Prügelstrafe in der Schule Wenn der Lehrer Drakon heißt

Prügelstrafe in der Schule: Wenn der Lehrer Drakon heißt Fotos
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Schläge, bis das Hemd zerreißt: Als Ernst Woll in den dreißiger und vierziger Jahren zur Schule ging, waren Prügel eine übliche Form der Bestrafung. Doch auch die Aussicht auf den Rohrstock hielt die Schüler nicht von gewagten Aktionen ab. Mancher setzte sich beherzt zur Wehr. Von

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Als ich in den dreißiger und vierziger Jahren zur Schule ging, war körperliche Züchtigung an der Tagesordnung. Am schockierendsten ist im Rückblick, welche Rolle dabei Sympathie und Antipathie spielten. Ein Schulkamerad wurde fast täglich geschlagen. Oft bekam er wegen Kleinigkeiten Stockhiebe auf das Hinterteil. Der Junge stammte aus einer wenig angesehenen kinderreichen Familie, und er hatte einmal den Fehler gemacht, sich zu wehren: Als er vom Lehrer übers Knie gelegt wurde, biss er ihn kräftig in die Wade. Der Pauker hatte aufgeschrien und einen hohen Sprung vollführt, was die Klasse bestens amüsierte.

Auch mein Freund Erich wurde immer wieder zur Zielscheibe unseres Lehrers, einmal auf besonders martialische Weise. In den Kriegsjahren mussten wir Heilkräuter sammeln, die getrocknet wurden und unter anderem für Feldlazarette und Krankenhäuser vorgesehen waren. Die gesammelten Kräuter stopften wir, oft vom Lehrer unbeaufsichtigt, mühsam in Säcke. Nur hin und wieder sah der Lehrer nach dem Rechten. Um die Säcke fester zu pressen, nahm Erich einmal seine Füße zu Hilfe. Er behielte dabei die Schuhe an, weil manche Kräuter schmerzhaft stachelten. Es kam, wie es kommen musste: Der Lehrer erwischte ihn.

Die Schläge mit dem Rohrstock zeichneten Striemen auf Erichs Haut. Seine Jacke und sein Hemd zerrissen davon. Der Pauker sagte: "Das ist Wehrkraftzersetzung, unsere tapferen Soldaten können sich durch den schmutzigen Tee vergiften." Seine Schimpftirade riss nicht ab. Wir Kinder waren sehr bestürzt über die drakonische Bestrafung. Nachdem der Lehrer sich wieder beruhigt hatte, kündigte er an, die Kleidungsstücke zu ersetzen. Folgen hatte dieser Übergriff nicht.

Bis das Blut spritzte

Unser Lehrer war noch für eine andere groteske Erziehungsmaßnahme bekannt. Aus heiterem Himmel rief er: "Es stinkt in der Klasse, wer war das?" Ich bin sicher, dass der aberwitzige Grund vorgeschoben war, um einmal mehr den Rohrstock zu zücken. Verständlicherweise meldete sich niemand, alle hatten Angst. Meistens war es dann Erich, der bei allen Jungen am Hosenboden riechen musste, um herauszufinden, wer sich angeblich unanständig benommen hatte. Die Perfidie hätte größer kaum sein können. Die Mädchen waren selbstredend von der ungewöhnlichen Spüraktion ausgenommen. Zusammen mit einem anderen Schüler hatten Erich und ich meist schon im Vorfeld festgelegt, welcher der Schüler zu beschuldigen war.

Die Schüler ließen sich damals so manches einfallen, um die Schläge zu mildern. Hosenböden wurden mit Leder oder sonstigen Unterlagen gepolstert. Aber das merkte der Lehrer meist, und die Polsterungen mussten vor der Bestrafung entfernt werden. Den originellsten Einfall hatte wohl ein Schüler, der seinen Hosenboden mit einer mit Schlachttierblut gefüllten Schweineblase auslegte. Als durch die Schläge die Blase platzte und das Blut spritzte, war der Lehrer zunächst schockiert. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass er getäuscht worden war, wurden die nachfolgenden Bestrafungen noch härter. Trugen wir Pimpfe übrigens unsere Jungvolk-Uniformen, durften wir nicht geschlagen werden. Wir trugen das sogenannte Ehrenkleid aber nur sehr selten und zu besonderen Anlässen in der Schule.

Ich war zwar kein Musterschüler, wurde aber nur ein einziges Mal mit Stockhieben bestraft. Im Winter waren wir Kinder für das Heizen der Schulöfen zuständig. Ein Klassenkamerad und ich waren verantwortlich für die Ofenheizung im Lehrerzimmer. Auf dem Tisch fanden wir Klassenbücher, Zeugnisduplikate und das Siegel des Schuldirektors, mit dem wir Bezugsscheine für Schreibhefte abstempeln konnten. Schreibmaterialien und Hefte waren damals nur mit amtlichen Bestätigungen zu erhalten. Ohne nachzudenken erstellten wir eine große Anzahl Bezugsscheine, die wir auch an Freunde verteilten, und die als Tauschobjekte dienten.

