Punk Der Tag, als Green Day meinen Haustürschlüssel klaute

Gerade starten Green Day zur Europatour. Wie macht man Punkrocker so sauer, dass sie sogar ein Konzert unterbrechen? Stefan Moutty hat's geschafft. Per Zwischenruf, 1994. Dann war sein Schlüssel futsch. Und das kam so.

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    Stefan Moutty (Jahrgang 1970) studierte Germanistik in Duisburg, als er sein Fanzine "The Bloody Brain Explosion" herausbrachte. Bald nach dem Green-Day-Konzert sparte er sich den Aufwand und schrieb über seine Lieblingsbands fortan fürs professionellere Fanzine "Ox", wurde selbst Profi und arbeitet seitdem als Journalist im Ruhrgebiet.

"Dookie" heißt das Album, mit dem Green Day sensationell zu Superstars wurden. Es erschien im Januar 1994 und verkaufte sich rund 20 Millionen Mal, Riesensache. Ihre Europatournee zum jüngsten Werk "Revolution Radio" führt die Kalifornier ab 18. Januar erst nach Mannheim, dann nach Berlin und Köln. Es sind die ganz großen Arenen - Zwischenrufe aus dem Publikum dringen kaum bis zur Band vor.

Als Green Day noch in Clubs auftraten, hatte der Besucher andere Möglichkeiten. Damals konnte es sogar passieren, dass ein kleiner Zwischenruf ein ganzes Konzert unterbrach.

Am 19. Mai 1994 stand Dortmund für Green Day auf dem Tourplan: Das Freizeitzentrum West (FZW) fasste rund 300 Fans und war an diesem Abend zwar voll, aber nicht ausverkauft. Das "Dookie"-Album entfaltete seine Wirkung langsam, Hits wie "Basket Case" oder "When I Come Around" liefen erst im Herbst des Jahres in den Charts, in Diskotheken, überall.

Damit sollten Green Day für mich endgültig gestorben sein. Denn was die Masse liebte (oder auch nur kannte), kam mir, dem hochnäsigen Fanzine-Macher, nicht auf den Plattenteller. Exklusiver Musikgeschmack war in den Neunzigerjahren das Mittel zur Profilierung meiner noch jugendlichen Persönlichkeit.

Ja, ich war Backstagebierdieb

Musik, das hieß: Punkrock - aber nicht irgendeiner. Nur wenige Bands erhielten das Prädikat cool, auch Pop-Punk-Bands wie die Queers oder die Groovie Ghoulies. Aber auf keinen Fall Green Day.

Es war mehr Langeweile, die mich dazu brachte, das Angebot einer Mitfahrgelegenheit gen Dortmund zu nutzen. Konzertbesuche waren ja Freizeitbeschäftigung Nummer eins eines Fanzine-Herausgebers. Die unregelmäßig erscheinende "Bloody Brain Explosion" - etwa 30 kopierte Seiten im DIN-A-5-Format - diente dabei weniger einem ernsthaften journalistischen Auftrag als dem Ego seines Machers. Und nicht zuletzt: als Begründung für einen Platz auf der Gästeliste.

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Green Day: Backstagebierdieb - Punkrocker 0:1

Das klappte erstaunlich häufig, auch an jenem Donnerstag vor 23 Jahren. Ich war offiziell als Berichterstatter akkreditiert, die "Bloody Brain Explosion" sollte mir im FZW die Tür zum Heiligtum jeder Konzert-Location öffnen: zum Backstageraum.

"Can we do an interview with you?", lauteten die goldenen Worte für den Einlass. Um einen Dialog mit den Musikern ging es weniger, mehr um den Zugriff auf den Backstagebierkühlschrank. Denn das war in jenen Tagen stets das Ziel: Die Jagd nach dem Bier der Bands war zum Sport geworden - ein opferloses, sozusagen ein Gentleman-Verbrechen.

Bei Tré Cool geriet ich jedoch an die falsche Adresse. Der Green-Day-Schlagzeuger schien instinktiv meine wahren Beweggründe zu durchschauen und wies mir barsch die Tür. Vielleicht war er auch nur schlecht gelaunt; ich legte es ihm jedenfalls als Rockstar-Arroganz aus.

Verrat-Vorwürfe machen Musiker reizbar

Denn damals war in der Szene ein großes Thema, dass Green Day gerade die Plattenfirma gewechselt hatten, vom kalifornischen Kultlabel Lookout! Records zum Giganten Warner. Ihr Stammclub "924 Gilman Street" im heimischen Berkeley erteilte ihnen dafür sogar Hausverbot. Der Vorwurf: Die Musiker hätten sich kaufen lassen - ein "Sellout" ihrer Punkrock-Ideale. Wie sehr sie das traf, sollte sich im FZW zeigen.

Mir persönlich waren Punk-Ideale schnuppe. Dass aber Green Day auf die Innenhülle eines ihrer Lookout!-Alben die Absage an ein Major-Label gedruckt hatten, um dann doch dem Warner-Lockruf zu folgen, fand ich peinlich. Reiner Übermut plus ein wenig gekränkte Backstagebier-Eitelkeit ließen mich jenen Begriff wählen, von dessen Brisanz ich vage wusste. So fand eine knappe Äußerung am 19. Mai 1994 ein Riesenecho:

"SELLOUT!", rief ich Richtung Bühne.

