Punk in der BRD Stukas und Vibratoren

Punk in der BRD: Stukas und Vibratoren Fotos
Campino auf Einestages

Ramones-LPs statt Märchenkassetten, Pogo-Party statt Tanzkurs - 1978 brach der Punk-Rock über die Republik herein. Auf einestages erzählt Campino, Sänger der Toten Hosen, von Sex-Pistols-Konzerten, Sicherheitsnadeln und warum sich Punks und Rocker einfach prügeln mussten. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.0 (1645 Bewertungen)


Klicken Sie hier, um die Bildergalerie zu diesem Artikel anzusehen.

Mein zwölf Jahre älterer Bruder fühlte sich für meine musikalische Früherziehung zuständig, und das war mein Glück. Als ich vier oder fünf Jahre alt war, hat er mir "Hang on Sloopy" von den McCoys vorgespielt, und ein paar Jahre später machte er mich bekannt mit AC/DC. Andere Kinder haben irgendwelche Märchenkassetten gehört, ich fand es damals schon interessanter, wenn die Musik laut war.

Meine Mutter stammte von der Insel. 1976 habe ich eine Tante in London besucht und sollte zu meiner Großmutter weiterreisen. Mein Bruder ist aber dazwischen gegrätscht und hat entschieden: "Nein, der bleibt jetzt mal für eine Zeit bei mir!" Er wohnte damals direkt am Finchley Park und hat mich vor der Verwandtschaft gerettet. Eines Abends sind wir gemeinsam zum ersten Rockkonzert meines Lebens gegangen. Ich war 14 Jahre alt.

Man musste eine Treppe hinunter in den Rockgarden steigen, und es waren nicht mehr als 70 zahlende Gäste anwesend. Ich wollte zuerst gar nicht glauben, dass in einer so kleinen Kneipe eine gute Band auftreten konnte. So etwas verband ich eher mit der Dimension der Philipshalle, wie ich sie aus Düsseldorf kannte. Gespielt haben an diesem Abend die Count Bishops, eigentlich eher eine Pub-Rock-Band. Doch überall standen ziemlich grell gekleidete Typen herum, die mich sofort beeindruckten. Als die Band auf die Bühne kam, tobte der ganze Laden los. Die Engländer tanzten Pogo und tobten auf den Stühlen, bis sie durchgebrochen waren, und diese Freaks waren dabei die wildesten. Es war das totale Chaos. Alle haben mitgemacht - außer mir.

"Andere Musik gab es für mich nicht mehr"

Ich kam mir ziemlich cool vor. Als wir nach Hause gingen, hatte ich ein tierisches Klingeln in meinem Ohr. Nachdem ich wieder etwas hören konnte, sagte ich stolz zu meinem Bruder: "Ich war der Einzige, der nicht getanzt hat." Er antwortete mit entwaffnender Ehrlichkeit: "Du warst halt der einzige Trottel in dem Laden." Tags darauf sind wir zusammen durch London gezogen und haben die ganzen, kleinen Punk-Labels abgeklappert. Das war dann immer so, als ob du bei jemandem im Wohnzimmer stehst. Ich hatte das Glück des Spätgeborenen, dass ich mir die ganzen Singles, die sich mein Bruder kaufte, auf Kassette überspielen konnte. Wegen ihm war ich von Anfang an voll drin in dieser Musikszene.

Eine meiner ersten Punk-Rock-LPs war das Debüt-Album von den Ramones. 1977 habe ich mir dann noch mal "Sheer Heart Attack" von Queen gekauft. Bis auf zwei Stücke fand ich sie voll scheiße! Nicht nur deshalb kamen danach zehn Jahre, in denen ich mir nur noch Punk-Platten geholt habe. Andere Musik gab es für mich nicht mehr. Erstmal fuhr ich aber von England zurück nach Deutschland - und war ganz alleine mit meiner Entdeckung.

Ich habe die Punk-Platten meinen Freunden vorgespielt, und kaum einer konnte etwas damit anfangen. Aber jemand sagte mir: "Natürlich kenne ich Punk. Da gibt's doch so einen Club in Düsseldorf, wo die sich alle treffen." Er meinte den Ratinger Hof.