Stockhiebe wegen Urkundenfälschung

Das Geschäft florierte so lange, bis der einzige Schreibwarenhändler unserer Stadt aufmerksam wurde. Er konnte die Versorgung nicht mehr absichern und informierte die Schule, weil er die Echtheit der vielen Dokumente anzweifelte. Der Schwindel flog auf. Unsere Mütter wurden in die Schule bestellt und uns wurde vorgehalten, dass wir Sabotage oder im geringsten Falle Urkundenfälschung begangen hätten. Wahrscheinlich waren es unser sonst diszipliniertes Verhalten, meine aktive Mitgliedschaft im Jungvolk sowie unsere achtbaren Eltern, die den Lehrer bewogen, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Die Bestrafung erfolgte in unserer Schule.

Wir und vier weitere Schüler, die mit den Bescheinigungen Tauschhandel betrieben hatten, erhielten nach strengen und mahnenden Worten je acht Stockhiebe. Obwohl es sehr schmerzte, war es Ehrensache, nicht zu weinen. Mit Schadenfreude quittierten unser Los vor allem jene Kinder, die wir von unserem Handel ausgeschlossen hatten. Erstaunt war ich darüber, dass wir auch weiterhin die Öfen im Lehrerzimmer versorgen durften. Aber ab sofort befand sich alles unter Verschluss.

Nach dem Krieg fühlten wir uns in der sowjetischen Besatzungszone in der Schule freier, auch weil wir wussten, dass es dort keine Prügelstrafe gab. Offiziell abgeschafft wurde sie 1949 mit der Gründung der DDR. An Schulen der BRD wurde die Prügelstrafe erst 1973 per Gesetz verboten. Der Freistaat Bayern brauchte noch länger. Erst sieben Jahre später zog er nach.

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1.
Ernst Pelzing 14.02.2010
Religionsunterricht, eingebläut mit geistlicher Handschrift, ein schlagender Erfolg Religionsunterricht, ein absolutes Muß in den Volksschulfächern nach dem Krieg, wie aus den folgenden Zeugnis-Einzelheiten aus den Jahren 1946/47 und 1947/48 hervorgeht. Unter den seinerzeit üblichen Kopfnoten BETRAGEN, AUFMERKSAMKEIT, FLEIß und SCHULBESUCH stand der Reihenfolge und ihrer zu unterstellenden Bedeutung nach dieses Fach ganz oben. 1946/47 LEISTUNGEN 1. Religion, 2. Deutsch (a) mündlich und (b) schriftlich, 3. Rechnen, 5. Heimatkunde, 10. Musik und 12. Handschrift. 1947/48 Unter den genannten Kopfnoten weiterhin als erstes Fach unter dem Oberbegriff LEISTUNGEN Religion (a) Bibl. Geschichte, (b) Katechismus etc. etc. Dazu gehörte auch, Psalmen auswendig lernen, so z. B. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ..." Der fehlende Lernerfolg beim Aufsagen des auswendig Gelernten wurde vom unterrichtenden Geistlichen mit eigener "Handschrift" belohnt, soll heißen entweder mit einem feinen Stöckchen auf die Hand oder das eigens zu diesem Zweck in Position gebrachte Hinterteil des Psalm-Versagers. Warum mir dieser Psalmen-Beginn im Gedächtnis haften geblieben ist, ist mir bis heute allerdings nicht ganz klar. Ist die mit schlagendem Erfolg eingebläute geistliche Handschrift oder die Bedeutung des Psalms selbst die Ursache?
2.
Ernst Woll 17.02.2010
Über den Diskussionsbeitrag zum Bericht "Wenn der Lehrer Drakon heißt" habe ich mich gefreut und will ergänzend einige eigene Erlebnisse darstellen. Religionsunterricht in der Schule hatten wir in unserer Kleinstadt in Thüringen bis Ende 1939 für mich bis zur 3. Klasse; ich erhielt damals die Note gut und erinnere mich, dass diesen Unterricht unser Stadtpfarrer erteilte. Er war im Gegensatz zu den anderen sehr strengen oft prügelwütigen Lehrern immer gutmütig und wir lernten tatsächlich aus freien Stücken bei ihm recht gern, weil er auch biblische Geschichten sehr interessant erzählte. Ab dieser Zeit hatten wir Kinder von kirchlich gebundenen Eltern pro Woche 2 Stunden Religionsunterweisung im Pfarrhaus, die dann 1943 in den Konfirmationsunterricht überging. Damals hatte es der Pfarrer mit uns sehr schwer, denn wir waren Pimpfe im Deutschen Jungvolk, bei dessen Heimabenden uns gelehrt wurde, dass die wahre Religion eng mit den Bräuchen der Germanen verbunden sei. Trotzdem konnte uns der Glaube, z. B. an das christliche Drum und Dran zum Weihnachtsfest, nicht genommen werden. Ich habe mein Konfirmationszeugnis von 1946 bis heute aufbewahrt und darin stand der Spruch: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben. Röm.1,15. Ich nehme an, dass unser Pfarrer den Spruch im Zeugnis ganz persönlich für mich aussuchte. Ich schämte mich damals tatsächlich, manchmal zum Konfirmandenunterricht zu gehen, weil das von mir als Jungvolkführer von meinen Vorgesetzten nicht gern gesehen wurde. In der sowjetischen Besatzungszone, zu der dann Thüringen ab 1945 gehörte, wurde der Religionsunterricht grundsätzlich aus den Schulen verbannt, aber wir durften den Konfirmandenunterricht ungehindert besuchen. Dr. Ernst Woll
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