Prügelstrafe "Warum schlagt ihr mich nicht?"

Prügelstrafe: "Warum schlagt ihr mich nicht?" Fotos
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Achims Vater zog oft seinen Gürtel aus der Hose und verprügelte den Sohn. Warum, fragte dann Nachbarskind Ernst Woll seine Großeltern. Die Antworten, die er bekam, beschäftigten ihn sein ganzes Leben. Von

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"Warum bekommt Achim fast jeden Tag von seinem Vater Hiebe?" fragte ich meine Großmutter. Achim und seine Familie wohnten bei uns im Haus. In unserem Sprachgebrauch verwendeten wir den Begriff Hiebe für die körperliche Züchtigung, die in meiner Kindheit in den dreißiger Jahren in der Erziehung eine wichtige, aber unrühmliche Rolle spielte. "Er hat nicht gefolgt", antwortete sie, gab mir aber, ich war fünf Jahre alt, auch weitere Erklärungen zu den mich bewegenden Fragen.

"Folgen" hieß in unserem Dialekt artig sein, das gelang auch mir nicht immer, trotzdem wurde ich dann nicht geschlagen. Warum Achim und ich nicht? Diese Fragen über die Bestrafungen von Kindern beschäftigten mich nicht nur damals, sie begleiteten mich während meines nunmehr fast achtzigjährigen Lebens. Dass selbst in unserer modernen aufgeklärten Gesellschaft Kinder verprügelt werden, wissen wir aus den Medien. Jetzt drängt es mich, meine Erlebnisse aufzuschreiben, vielleicht kann ich damit Erfahrungen vermitteln.

Achim hatte mehrere Geschwister, ich wuchs als Einzelkind auf. Wir waren gleichaltrig. Er musste im Haushalt der Mutter zur Hand gehen und seine kleineren Geschwister versorgen. Dabei unterliefen ihm Fehler. Das allein konnte aber nicht die Ursache dafür sein, dass er der Prügelknabe seines Vaters war. Meine Großmutter sagte: "Es ist sträflich, wenn die überlegenen Erwachsenen ihre Unzufriedenheit und ihren Ärger an wehrlosen Kindern durch Prügel abreagieren!" Als Kind begriff ich diese Aussage nicht und fragte: "Ärger habe auch ich manchmal, aber was ist Unzufriedenheit?"

"Es reicht nie"

Geduldig gab mir meine Oma, meistens durch Gleichnisse untermauert, Antworten. Sie erzählte: "In unserem kleinen Bauernhaus gibt es acht Räume, wir alle, deine Eltern, ich, Großvater und du, das sind fünf Personen, bewohnen davon sechs Zimmer. Achims Familie - sieben Menschen - bewohnen aber nur zwei Stuben!" Ich erkannte nun den Unterschied, mit dem ich aber nichts anzufangen wusste.

Meine Oma erläuterte mir deshalb: "Wir haben ein eigenes Haus und genügend Wohnraum. Achims Vater arbeitet sehr schwer im Steinbruch, verdient aber nur wenig. Die zwei Mark Miete, die sie monatlich an uns bezahlen, sind für sie schon viel, und sie können sich keine größere Wohnung leisten. Die sieben Personen auf engem Raum, dazu immer nur abgezähltes Geld fürs Essen, das macht unzufrieden. Für Extras wie etwa Spielsachen, wie du sie hast, reicht es nie. Das können sie sich nicht leisten."

"Dabei", so erzählte meine Großmutter weiter, "gibt es sogar Familien, denen es noch schlechter geht; du kennst sie auch, dort trinkt der Vater immer viel Alkohol und für die Familienmitglieder gibt es dann nicht einmal genügend zu essen. Du hast doch schon gesehen, dass der Mann in unserer Nachbarschaft sehr oft betrunken vorm Haus randaliert. Seine Kinder bekommen auch häufig Schläge." Ich hakte nach: "Aber das sind doch keine Gründe für Hiebe?"

Es geschah oft auf dem Treppenabsatz

Ich erinnere mich noch, dass es damals meiner Großmutter schwerfiel, mir, dem Fünfjährigen, die wahren Ursachen der häufigen körperlichen Züchtigung der Kinder plausibel zu erklären. Mich beschäftigten im starken Maß auch die Ereignisse, die ich in unserem Haus miterlebte.

Wenn Achims Vater von der Arbeit kam, schrie er lauthals - ich kann nicht mehr alles wörtlich wiedergeben - etwa so: "Du hast wieder gefaulenzt, der Kohlenkasten und die Wassereimer sind leer, deine Hosen sind dreckig, deine kleinen Geschwister schreien, du hast sie nicht ausgefahren, du zwingst mich direkt, dir den Hintern zu versohlen." Als ich das sogar sah, es geschah oft auf dem Treppenabsatz, war ich schockiert.