Ich bin dann einmal dahin gepilgert, an einem Nachmittag. In dem Laden war nichts los: ein Mann hinter der Theke, vielleicht drei davor, völlig normale Leute. Es sah auch nicht besonders "hart" aus, sondern eher wie eine lang gezogene Garage mit Neonröhren an der Decke. Nichts deutete darauf hin, dass hier die Punks das Sagen hatten. Ich war 15 Jahre alt, hatte mir eine Sicherheitsnadel an die Backe gemacht und als der Kellner kam und fragte: "Darf ich mal prüfen, ob die auch richtig durch ist?", hatte ich die Schnauze voll. Immerhin: Eine Sicherheitsnadel habe ich mir nie wieder so angesteckt.

Enttäuscht vom Ratinger Hof

Ich bin dann aus Enttäuschung über den lahmen Schuppen ziemlich lange nicht mehr in den "Hof" gegangen. Einerseits dachte ich: Das kann wohl kaum der Laden gewesen sein! Andererseits hatte ich einfach das Problem, dass ich, obwohl ich in Düsseldorf zur Schule ging. in Mettmann wohnte - 20 Kilometer entfernt. Ich konnte da nicht einfach mal abends hingehen. Wenn ich in der Schule eine Freistunde hatte, bin ich aber oft in der Stadt rumgelaufen. Dort hatte ich durch Zufall einen kleinen Plattenladen entdeckt. Einer von den Typen, die den Rock On betrieben haben, fuhr einmal in der Woche nach London, um die neuesten Erscheinungen einzukaufen. Das war natürlich der Hammer! Wenn man dazu noch die John-Peel-Show auf BFBS gehört hat, wusste man Bescheid, was angesagt war. Wir waren keine Provinz, was das anbelangte.

Ostern '78 gab ich dem Ratinger Hof noch einmal eine Chance. Es wurde ein guter Abend, 15 Punks hingen da rum, haben Bier getrunken und geflippert. Die Typen waren furchtbar nett, und in dem Laden lief die aktuelle Scheibe von Wire. Von da an war mir klar, dass ich jetzt öfter hier hin gehen würde. Carmen Knoebel hat den Laden damals geführt. Sie war dafür verantwortlich, dass Punks überhaupt rein durften und dass ein Draht nach England aufgebaut wurde. Die englischen Bands haben oft die Achse Berlin-Düsseldorf-Hamburg gespielt, die Veranstalter haben sich die Kosten geteilt.

Wenn ich meinen Bruder, der mittlerweile nach Berlin gezogen war, besuchte, sind wir anfangs immer ins "Punkhouse" gegangen. Dort spielten Bands wie die Stukas, PVC oder Ffurs. Zu der Zeit lebte auch David Bowie in Berlin, die Vibrators wohnten da und sogar die Sex Pistols haben sich dort aufgehalten, um ein paar Fotos zu machen. Die Berliner kamen sich mal wieder ganz toll vor, aber letztendlich haben sie damals England immer nur nachgeahmt. Die Düsseldorfer Szene war viel eigenständiger und auch die erste, die konsequent mit deutschen Texten und Slogans wie "Wir sind die Türken von morgen" und "Zurück zum Beton" gearbeitet hat.

"Man hat sich untereinander erkannt"

Ich lernte auch die Hamburger Szene ganz gut kennen. Meine Schwester hatte dort ein Engagement als Ballett-Tänzerin an der Staatsoper, und ich habe sie öfter besucht. Im Winterhuder Fährhaus spielten manchmal Gruppen aus England, die woanders in der Republik nicht auftauchten, zum Beispiel Eddie & The Hot Rods. Es gab in Hamburg auch den ersten Versuch eines Punk-Festivals. Das Plakat von 1978 habe ich bis heute aufbewahrt. Spielen sollten unter anderem die Sex Pistols, Adverts, Vibrators und Johnny Moped. Ich fuhr also hin, schaute mir Johnny Moped und die Electric Chairs an und wunderte mich, dass plötzlich alle raus gingen. Dass die Sex Pistols nicht spielen würden, konnte sich eh jeder denken, aber verdammt noch mal ich wollte die Vibrators sehen! Die waren damals meine absolute Lieblingsband. Natürlich tauchten auch sie nicht auf - wie die Hälfte aller Bands auf dem Plakat.

