Quentin Tarantino wird 50 Happy Birthday Trashfilm-Gott!

Quentin Tarantino wird 50: Happy Birthday Trashfilm-Gott! Fotos
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Er fing als Pornokino-Vorführer an und ist heute einer der wichtigsten Regisseure überhaupt: Wie hat Quentin Tarantino das nur hingekriegt? Zum 50. Geburtstag erinnert einestages an Jugend und Aufstieg des Mannes, der sein Handwerk in Schmuddelkinos lernte - und nur ein Filmgenre verabscheut. Von

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Wie man Quentin Tarantino auf die Palme bringt? Ganz einfach, man redet mit ihm über etwas anderes als Quentin Tarantino. Oder über Dinge, die ihm zu verkopft sind. Anfang Januar fragte ich ihn im Interview, wie er zu der Kritik Spike Lees an "Django Unchained" steht und wollte wissen, warum ausgerechnet er und kein schwarzer Regisseur einen solchen Film über die Sklaverei drehen konnte. Der ersten Frage weicht Tarantino mit einem Wortschwall aus, seine Lieblingsmethode: Ich erzähl euch einfach was anderes, total Irres, dann vergesst ihr eure Frage. Klappt nicht.

Meine Nachfrage macht ihn fuchsig: "Hör zu", herrscht er mich an, "wenn du über Spike Lee reden willst, dann mach ein Interview mit ihm. Wir sind hier, um über meinen Film zu reden." Woah! Tarantino trägt an diesem Tag eine furchtbar hässliche, vermutlich aber sündhaft teure Jacke mit asiatischen Applikationen zur Hafenarbeiter-Wollmütze. Sein massiger Körper richtet sich auf, dunkle Augen funkeln bedrohlich, sein Blick flackert. Plötzlich wirkt der eben noch entspannte Mann so nervös wie ein in die Enge getriebenes Raubtier: völlig unberechenbar. Dieser Egomane, durchfährt es mich, ist der wichtigste Filmemacher unserer Zeit. Wie konnte es dazu kommen?

Wahrscheinlich durch eine Reihe glücklicher Fügungen. Die Voraussetzungen dafür, dass aus dem am 27.März 1963 in Knoxville, Tennessee geborenen Quentin einmal ein gefeierter Regisseur, eine Popkultur-Ikone und ein Oscar-Preisträger werden würde, waren schlecht: Seine Mutter Connie, eine Krankenschwester irisch-indianischer Abstammung, wurde mit 16 schwanger. Der Schuldige, ein 21-jähriger Jurastudent namens Tony Tarantino, machte sich schnell aus dem Staub. Wäre Connie zwei Jahre später nicht mit dem kleinen Quentin nach Los Angeles gezogen, wer weiß, ob aus Tarantino mehr als ein Freak geworden wäre, der in einem Film-Blog die Welt mit Nerdwissen über obskure Genrestreifen versorgt.

Sexfilm-Vorführer mit einem IQ von 150

Los Angeles erwies sich als Nährboden für den hochbegabten, aber unter Legasthenie leidenden Jungen. In der Schule kam er nicht zurecht und ging mit 16 Jahren ohne Abschluss ab, um Geld zu verdienen. Zu jener Zeit war Tarantino, dessen IQ angeblich 150 beträgt, schon ein Filmexperte. Oft genug hatte ihn seine Mutter tagsüber in Grindhouse-Kinos verklappt, wo er sich B-Movies in Doppelvorstellungen ansah: Horrorfilme, Martial-Arts-Reißer, Western und Thriller - das Genrekino, aus dem er Geschichten schöpft.

Schon früh hegte der Schulhof-Außenseiter die Sehnsucht, ein Star zu werden. Dass er seinen ersten Job ausgerechnet als Vorführer in einem Pornokino antrat, einer "Pussycat Theatre"-Filiale im Bezirk Torrance, wo Filme eines der wenigen Genres gezeigt wurden, die er laut eigener Aussage "ekelhaft" fand, begriff er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" als "verrückte Ironie".

Erst Jahre später fand Tarantino den perfekten Ort, um seine Obsession mit Filmen, Italo-Western-Soundtracks und Pulp-Literatur auszuleben: Er fing als Aushilfe in der Videothek Video Archives an, einem Tummelplatz für Cineasten in Manhattan Beach, einem schmalen Laden in einer Strip-Mall, vollgestopft mit Film-Obskuritäten, Exploitation-Ware, Arthouse-Schätzen und Mainstream-Kino aus aller Welt.

Schon als Videothekar ein Star

Die Archivists genannten Nerds vom Video Archive, darunter auch der spätere Regisseur Roger Avary ("Killing Zoe"), wurden zu Kultfiguren. Kunden überschüttete Tarantino, der damals wie heute ohne Punkt und Komma redet, mit Fachwissen über jeden beliebigen Film. In einem Abschiedsbrief an die inzwischen geschlossene Videothek erinnert sich Stammgast Adam Groves an "the tall guy with the big chin", den Lulatsch mit dem großen Kinn: "Er war ständig unter Strom, pries jeden beliebigen Film mit solchem Enthusiasmus an, dass man keine andere Wahl hatte, als das verdammte Ding auszuleihen."

Um die Jahre in den Video Archives ranken sich viele Mythen. Zum Beispiel, dass sich Avary und Tarantino ständig darüber stritten, wer von ihnen der amerikanische Truffaut werden würde und wer eher Godard. Die Intellektualität dieser französischen Vorbilder war Tarantino jedoch fremd. Als ihm ein Mädchen vorschlug, sich gemeinsam Louis Malles "Au revoir les enfants" anzusehen, verstand Tarantino, so will es die Legende, stattdessen "reservoir dogs". Und so nannte er dann Jahre später auch seinen ersten Film, in dem es zwar weder ein Reservoir, noch Hunde gibt, der aber als Beginn einer amerikanischen Nouvelle Vague gilt.

