Mordprozess gegen O. J. Simpson Liebe, Tod und Rassenhass

Vor 20 Jahren wurden Nicole Brown Simpson, Exfrau des Footballstars O. J. Simpson, und ihr Freund Ron Goldman ermordet. Der live übertragene Sensationsprozess gegen Simpson bewegte die Welt - und spaltete Amerika.

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Es war einer der grausigsten Tatorte, den sie je gesehen hatten. Die Frau lag barfuß in einer Blutlache an der Treppe zur Haustür. Der Mann befand sich nicht weit davon, das blutgetränkte Hemd hochgerutscht. Beide hatten Dutzende Messerstiche erlitten, die Kehle war ihnen durchschnitten, die Frau fast enthauptet worden. Blutige Schuhspuren führten zum Gartentor.

Die Horrorszene, auf die die Cops in den frühen Morgenstunden des 13. Juni 1994 stießen, war so schon dramatisch genug. Doch noch dramatischer war die Identität der Opfer, die da im Vorgarten von 875 South Bundy Drive in Brentwood, einem idyllischen VIP-Viertel in Los Angeles, so brutal ihr Leben gelassen hatten.

Bei der Frau handelte es sich um Nicole Brown Simpson, 35, die ehemalige Frau des Exfootballstars und Gelegenheitsschauspielers O. J. Simpson ("Die nackte Kanone"). Sie hatte sich 1992 scheiden lassen, nach sieben Jahren stürmischer Ehe, während der Simpson sie immer wieder grün und blau geprügelt hatte.

Der Mann hieß Ron Goldman. Der 25-Jährige war mit Brown Simpson befreundet. Wie so viele junge Männer in Los Angeles stemmte er Gewichte, träumte vom großen Durchbruch und jobbte einstweilen als Kellner und Model.

Sechs Wochen später landete O. J. Simpson, 45, wegen Doppelmords vor Gericht. 134 Tage dauerte der live im Fernsehen übertragene "Jahrhundertprozess". Im Oktober 1995 sprachen die Geschworenen Simpson frei - obwohl die meisten Indizien, allen voran sein Verhalten nach der Tat, für Schuld sprachen.

Bis heute, 20 Jahre nach den Morden, bleibt es das aufsehenerregendste Verfahren der US-Kriminalgeschichte. Nicht nur wegen seiner endlos-bizarren Episoden - von Simpsons Freeway-"Flucht" in einem weißen SUV, ebenfalls live ausgestrahlt, bis zu den perfiden Tricks der Akteure vor Gericht. Nicht nur wegen des schockierenden Freispruchs, der Amerikas Rassenspaltung aufs Neue aufriss - O. J. Simpson ist schwarz, seine Ex-Frau weiß.

Alle Mitwirkenden wurden weltberühmt

Nein: Der Fallout des Prozesses reichte viel tiefer. Der Medienzirkus und seine schillernden Haupt- und Nebendarsteller waren Keimzelle des heutigen Reality-TV, dessen "Stars" kein Talent mehr brauchen, sondern nur noch ein Talent zur Selbstdarstellung. Alle Mitwirkenden des Spektakels wurden weltberühmt: Staatsanwälte, Verteidiger, Zeugen, Reporter.

Und dann, nachdem ihre sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm abgelaufen waren, landeten die meisten auf dem Komposthaufen der Popkultur.

Simpson selbst mutierte vom abgehalfterten Kultstar zum globalen Faszinosum. Als Russlands Präsident Boris Jelzin 1995 zum Staatsbesuch nach Washington kam, war seine erste Frage an den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton: "Glauben Sie, dass O. J. es war?"

Der Fall hatte alles: Liebe, Leidenschaft, Eifersucht, Klassenkampf, Rassenhass und "shock value". Plus korrupte Cops, untaugliche Ankläger, durchtriebene Anwälte und Zeugen aus dem Softporno-Geschäft: Ein Film noir im Stil eines längst vergangenen Los Angeles - nur im grellen Licht des Gerichtssaals 103.

