Prozess nach 43 Jahren Eine mörderische Nacht im Mai 1964

Prozess nach 43 Jahren: Eine mörderische Nacht im Mai 1964 Fotos
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Entführt, gefoltert, ertränkt: Jahrzehnte nach dem bestialischen Mord des Ku-Klux-Klans an zwei schwarzen Teenagern in Mississippi steht der 71-jährige James Seale vor Gericht. Die Hinterbliebenen hofften auf späte Gerechtigkeit - doch die meisten Täter und Zeugen sind längst tot.

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James Ford Seale ist ein alter Mann. Die Gesichtshaut fleckig, die Haare stehen spärlich auf dem faltigen Schädel, er trägt ein Hörgerät. In den sechziger Jahren war er ein gefürchtetes Mitglied des rassistischen Geheimbunds Ku-Klux-Klan (KKK) - davon jedenfalls ist die Staatsanwaltschaft in Jackson im US-Bundesstaat Mississippi überzeugt. Heute streitet Seale das ab, ebenso wie das, was er nach Ansicht der Ermittler am 2. Mai 1964 getan hat. Zu allem anderen schweigt er.

Er sollte der "Freedom Summer" werden, der Sommer der Freiheit: Hunderte Bürgerrechtler machten sich 1964 auf nach Mississippi, um dort für die Gleichberechtigung schwarzer und weißer Amerikaner zu kämpfen. Nicht selten kam es zu blutigen Übergriffen des Ku-Klux-Klans. Etliche Fälle aus den fünfziger und sechziger Jahren kamen nie vor Gericht, weil die Täter den Schutz von gleichgesinnten Beamten in lokalen und bundesstaatlichen Behörden genossen.

Laut Bundespolizei FBI gibt es noch mindestens 39 ungeklärte Rassenhass-Mordfälle mit 51 Opfern in den Südstaaten der USA, berichtete die "New York Times" kürzlich. Die meisten Fälle sind schon vor Jahrzehnten in Vergessenheit geraten, so wie das Schicksal von Henry Dee und Charles Moore. Auch sie überlebten den "Summer of Freedom" nicht. Die beiden Schwarzen starben qualvoll in den dunklen Fluten des Mississippi. Zur Verantwortung gezogen wurde dafür bislang niemand, und viele Details zum Tathergang liegen im Dunkeln.

Fest steht: Am Abend des 2. Mai 1964 spielten sich in einem Waldstück in der Nähe der Stadt Meadville im ländlichen Südwesten Mississippis brutale Folterszenen ab. Fünf Mitglieder des Ku-Klux-Klans hatten die beiden 19-jährigen Anhalter Dee und Moore am Straßenrand aufgegriffen und in den Wald gebracht. Ein Zeuge sagte dem FBI später, die Entführung sei Seales Idee gewesen.

Gerüchte, die schwarze Bevölkerung plane einen bewaffneten Aufstand, sollen der Grund gewesen sein, die beiden jungen Männer mitzunehmen. Gestehen sollten sie, ihr Wissen über die Revolte preisgeben - von der sie keine Ahnung hatten. Nach Angaben ihrer Familien waren die beiden alte Freunde, keiner war je mit der Bürgerrechtsbewegung in Kontakt gekommen. Charles Moore galt als Musterschüler.

Grausiges Ende in den Fluten des Mississippi

Die Männer fesselten Dee und Moore an einen Baum, einer (laut Staatsanwaltschaft: Seale) richtete eine Schusswaffe auf die Opfer. Mit biegsamen Stöcken droschen die Peiniger dann auf die jungen Männer ein und versuchten, ein Geständnis aus ihnen herauszuprügeln. Die Rassisten hätten wissen wollen, wer hinter den "Negerproblemen" in der Gegend stecke, schreibt Journalistin Donna Lad in der "Jackson Free Press". Der kanadische Fernsehkollege David Ridgen hatte den Fall Moore/Dee bereits 2004 recherchiert, ein Jahr später stieg Donna Lad mit ein. Ridgen hatte bei seinen Recherchen festgestellt, dass Seale - entgegen ständiger Behauptungen seiner Familie - noch am Leben war. Gemeinsam mit den Hinterbliebenen trieben die Journalisten so die Wiederaufnahme des Verfahrens voran.

Von den "Negerproblemen" wussten Moore und Dee nichts, schreibt Donna Lad. Wer ihr Anführer sei, wollten die KKK-Männer von den Teenagern wissen. In ihrer Not gab einer der beiden schließlich einen Namen an: den eines schwarzen Priesters aus der Gegend. Halbtot seien Moore und Dee zu diesem Zeitpunkt bereits gewesen. Die Täter beschlossen den Ermittlungen zufolge, sie loszuwerden, banden sie vom Baum los und fesselten sie mit Klebeband. Auch die Münder wurden mit Tape verklebt, laut Anklage legte Seale mit Hand an.