Während er jobbte und nebenbei versuchte, als Schauspieler zu reüssieren (unter anderem als Elvis-Darsteller in der Großmütter-Soap "Golden Girls"), schrieb er mit Avary Konvolute an Drehbüchern, aus denen dann schließlich Tony Scotts "True Romance" und Oliver Stones "Natural Born Killers" wurden. Beide waren wichtige Erfolgsschritte, die es Tarantino ermöglichten, "Reservoir Dogs" und dann "Pulp Fiction" unter eigener Regie zu drehen. Der Rest ist Geschichte.

Pulp-Philosoph

"Pulp Fiction" war der erste Independent-Film, der mehr als hundert Millionen Dollar umsetzte. Gleichzeitig etablierte er eine auf überraschenden Kinozitaten, plaktiver Gewalt und ulkig-eloquenten Dialogen basierende Filmästhetik, die Arthouse-Kritiker als "Pastiche", als zwar cleveres, aber realitätsfernes Nachahmertum verlachten und als Ausweis für die wachsende Kulturlosigkeit der Moderne werteten.

Inzwischen ist klar, dass Tarantino ein zeitgemäßes Kino für die Informationsgesellschaft geschaffen hat. In ihr ist ein wandelndes Popkultur-Archiv mehr wert als der humanistisch gebildete Akademiker mit seinen Rückverweisen in die Antike. Ein Gelehrter ist Tarantino natürlich trotzdem, sein Kanon schöpft sich aus der Philosophie des Pulps.

Mit seinen jüngsten Rachedramen "Inglorious Basterds" und "Django Unchained" gelang es ihm, ein Publikum für den Holocaust und die Sklaverei zu interessieren, das eher selten "National Geographic" liest oder den History Channel guckt. Darauf ist Tarantino zu Recht stolz. Der Minderwertigkeitskomplex des in der Schule Gehänselten, nagt noch immer in ihm, auch wenn es inzwischen sogar Harvard-Seminare über seine Filme gibt. Der Triumph seiner Kunst an der Kinokasse und der inzwischen fast einhellige Jubel der Kritiker bedeuten auch den Triumph des Instinktmenschen über das Bildungsdogma der Intellektuellen. Der US-Kritiker Ron Rosenbaum schrieb bereits 1997: "Sein Auftreten als harter Bursche, seine 'Blam-blam'-Attitüde, mag darüber hinwegtäuschen, dass Tarantino ein Ästhet ist."

Kurz nach dem US-Filmstart von "Django Unchained" an Weihnachten berichtete Tarantino im Interview von kompletten afroamerikanischen Familien, "von der Oma bis zum kleinsten Spross, die ins Kino gegangen sind, um sich meinen Film anzusehen. Und wissen Sie was? Einige dieser Kids werden später Schriftsteller - und dann über ihre Erlebnisse an 'Django Christmas' schreiben. Dieser Tag wird ein fester Bestandteil der schwarzen Geschichte. Vielleicht sogar ein Meilenstein".

Es wäre nach "Pulp Fiction" der zweite in der nur acht Filme umfassenden Karriere Tarantinos, aber einer, der nicht nur popkulturelle, sondern auch gesellschaftliche Relevanz besitzt. Seine Mission wäre damit, kurz vor seinem 50. Geburtstag, erfüllt. In Zukunft tritt er vielleicht als Literat in Erscheinung. Mehrere Kapitel eines Buches habe er bereits fertig.

Nichts sei schlimmer als die Vorstellung, im Alter langweilige Filme zu drehen, sagte Tarantino der "New York Times": "Regisseure sind wie Boxer. Man muss wissen, wann man die Handschuhe an den Nagel hängen muss." Filmemachen sei etwas für junge Männer. "Aber wenn ich mir meine Filmografie so ansehe, würde ich sagen, so weit, so gut".

Herzlichen Glückwunsch!

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insgesamt 25 Beiträge
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1.
Fabian Steegmann 22.03.2013
äh, was ist das jetzt für eine Gratulation? Heute ist der 22.3. Tarantino hat am 27.3 Geburtstag.
2.
Björn Kühner 22.03.2013
Wo steht, welches Genre er verabscheut?
3.
Ariston Roux 22.03.2013
Nüchtern betrachtet, sind seine Filme nichts weiter als Gewaltorgien mit meist dümmlichen Handlungen. Nur weil auch renomierte Schauspieler mitspielen, werden die Filme nicht besser. Diese Filme als Kunst zu adeln, heißt wirkliche Filmkunst zu beleidigen.
4.
Tim Fleischer 22.03.2013
>Wo steht, welches Genre er verabscheut? Im 6. Absatz: "Schon früh hegte der Schulhof-Außenseiter die Sehnsucht, ein Star zu werden. Dass er seinen ersten Job ausgerechnet als Vorführer in einem Pornokino antrat, einer "Pussycat Theatre"-Filiale im Bezirk Torrance, wo Filme eines der wenigen Genres gezeigt wurden, die er laut eigener Aussage "ekelhaft" fand, begriff er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" als "verrückte Ironie". "
5.
Eike Henning 22.03.2013
>Wo steht, welches Genre er verabscheut? Hier steht, welches Genre er verabscheut: "Dass er seinen ersten Job ausgerechnet als Vorführer in einem Pornokino antrat, einer "Pussycat Theatre"-Filiale im Bezirk Torrance, wo Filme eines der wenigen Genres gezeigt wurden, die er laut eigener Aussage "ekelhaft" fand, begriff er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" als "verrückte Ironie". "
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