Radiomoderator Paul Baskerville Kirschpfannkuchen mit U2

Radiomoderator Paul Baskerville: Kirschpfannkuchen mit U2 Fotos
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Hart, aber herrlich: Der Radiomoderator Paul Baskerville spielt seit 1981 Musik ab, die noch keiner kennt - und trifft immer wieder unbekannte Bands, die später Giganten werden. Bei einestages erinnert sich Baskerville an U2 im Waschcenter, Oasis im Obdachlosen-Look - und wie die Stasi auf ihn aufmerksam wurde. Von

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Joy Division war der Anfang von allem. Die legendäre Band kam aus Manchester wie er, und weil man Anfang der Achtziger auch in Deutschlands Radiostationen nicht an Joy Division vorbei kam, lud man ihn ein. Als Studiogast, als Experten. Und dann sprach Paul Baskerville, Anfang 20, Ex-Punk und Neu-Hamburger, über die Manchester-Musikszene. Er redete über Joy Division und die Innovation des Punk. Und er erzählte die Geschichte mit der Tankstelle. Baskervilles Onkel tankte in Manchester immer an der Tankstelle, an der Ian Curtis als Tankstellenwärter arbeitete. Ian Curtis, der Joy-Division-Sänger.

Wenig später hatte Paul Baskerville eine eigene Radiosendung beim NDR und eine beim Deutschlandfunk. Er moderierte die Sendungen "No Wave" und "Musik für junge Leute", die Kult wurden, weil da ein Engländer mit Akzent und Ahnung über Bands sprach, die noch keiner kannte. Er spielte manchmal sogar Kassetten, die ihm DDR-Punkbands schickten. Baskerville war der Mann der Nische, der Geheimtipps. Oft wurden aus den Geheimtipps ganz Große. Und aus Baskervilles Radiogastspiel wurden 30 Jahre.

Heute moderiert er den "Nachtclub" bei NDR Info und stellt immer noch Bands vor, die noch keiner kennt und von denen einige bald schon Superstars sein könnten. Das war ja schon mit Oasis so gewesen, deren Debüt-Single er 1994 vorstellte. Und die er Monate zuvor eher zufällig in einem Londoner Hotel getroffen hatte. Oder mit U2, die Baskerville interviewte, als sie 1981 in Hamburg-Eppendorf spielten. Vor hundert Leuten.

einestages: Herr Baskerville, Sie haben U2 1981 direkt nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums getroffen. Wie führt man ein gutes Interview mit einer Band, die noch nicht berühmt ist?

Baskerville: Ich war damals, was ein großer Vorteil war, genauso alt wie die Gruppen, die ich interviewte. Anfang 20. Ich war deshalb nie besonders ehrfürchtig, was eine gute Voraussetzung für ein offenes Gespräch ist.

einestages: Wie war das mit U2?

Baskerville: Unser Interview hat sich zunächst verschoben. Sie mussten noch ins Waschcenter, ihre Wäsche waschen. Das Gespräch war dann wirklich nett. Ich erinnere mich, dass Bono im Restaurant ziemlich aufgeregt aufgestanden ist, um sich bei mir zu bedanken, weil ich meinte, die Band sei was Besonderes. Gitarrist The Edge war beeindruckt, weil ich ausgewandert war und eine eigene Wohnung in Hamburg gemietet hatte. Ich habe auch ihr erstes Konzert gesehen im "Onkel Pö", einem kleinen Szeneclub in Hamburg. Es waren vielleicht hundert Leute da. Bono ließ in dem kleinen, engen Lokal die Tische wegräumen, damit wenigstens etwas Stimmung aufkam. Nach dem Konzert habe ich einen Kirschpfannkuchen mit dem U2-Drummer Larry geteilt. So arm waren wir.