Der einzige Verdächtige

Nach einer furiosen Footballkarriere hatte Simpson seit 1980 das lukrative Dasein eines Sportpensionärs genossen: Werbeverträge für Mietwagen und Orangensaft ("OJ"), TV-Auftritte, Charity-Engagements, Filmrollen - und, nach einer ersten, gescheiterten Ehe, eine zehn Jahre jüngere, glamouröse Gattin.

Nicole Brown, in Frankfurt geboren als Tochter einer deutschen Mutter und eines US-Vaters, lernte Simpson mit gerade mal 18 in einem Nachtclub kennen. Die Fassade des perfekten Paars bröckelte aber schnell: Es gab nächtliche Notrufe und Anzeigen wegen Körperverletzung.

Nach der Scheidung stellte er ihr weiter nach. "Ihr kennt ihn", schluchzte Brown Simpson im Oktober 1993, als sie wieder mal die Polizei alarmierte, "er wird mich verprügeln." Acht Monate später lag sie erstochen vor ihrer Tür.

Simpson war von Anfang an der einzige Verdächtige. Blutspuren führten vom Tatort zur Straße und dann, offenbar nach einer kurzen Autofahrt, in sein eigenes Haus um die Ecke.

Das Los Angeles Police Department (LAPD) räumte dem Star jedoch Sonderkonditionen ein: Er durfte sich freiwillig im Polizeipräsidium stellen. Doch statt dies zu tun, trat Simpson die Flucht an.

Sein Anwalt Robert Kardashian verlas einen "Abschiedsbrief", in dem Simpson die Tat abstritt, aber Selbstmord andeutete. Schon da gab es eine Connection zur späteren Reality-Welt: Kardashian ist der Vater der heutigen Dokusoap-Stars Kim, Kourtney und Khloé Kardashian. Es kursierten sogar mal Gerüchte, Khloé sei in Wahrheit eine Tochter Simpsons.

"Hundertprozentig nicht schuldig"

Unterdessen lieferte sich Simpson in seinem Ford Bronco eine "Verfolgungsjagd" über vier Freeways, zwei Dutzend LAPD-Streifenwagen im Schlepptau. Am Steuer saß sein Freund Al Cowlings, er selbst hockte auf dem Hintersitz, eine .357 Magnum an die Schläfe gepresst.

Die Kolonne fuhr wie in Zeitlupe, mit 56 km/h. Sie wurde aus der Luft von mehr als zwanzig TV-Helikoptern begleitet. Alle Sender unterbrachen ihr Programm. Am Ende blieben 95 Millionen Zuschauer dran - mehr als beim Super Bowl jenes Jahres.

Schließlich ergab sich Simpson an seinem Haus, umzingelt von einer LAPD-Spezialeinheit und Scharfschützen. Er durfte noch ein Glas Orangensaft trinken, sein Markenzeichen, dann wurde er als Häftling Nr. 4013970 registriert.

Der Prozess wurde zum Spektakel. Bei der Anklageverlesung erklärte sich Simpson für "absolut, hundertprozentig nicht schuldig." Neun der zwölf Geschworenen waren schwarz, zwei weiß, einer Latino - gute Karten für den Delinquenten, der bei Schwarzen als Held galt.

Jeder Moment wurde live auf CNN übertragen. Was dazu führte, dass alle Beteiligten für die Kameras chargierten - Staatsanwälte, Verteidiger, Zeugen, selbst Richter Lance Ito, ein Darling der Late-Night-Comedians.

Skurrile Zeugen

Die Anklage führte Marcia Clark, eine bissige Staatsanwältin, die sich nach Kritik an ihrem Kraushaar einem radikalen Umstyling unterzog und dafür am Gericht Applaus bekam. Ihr zur Seite stand der Schwarze Christopher Darden. Prompt wurde beiden ein Affäre nachgesagt.

