Bildersammlung Püscher Der Fotoschatz aus der Provinz

Seifenkistenrennen, Karnevalsumzüge und Konfirmandinnen in kurzen Röcken: Ein halbes Jahrhundert fotografierten Eberhard und Richard Püscher das Leben im niedersächsischen Alfeld. Ihre 80.000 Aufnahmen sind auch eine Zeitreise durch die Bundesrepublik.

Eberhard Püscher / Sammlung Püscher

Der Fotograf trug zu kurze Hosen, einen abgetragenen Mantel und eine Baskenmütze. Man sah ihn in diesem auffälligen Outfit bei Konfirmationen, Schützenfesten, Straßenumzügen, Hochzeiten und bei der Bundeswehr. So gut wie jeder in der niedersächsischen Kleinstadt Alfeld am Flüsschen Leine kannte Eberhard Püscher, den Mann mit den alten Kleidern und den neuen Kameras.

Sein Leben war die Fotografie in Alfeld, und so investierte Eberhard Püscher stets den Großteil seines Einkommens in die neuesten und besten Fotoapparate. Das war ein Glücksfall, längst nicht nur für die niedersächsische Provinz: Püscher war über Jahrzehnte ein akribischer Chronist einer westdeutschen Kleinstadt, an deren Entwicklung sich exemplarisch das gesellschaftliche Leben in der alten Bundesrepublik dokumentieren lässt: von den Nachkriegsjahren über die Wirtschaftswunderzeit bis hin zur Wiedervereinigung.

Fast ein halbes Jahrhundert, von 1947 bis 1994, hielt Püscher nahezu lückenlos das gesellschaftliche Leben in der südniedersächsischen Provinz fest, bis 1960 zusammen mit seinem Vater Richard, danach alleine. 80.000 Negative und unzählige Papierabzüge sind in dieser langen Zeit entstanden. Es sind 80.000 Motive, die den Alltag der Alfelder Bürger zeigen, aber auch den der Tausenden Soldaten, die im nahe gelegenen Holzminden stationiert waren.

Seifenkistenrennen und Konfirmandinnen in kurzen Röcken

Da veranschaulicht etwa eine Fotoserie die Karnevalssitten und -gebräuche der Holzmindener Pioniere. Auf einem Bild aus den sechziger Jahren wiederum rast ein Junge in einer Seifenkiste knapp an der Zuschauermenge am Straßenrand vorbei, auf einem anderen Foto aus den Siebzigern stehen Konfirmandinnen in sehr kurzen Röcken vor dem Altar. Und dann gibt es Fotostrecken, die den natürlich schönsten Moment im Leben festhalten, inklusive der mit der Zeit wechselnden Mode: die Hochzeit.

In dem Archiv, das seit dem Tod Eberhard Püschers im Jahr 1994 in Alfeld verwahrt und seit 2011 durch die "Püscher Gesellschaft" aufgearbeitet wird, befinden sich unzählige Aufnahmen dieser Art. Vor allem Gruppenfotos und Porträts dominieren das Werk von Eberhard und Richard Püscher, denn davon lebte die Fotografenfamilie.

Der Vater Richard, die Mutter Dora und Sohn Eberhard stammten ursprünglich aus dem niederschlesischen Glogau, dem heutigen Glogów in Polen. 1946 mussten sie ihre Heimat verlassen und gelangten nach Alfeld, wo ihnen eine Zwei-Zimmer-Wohnung auf dem Dachboden des Hauses einer Familie zugewiesen wurde, die auf ihrem Hof eine Kohlenhandlung betrieb. Alfeld war von Kriegsschäden weitgehend verschont geblieben.

Lebenskünstler in schrottreifen Autos

Die Bevölkerung bestand damals aus rund 8000 Alfeldern, 2000 Ausgebombten und 4000 Flüchtlingen. Richard Püscher erarbeitete sich im Laufe der Jahre Kontakte zu Schulen und Pfarreien, die nach seinem Tod von Eberhard Püscher weitergepflegt und ausgebaut wurden. Immer nahe am Existenzminimum beteiligten sich alle Familienmitglieder an der Arbeit: Vater und Sohn fotografierten und entwickelten, die Mutter retuschierte. Die Dachgeschosswohnung diente dabei als Lebensraum, Fotoatelier und Fotolabor. Bis in die sechziger Jahre wurden Kunden in einem durch Vorhänge abgetrennten Bereich der Wohnung empfangen. Was nach dem Krieg als Provisorium gedacht war, hat Eberhard Püscher auch nach dem Tod seiner Eltern nie verändert.