Als Baskerville U2 trifft, ist er Anfang 20 und gerade ein Jahr in Hamburg. Er verlässt seine Heimatstadt Manchester 1980, weil er dort keine Zukunft sieht. Die Industriemetropole ist von Rezession und Kriminalität geplagt, wenn die Geschäfte schlossen, sei Manchester "eine Geisterstadt" gewesen, sagt Baskerville. Und doch: Es gibt seit 1976 etwas, das in dem Grau gedeiht. Musik. Punk. Manchester ist das Epizentrum, die Ramones spielen dort, die Sex Pistols geben ihr erstes großes Konzert in Manchester.

einestages: Sie beschreiben Manchester Mitte der Siebziger als Hochburg von Kriminalität und wirtschaftlichem Niedergang. Wofür stand die Stadt musikalisch?

Baskerville: Es gab Bands wie 10cc, Sad Café, Barclay James Harvest – also nichts, worauf man besonders stolz sein konnte.

einestages: Dann kam der Punk.

Baskerville: Ja, aber das wird mir heute zu sehr verklärt. Es heißt, oh, muss das spannend gewesen sein, das erste Kapitel des Punk! Aber was war die Realität? Ich habe das erste Ramones-Konzert in Manchester gesehen, 1975. Die spielten in einer Stunde 40 Songs, hatten lange Haare und sahen eigentlich aus wie Hippies. Heute sagt man, ohne die Ramones hätte es Punk nicht gegeben. Damals dachte ich nur: Die sind völlig verrückt!

einestages: Man war sich nicht bewusst, dass da gerade Epochales passierte?

Baskerville: Genau. Das meine ich ja mit Verklärung. Die Sex Pistols haben ihr erstes wichtiges Konzert auch in Manchester gespielt, aber es waren nur 50 Leute da. Inzwischen behaupten aber mindestens 5000, dass sie damals dabei waren.

Als Baskerville 1980 nach Hamburg kommt, fängt er beim Buchhändler Libri im Lager an, sortiert Bestellungen. Ein paar Monate später wird er rausgeschmissen. "Ich habe zu langsam gearbeitet", sagt Baskerville. Er jobbt danach ein halbes Jahr bei Karstadt, verkauft Sonnenbrillen und Bilderrahmen. Dann der erste Job in der Musikbranche, er wird Promoter bei einem Musikverlag, betreut unter anderem die schottische Band Simple Minds.

Auch dort fliegt Baskerville schließlich raus - er promotet nur, was ihm gefällt. Der Verlag hat leider auch Schlagerbands unter Vertrag. "Schlager! So was Schlimmes hatte ich noch nie gehört", sagt Baskerville. Er sei eben jung und unprofessionell gewesen. Und doch hat der Job etwas Gutes. Der Mann aus Manchester bekommt Kontakt zum Radio. 1982 bietet ihm der NDR-Redakteur Klaus Wellershaus eine Sendung an. Baskerville soll "Musik für junge Leute" moderieren.

Baskerville: Wir saßen in der Kantine des NDR, als mich Wellershaus fragte, ob ich mir eine regelmäßige Sendung zutrauen würde. Natürlich konnte ich das.

einestages: Ihr Deutsch, heißt es, sei bescheiden gewesen.

Baskerville: Natürlich war mein Deutsch nicht sonderlich gut. Es sind auch ein paar peinliche Fehler passiert, weil ich oft gern englische Sprichwörter direkt ins Deutsche übersetzt habe. Im Englischen sagt man beispielsweise "the Best Thing since Sliced Bread" – und so wurde eine Band, die ich spielte, dann eben zum "Besten seit Erfindung des Schnittbrots". Aber ich habe meine Hemmungen schnell abgelegt.

Baskerville wird eine Legende im NDR, dessen Sendegebiet vier Bundesländer umfasst. Er stellt in seinen Sendungen Geheimtipps aus England und den USA vor – und 1994 auch eine Band aus seiner Heimatstadt Manchester: Oasis. Diese hatte er ein paar Monate zuvor in einem Hotel in London getroffen – bei einer Party des legendären Rock’n’Roll-Labels Creation Records.

