Ende der "Quick" "Deine Fotos will keiner mehr sehen!"

Ende der "Quick": "Deine Fotos will keiner mehr sehen!" Fotos
Quick/Hans Peter Kruse

Als 1992 die "Quick" eingestellt wurde, brach für Hans Peter Kruse eine Welt zusammen. 25 Jahre war er für die Illustrierte auf der Jagd nach exklusiven Bildern gewesen. Kruse traf Diktatoren, saß in Geiselhaft - und wusste schon lange vor dem "Stern", dass die Hitler-Tagebücher eine Fälschung waren. Von Solveig Grothe

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In der Nacht klirrten die Fensterscheiben, Schreie waren zu hören, Brandsätze flogen. Fotograf Hans-Peter Kruse versuchte, möglichst nah an das Geschehen heranzukommen. Wie immer in solchen Situationen. Seit 25 Jahren war der schnauzbärtige Blonde aus Itzehoe bei der "Quick". Die Illustrierte hatte ihn auf Kriegsschauplätze in aller Welt geschickt; vor seinen Augen waren Autobomben explodiert, Menschen erschossen worden. Doch was sich in dieser einen Nacht vor seiner Kamera abspielte, schien selbst ihm unfassbar. Denn in dieser Nacht stand er nicht in Beirut, Kabul oder Teheran. Sondern in Norddeutschland, Rostock-Lichtenhagen, im August 1992.

"Ich dachte, ich muss dringend meine Redaktion in München anrufen", erzählt Kruse. Fast die ganze Nacht war er auf den Beinen. Montagmorgen kurz nach neun ging endlich jemand ans Telefon. Übernächtigt und aufgedreht sprudelte Kruse los: Er habe "dolle Fotos, 'ne dolle Geschichte! Hier geht es zu wie 1938, Reichskristallnacht,... und es geht noch weiter. Ich muss unbedingt noch hier bleiben..."

Die Reaktion am anderen Ende stoppte seinen Redefluss abrupt. "Sie haben mich nur ausgelacht und gesagt: Komm zurück. Deine Fotos will kein Mensch mehr sehen. Deine Bilder werden nie mehr gedruckt. Die 'Quick' wird eingestellt." Er habe das erst nicht glauben können und gedacht, sie wollten ihn auf den Arm nehmen. Doch es war kein Scherz: Am 27. August 1992 erschien die erste und zeitweise auflagenstärkste Illustrierte der Bundesrepublik zum letzten Mal. "Für mich brach eine Welt zusammen", sagt Kruse.

Während er davon erzählt, sitzt Kruse in seiner kleinen Münchner Wohnung, nicht weit vom ehemaligen Redaktionssitz an der Brienner Straße entfernt. Unzählige Wochenenden hatte er hier – als es noch keine Handys gab - auf Abruf verbracht. "Ich war fast immer unterwegs, hatte kaum frei. Oft habe ich hier nur eine Nacht geschlafen, manchmal ging es noch am selben Tag wieder ins Flugzeug." Die Einstellung des Blattes traf ihn wie eine Vollbremsung bei voller Fahrt.

"Die 'Quick'", sagt Kruse heute, 20 Jahre später, "das war mein Leben!" Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Stapel Bilder. Seine Porträts und "Abschüsse", wie die heimlichen Aufnahmen im Branchenjargon heißen. Er zeigt sie wie Trophäen: "Die englische Königin, Rainer Langhans und Uschi Obermeier, Khomeini, Rudi Dutschke, Hannelore Kohl, Arafat auf der Flucht, Sophia Loren, als sie ihr erstes Kind bekam... und Beuys – ohne Hut!" Jedes Bild hat seine eigene Geschichte. Viele Fotos hat Kruse signieren lassen. Auch das von Honecker - "für meine Kuriositätensammlung", fügt er hinzu. Sogar Putin habe er fotografiert, "als der noch kleiner Sekretär in Leningrad war." Leider habe der spätere Kreml-Chef das Foto nie zurückgeschickt, stattdessen ein offizielles Autogramm. "Vielleicht hat es ihm nicht gefallen."

