"Pueblo"-Geiseldrama 1968 Heimatgrüße mit dem Mittelfinger

335 Tage, bis kurz vor Weihnachten 1968, hielt Nordkorea 82 US-Seeleute eines gekaperten Spionageschiffs gefangen. Die Geiseln wurden gefoltert und gedemütigt. Dann entdeckten sie ihre einzige Waffe: den Stinkefinger.

Korea News Service

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Sie werden ihn bald erschießen. Hier, irgendwo im Schnee, an diesem 2. Februar 1968. Warum sonst sollten die Nordkoreaner ihn und seine gefangenen Kameraden, die sie für US-Spione halten, kurz vor Mitternacht in einen Bus zwingen, um sie dann mit vorgehaltener Waffe durch den Schnee zu treiben? Eine Frage lässt Stu Russell in diesem Moment nicht los, auch wenn sie ihm dämlich vorkommt: Muss er selber sein Grab in den gefrorenen Boden hacken?

In Todesangst nimmt Russel, der vor Kurzem noch als Schiffskoch gearbeitet hat, alles intensiver wahr. Die Tannen duften. Die eisige Luft riecht nach Freiheit, nach Leben. Russel stößt Kurzgebete aus. Er hebt den Blick, obwohl ihm das verboten ist: Ein letztes Mal will er die Sterne sehen.

Doch niemand schießt. Keiner reicht ihm eine Hacke. Die Gefangenen, Teil der Besatzung des US-Aufklärungsschiffes "Pueblo", das die Nordkoreaner im Januar 1968 gekapert hatten, werden zu einer Holzhütte geführt. Die Bewacher bellen karge Befehle: Ausziehen. Kleidung ordentlich falten. Dann ein Bad nehmen! Russel muss an Auschwitz denken. Würden sie ihn vergasen? So viel Aufwand, kaum vorstellbar. Oder doch?

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Rettung der Pueblo-Geiseln 1968: Ein Weihnachtswunder

50 Jahre liegt das nun zurück, die Angst aber ist geblieben. "Mehrmals in der Woche habe ich Albträume aus meiner Zeit in Nordkorea", erzählt Stu Russel, 75, dem SPIEGEL. Die geschilderte Szene mit dem Bad - sie war Teil von Nordkoreas Strategie: "Sie haben immer wieder Sachen gemacht, die uns völlig sinnlos vorkommen mussten. Damit wollten sie uns verunsichern, emotional aus der Bahn werfen."

Zum Psychoterror kam der körperliche. Schläge mit Fäusten und Knüppeln, Fußtritte in den Magen, das eigene Blut, das Russel aufwischen musste. An Flucht war nicht zu denken. Die einzige Waffe, die den US-Geiseln erst nach Monaten, im Juli 1968, zufällig in die Hand fiel, war eine obszöne Geste: der ausgestreckte Mittelfinger, dessen Bedeutung die Nordkoreaner nicht kannten.

Der Finger, sagt Russel, hob die Moral. Ein kleiner Triumph im Spiel der Demütigungen, später allerdings teuer bezahlt. Um zu verstehen, wie es zu dieser "Finger-Affäre" kam, geht Russel in seinen Erinnerungen noch ein paar Monate zurück. Zum 23. Januar 1968. "Der Tag, der meine Welt auf den Kopf stellte."

"Plötzlich feuerten sie auf uns"

Russel ist damals 24, Schiffskoch und unerfahren, wie viele auf der "Pueblo". Das umgebaute Frachtschiff schippert im Ostmeer vor der Küste des kommunistischen Nordkoreas. Es soll Schiffsbewegungen beobachten, Nachrichten abfangen. Plötzlich taucht ein nordkoreanischer U-Boot-Jäger auf und fordert die Mannschaft zum Halten auf. Die USA beteuern später, die "Pueblo" habe sich in diesem Moment in internationalen, nicht in nordkoreanischen Gewässern befunden. Nordkorea behauptet das Gegenteil.

Eine hektische Flucht beginnt, während der die Mannschaft wichtige Dokumente und Technik vernichtet. Doch immer mehr feindliche Schnellboote, begleitet von zwei Kampfflugzeugen, kreisen die "Pueblo" ein. "Plötzlich feuerten sie auf uns", erinnert sich Russell. "Ich war schockiert. Es war mein erster Kampf und wir waren chancenlos. Wir hatten lediglich zwei Maschinengewehre, die nur eine Person bedienen konnte."

Kapitän Llyod Bucher entscheidet, nicht zu schießen, obwohl ihn ein "fast überwältigendes Gefühl nach Rache" überkommt, wie er später rechtfertigend schreibt. "Das war richtig. Es wäre absoluter Selbstmord gewesen", sagt Russel.

