maifeiern anzusehen.

Wer aus der Box trat, der stieß zunächst auf einen Pulk von Taxifahrern, darunter vermutlich etliche Mitarbeiter des Geheimdienstes. Das erste, was einem auffiel, wenn man das graue Stadtzentrum von "Berlin, Hauptstadt der DDR" betrat, war der durchdringende Geruch der Öl-Benzinmischung, die die Zweitaktmotoren der vereinzelt durch die Gegend knatternden Trabis antrieb.

Der erste visuelle Eindruck hingegen war die erholsame Abwesenheit greller und schriller Reklameschriften, mit denen man im Westen behelligt wurde. Doch die Kleidung vieler Ostberliner - fadenscheinige Stoffblousons, eine Art stone-washed Jeans und helle Sportschuhe - ähnelte der in West-Berlin, die ich als ebenso hässlich empfand.

Schwere Zigarren mit Geheimagenten

Meine erste Anlaufstelle im Osten sollte auch in den kommenden Jahren immer dieselbe bleiben: Die Bar "La Habana" im Hotel Metropol, wenige Schritte vom Bahnhof Friedrichstraße entfernt.

Hier bot sich Gelegenheit, die zwangsumgetauschten 25 Mark an den Mann zu bringen. Man rauchte kubanische Zigarren, gegen die die heute verbreiteten Cohibas Leichtgewichte sind. Junge Kubaner servierten Drinks aus ihrer Heimat.

Die Zigarre vor dem Besuch bei Professor Schottlaender sollte von nun an zu einem Ritual werden. Hier konnte ich inmitten von Auslandskorrespondenten und Geheimagenten aus allen Ländern meine Konzentration sammeln, bevor ich dem großen Denker und Redner gegenübertrat.

Berufspendler

Schottlaender hatte in Freiburg bei Husserl, Heidegger und Hartmann studiert und in Dresden nach dem Krieg kurzzeitig eine Professur für Philosophie übernommen. Die meiste Zeit seines Lebens aber hatte er in Berlin verbracht.

Seine Wohnsituation schien dabei symbolisch für seine Weltoffenheit: Von Ende 1959 bis Oktober 1961 lebte die Familie in West-Berlin, der Professor jedoch fuhr jeden Tag hinüber in den Osten, um an der Humboldt-Universität griechische und lateinische Literatur zu lehren. Schottlaender war in den fünfziger Jahren immer wieder für einen Dialog zwischen den Blöcken eingetreten - den er als Berufspendler gewissermaßen auch selbst praktizierte. Bis zum Mauerbau am 13. August 1961.

Schottlaender entschied sich für den Osten, auch wenn sich seine damals vierzehnjährige Tochter Irene keineswegs erfreut drüber zeigte, dass sie die Schule in West-Berlin nun verlassen und in eine ihr vollkommen fremde Welt hinter der Mauer übersiedeln sollte. Doch sie verkraftete es offenbar gut: Ich lernte sie als quicklebendige junge Frau im Garten ihrer Eltern kennen. Sie studierte später Romanistik und trat als Wissenschaftlerin und Übersetzerin in die Fußstapfen ihres Vaters.

Alter Mann mit jugendlichem Kampfgeist

Rudolf Schottlaender selbst war ein Berliner, wie ich ihn mir als Münchner Student vorgestellt hatte: selbstbewusst, schlagfertig, witzig und hochgebildet. Ich konnte mir mit dem alten Mann stundenlange Dispute über Caesar, Cicero, die Stoiker und Spinoza liefern. Schottlaender war Autor einer "Theorie des Vertrauens" und einer Erörterung philosophischer Grundbegriffe. Zudem schrieb er wissenschaftshistorische Arbeiten und übertrug neben antiken Komödien (von Menander, Plautus und Terenz) sämtliche Tragödien des Sophokles neu ins Deutsche, die sich aufgrund ihrer "Wirkungstreue", wie er das nannte, auch auf den Bühnen großer Beliebtheit erfreuten.

Rund sechzig Jahre nachdem er seine legendäre Proust-Übersetzung vorgelegt hatte, dichtete Schottlaender auch moderne französische Poeten wie Aragon und Éluard nach. Der Professor bestach nicht nur durch sein Philosophieren, sondern auch durch einen geradezu jugendlichen Kampfgeist. Er arbeitete damals an seiner Autobiographie, die 1986 im Herder-Verlag mit dem Titel "Trotz allem ein Deutscher" erschien. Darin schildert er, wie er durch fünf deutsche Staaten kam und als Jude das "Dritte Reich" überlebte.

Toleranz, Mut und, wenn es sein musste, Opposition: Bei ihm bildeten Leben und Lehre eine Einheit. Das war ein anderes Format als das der Professoren, die ich an der Uni erlebte und deren geistige Bedeutung meist im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Eitelkeit stand.

Geistiger Vater der Wende

Als kleinem Studenten war es mir schließlich vergönnt, Rudolf Schottlaenders letzten öffentlichen Vortrag zu organisieren. Mit seiner Frau Edith war der mittlerweile 87-Jährige am 25. November 1987 aus Ostberlin nach Frankfurt am Main gereist. Die beiden genossen es, sich von mir durch den Taunus chauffieren zu lassen. Beim Diner mit meiner Familie zeigte sich Schottlaender als Weltmann und Charmeur, und am Abend schlug er in der Universität Frankfurt mit seinem Vortrag "Antisemitische Verfolgung Berliner Wissenschaftler im 'Dritten Reich'" die Zuhörer in Bann.

Rudolf Schottlaender, der keine ideologischen Grenzen anerkannte und sich als Bürger einer deutschen Kulturnation fühlte, starb am 4. Januar 1988 in Ostberlin.

Den Fall der Mauer erlebte er nicht mehr, dennoch kann er zu den geistigen Vätern der Wende gezählt werden: Mit der Schlagkraft seines Wortes und der Schärfe seines philosophischen Arguments hatte er bis dahin bereits viele der späteren Protagonisten der Wende ermutigt und inspiriert.



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