"Und das ist Idi Amin, das war bei der Entführung einer Air-France-Maschine in Entebbe, Uganda. Bei dieser Geschichte bin ich festgenommen worden und saß zusammen mit den französischen Geiseln im Transitraum. Und dann kam zu meiner großen Überraschung Idi Amin... Das war Glück im Unglück!"

Spezialist für Abschüsse

Wenn Kruse über seine Arbeit spricht, klingt es, als erzähle er von einem großen Abenteuer. Die Illustrierten überboten sich damals mit Bildreportagen, Geld spielte fast keine Rolle. "So einen Beruf gibt’s heute gar nicht mehr." Kruse war 26 Jahre alt, als er 1968 zur "Quick" kam. Im Atelier seines Vaters war er mit der Fotografie aufgewachsen. Er hatte für Tageszeitungen gearbeitet und gelegentlich auch für den Hamburger Bauer Verlag, der 1966 die "Quick" gekauft hatte. Als man ihm dann den Job in München anbot, sagte er sofort zu. Die Jagd nach den Bildern - "das war für mich Sport." Und Kruse hatte eine Paradedisziplin: "Für Abschüsse war ich der Spezialist."

Einmal wurde er damit indirekt selbst zum Gegenstand der Berichterstattung. Das Foto, dass er von dem sogenannten Ripper of Yorkshire, einem mehrfachen Frauenmörder, im Londoner Strafgerichtshof Old Bailey gemacht hatte, löste in der englischen Presse einen Skandal aus. Denn das Fotografieren war in dem Gebäude streng verboten. Gleich am Eingang hatte es zu Prozessbeginn scharfe Kontrollen gegeben. Kruses Leica aber klebte zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Wasserkasten auf der Herrentoilette. Er war nicht zum ersten Mal im Old Bailey. "Am Tag des Prozesses bin ich rein und hatte eine Wahnsinnsangst, dass die Kamera weg ist. War sie aber nicht. Also habe ich in Ruhe einen Film eingelegt. In den Saal kam ich dann problemlos."

Unter Jacke und Schal verborgen konnte er den kleinen geräuschlosen Apparat mit den Händen in der Tasche per Fernauslöser bedienen. "Beim Rausgehen haben sie mich Gott sei dank nicht kontrolliert." Die Empörung brach erst los, nachdem das Foto erschienen war. Die schreibenden Kollegen beteuerten, nichts davon gewusst zu haben. Der Fotograf selbst blieb anonym. "Ich hatte das natürlich keinem erzählt, weil ich Angst hatte, dass ich dann nicht mehr nach England durfte."

"Skrupel", sagt Kruse, "habe ich nie gehabt." Wenn es um "Abschüsse" geht, hält er es mit der Philosophie des Boulevardjournalismus: "Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein anderer gemacht. Dass man Leuten wirklich schadete mit einem Bild, das war nicht der Fall. Es waren fast immer Böse. Die wollten sich aus gutem Grund nicht fotografieren lassen."

Wettlauf ums NS-Personal

Kruse erzählt gern über seine Zeit bei "Quick", und er möchte, dass sie dabei "nicht so schlecht" wegkommt, wenn man über sie berichtet, "wo sie doch ohnehin schon am Boden liegt". Das sagt er ganz bewusst, auch mit Blick auf die Anfänge der Illustrierten und ihre Gründerväter.

An Kompetenz fehlte es dem Blatt nicht: "Quick" versammelte die "Spitzenkräfte des deutschen Bildjournalismus", rühmten sich einst die Verlagsgründer. Fotografen wie Hanns Hubmann, Hilmar Pabel und Harald Lechenperg gehörten dazu, Letzterer als Chefredakteur. Sie alle kannten sich bereits aus der Zeit, da sie noch für die NS-Propagandazeitschrift "Signal" gearbeitet hatten. Ebenso wie Diedrich Kenneweg, der bereits kurz nach der Kapitulation Vorbereitungen für "die größte Illustrierte Deutschlands" traf, wie er den ehemaligen Ullstein-Direktor Theodor Martens wissen ließ. Zusammen erhielten sie im März 1948 die Lizenz für das Bilder-Blatt.