Baskerville: Ich war zum zehnjährigen Jubiläum von Creation Records eingeladen, alle Creation-Künstler sollten unplugged in der Royal Albert Hall spielen. Leider fiel der Label-Gründer Alan McGee als Interviewpartner aus, der war gerade in der Psychiatrie wegen einer Drogengeschichte. Ich frage mich heute noch, warum die nicht alle verrückt geworden oder im Gefängnis gelandet sind. Angeblich gab es bei Creation schon zum Frühstück Ecstasy. Der Slogan der Jubiläumsparty lautete dann bezeichnenderweise "Undrugged". Drogenfrei.

einestages: Wie haben Sie Oasis kennengelernt?

Baskerville: Ein Promoter sagte zu mir, da würde es eine ganz tolle neue Band geben, die Single käme in ein paar Monaten, ob ich die nicht interviewen wolle. Er brachte einen Ghettoblaster ins Hotelzimmer, spielte die Demo-Version von "Supersonic" – und dann saß der Bandchef Noel Gallagher schon bei mir im Zimmer. Sänger Liam Gallagher kam später dazu. Sie sahen aus wie Obdachlose.

einestages: Wie Rockstars eben manchmal aussehen.

Baskerville: Nein, sie sahen wirklich ärmlich aus. Und Noel hatte um 11 schon ein Bier in der Hand. Ein Jahr später war er Millionär. Im Interview erzählte er mir, dass ihn der Labelboss McGee dauernd nerven würde. McGee rief ihn wohl regelmäßig mitten in der Nacht an und sagte: "Ich habe gerade deine Songs gehört. Noel, du wirst ein verdammter Millionär werden". Gallagher wollte natürlich lieber schlafen. Aber McGee behielt recht. Er hat Noel dann einen Rolls Royce geschenkt, dabei hatte Noel nicht mal einen Führerschein.

einestages: Nimmt bei Ihnen die Faszination für Bands eigentlich ab, sobald sie berühmt sind?

Baskerville: Wenn ich Abschied von einer Band nehme, dann nicht, weil sie prominent geworden ist – sondern weil ich das Gefühl habe, dass die Emotionalität verlorengegangen ist. Oder weil eine Band zu perfekt geworden ist. Für mich ist sie dann langweilig, das ist wohl die alte Punk-Attitüde. Deshalb habe ich The Who auch so sehr geliebt. Von all den ganz großen Bands, die es jemals gegeben hat, war The Who die am wenigsten perfekte. Bei ihrem Konzert in Manchester 1975 klangen sie wie Jungs, die gerade vor drei Wochen angefangen haben, Gitarre zu spielen. Dabei gab es The Who da schon seit elf Jahren.

Während The Who die Helden von Paul Baskerville sind, wird Baskerville Anfang der Achtziger zum Helden in der DDR. Die von der Obrigkeit unterdrückten Punks in Rostock, Stralsund oder Greifswald, überall dort, wo der NDR empfangen werden kann, sitzen vor den Kassettenrekordern und nehmen Baskervilles Sendungen auf. Kopien der illegalen Kassetten kursieren bald auch in Berlin und Dresden. Und ein paar der Ostpunkbands schicken ihre Demo-Kassetten an den Westbruder im Geiste. Darunter auch Holger Roloff. Zwischen beiden entwickelt sich eine Brieffreundschaft.

Baskerville: Er war natürlich scharf darauf, Platten zu bekommen. Ich habe ihm Joy-Division-Alben geschickt und auch Bücher. Und weil er sich nur begrenzt revanchieren konnte, hat er mir ganz skurrile Geschenke gemacht. Er hat mir zum Beispiel Kuchen gebacken. "Kalter Hund", Schokokuchen mit Keks, der lag sehr schwer im Magen.

einestages: Der NDR hat Sie beide für einen Fernsehbeitrag über Punks in der DDR wieder zusammen gebracht. Sie haben dort auch erfahren, dass Ihre Brieffreundschaft nicht unbeobachtet blieb.

Baskerville: Es gibt eine Stasi-Akte, in der alle kopierten Briefwechsel zu finden sind, die es jemals gab zwischen Holger und mir. Da steht alles drin. Ich machte Underground-Musik aus dem Westen dem Osten zugänglich - deshalb bin ich ins Visier der Stasi geraten.

einestages: Sie haben als 19-Jähriger Ihre Heimat verlassen, für immer. Warum sind Sie in Hamburg gelandet?