Achims Vater zog den Ledergürtel von seiner Hose, klemmte Achims Kopf zwischen seine Beine und schlug mit dem Riemen mit aller Gewalt auf sein Hinterteil. Achim jammerte und schrie; anschließend musste er in den Keller, dessen Treppe in unserer Waschküche oben mit einer Falltür verschlossen war - es gab kein Entkommen. Es erschütterte mich, dass der Achim, wenn die Tränen versiegten, unten auf den letzten Kellerstufen saß und sang: "Vom Himmel hoch da komm ich her".

"Warum schlägt auch der Lehrer?"

Warum arme Menschen unzufrieden sind, dann in ungerechter Weise auch unschuldige, wehrlose Kinder strafen, erklärte mir meine Oma mit einer weiteren Geschichte: "Im Gemeinde- oder auch Armenhaus unserer Kleinstadt, hinter unserem Obstgarten, wohnt eine Familie mit mehreren Kindern. Der Vater schlägt auch oft zu. Er ist sehr krank, er hatte einen schweren Unfall und kann nun keine körperlich schweren Arbeiten mehr verrichten, aber für Schriftliches im Büro fehlt ihm die Bildung."

Sofort brachte ich meine Großmutter wieder in Erklärungsnot mit meinen ständigen Fragen: Warum? "Warum braucht man fürs Schreiben Bildung und was ist eigentlich Bildung?" wollte ich wissen. Sie sagte: "Wer als Kind in der Schule und später als Lehrling fleißig lernt, kann dann leichte, besser bezahlte Arbeiten in einem Amtszimmer machen." Das leuchtete mir ein, bewunderte ich doch die Männer in unserem Rathaus, die immer gut angezogen hinter den Schreibtischen saßen. Gleich nahm ich mir vor meine Schreibübungen zu verstärken und später in der Schule schnell Lesen zu lernen. Sie fuhr fort: "Die kinderreiche Familie zahlt keine Miete, aber als Unterstützung erhält sie nur wenig Geld; das reicht gerade zum Essen und Kleiden, also zum bescheidenen Leben. Unzufriedenheit darf also kein Grund für das Schlagen der Kinder sein, das hat in jedem Falle nichts mit Vernunft zu tun."

Ich merkte, meine Oma suchte nach weiteren Argumenten, ich hatte auch schon wieder eine Frage auf dem Herzen: "Warum erhalten aber die Kinder vom Lehrer, Doktor und Rechtsanwalt und vom Gutsbesitzer auch manchmal Hiebe, die haben doch große Wohnungen und sollen auch immer Geld haben? Warum sprichst du häufig von Vernunft, was ist das?"

"Dafür hätte dir jetzt den Hintern versohlen"

Heute nehme ich an, dass ich mit dieser Frage meine Großmutter damals in Bedrängnis gebracht habe. Sie war aber kein Erwachsener, der dann, wenn er nicht mehr weiter wusste, sagte: "Das verstehst du noch nicht, dafür bist du noch zu klein." Sie versuchte, mir auch diese Frage geduldig zu beantworten. Meine Mutter störte während unseres tiefgründigen Gesprächs über Vernunft unsere Idylle. Sie kam in die Wohnküche und meinte, es sei Zeit für mich ins Bett zu gehen. Da stampfte ich mit den Füßen auf und widersetzte mich; fast jähzornig rief ich: "Du unterbrichst uns immer, wenn Großmutter mir etwas Wichtiges erklärt, du hast auch keine Vernunft!"

Ich dachte, die Oma würde mich in Schutz nehmen, da hatte ich mich aber gründlich geirrt. Die beiden Frauen zeigten in ihren Anordnungen mir gegenüber stets Einigkeit; trotz eifrigen Nachdenkens gelingt es mir nicht, ein Beispiel zu finden, nach dem meine Eltern und Großeltern mir gegenüber ein einziges Mal nicht in Übereinstimmung gehandelt hätten. Es gelang mir niemals, die Erwachsenen gegeneinander auszuspielen.

Mein Aufbrausen wurde zum Anlass genommen mir beispielhaft zu sagen und zu zeigen: "Achims Vater hätte dir jetzt den Hintern versohlt, bei uns gibt es das nicht, aber überlege dir gründlich, ob du dich richtig verhalten hast. Vielleicht kommst du dann dahinter, was Vernunft ist, morgen werden die Großeltern weiter mit dir sprechen." Trotzdem war das für mich zu hoch, aber das geschlossene, konsequente Auftreten der beiden ließ mich wieder ruhiger werden, mein Zorn ebbte ab. Leicht begehrte ich noch auf: "Vernunft, Vernunft, Vernunft, was ist denn das nun wirklich?" Meine Mutter sagte: "Etwas, was du jetzt nicht hast, es ist das Gegenteil von Dummheit!" Nun wusste ich gar nichts mehr und ich ging, nicht klüger geworden, ins Bett.