Die Männer verfrachteten die blutenden Opfer auf einen Wagen und fuhren sie mehr als hundert Kilometer bis zum Mississippi. Dort luden sie die wehrlosen Teenager in ein Boot, banden ihnen Gewichte ans Bein und versenkten sie bei lebendigem Leib im Wasser. Zwei Monate später wurden ihre Leichen gefunden, ohne Köpfe und stark verwest.

Tränen der Trauer - auch nach 43 Jahren

Noch im selben Jahr wurden Seale und sein Cousin Charles Marcus Edwards wegen Mordverdachts festgenommen. Bei einer Vernehmung soll Seales laut FBI auf die Anschuldigungen erwidert haben: "Ja, aber ich werde es nicht zugeben. Ihr müsst es mir nachweisen." In einem Interview im Jahr 2000 bestritt Seale die Vorwürfe dann wieder. Das FBI übergab an lokale Behörden, die die Anklage wenig später fallen ließen - angeblich aus Mangel an Beweisen.

43 Jahre lang hat Thomas Moore die Hoffnung nicht aufgegeben, dass seinem toten Bruder Charles doch noch irgendwann Gerechtigkeit widerfährt. "Die beiden haben niemandem etwas getan", sagte er in einem Interview. "Sie so zu malträtieren, zu quälen, zu drangsalieren, zu schikanieren und im Fluss zu ertränken - das ist so schrecklich." Auch Thelma Collins, Schwester von Henry Dee, verfolgt der grausige Tod ihres Bruders bis heute. "Ich versuche, es zu verdrängen, weil es ja nun mal geschehen ist", erzählte die 70-Jährige. "Aber jedes Mal, wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen."

Die Anklage gegen James Seale lautet auf Entführung und Verschwörung, nicht etwa Mord. Er hat sich nicht schuldig bekannt. Ihm nach all den Jahren seine Schuld nachzuweisen, so wie Seale es damals lakonisch forderte, wird nur über Zeugenaussagen möglich sein. Das Problem: Im Laufe der Jahrzehnte sind nur noch wenige übrig geblieben, die zur Aufklärung beitragen können. Die ersten Zeugenaussagen im Prozess - zwei Polizisten und ein Bestatter, die die Leichen bergen mussten - haben Seale sichtlich kalt gelassen. Sämtliche Mittäter sind gestorben - bis auf einen: Charles Marcus Edwards, der damals selbst dabei war, aber nur eins der Autos gefahren und einige Male zugeschlagen haben will, ist der Hauptbelastungszeuge. Ihm wurde Straffreiheit zugesichert.

Ein Opfer der Umstände?

Bei Edwards Aussage gestern wurde Seale Beobachtern zufolge nervös und rutschte unruhig auf seinem Stuhl im Gerichtssaal auf und ab. Seale habe die jungen Männer am Straßenrand aufgelesen. Er habe Dee wegen seines schwarzen Kopftuchs für ein Mitglied der Bürgerrechtsbewegung gehalten, Moore hingegen sei nur ein "Opfer der Umstände" gewesen. "Wir waren nicht hinter ihm her", sagte Edwards.

Die Tortur im Wald habe 30 Minuten gedauert, Seale habe währenddessen eine Flinte mit abgesägtem Lauf auf die Jungen gerichtet. Was danach geschehen sei, wisse er nicht. Man habe sich nach der Prügelorgie getrennt. Seale habe ihm allerdings sechs Wochen später erzählt, er habe die beiden Teenager gefesselt, mit Gewichten beschwert und im Fluss versenkt. Wegen des "Ehrenkodexes" des KKK habe er all die Jahre geschwiegen. "Was vor 40 Jahren geschehen ist, kann ich nicht mehr ändern", sagte Edwards an die Familien der Opfer gerichtet. "Es tut mir sehr leid, und ich bitte Sie um Vergebung für meinen Anteil an diesem Verbrechen."

Ob die Aussage von Charles Edwards für einen Schuldspruch ausreicht, muss sich zeigen. In etwa zwei Wochen soll das Urteil gesprochen werden. Egal, wie es lauten wird - Thomas Moore weiß schon jetzt, was er nach Abschluss des Verfahrens tun wird. Er will auf den Friedhof gehen, auf dem sein kleiner Bruder begraben liegt. Dort will er einen Schlusspunkt setzten. Er habe Charles ein Versprechen gegeben, das er dann eingelöst habe. "Ich habe ihm immer gesagt, dass ich das hier durchstehen werde", sagt er, "bis zum Ende."

Friederike Freiburg

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 06.06.2007

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