Wenn es an den Kern ihres Selbstverständnisses geht, sind Musiker empfindsam, das zeigte schon der berühmteste Zwischenruf der Konzertgeschichte ("Judas" gegen Bob Dylan). Der Ausverkauf-Vorwurf muss bei Green Day eine klaffende Wunde erwischt haben. Im Nu hatte ich ihre ganze Aufmerksamkeit: Die Band stoppte mitten im Song, exklusiv für mich.

Doch humorvolles Kontern war nicht Sache des Sängers. Billie Joe Armstrong nutzte seine privilegierte Position am Mikrofon für giftige Verbalinjurien an meine Adresse. Den genauen Inhalt habe ich vergessen, Nettigkeiten waren's nicht.

Meine Verteidigungsrede verpuffte mangels elektroakustischer Verstärkung. Die Sympathien des Publikums waren ohnehin asymmetrisch verteilt. Logisch, alles Green-Day-Fans.

Äh, Gewalt ist doch keine Lösung...

Die Band spielte weiter, Green Days Groll war trotz dieses eindeutigen Punktsiegs im Wortgefecht keineswegs verraucht. Allerdings wollten die gekränkten Punks sich nicht selbst die Hände schmutzig machen. Sie schickten - typisch Rockstars! - einen Roadie.

So geschah es, dass ich nach dem Konzert am FZW-Eingang unvermittelt einem aggressiv wirkenden Crew-Mitglied gegenüberstand. Gewalt ist doch keine Lösung... Deeskalation schien mir geboten. Der Roadie attackierte mich indes nicht mit den Fäusten. Er wurde auf eine andere, höchst unkonventionelle Art handgreiflich.

Mit einem Mal nämlich griff mir der zornige Mann in die Hosentasche, packte meinen Schlüsselbund und warf ihn weit über die Straße bis in den Vorgarten gegenüber. Geistesgegenwärtig fixierte ich meinen Haustürschlüssel im Flug, nahm die Verfolgung auf, löste den Blick nicht. Bis ich den Landepunkt erreichte und den geklauten Schlüsselbund aus den Blumenrabatten klaubte.

In meiner Erinnerung ärgerte sich der Roadie wie Rumpelstilzchen und zog frustriert ab. Kann aber sein, dass ich mich täusche. Zu weiteren Aggressionen kam es jedenfalls nicht mehr.

Live erlebt habe ich Green Day seitdem nie wieder, und an die Musik des Abends vor 23 Jahren kaum eine Erinnerung. Eigentlich schade: "Basket Case" fand ich immer gut und drehe heute noch auf, wenn der Song mal im Radio läuft. Gelegentlich erwische ich mich aber dabei, wie ich instinktiv in die Hosentasche greife, um meinen Haustürschlüssel festzuhalten.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Helmut Unger, 18.01.2017
1. Pardon
aber was bitte hat diese Band mit Punk zu tun? Es behauptet doch auch niemand daß Helene Fisher R&B Sängerin ist.
Claus Kleber, 18.01.2017
2. @1: Es soll Bands geben,
... die sich im Laufe der Jahre einem stilistischen Wandel unterziehen. Und leider geht dieser meist in eine "weichere" Richtung. Beispiel: Rise Against. So ist das nun mal.
Ivan Cherkov, 18.01.2017
3. 1994?
Punk gab es ja einmal in den späten 70er Jahren, und einige bands haben wohl auch in die frühen 80er überlebt, aber 1994, da gab's bestimmt keinen punk mehr!
Thomas Lammert, 18.01.2017
4. Green Day waren Punk...
...das beweisen die ganzen kleinen, schönen 7" Singles hier. Wer das Gegenteil behauptet, hat sie damals nicht gesehen. Der »Sellout« steht auf einem anderen Blatt - schließlich spielen sie sogar noch in Originalbesetzung, Respekt. Und man schaue sich auch den krassen Erfolg von Green Day an - alles richtig gemacht. Es gibt noch Hunderte anderer Punk Rock Bands in Kalifornien. Und auch in Wermelskirchen im AJZ Bahndamm haben sie einen Song unterbrochen, weil ein Typ von der Bühne (heute: Stagediving«) gesprungen ist (und wie der Autor auch böse angetrunken war). Keine Ahnung, was Stefan Moutty mit diesem Artikel aussagen will? Dass Punks auch böse sein können? Listen to Sheer Terror, SFA oder Minor Threat. Und Gästelistenplätze für Backstage-Schnorrer sind überschätzt, Punker machen Stempel mit dem Kugelschreiber nach und trinken feste mit. Und genau da liegt der Unterschied...
Christopher Müller, 18.01.2017
5. @helmut unger
nun, laut.de zum Beispiel - sicher nicht die Unwissensten, was Musik angeht http://www.laut.de/Green-Day
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