Viele Alfelder sehen in Eberhard Püscher einen Lebenskünstler. Während er in jungen Jahren noch mit dem Fahrrad oder einem alten Motorrad unterwegs war, um Aufträge auszuführen und Aufnahmen anzubieten, sah man ihn später nur noch in reparaturbedürftigen Autos, bei denen man glauben konnte, sie seien führerlos: Püscher war von kleiner Statur und seine Autositze nicht höhenverstellbar.

Auch von den Gruppenterminen wird noch heute erzählt. Wenn Eberhard Püscher für Klassenaufnahmen in die Schule kam, soll es mindestens eine Stunde gedauert haben, ehe eine Aufnahme im Kasten war. Von der Aufstellung der Schüler bis hin zur Ausrichtung einzelner Beine und Schultern: Der Fotograf setzte auf Perfektion. Er achtete stets darauf, dass auch wirklich alle in die Kamera schauten. Meist machte er nur ein Foto - und das war gut.

Noch mehr als sein Vater widmete Eberhard Püscher, den Zeitgenossen als still und zurückhaltend beschrieben, sein Leben der Fotografie. Sein Beruf war gleichzeitig sein größtes Hobby, für Kamerazubehör und die Instandhaltung seines Autos war er bereit, Schulden zu machen. Immer auf dem neusten Stand der Technik besaß er eine Vielzahl teurer Kameras. Während der siebziger Jahre verwendete er Kleinbildkameras und arbeitete mit Farbfotografien. Stilprägend wurden aber seine Schwarzweißfotografien, die Eberhard Püscher jahrzehntelang mit einer alten Plattenkamera schoss und selbst entwickelte.

Wer durfte vorne aufs Klassenfoto?

Auf ihnen ist die Kulturgeschichte einer westdeutschen Kleinstadt ablesbar, die für viele Orte, nicht nur in Niedersachsen, stehen könnte: Welche Frisuren waren wann in Mode? Wie sahen die Wohnzimmer in den Siebzigern aus? Welche Rangfolge wurde bei Straßenumzügen eingehalten? Wie wurden bei Porträts die Familienmitglieder vom Fotografen angeordnet, welche Hierarchie gab es bei Klassenfotos - und wie veränderte sich das alles im Laufe der Jahrzehnte?

Die Bilder dokumentieren auch viele heute wieder vergessene Entwicklungen, etwa die Not der Heimatvertriebenen oder Bundeswehrsoldaten, die für eine kurze Zeit langes Haar tragen durften. Und sie zeigen im Kleinen, wie die Bürger einer Kleinstadt an ihren Traditionen festhalten wollten und sie doch, fast unmerklich für sie selbst, von Jahr zu Jahr ein wenig veränderten.

Noch sind längst nicht alle Aufnahmen des Fotoschatzes gesichtet. Eine erste Auswahl aus dem Werk der Püschers ist aber kürzlich in dem Fotobuch "Eine Stadt auf Fotopapier" erschienen - es sind Erinnerungen an Alfeld und gleichzeitig an die alte Bundesrepublik.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Dietrich Mönkemeyer, 23.04.2014
1. Ein Bilder-Schatz
ich bin selbst in einer Kleinstadt in Hessen aufgewachsen. Diese Fotos erinnern mich stark an diese Zeit. Großartige Bilder voller Schönheit. Zur litearischen Begleitung empfehle ich Peter Kurzeck's "Ein Sommer der bleibt"
Roland Becker, 23.04.2014
2. Wird die Sammlung
zum Weltkulturerbe erhoben werden? Oder wann gibt es dann einen Sammelband mit den 999 besten Aufnahmen ? Wer wird diese wohl aussuchen ?
BERND hottewitzsch, 23.04.2014
3. optional
Zu Nr. 15 : ein Bild des Grauens,Sinnbild der Spießigkeit.Schrecklich. Bei Bild 1 habe ich sofort gedacht,wie sähe das heute aus ? Absperrungen vor den Zuschauern etc.pp.Wenn damals ein Kind in die Zuschauer gefahren wäre,hätten die Leute gelacht und Mutti ein bißchen gepustet.Heute würde man schauen,wen man zuerst verklagen kann.
Frank Schamerowski, 23.04.2014
4. optional
Der "Haarerlass" ,von Verteidugungsminister Helmut Schmidt inititiert, hielt zum Glück nur 1,5 Jahre.Er wurde von Gustav Heinemann nach einem Besuch in Munster bei der Kampftruppenschule ,vom dortigen Kommandeur,einem Brigadegeneral ,mit lauter langhaarigen Wachsoldaten konfrontiert,am nächsten Tag in Bonn nach einem Anruf bei H.S. wieder "normalisiert".
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