Punkfotos der Achtzigerjahre Chaostage im Kadett C

1982 wollte er weg, raus aus dem Ruhrgebiet. Im Punk-Modus bretterte Fotograf Olaf Ballnus im schrottigen Opel durch Deutschland. Und dokumentierte die Subkultur in starken Schwarz-Weiß-Bildern.

Olaf Ballnus

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Zur Person

"Ich fühle nichts und mir ist alles gleich. Wie lange noch?" Olaf Ballnus kann sich genau daran erinnern, wie er diese Liedzeile der Düsseldorfer Punkband KFC in seinem schrottreifen ziegelroten Kadett C hörte. "Das war am Stadtrand von Herne, die Stimme von Sänger Tommi Stumpff schoss aus dem Autoradio direkt in mein Gehirn."

Ballnus fühlte sich verstanden: "Wir waren perspektivlos, gelangweilt und dagegen." Aufgewachsen war er in Wattenscheid, ab Mitte der Siebzigerjahre ein Stadtteil von Bochum. 1982 hatte Ballnus genug. Er wollte keinen Trends hinterherlaufen, passte nirgends rein. Also fuhr er raus aus dem Ruhrgebiet.

Punk gab Olaf Ballnus Orientierung, Gesellschaft und unzählige Fotomotive. Den alten Kadett C hatte ihm sein Kumpel Wolfgang "Wölfi" Wendland, später Sänger der Band Die Kassierer, für 100 Mark verkloppt. Ballnus lenkte ihn quer durch die Punk-Republik der Achtzigerjahre: "Das war wie eine Befreiung. Dieses ganze 'If the Kids are United'-Ding, der Zusammenhalt. Wir feierten im Berliner Klub SO36, reisten zu Chaostagen und streiften auf den Spuren von Christiane F. durch die Gropiusstadt."

Tote-Hosen-Konzert vor 15 Leuten

Olaf Ballnus erlebte denkwürdige Konzerte von der kalifornischen Band Black Flag, den britischen Punks GBH oder den Bremer Mimmis, mit Campino grillte er backstage ein ganzes Schwein. Seine Kamera hatte er immer dabei und veröffentlicht eine Auswahl dieser Momente jetzt im Bildband "Superreal Punk".

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Punkfotos von Olaf Ballnus: "Wir waren perspektivlos, gelangweilt und dagegen"

Ballnus schlief im Kadett oder in besetzen Häusern - in Berlin in der Manteuffelstraße, der Görlitzer Straße oder im "Kuckuck", einem besetzten Haus und Kulturzentrum; in Bochum im Heusnerviertel, wo die Häuser vor dem Abriss standen, weil eine Umgehungsstraße gebaut wurde. "Das war alles relativ offen, du konntest hingehen und fragen: Habt ihr Platz? Manchmal klappte es, manchmal hieß es: 'Kein' Bock auf euch!'"

Die Berliner Hardcorepunks der besetzten Häuser sahen relativ normal aus: "Holzfällerhemd, Springerstiefel, Jeans mit Domestos-Flecken, Jacke. Understatement." Das Styling der Punks im Ruhrgebiet oder in Hannover sei oft deutlich aufwendiger gewesen, erzählt Ballnus: "Bunte Haare, Irokesen, mit weißem Edding bemalte Jacken, mal ein abgebrochener Mercedes-Stern an der Schulter - aber oft noch zu Hause bei Muttern wohnen."

Im Marler Jugendzentrum Hagenbusch sah er die Toten Hosen vor 15 Leuten spielen. Ein Freund mischte den Sound. "Das klang ziemlich vielversprechend." Doch Ballnus verlor die Band aus den Augen. "Ich hatte mich in die Sängerin der Mimmis verliebt und bin öfter zu ihren Konzerten gefahren. Heute kannst du dir kaum noch vorstellen, dass die früher in einer Liga mit den Hosen und den Ärzten spielten." Dass er auch Chris Rea beim "Rockpalast" in der Bochumer Zeche fotografierte, behielt er lieber für sich.

Mit "Wölfi" Wendland eröffnete Ballnus das Programmkino "Baluba" in Bochum-Langendreer. Sie veranstalteten lange Punkfilm-Nächte, zeigten Filme mit Titeln wie "Nero und die Huren des römischen Reiches", "Humanes Töten", Derek Jarmans "Jubilee" oder auch Stummfilme mit Klavierbegleitung. Nach drei Monaten fiel der Vorhang wieder, der Aufwand lohnte sich nicht.