Geschichten vom Krieg füllten noch während der folgenden zwei Jahrzehnte die Hefte. Die Illustrierten der jungen Bundesrepublik lieferten sich geradezu einen Wettlauf um das NS-Personal: Während "Quick" sich den Vorabdruck von Emmy Görings Erinnerungen sicherte, konterte der "Stern" mit den Memoiren Baldur von Schirachs. Die Konkurrenz von "Quick" und "Stern" wurde zum Dauerduell auf dem Zeitschriftenmarkt – mit einem skurrilen Höhepunkt, den Kruse, ein Wortspiel aus jenen Tagen aufgreifend, gerne die "Sternstunde der Quick" nennt.

"Sternstunde der 'Quick'"

Es war im April 1983, als er mit einem Kollegen aus Hongkong zurückkehrte und überrascht feststellen musste, dass die Aufregung in der Redaktion gar nicht ihrer neuesten Geschichte galt. "Alle saßen da mit hängenden Köpfen, und dann hörten wir es: Der 'Stern' druckt Hitler-Tagebücher."

Kruse erinnert sich so an diesen Moment: "Ich hab mir das angesehen und spontan gesagt: Das ist 'ne Fälschung." Die Kollegen hätten vermutlich gedacht, er sei völlig durchgedreht nach der langen Reise. "Erst recht, als ich darauf noch eine Wette um 1000 Mark abschloss." Hinterher schien ihm die Wette etwas leichtfertig. Jedoch: "Das, was ich da sah, kam mir bekannt vor." Nicht, dass er die Tagebücher je gesehen hätte. Er erinnerte sich aber an einen Kunstgutachter, der sich in der Redaktion gemeldet hatte. "Ich war bei ihm gewesen und hatte mir sein Material zeigen lassen – angeblich Aquarelle von Hitler. Ich hatte damals sogar gesagt, dass ich das interessant fände. Aber in der Redaktion hatten sie gleich abgewunken, Hitler interessiere keinen mehr."

Er habe, erzählt Kruse, den Kontakt dann trotzdem gehalten, "bin immer mal wieder hin, bekam mehr zu sehen. Und irgendwann auch eine angebliche Hitler-Zeichnung, die mir bekannt vorkam – es war ein Werk von Käthe Kollwitz." Das entlarvende Beispiel, das offenbar aus der gleichen Fälscherwerkstatt stammte wie die Tagebuch-Notizen, erschien daraufhin in der "Quick" - just zu dem Zeitpunkt, da der "Stern" gerade Teil zwei der angeblichen Hitleraufzeichnungen an den Kiosk brachte.

Auflage mit Enthüllungen

Immer wieder hatte die Münchner Illustrierte versucht, ihren Auflagenschwund mit politischen Enthüllungen zu stoppen. Kruse greift in eines der zahlreichen Bücherregale in seiner Wohnung, in denen er auch die gebundene Gesamtausgabe der "Quick" aufbewahrt. Er muss lange blättern, bis er etwa die Geheimprotokolle der sozialliberalen Koalition oder die Briefe des DDR-Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski in den Heften findet.

Auf dem Titel präsentierte sich die ehemals brave Hausfrauen-Postille zu dieser Zeit lieber wie ihre Konkurrentinnen – mit viel Busen und Po. "Seitenweise politische Protokolle - das war nicht unbedingt das, was die Mehrzahl unserer Leser interessierte."

Eine Marktstudie hatte zuletzt ergeben, dass die Zielgruppe der "Quick" denen des Privatfernsehens ähnelte. Damit schien ein Grund für den Auflagenschwund gefunden. Das Rennen um den mittlerweile nach Osten erweiterten Lesermarkt machten andere. Den "Quick"-Redakteuren blieb derweil nicht verborgen, dass die Anzeigen in den vorgefertigten Layouts immer weniger wurden. "Das konnte auf Dauer nicht gutgehen", sagt Kruse, "aber dass das Ende so unmittelbar bevorstand, habe ich natürlich nicht geahnt. Das hat mich schon sehr getroffen."