Weihnachten '78 war ich bereits voll drin in der Düsseldorfer Szene und auch schon längst Sänger in einer Band, die sich "ZK Stadtmitte" nannte. In den Dreckecksstuben in Düsseldorf-Derendorf fand ein kleines Festival mit S.Y.P.H., DAF und Mittagspause statt. Ich hatte von der Location vorher nichts gehört; das war ein Spießerschuppen, den ein paar Jungs angemietet hatten. Ich weiß noch, dass ich an der Haltestelle ausgestiegen bin und mich etwas orientierungslos umschaute. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Punk und rief: "Hey, hier geht's lang!"

Das war damals so, man hat sich untereinander erkannt und man hat sich geholfen. Wenn du die Schadowstraße runter gegangen bist und hast jemand anders mit einem Badge an der Jacke oder aufgestellten Haaren gesehen, dann war das eine kleine Sensation. Mensch, da ist noch so einer! Man hat sich dann auch immer gleich angesprochen und gegenseitig Tipps gegeben. Die Treffpunkte unserer Clique waren das Rock On, der Ratinger Hof und die Ratinger Straße. Es war klar: Entweder machte man ein Fanzine oder man war in einer Band. Es gab keinen, der da nur passiv herumgehangen hätte; alle waren irgendwie aktiv.

Revolver im Bett

Die besten Düsseldorfer Punk-Fanzines hießen "The Ostrich" und "Heimatblatt". Von da an habe ich im Ratinger Hof meine Jugend verbracht, war jedes Wochenende da - zu jeder Zeit, wo ich es mir leisten konnte. Anfangs war für mich allerdings immer gegen 23 Uhr Schluss, weil ich zusehen musste, dass ich den letzten Bus nach Mettmann kriegte. Aber für mich gab es im Jahr 1979 keinen schöneren Aufenthaltsort mehr, um meine Zeit zu verschwenden. Und der "Hof" wurde immer mehr zu meinem Wohnzimmer.

Etwas Verrücktes in diesen Tagen war, dass wir Punks zwar irgendwie Freunde waren, aber oft nicht einmal die Nachnamen voneinander kannten. Geschweige denn, dass wir wussten, wo und wie die anderen genau wohnten. Als wir einmal mit einer Düsseldorfer Abordnung zum offiziellen Besuch der Punks nach Dortmund fahren wollten (so war das damals wirklich!), konnte ich nicht rechtzeitig zum Treffpunkt kommen und wurde von den anderen abgeholt. Das war das erste Mal, dass ein ganzer Trupp Punks an meinem Elternhaus auftauchte. Mann, war mir das damals peinlich, dass wir in einem Haus mit Garten wohnten! Das hätte mir aber gar nicht so peinlich sein müssen, denn viele kamen aus guten Verhältnissen.

Der Vater von Tommy, der sich einen respektablen Namen als Amokläufer auf der Ratinger Straße gemacht hatte, war Rechtsanwalt. Mike Koppermann, der später nach Berlin zog und die legendäre Kreuzberger Kneipe Chaos gründete, zählte zur Speerspitze bei den Kämpfen zwischen Poppern und Punks auf der Hasenheide, und stammte aus einem Architektenhaushalt. Ich weiß noch, dass wir später mal bei ihm übernachtet haben, und ich einen Revolver in seinem Bett gefunden habe.

Der Ton wurde rauer

Als wir damals die Dortmunder Punks besuchten, lief das fürchterlich staatstragend ab, mit einer regelrechten Tagesordnung. Erst gingen wir in deren Stammkneipe etwas trinken, dann sollten Rocker verkloppt werden. Das mit dem Verkloppen klappte auch deshalb ganz gut, weil die dortige Punk-Szene von Soldaten aus der britischen Armee durchsetzt war. Umso wertvoller war die Freundschaft zu den Dortmundern für uns. Wir Düsseldorfer hatten nämlich meistens nur eine große Schnauze und bekamen regelmäßig aufs Maul.

Wenn uns die Dortmunder dann in der Düsseldorfer Altstadt besucht haben, sind die Jungs von der "Rhine Army" wie Einzelkämpfer aus dem Laden gestürmt und haben solche Proll-Gangs alleine zusammengeschlagen. Diese leider viel zu seltenen Tage waren für uns wie Weihnachten. Das waren auch die Zeiten, in denen ich so gar nicht auf F95 konnte. Denn so einige Fortuna-Anhänger und alle Fußball-Hools, die in die Altstadt kamen, von den Hertha-Fröschen bis zur HSV-Szene, haben immer Terror gesucht und ihn auch gefunden. Die Punks auf der Ratinger Straße und später im Domino waren beliebte Opfer.

