"It's the End of the World..." von R.E.M. Apokalypse zum Mitgrölen

Endzeitstimmung, Terrorattacken, Trump - und seit 30 Jahren immer dabei: "It's the End of the World as We Know It (and I Feel Fine)" von R.E.M. Die Geschichte eines Songs, des perfekten Soundtracks zum Desaster.

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Wenn der Weltuntergang naht, erhebt sich ein Trommelfeuer. 4:06 Minuten rattert ein atemloser Sänger apokalyptische Schlagwörter herunter: "earthquake", "hurricane", "overflow". Wie ein fassungsloser Anchorman im Angesicht des Armageddon. Bis das Stakkato einer sanften Melodie weicht, die klingt, als reiße der Himmel auf: "It's the End of the World as We Know It (and I Feel Fine)". So fröhlich kann Fatalismus klingen.

Vor 30 Jahren nahm R.E.M. im Sound-Emporium-Studio von Nashville diesen bittersüßen Song auf. Jene Band, die als Schattengewächs der US-Collegerock-Szene anfing und in die Liga der Stadionrocker aufstieg; 80 Millionen Dollar war ihr 1996 unterschriebener Plattenvertrag bei Warner Brothers wert.

Etliche Hits landete die Rockband um Sänger Michael Stipe und Gitarrist Peter Buck seit ihrer Gründung 1980, von "The One I Love" über "Losing My Religion" bis "Everybody Hurts". Viele Texte blieben kryptisch, schwer zu entschlüsseln. Zum Über-Hit wurde "It's the End of the World..." nie und erreichte maximal Platz 69 der US-Charts; trotzdem kannte den Titel jeder. Es ist die wohl schillerndste Hinterlassenschaft der Südstaatler, die sich 2011 aufgelöst haben.

Der Song erschien 1987 auf dem Album "Document", ihrem politischsten Werk, einem Manifest gegen den Kalten Krieg. Er zählt mittlerweile zum gefühlten Weltkulturerbe - und kehrt als eine Art Stimmungsmesser der Popmusik immer dann ins Radio und auf Playlists zurück, wenn es besonders finster um die westliche Zivilisation steht.

So sorgte "It's the End..." nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 für Aufsehen: Der US-Radioverbund "Clear Channel Communications" riet Sendern davon ab, diesen Song zu spielen (was allerdings auch für 165 andere galt, nach rätselhaften Kriterien). Man ahnte die Heavy Rotation, dafür fanden die Medienwächter das Lied zu defätistisch.

Endzeitstimmung: Nie ohne R.E.M.

Als Esoteriker 2012 auf Basis des Maya-Kalenders das Ende der Schöpfung prophezeiten, katapultierte es den Titel sogar wieder in die Rock-Charts. Das große Nichts war auf den 21. Dezember datiert - in dieser Woche wurden 19.000 Kopien verkauft, eine Steigerung um 612 Prozent.

Ebenso hinterließ der Song Spuren in der Kinogeschichte - immer gern genommen, sobald auf der Leinwand der Weltuntergang nah schien, wie 1996 in "Independence Day". Während ein Mutterschiff außerirdischer Invasoren gen Erde schwebt, ertönt im Hintergrund des Raumfahrtinstituts, das die Alien-Signale empfängt: "It's the End of the World as We Know It."

SPIEGEL 46/2016
DER SPIEGEL

SPIEGEL 46/2016

Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten kam es erneut zu einer Renaissance, etwa als Inspiration für Schlagzeilen, ob im "Guardian" oder im SPIEGEL, der auf einem Titel im Herbst 2016 das "Ende der Welt, wie wir sie kennen" verkündete. Auf dem später preisgekrönten Cover: Trumps Kopf rast als flammender Ball auf die Erde zu, eine Illustration des kubanisch-amerikanischen Künstlers Edel Rodriguez.

In den USA verwendete "Late Show"-Moderator Stephen Colbert das Stück in einem TV-Rückblick aufs Jahr 2016 - und besang damit in seiner Sendung das annus horribilis, zusammen mit dem rauschebärtigen Michael Stipe und mit James Franco.

"Chaotisches Ding mit vielen Gitarren"

Dabei hatte Trump selbst "It's the End..." bei einem Wahlkampf-Event spielen lassen, im Spätsommer 2015 im Kapitol - naheliegend für einen Großapokalyptiker, der ständig den ökonomischen und politischen Niedergang der USA beklagte. R.E.M-Sänger Stipe war so erzürnt, dass er Trump verbot, den Song für seine "hirnlose Kampagne" zu verwenden.

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R.E.M.: Heitere Begleiter des Weltuntergangs

In der Band war "It's the End..." anfangs umstritten. Michael Stipe schrieb die Strophen spontan in der Mittagspause, während seine Kompagnons dinierten. Gitarrist Peter Buck hasste das Stück zunächst. Seine Zustimmung fand es erst mit der Veröffentlichung auf dem "Document"-Album; es sei ein "komisches, chaotisches, politisches Ding mit vielen Gitarren".