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1.
Frank Tonn 28.08.2012
Waren da nicht die Doppelagenturmeldungen über einen gewissen Herrn Losecaat-van Nouhuys, auch genannt "the lying dutchman"?
2.
Peter Grolig 28.08.2012
Die Quick. Ach ja, das war das Wochenmagazin als Ergänzung zur BILD: Wetterbericht, Sport und Titten.
3.
Bjoern Paetzoldt 28.08.2012
Der Artikel weckt eigene Erinnerungen an die QUICK. Während einer anderthalbjährigen Trampfahrt durch Afrika machte ich als Zwanzigjähriger 1965 Zwischenstation in Dar es Salaam. Die BRD hatte zu jener Zeit die diplomatischen Beziehungen zu Tanganyika abgebrochen, das sich ein Jahr zuvor mit dem sozialistisch regierten Inselstaat Sansibar zum neuen Staat Tansania vereinigte und auf Drängen der neuen Regierungspartner ein Generalkonsulat der DDR in der Hauptstadt errichten ließ. Staatspräsident war Julius Nyerere. Den wollte ich exklusiv interviewen. Ich suchte den Informationsminister auf, der mir einen Gesprächstermin mit Nyerere vermitteln sollte: "Der Minister verspricht, sich um einen Gesprächstermin für mich mit dem Staatspräsidenten zu bemühen. Es werde schon gelingen, ermutigt er mich. Übermütig vor Freude kehre ich in meine bescheidene Herberge zurück. Dort, so wird mir berichtet, seien zwei Reporter aus Westdeutschland eingetroffen. Wo die sich befänden? "Unten im Duschraum". Sie seien von der Reise sehr erschöpft und hätten sich frisch machen wollen. Doppelte Freude für mich, endlich nach so langer Zeit auf Landsleute stoßen zu können. So gehe ich, nachdem ich mir aus meinem Zimmer Handtuch und frische Wäsche geholt habe, hinunter in den Gemeinschaftsduschraum, mich ebenfalls zu erfrischen. Beiläufig will ich Ausschau halten, ob die Reporterkollegen dort anzutreffen sind. Ich begebe mich in eine der mit Flügeltüren abgeschirmten Kabinen und drehe den Duschhahn auf. Nach ausreichendem Wasserguss drehe ich den Hahn wieder zu und nehme aus dem Trockenraum deutsche Sprachfetzen wahr. Ich stelle mich den Kollegen vor und die sich mir, sie seien von der QUICK. Eine Wochenillustrierte mittelmäßig intelligenten Niveaus. Die beiden Profis fragen mich, den Amateur, was ich denn hier so treibe. Da wirbeln die Worte aus meiner stolzen Reporterbrust nur so heraus und ich erzähle den beiden euphorisch, ich habe einen Termin bei dem Staatspräsidenten für ein Exklusivinterview. Die beiden Kollegen blicken sich vielsagend an. Ich nehme es nicht wahr. Sie gratulieren mir zu meinem Erfolg. Sie müssten jetzt gehen, sagen sie flugs, seien müde von der Reise und wollten nun ruhen. Voller Verständnis lasse ich sie sich entfernen, gedankenverloren in meinem Reporterglück. Am nächsten Tag suche ich, wie vereinbart, den Informationsminister ein weiteres Mal auf. Wie es denn um den Termin mit dem Präsidenten stehe? "Vergeben!", bedauert der Minister. Zwei westdeutsche Journalisten, der eine Reporter, der andere Fotograf, hätten Vortritt bekommen beim Chef."* Hans Peter Kruse kann der Reporter, der mir den Staatspräsidenten weggeschnappt hatte, nicht gewesen sein: Er trat erst drei Jahre später in die Dienste der Illustrierten QUICK ein. * Zitiert aus: NANDINDA, "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie", Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009, S. 191f
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