US-Gemälde vom Angriff auf die Pueblo
Richard DeRosset

US-Gemälde vom Angriff auf die Pueblo

Was für ein Triumph für Nordkoreas Diktator Kim Il Sung: Er hat 82 Geisel des Erzfeindes; ein Amerikaner war im Gefecht gestorben. Und er hat die "Pueblo", das erste geraubte US-Schiff seit 1812. Er erbeutet sensible Unterlagen und Elektronik und stellt es später wie eine Kriegstrophäe aus.

Stu Russel und seine Kameraden werden in den nächsten elf Monaten zum Spielball in einem erbitterten Ringen um Stolz und Erniedrigung. Die US-Regierung soll ihre "Verbrechen" gestehen und sich gefälligst beim "friedliebenden Volk" der Demokratischen Volksrepublik Korea entschuldigen.

Mit allen Mitteln versuchen die Nordkoreaner ihre Gefangenen zu zermürben. Russell kann sie heute noch aufzählen, die vielsagenden Spitznamen, die sie ihren Aufpassern und politischen Erziehern gaben: Geist, King Kong, Roboter und Der Bär, ein nordkoreanischer Riese, der besonders brutal ist. Selbst der anfangs nette Wärter Good Guy entpuppt sich mit der Zeit als Sadist. Russel wird sein erstes Opfer und tauft Good Guy in EGG um: Ex Good Guy.

Tote Fliegen und "Spülwasserforelle"

Schwarzer Humor hilft den Männern, den harten Alltag zu überstehen. Die Fenster in ihrer ersten Baracke sind verblendet. Sechs Wochen können sie nicht nach draußen sehen. Dafür muss nachts das Licht brennen. Auch die Verpflegung ist Teil der Demoralisierungstaktik. Meist gibt es dünne Suppe mit Reis, mitunter mischen die Köche den Augapfel eines Schweins ins Essen. Den Fisch taufen die Geiseln bald "Spülwasserforelle". Und jeden Tag finden sie tote Fliegen im Essen.

Bald magern die Gefangenen ab, leiden unter Durchfall und Bauchkrämpfen. Zwei Männer werden später erblindeten, vermutlich infolge der Mangelernährung. Erst im März 1968 verlegen die Entführer die Amerikaner in eine bessere Unterkunft, mit unverblendeten Fenstern und einem Sportplatz, auf dem sie Basketball spielen dürfen. Damit steht aber auch eine Drohung im Raum: Das alles kann euch wieder genommen werden.

Längst haben die Nordkoreaner da schon erstaunliche Propaganda-Erfolge erzielt. Kapitän Bucher, dem die Erschießung seiner Männer angedroht wird, gesteht schon Tage nach der Gefangennahme: "Ich finde keine Entschuldigung für mein Verbrechen, dass mein Schiff tief in die Hoheitsgewässer der Demokratischen Volksrepublik eingedrungen ist." Die Kaperung? Nur eine "Notwehraktion".

Bald regnet es ähnliche Geständnisse. "Wir verdienen jede noch so schwere Strafe", geißelt sich die Mannschaft in einer Bittschrift um Gnade selbst. "82 Mann der Pueblo liegen auf den Knien." Und: Man habe gar schlimmere "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" begangen als Hunnen-König Attila. Die US-Regierung aber schweigt. Sie will sich keine Entschuldigung abpressen lassen.

So bleiben die Geiseln inhaftiert. Ihnen bleibt allein symbolischer Widerstand. Sie pinkeln in eine Topfpflanze, die ein Wärter mag. Russel bindet nordkoreanische Fliegen mit einem dünnen Faden fest und beobachtet die Fluchtversuche der Tiere. Etwas Spaß. Und Macht, wenn auch nur über Fliegen.

Nur zufällig entdecken die Amerikaner, wie sie ihre Peiniger wirklich ärgern können. Als ihnen wieder mal ein Propagandafilm vorgeführt wird, der sie zu Verehrern Nordkoreas machen soll, staunen sie über eine Szene: Sie zeigt die Ankunft der nordkoreanischen Fußball-Nationalmannschaft in London. Ein britischer Gentleman springt ins Bild und zeigt dem Team den Mittelfinger. "Wir waren völlig verblüfft", erinnert sich Russel, "und haben versucht, uns nichts anmerken zu lassen." Alle im Raum fühlen: die Nordkoreaner haben nicht den blassesten Schimmer, was der Finger bedeutet.