Zugleich beschrieb Buck das Stück auch als Hommage an Bob Dylan und dessen "Subterranean Homesick Blues" von 1965 auf dem "Bringing It All Back Home"-Album. Dylans assoziativer Folk-Song, entstanden vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs, handelte wie sein Achtziger-Nachfahre von der Dekadenz des Westens.

Als R.E.M. ihre apokalyptischen Reiter losschickten, war die politische Lage angespannt. Bei den Aufnahmen im Frühling 1987 war etwa das Ende des Kalten Krieges keineswegs so absehbar, wie es im Rückblick wirken könnte, trotz Glasnost und Perestroika. Die Atomwaffenlager in Ost und West starrten noch immer vor Sprengköpfen; in Deutschland liefen Manöver mit Pershing-II-Raketen. Und auch das Reaktorunglück von Tschernobyl war gerade mal ein Jahr her.

Mehrere Medienrevolutionen verstärkten diese nervöse Stimmung, darunter Kabelfernsehen und Personal Computer, die gerade die Wohnzimmer eroberten. Der Sprechgesang im R.E.M.-Song, der alarmistische Wortfetzen aus dem Nachrichtenstrom ausspuckt, handelt deshalb auch - auf einer zweiten, medienkritischen Ebene - von der Kapitulation vor diesen Informationsmassen. Michael Stipe erzählte dem Magazin "Rolling Stone" damals, der Song sei eine "gewaltige, herausgekotzte Reizüberflutung".

Rausschmeißer bei Konzerten

Vielleicht ist diese Überforderung auch ein Grund, warum sich noch heute so viele mit dem Lied identifizieren können. Es gibt das Ohnmachtsgefühl wieder, das viele am Smartphone beschleicht, wenn im Sekundentakt News aufpoppen. Ein scheinbares Chaos, in dem sie nur noch schwer zwischen Katastrophe und Fehlalarm, zwischen realer Nachricht und gezielter Fälschung unterscheiden können.

Und trotzdem bleibt am Ende bei aller Düsternis ein Hoffnungsfunke - denn R.E.M. lassen in ihrem Song offen, ob der Weltuntergang wirklich eintritt. Und der glockenhelle Chorus klingt ohnehin, als wäre die Apokalypse kein Grund zur Sorge.

Bei Konzerten jedenfalls war "It's the End..." oft der letzte Song, mit dem die Band ihre Fans auf den Heimweg schickte, gut gelaunt. Weil der Song vom Ende der Welt mit seiner Mischung aus Schwere und schelmischer Leichtigkeit vor allem eines ist: ein unendlicher Spaß.

insgesamt 10 Beiträge
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Frank-Peter Tiegs, 28.08.2017
1. It`s the end of the world as we know it
... mag sein, entscheidend ist aber der Zusatz - "and I feel fine".
Hermann Fesel, 28.08.2017
2. REM-Phase(nprüfer)
Als musikalische Übersetzungsmaschine von Bedrückungen in alle Sprachen haben REM tatsächlich in den 80er perfekt funktioniert. Im damaligen "Tempo"-Resumee der besten Platten dieser Dekade war bei den Athenern von der "Verwirrtheit global vernetzter Medienopfer" zu lesen. Bemerkenswert, dass Jahre vor dem Informationsmeteoritendauerschauer www. dieses Gefühl schon in Blüte stand. Der Song, der die Bilder von 9/11 in klagender Perfektion untermalt stammt allerdings vom New Yorker Richard Barone. Der letzte Track von Primal Dream (1990) hiess deshalb auch prophetisch "Roman Circus".
Christian Stahl, 28.08.2017
3.
"Country Feedback" war damals nach Michael Stipes Aussage der Song, der für ihn persönlich die größte Bedeutung hatte ("Michael Stipes favorite R.E.M. song"). Hier das video, das zwar nicht die beste Tonqualität, aber meiner Meinung nach den größten Ausdruck von Gefühlen hat: https://www.youtube.com/watch?v=JIP35969R84 Eventuell war ihm Country Feedback deshalb so wichtig, weil es ihn, der sich als queer bezeichnet hatte und der seine Band-Kollegen zu ihrer eindeutigen Heterosexualität beglückwünschte, selbst betraf - auch wenn oft angegeben wird, dass nicht eine Beziehung, sondern eine Musikrichtung im Mittelpunkt steht (wer es glaubt..) "It`s the end of the world..and i feel fine" ist vlelleicht auch ein Aufruf zur Gelassenheit.
Dietmar Jansen, 28.08.2017
4. Danke
Sehr schöner Artikel! Leider ist der Song aktueller denn je! Danke Donald!
Thomas Bönig, 28.08.2017
5. Soundtrack Bangladesch
Ich war vor Jahren mal 2 Monate in Bangladesch und wurde diesen Ohrwurm nicht los. Genau wie beschrieben: Alles ist grau, halbtot und am Leiden und trotzdem liegt ein schelmischer Charme über dem Szenario.
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