Die Punk-Spuren verblassen

Dafür lernten sie aber so die Punkszene erst richtig kennen - die Velberter Musiker der Band Hostages of Ayatollah etwa, die Ballnus' telefonierende Oma Wilhelmine 1985 in ihrem Musikvideo "Hallo Nachbar" verewigten. "Wölfi" und Ballnus wollten eine Dokumentation über die Punkszene in Deutschland drehen und fuhren für die Recherche mit dem Chaos-Kadett durch die gesamte Republik. "Olaf hat das noch halbwegs geistig überlebt, ich wurde Teil der Szene", sagt der Kassierer-Sänger.

Ballnus reiste weiter querweltein, 1985 für drei Monate durch Indien, und erlitt einen doppelten Kulturschock - als er dort war und als er zurückkam: "Bis dahin dachte ich immer, ich wäre so anders als all die anderen, aber in der Ferne merkst du schnell, wie dermaßen deutsch du eigentlich bist. Die Reise hat mich total rausgeschossen."

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Nach seiner Rückkehr verabschiedete er sich nach und nach aus der Punkszene, Plattensammeln sei doch irgendwie auch nur eine andere Art des Briefmarkensammelns. Ballnus machte ab 1987 das Abi am Abendgymnasium nach, trank noch eine Weile weiter und studierte Fotografie in Essen und Kiel.

Heute, mit 56, lebt er am grünen Stadtrand von Hamburg und hat Familie. Ballnus ist jetzt ein renommierter Fotograf mit Abstechern zum Film, zuletzt drehte er eine Doku über die Kassierer, Titel: "Punk im Alter". Ballnus findet es schade, dass viele Bands von damals vergessen sind. Die Deutsche Trinkerjugend etwa: "Eine etwas verdrogte Berliner Band, deren Musiker in der Görlitzer in einem besetzten Haus wohnten. Eine super Gruppe, von der keiner mehr spricht."

Seine Punkvergangenheit hat Olaf Ballnus nicht vergessen - auch wenn die Punk-Spuren allmählich verschwinden. Wo Tommi Stumpff damals aus dem Radio "Wie lange noch?" in seinen Kadett brüllte, steht heute die Zentrale eines Altenpflegediensts.

insgesamt 8 Beiträge
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Björn Brixius , 23.11.2018
1.
sich für mich immer noch wie ein Fake an. Wieviele gelangweilte Jugendliche konnten oder können denn wirklich nachvollziehen, was die Briten Ende der Siebziger gefühlt und gelebt haben? Die allerwenigsten. Das gleiche gilt übrigens für die Oi-Skinhead Szene.
Franz Veger, 23.11.2018
2. keine untypische Biographie: 1982 Punkt-heute: Systemling
da gibt es sicher einige, die sich früher als Punk verstanden, heute aber brav mit ihren Teddybären, Schokolade und Refugess welcom Schild zum Bahnhof rennen, wenn CDUSPDGrün mit ihren Medien das als gebotenes Verhalten anordnen Irgendwo ist da im Laufe der Jahre das selbständige Denken und das Rebellentum gegen das System auf der Strecke geblieben
Vadid Wyle, 23.11.2018
3. Namedropping
Sorry, aber diese krampfhaften Erwähnungen bekannter Namen sind nur peinlich! Und der Kadett C würde bis 1979 gebaut - wird also '82 noch nicht ganz sooo alt gewesen sein. Als jemand, der die Zeit und Szene mitgemacht hat, finde ich diesen Artikel ziemlich schrottig!
Stephan Jansen, 24.11.2018
4. einiges falsch
Meiner Erinnerung nach ist einiges nicht richtig wiedergegeben. Die Toten Hosen haben nicht im Hagenbusch gespielt, das müsste ZK gewesen sein ... möglicherweise zusammen mit den aus Recklinghausen/Marl kommenden HASS.
Richard Jas, 24.11.2018
5. @3 kleinkariertes Gemoser
Auf beste altdeutsche Art kommt hier von Ihnen.Und im Fall des Opels auch noch unbegründet.Was spielt das für eine Rolle bis wann dieser Opel neu zu haben war?So wie der auf den Pics kommt war der auch den Hunni wert aber mehr nicht.Und um aufs Baujahr einzugehen,der wurde seit 73 gebaut und in den Zeiten sehr wohl so angeschrottet ein bekannt-beliebtes billiges Auto.
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