Baskerville: Ich hatte in der Schule ein bisschen Deutsch gelernt. Nicht viel, aber es reichte, dass ich hier die Schlagzeilen in der "Bild"-Zeitung verstand. Vielleicht war das ein Grund. Ich kann mich auch noch gut an den Moment erinnern, als ich das erste Mal den Jungfernstieg in Hamburg sah. Ich bin aus der U-Bahn ausgestiegen, es war ein Herbsttag, klarer Himmel – und mir blieb die Luft weg. Alles sah so schick aus und so schön und wohlhabend. Ich dachte, das gibt’s doch nicht, das hat mich total beeindruckt.

einestages: Gibt es etwas, das Sie in Deutschland vermissen?

Baskerville: Das einzige, was ich vermisse, ist eine gewisse Schlampigkeit. Manchmal ist es zu geleckt hier. Aber ich bin eben ein Engländer.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, "Closer" sei das Debütalbum von Joy Division gewesen. Es war jedoch "Unknown Pleasures". Wir bitten den Fehler zu entschuldigen, wir haben ihn korrigiert.

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1.
Paul Fitscher 01.11.2011
Mir ist das jetzt echt peinlich, aber ich kenne keinen Paul Baskerville und wusste bisher auch nicht, dass er eine Legende ist, obwohl ich schon lange in Norddeutschland lebe. Gleichzeitig macht mir das wieder Hoffnung, denn, wenn ich ihn nicht kenne, geht es vielleicht auch noch anderen so, die aber andererseits mich kennen. Bedeutet das womöglich, dass auch ich eine Legende bin, die eben nur nicht überall bekannt ist? Interessant. Ansonsten macht der Typ aber im Interview einen sympathischen Eindruck. Ich wünsche noch viel Legenden-Erfolg.
2.
Siegfried Wittenburg 01.11.2011
Als es noch lange Zeit eine Mauer geben sollte, habe ich am liebsten die Musiksendungen mit Paul Baskerville und Peter Urban gehört. Auch der frühe Rockpalast war ein Erlebnis, wo Paul oft moderiert hat. Viele Musiker, die damals dort auftraten, sind heute eine Legende. Aber irgendwie hat man gespürt, was in ihnen steckt. Die erste Platte von U2 habe ich mir in Warschau auf dem Flohmarkt gekauft, für wahnsinnig viel Geld. Ich war wie elektrisiert und sie gehört noch heute zu meinen Lieblingsplatten.
3.
Ekkehard Sprenger 01.11.2011
Für alle Nichtkenner: Der John Peel des NDR!! Pauls Sendungen waren von großer Faszination. großartige Musik, exzellente Kommentare und eine fesselnde Emotionalität. Noch heute höre ich zuweilen seine letzte "No Wave"-Sendung mit einer Gänsehaut!
4.
Knut Griese 01.11.2011
Ich höre Paul Baskervilles Sendungen seit 20 Jahren mit Begeisterung. Nach dem Ableben von BBC-"Legende" John Peel ist es die einzige Radiosendung, die mich regelmäßig überraschen kann.
5.
Manfred Hagel 02.11.2011
Ach Gottchen, der Paul. Ich habe schon seine ersten Sendungen gehört, aber die Musik gefiel mir nie. Kennt jemand die britische Einstellung bei Gitarrenverstärkern? Alle Regler auf Rechtsanschlag und dann rein gehackt. Klingt ungefähr wie wenn ein Lastwagen einen Haufen Bleche verliert. Dazu einen mulmigen Bass, ein schlichtes Schlagzeug und ein dünnes Stimmchen, das irgendwie abwesend drei Halbtöne rauf und runter leiert. Das war und ist Paul Baskerville's Lieblingsmusik, und er tut sich in seinen Sendungen wahrlich keinen Zwang an. Für mein subjektives und unmaßgebliches Empfinden hat er seinen Teil zur irgendwie groben und wenig charmanten Musikauswahl beim NDR beigetragen. Sonst bin ich eigentlich viel netter, aber das musste mal raus.
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