Zu seiner Verteidigung heuerte Simpson ein Team von Staranwälten an, was ihn an die sechs Millionen Dollar kostete: Robert Shapiro, Johnnie Cochran, F. Lee Bailey, Alan Dershowitz, Robert Kardashian.

Die Strategie der Anklage war einfach: Simpson beging die Morde aus Eifersucht. Die Indizien waren klar - blutige Socken, blutige Handschuhe, zweifellose DNA-Spuren. Auch viele Zeugenaussagen bestätigten das.

Die Strategie der Verteidigung war auch einfach: Die Indizien sind gefälscht, die Zeugen der Anklage Lügner.

Auf jeden Fall waren sie skurrile Figuren. Kato Kaelin, arbeitsloser Schauspieler und "Freund der Familie". Paula Barbieri, Playmate und Simpsons letzte Freundin. LAPD-Cop Mark Fuhrman, der im Gerichtssaal über seine rassistische Vergangenheit stolperte.

Das Urteil

Am 3. Oktober 1995 wurde das Urteil live im Fernsehen verlesen: "nicht schuldig". 150 Millionen Menschen sahen zu, wie Simpson grinste. Die Reaktionen waren so drastisch gespalten wie die Nation - Weiße hielten ihn meist für schuldig, Schwarze für unschuldig.

Simpsons Glück währte nicht lange. 1997 befand ihn ein Zivilgericht der Morde für "haftbar" und verdonnerte ihn zu 46 Millionen Dollar Schadensersatz an die Hinterbliebenen. Davon gesehen haben die bis heute kaum etwas.

Das Verhängnis erwischte Simpson schließlich doch noch - wenn auch in anderer Causa. Wegen bewaffneten Raubüberfalls - auch das wieder ein absurder Fall - wurde er 2008 in Las Vegas zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt.

Frühestens 2017 kann Simpson auf Bewährung freikommen. Dann wäre er 70 Jahre alt.

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insgesamt 17 Beiträge
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Sascha Kribitz, 12.06.2014
1. Fotostrecke Korrektur
Hinweis: Bild Nr. 6 der Fotostrecke ist falsch beschrieben - der Schauspieler neben Simpson ist George Kennedy - nicht Leslie Nielsen
Elfriede Tamm, 12.06.2014
2. nach der Verurteilung ...
bzw. dem Freispruch wollte er ein Buch veröffentlichen mit dem Tenor "ich war es doch". Das wurde ihm irgendwie untersagt.
Alexander Breulmann, 12.06.2014
3.
Nordberg.
Vladi Barrosa, 12.06.2014
4. Zu viele Fragezeichen
Simpson soll seine Frau während Jahren immer wieder grün und blau geschlagen haben, schreibt SPON. Das ist faktisch falsch. Vor Gericht kam heraus, dass er sie genau ein Mal geschlagen hatte und, dass der Streit von ihr ausgelöst wurde. Auch sonst lief vieles falsch in diesem Prozess. Und wer erinnert sich noch an den unsäglichen Detectiv Marc Fuhrman, der das N-Wort immer wieder in seinen Tiraden benutzte. Heute gehen einige Experten in den USA davon aus, dass Simpson's Sohn der Mörder gewesen sein könnte.
Torge Middendorf, 12.06.2014
5. Für (deutsche) Juristen eindeutig
Der Fall wird oft in deutschen Juristen-Zeitschriften als Argument gegen die Jury-Urteile in den USA angeführt. Danach war der Fall mehr als eindeutig: Blutspuren am Haus ließen sich eindeutig Simpson zuordnen, Blut seiner Ex-Frau wurde auf seiner Socke gefunden, Blut von Goldman auf dem Handschuh. Die Jury ließ sich allerdings von Belanglosem leiten: die Spuren seien "verunreinigt" gewesen, der Handschuh hat nicht gepasst. Vor allem die Verunreinigung der Spuren hat nichts mit der Beweislage zu tun: die Typisierungsmuster aller Beteiligten waren bekannt.
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