Die Rache

Bald gibt es Gelegenheiten, dieses Unwissen auszunutzen. Denn die Geiseln werden häufig zu Propagandazwecken gefilmt und fotografiert. Einige zeigen den Finger nun etwas versteckt: Sie legen ihn nachdenklich an den Mund, ans Kinn, auf die Stirn, lassen ihn im Schoß ruhen. Falls die Nordkoreaner misstrauisch werden, haben sich die Gefangene auf eine abstruse, schwer überprüfbare Erklärung geeinigt: das sei nur das hawaiianische Zeichen für Glück.

Foto aus dem Time-Magazine
U.S. Naval Institute Photo Archive

Foto aus dem Time-Magazine

Einige der Aufnahmen schaffen es durch die Zensur und gelangen so in US-Redaktionsstuben. Das "Time Magazin" enthüllt die Symbolik unvorsichtigerweise Mitte Oktober 1968 und schreibt, es gehe hier um "Spott und Verachtung" der Geiseln: all die blumigen Geständnisse - entwertet mit nur einer Geste! Das entgeht offenbar auch Nordkorea langfristig nicht. Im Dezember beginnt für die Geiseln das, was sie nur "die höllische Woche" nennen.

Russel hat Glück. Als Schiffskoch hält man ihn für keinen politischen Drahtzieher. Er hört die Schreie der Männer, die stundenlang befragt werden. Mit aufgeplatzten Lippen und zugeschwollenen Augen wanken sie aus den Verhörzimmern. Die Mär vom hawaiianischen Glückszeichen kauft ihnen nun keiner mehr ab. Die Nordkoreaner wollen wissen: Wer ist der CIA-Agent? Warum verwendet die CIA diese Geste?

Frei - und doch unfrei

"Das Time Magazine hat sich bis heute nicht bei uns entschuldigt", sagt Russel. Vielleicht sei der Bericht aber sogar hilfreich gewesen. Vielleicht habe das den Handlungsdruck auf die US-Regierung erhöht, denn die "Pueblo" war längst durch den Vietnamkrieg aus den Schlagzeilen geraten.

Kurz danach geschieht jedenfalls eine Art Weihnachtswunder: Alle Geiseln kommen am 23. Dezember 1968 frei. Über die "Brücke ohne Wiederkehr" geht es nach Südkorea. Russel ist in den vergangenen 335 Tagen um etwa 25 Kilo abgemagert. Nun genießt er "das beste Essen in meinem Leben": Hühnersuppe mit Nudeln, Käse-Schinken-Sandwich, Orangensaft und Kaffee. Zuvor hatte die US-Regierung sich durch einen ranghohen Militär schriftlich bei Nordkorea entschuldigt. Nur um alles bald zu widerrufen.

Pünktlich an Heiligabend landen die Freigelassenen in den USA, ein "surrealer Moment", so Russell. Auf ihn warten seine Eltern, seine Verlobte. Das gemeinsame Weihnachtsfest fällt dennoch aus: Nach dem Empfang werden die Männer wochenlang von der Öffentlichkeit abgeschirmt, befragt, untersucht. Unfrei in der Freiheit. Und doch, sagt Russel, sei Weihnachten für ihn seitdem noch schöner geworden - gerade jetzt, ein halbes Jahrhundert nach seiner Rettung.

insgesamt 4 Beiträge
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Peter Lusrig, 21.12.2018
1. Ostmeer
Toller Artikel. Allerdings gibt es kein Ostmeer - das Meer östlich der koreanischen Küste wird international anerkannt als "Japanisches Meer".
Ayhan Durmus, 21.12.2018
2. und es kommt noch hinzu
dass auch dieser keinen Grund hatte, außer reine US-Interessen. Mein Vater ( Türkei) hat in diesem dummen Krieg mit machen müssen und seit dem hat mein Vater nicht mal ein gutes Wort über US-Soldaten verloren.
Kevin Behrendt, 21.12.2018
3. Dieser Krieg war nicht dumm
Jeder kann auf einer Satellitenkarte aus der Luft sehen, wie gut es war dass die USA sich für Korea eingesetzt haben. Ohne die USA wäre die ganze koreanische Halbinsel eine Militärdiktatur in der Hand der Kim-Familie, auf dem Niveau der 40er und 50er Jahre stehengeblieben, ohne Internet, ohne Strom, ohne Freiheit und hin und wieder auch mal ohne Nahrung.
egon krings, 21.12.2018
4. Helden
Dieser Bericht geht unter die Haut,einfach zum Miterleben.Mann kann es nicht besser schildern,kein Rambo Klische sondern der Chef der Versorgungseinrichtung berichtet
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