Großvater erzählt

Meinen Großvater, dem immer der Schalk im Nacken saß, fragte ich am nächsten Tag: "Was ist Vernunft, und warum bekommen manche Kinder von ihren Eltern Hiebe, aber andere und auch ich nicht?" "Du hättest wohl auch gern welche", war seine erste Reaktion. Dann wurde er ernst, nahm die Bibel, in der er oft las, vom Regal und erklärte mir: "Den Begriff Vernunft habe ich bisher selbst in der Bibel nicht gefunden, das ist aber das Buch, in dem alles steht, was die Menschen brauchen und tun sollen. So kann ich dir nur aus meiner Erfahrung sagen, was Vernunft ist. Es bedeutet: Erst denken und dann handeln!"

"Ich will dir das an einigen Beispielen zeigen", sagte mein Großvater. "Wenn Achims Vater seinen Sohn schlägt, dann hat er nicht darüber nachgedacht, dass der Junge die von ihm verlangten Leistungen gar nicht schaffen konnte. Du bekommst keine Hiebe, weil wir alle denken und wissen, wenn du etwas Unrechtes getan hast und deshalb geschlagen wirst, dann reizt dich das zum Widerstand. Wiederholungen werden aber eher verhindert, wenn wir gemeinsam über die falschen Handlungen nachdenken, auch wie sie in Zukunft zu verhindern sind. Menschen, die vernünftig urteilen können, schlagen deshalb ihre Kinder nicht. In den Familien - es sind leider nur wenige - in denen die Kinder nicht verprügelt werden, denken die Menschen gründlicher und besser nach."

"Noch eines will ich dir sagen", fuhr mein Großvater fort, "du gehst abends fast nie freiwillig und gern ins Bett. Ich war als Kind ebenso, und da hat meine Mutter mit mir folgendes angestellt: Ich durfte so lange ich wollte, aufbleiben, aber auf dem Stuhl sitzend nicht einschlafen. Bis Mitternacht habe ich es ausgehalten, dann fielen die Augen zu. Wäre ich mit Hieben ins Bett geschickt worden, hätte ich mich immer wieder gewehrt, so aber dachte ich nach und erkannte: Der Mensch braucht auch Schlaf."

In der Erziehung unserer vier Kinder in den fünfziger und sechziger Jahren beherzigten wir diese von unseren Eltern und Großeltern übernommenen Methoden und Erfahrungen mit gutem Erfolg.

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Ferdi Keuter 14.01.2011
Mit Interesse habe ich den Bericht von Herrn Dr. Woll gelesen. Bilder meiner Kindheit kamen mir wieder in den Sinn. Während dieser Zeit lebte ich mit meiner Familie in einer einfachen Wohngegend einer Kleinstadt. Das Leben fand wegen sehr enger Wohnverhältnisse teils auf der Straße statt. Gleich zwei Väter vollzogen auf der Straße ihre ?Erziehungsaktivitäten?. Einen Buben sah ich mehrmals schreiend aus der Haustüre laufen, der Vater kam mit Stock und rotem Kopf hinterher. Das Schreien von Vater und Sohn vermischte sich, während die fromme Mutter, bekleidet mit einer Kittelschürze, betend in der Türe stand. So sorgte die ganze Sippschaft für Heiterkeit bei den Nachbarn. Besser wäre es gewesen wenn ein mutiger den sogenannten Vater in seine Schranken gewiesen hätte. Vater Nummer zwei hatte keinen Stock nötig. Er war von Beruf Maurer und sorgte mit körperlicher Gewalt auf der Straße bei seinem Sohn so für Zucht und Ordnung. Dies geschah bedenklich leise und Angst einflößend. Der dritte Fall von körperlicher Gewalt geschah gegen Ende der 40 er Jahre, in Klasse 4 der Volksschule. Zugegeben war der ?Empfänger? der Prügel ein recht ungezogener Bursche. Seine Untaten möchte ich nicht nieder schreiben, der gute Ton verbietet mir das. Wenn wieder ? Der Zwerg? über die Stränge geschlagen war, die verzweifelte Lehrerin wieder Mal nicht weiter wußte, dann kam der Rektor ins Spiel. Er ging zum Kanonenofen, holte das Schüreisen und schlug mit diesem auf den ?Flegel? ein. Nach Beendigung der Niederschlagung von Schülergewalt flog das Eisen in eine Ecke, er rieb seine Hände als würde er den Staub von ihnen entfernen. Der ?Erzieher entfernte er sich, der Unterricht ging weiter als sei nichts gewesen. ?Der Zwerg? sann aber schon wieder auf Rache, es würde ihm schon bald etwas einfallen.
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