Viele Jugendgangs meinten, sich mit uns messen zu müssen. Leider hatten wir nicht viel zum Dagegenhalten: Punks waren anfangs größtenteils Kids von höheren Schulen, die überhaupt keine Ahnung hatten, wie man sich prügelt. Mit der Zeit änderte sich das aber, und der Ton wurde rauer.

Artikel bewerten
3.0 (1645 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Martin Fengel 02.02.2008
Hallo Campino, wann bist du endlich im Dschungelcamp? Nach Platinplatten, Punker und Millionär (na klar bist du auch bei sozialen Projekten dabei), einem Manager, der so blöde Fragen, wie, kannst du endlich deine Miete zahlen?, stellt würde das doch ganz gut passen, viel Glück! Fengel
2.
Martin Wings 13.08.2008
Ich bin ja so ziemlich genau in Campinos Altersklasse und bin immer wieder entgeistert über die verzehrte Wahrnehmung, die anscheinend immer wieder Journalisten dazu veranlasst diesen Popper als Vorzeigepunker zu verkaufen. Tatsächlich wurden die Toten Hosen in der Szene nie ernstgenommen, waren bestenfalls eine Party- und Saufkapelle - vor allem im Düsseldorfer Raum. Eigentlich haben die "Hosen" vor allem das pubertierende Landvolk mit ein wenig Anti und Rebellion versorgt. Die Toten Hosen haben für mich soviel mit Punk zu tun, wie meine Oma mit Preisboxen. Daher gibt es auch immer noch einen Gewissen Grad von Empörung, wenn diese Showkappelle für die Bürgerlichen, die auch mal ein bischen böse sein wollen, sich als "Ur-Punks" in der Vordergrund drängeln. So genug aufgeregt: Ich hol' mir jetzt mal ein Bier und hör' mal richtigen Punk...
3.
David Mellino 01.02.2008
Hey, großartig! Musste auch nach dem Lesen dieser Zeilen gleich wieder die Eddie&the Hot Rods Platten rausholen. Schöne Zeiten waren das irgendwie schon. Im nachhinein zumindest. Auch wenn ich den Toten Hosen auch nicht immer viel abgewinnen konnte (Was an den deutschen Texten lag, jedoch nicht am Inhalt und erst recht nicht an der Musik, denn die war schon recht gut und gekonnt), so waren sie doch prägend und wichtig. Punk war damals eine komische Mischung aus Mode (ein bisschen), Auflehnung (ein bisschen mehr), Politik (irgendwann dann auch ein bisschen zuviel), Suff (definitiv irgendwann viel zuviel) und guter Freundschaften. Leider sind viele Freunde damals auf der Strecke geblieben (meistens durch ihren neuen Hobbies, dem Injezieren von jeglichen pulverförmigen Stoffen), was dazu führte, dass ich dem Punkrock irgendwann den Rücken kehren musste. Eigentlich war dann also doch nicht alles so toll, damals...
4.
Matthias Lehmann 02.02.2008
ein wenig irreführend der beitrag: campina redet von einer sicherheitsnadel, von einem konzert bei dem die sex pistols gar nicht auftraten und der grund warum sich rocker und punks prügeln müssen ist mir auch nicht klargeworden. schlechter artikel.
5.
carola gross 02.02.2008
tja, wann war das? 85? 86? totenhosenkonzert in riegelsberg/ saar. vorgruppe "the cocks". verschwitzt und fettig. dann kam der einzig wahre "heino". auch witzig. dann kamen die "toten hosen". hier und da pogo. nach dem konzert. ein besoffner alter mann beschimpft die bunthaarigen totenhosen- bandmitglieder, lässt sich nicht abwimmeln und schlägt einmal mit der flachen hand aufs dach des bandopels. alle bandmitglieder springen aus dem opel (war der nicht grün?) und schlagen und treten den, dann am boden liegenden, besoffenen alten knacker mit verve zusammen. wacker wacker. danach waren "die hosen" für mich tot. hat nicht schon bukowski die für unkünstlerisch erachtet, die einen besoffnen über seine eigenen schnürsenkel stolpern lassen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen