Radio-Mann "Ich schämte mich doppelt"

Er war Programmmacher und Zensor - auch wenn er das nicht gern hörte. Der Historiker und Journalist Golo Mann baute für die Alliierten den freien deutschen Rundfunksender Radio Frankfurt auf. Anfang der achtziger Jahre erzählte er Manfred Franke von seinem Spezialauftrag.

dpa

Fluchtartig hatte Golo Mann im Mai 1933 - wenige Monate nach der Machtergreifung der Nazis - seine Heimat verlassen. Erst schlupfte er in Frankreich unter, dann emigrierte er nach Kalifornien in den USA. Zwölf Jahre später, im Frühjahr 1945, betrat Mann zum ersten Mal wieder deutschen Boden. Nicht als Deutscher, sondern als US-Soldat, der mit einer wichtigen Mission betraut war: Er sollte im besetzten Deutschland eine Rundfunkstation aufbauen - frei von jeglichen Nazi-Seilschaften.

Zuvor hatte er knapp ein Jahr in London verbracht und dort bei der American Broadcasting Station als Kommentator der deutschsprachigen Abteilung gearbeitet. Über Luxemburg kam er dann nach Deutschland und nahm im Herbst 1945 seine neue Aufgabe in Angriff. Anfang der achtziger Jahre hatte ich die Gelegenheit, mit Mann in Kilchberg - dem Schweizer Refugium der Familie Mann - intensive Gespräche über den Rundfunk der Nachkriegszeit und seine Pionierarbeit zu führen. Plastisch schilderte er mir, mit welchen Widrigkeiten er im Alltag zu kämpfen hatte.

Mann fiel die Rückkehr nach Deutschland offensichtlich nicht leicht. "Meine erste Berührung mit deutschem Boden war in Mönchengladbach, im völlig zerstörten Mönchengladbach. Es waren Erlebnisse, die mich stark ergriffen. Und was immer meine Gefühle gegenüber Deutschland vorher gewesen waren in dem abstrakten, fernen, künstlichen Kalifornien - ich gebe meinen Zorn auf Nazi-Deutschland offen zu -, der schmolz dahin angesichts dessen, was ich nun sah. Ich schämte mich doppelt: Ich schämte mich als Deutscher über das, was die Deutschen getan hatten, und ich schämte mich als Amerikaner über das, was die Amerikaner getan hatten."

"Was wir taten, hieß Radio Frankfurt"

Von London aus wurde Mann zunächst zum amerikanischen Propagandasender Radio Luxemburg versetzt. "Von Luxemburg aus haben wir nach Deutschland hineingewirkt", erzählte Mann. "Ich habe Vorträge oder Ansprachen gehalten. Und dann wurde die Kompanie im Spätherbst 1945 von Luxemburg nach Deutschland verlegt, zunächst nach Bad Nauheim." Da die Frankfurter Sendeanlagen am Heiligenstock zerstört und noch nicht wieder betriebsbereit waren, wurden die ersten Programme in Behelfsstudios in Bad Nauheim produziert und von dort ausgestrahlt. "Im Januar 46, glaube ich, kamen wir nach Frankfurt, und seitdem hieß, was wir taten, Radio Frankfurt."

In den neuetablierten Rundfunkstationen behielten sich die Siegermächte in sämtlichen Programmbelangen die Aufsicht vor und delegierten sie an die von ihnen eingesetzten Kontrolloffiziere. Mann war einer von ihnen. Der neue Rundfunk wurde - in schärfstem Gegensatz zu den Praktiken des NS-Propagandaministeriums unter Joseph Goebbels - jeglichem Regierungseinfluss entzogen und dezentral aufgebaut. In einem Entwurf über die Rundfunkarbeit im besetzten Deutschland hieß es unter anderem, in Nachrichtensendungen sei jegliche Kommentierung untersagt.

Das Recht auf Kritik wurde nur Journalisten zugebilligt, die "demokratisch gesinnt" waren. Nur dann durften sie offensichtliche "Ungerechtigkeiten, Missstände oder Unzulänglichkeiten" aufs Korn nehmen. Unstatthaft waren Beiträge, die Personen oder Gruppen "wegen ihrer Rasse, Religion oder (Haut-)Farbe" diskriminierten. Den Amerikanern kam es aus-drücklich darauf an, "unter den schwierigen innerdeutschen Verhältnissen die Fenster zur Welt zu öffnen und den frischen und heilsamen Wind neuer geistiger Ideen hereinzulassen." Wert wurde vor allem darauf gelegt, dass "die bedeutendsten Bücher der Weltliteratur" und deren Ideengut in der ehemaligen "Festung Deutschland" jetzt bekannt würden.

Suche nach geeigneten Redakteuren

Unter den harten Bedingungen der frühen Nachkriegsjahre einem Publikum neben Politik auch das Neuste aus Literatur, Bildender Kunst und Musik näherzubringen, war nicht leicht, zumal unter den erheblichen materiellen Belastungen der Jahre 1945/46. Ganz zu schweigen davon, dass sehr viele Deutsche politisch wie kulturell allem Neuen reserviert, wenn nicht schroff ablehnend gegenüberstanden. Die Devise der Alliierten, "das deutsche Volk nicht zu vernichten, sondern den Nazismus und Militarismus auszurotten, damit für das deutsche Volk die Hoffnung auf einen Platz in der Gemeinschaft der Nationen" besteht, wurde allgemein als diplomatisch verbrämte Siegerrhetorik abgetan.

Großen legten Wert die Amerikaner deshalb darauf, für deutsche Hörer möglichst bald deutsche Redakteure und Autoren ins Radioteam zu holen. "So fingen wir an, geeignete deutsche Mitarbeiter zu finden", erzählte Golo Mann. Das war nicht immer leicht. Denn welcher Deutsche war so unbelastet, dass man ihn engagieren konnte? "Wir hörten uns um, erhielten Empfehlungen da und dort, etwa in Marburg, wo Erich Lissner wohnte. Wir redeten mit ihm, er war einverstanden und machte in Frankfurt Kultur. Dann war die Idee, wir brauchen einen Frauenfunk. Und da hörten wir von einer sehr gescheiten, in ihrer Umgebung sehr geschätzten Ärztin in Bad Homburg, Frau Dr. Gabriele Strecker, und konnten sie überreden, diese Aufgabe zu übernehmen."

Mann engagierte auch Mitarbeiter, die sich ganz offen zum Kommunismus bekannten, obwohl sie bei den Alliierten nicht gern gesehen waren. "Eines Tages besuchte mich Dr. Hans Mayer, der gerade aus der Schweiz zurückgekehrt war, natürlich brennend begierig auf eine Aufgabe, eine politische Aufgabe. Und da ich Hans Mayer von früher flüchtig kannte, ein gescheiter, gebildeter Kerl, haben wir ihn genommen." Mayer, der später eine Professur für Literaturwissenschaften in Tübingen übernahm, wurde Chefredakteur des Ressorts Politik. Immer wieder versuchte er seine politischen Ansichten in seinen Beiträgen unterzubringen - und eckte jedes Mal bei Mann an.

Zensor der Alliierten

Mann löste das Problem auf eher undemokratische Weise. Wie so viele Kontrolloffiziere betätigte er sich nicht nur als Programmmacher sondern auch als Zensor - auch wenn er das nicht gern hörte. Schließlich musste er den Prinzipien Geltung verschaffen, die die Alliierten gemeinsam erlassen hatten. Mayer jedenfalls scheiterte oft an Manns Widerspruch. "Vielleicht hielt Mayer mich für ein bisschen harmloser oder gutmütiger als ich war, aber ich sagte, das lasse ich Ihnen nicht durchgehen. Da lachte er, und dann lachte ich auch, und dann haben wir es herausgestrichen."

Nicht weniger problematisch verhielt es sich mit dem Schriftsteller Stephan Hermlin. Er bot sich bei Radio Frankfurt als Literaturredakteur an. Natürlich wusste Mann, wen er ins Boot holte: nicht nur einen Linken, sondern einen organisierten Kommunisten. "Das gab Hermlin auch zu. Ihre persönlichen Überzeugungen tun hier nichts zur Sache, sagte ich ihm. Sie machen hier Literatur, und in der Literatur kenne ich eigentlich, um mich mal so auszudrücken, keine Parteien. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mit Hermlin je Schwierigkeiten hatte."

Die Schwierigkeiten indes, weitere unbelastete deutsche Mitarbeiter zu finden, bestanden weiter. Oft nämlich wurden Leute vorstellig, die schnell wieder abserviert werden mussten, weil sie zwar unbelastet waren von Journalismus, aber keine Ahnung hatten. "Es gab aber auch Dilettanten, die etwas lernten und die blieben dann in dem Beruf."

Mischung aus Pedanterie und Generosität

Selbst als sich nach der Stuttgarter Rede des amerikanischen Außenministers Byrnes im Herbst 1946 die Versöhnungspolitik der USA gegenüber Deutschland abzeichnete und der Kalte Krieg am Horizont aufzog, beharrten die amerikanischen Rundfunkkommandeure auf ihren rigiden Vorgaben. Wen sie als Nazi entlarvten, wurde sofort gefeuert. Egal wie stark derjenige in die Machenschaften der Nazis verwickelt gewesen war. "Die ganze Haltung der Amerikaner war eine sonderbare Mischung von Generosität auf der einen Seite und einer grauenerregenden Pedanterie auf der anderen Seite. Und wenn einer, sei er auch noch so jung, Nazi-Hörspiele geschrieben hatte, musste er binnen einer Stunde das Haus verlassen. Dagegen konnte ich nichts machen."

"Alles in allem", resümierte Golo Mann, "wehte da ein guter Geist. Ich möchte sagen, der Geist, aus dem heraus die Bundesrepublik geboren wurde, den gab es in diesen Rundfunkstationen Frankfurt, München, Berlin oder wo immer sie waren, damals schon. Da war ein Samen, aus dem manche gute Blume geworden ist."



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.