Radiopiraten Die Festung des brüllenden Lords

Laut, lauter, Screaming Lord Sutch: Der Rockmusiker David Sutch legte sich in den Sechzigerjahren mit der BBC an und gründete auf einer Luftabwehrfestung vor der Küste den ersten stationären Piratensender des Königreichs. Um den Pseudo-Adeligen zu vertreiben, schickte die Regierung sogar die Kriegsmarine.

Tim Mitchard

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In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

David Sutch war nicht der Typ, der klein beigab. Der junge Rockmusiker aus der Londoner Harrow Road schreckte Anfang der sechziger Jahre auch nicht davor zurück, sich mit der British Broadcasting Corporation anzulegen, Großbritanniens übermächtigem staatlichen Rundfunksender - weil sich die BBC weigerte, seine Songs im Radio zu spielen.

Dabei war Sutch so etwas wie ein Star der Rockszene, seit er 1959 als 18-Jähriger in der Kultstätte des Rock'n'Roll, der legendären Two-i's-Coffee-Bar im Londoner Stadtteil Soho, auf der Bühne gestanden hatte. Er stach hervor aus der Menge der Elvis-Presley-Doppelgänger, vor allem wegen seines exzentrischen Outfits. Statt pomadisierter Tolle über der Stirn trug der langhaarige David die Leopardenfelljacke seiner Tante und einen Hut, aus dem zwei Büffelhörner ragten.

Fast fünf Jahre waren seither vergangen, Sutch hatte inzwischen eine eigene Band und tourte mit The Raving Savages ("Die tobenden Wilden") und einer nicht minder wilden Bühnenshow durch Londons Nachtleben. Die Herren beim eher klassisch ausgerichteten Sender beeindruckte das wenig. Tatsächlich hatten sie auch nichts speziell gegen Davids Musik; vielmehr spielte die BBC zu jener Zeit so gut wie überhaupt keine Rockmusik, kein Pop und kein Blues. Erst recht wollte man nicht die Platten eines Mannes auflegen, der sich nun "brüllender Lord" nannte, Screaming Lord Sutch, Third Earl of Harrow. Trotzdem sollte man bei der BBC noch von ihm hören.

"Es ist drei Uhr und sie empfangen uns auf Frequenz 1542 kHz", verkündete Sutch vor staunenden Pressevertretern im Mai 1964 den Start seines eigenen Rundfunksenders. Vergeblich hatte er zunächst versucht, sich mit der Gründung einer eigenen Partei politisch gegen das staatliche Rundfunkmonopol zu wehren. Seine National Teenage Party forderte neben dem Wahlrecht für 18-Jährige und einer Liberalisierung der Pub-Öffnungszeiten auch die Zulassung kommerzieller Sender - in Konkurrenz zur BBC. Doch das Ende Debatte wartete er nicht ab - und ging stattdessen vor der Themsemündung in Stellung: Als erster stationärer Piratensender beschallte "Radio Sutch" britische Hörer mit einem eigenen Programm, ausgestrahlt von einem alten Geschützturm der Luftabwehr.

Zusammengeschaltete Autobatterien und ein Mikro

"Gott, ist das laut!", jubelten TV-Journalisten bei der Erstausstrahlung: "Das ist fantastisch!“ Das empfangene Signal war stärker noch als das von Radio Caroline, einem illegalen Sender, der seit einigen Wochen von einem Boot aus das Vereinigte Königreich mit Rock- und Popmusik unterhielt. Und es war mancherorts stärker als das Signal der BBC.

Allerdings nur an diesem Tag, denn für die Pressekonferenz, die in der Nähe Londons an Land stattfand, hatte Sutch getrickst. Statt auf der Nordsee saß sein Geschäftspartner und Musikmanager Reginald Calvert mit der Sendeanlage in nur knapp 300 Meter Entfernung - versteckt unter einem Baum hinter der Kuppe eines Hügels. In Wirklichkeit war die Ausrüstung der Radiopiraten bescheiden: ein Transmitter, einige 12-Volt-Autobatterien, ein Plattenspieler, einige Platten, ein Mikrofon und alles wirr miteinander verkabelt, wie sich Sutchs langjähriger Freund und Diskjockey Colin Dale erinnert.

Auch die Arbeitsbedingungen auf der alten Seefestung Shivering Sands, einem Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, waren gewöhnungsbedürftig. Die Männer auf dem Stahlkoloss hatten sich mit Lebensmitteln und Trinkwasser für einige Tage eingedeckt: "Waschen und rasieren mussten wir uns aber mit Salzwasser", berichtet Dale. "Das war gar nicht so einfach, weil die Seife im Salzwasser nicht schäumte."

Noch weit mehr Improvisationstalent benötigten die Radiomacher für ihre tägliche zweistündige Sendung. Oft fiel die zusammengeschusterte Anlage aus. Etwa an jenem Tag, an dem Dale mit seinem Kollegen Brian Paull allein auf dem Turm war, gerade in der oberen Etage moderierte und Paull von unten rufen hörte: "Wir sind hier unten in Schwierigkeiten!"

Erotisches zur Nacht

"Ich schrie zurück: 'Wir sind immer in Schwierigkeiten auf dieser verdammten Station!" Er habe dann, so erzählt Dale, eine Platte aufgelegt, sei nach unten gestiegen - und habe die Flammen gesehen: "Alles brannte. Die Verkabelung glühte. Und Brian schrie. Gott sei Dank gab es Trockenschaum. Ich griff nach dem Feuerlöscher, aber irgendwas muss ich falsch gemacht haben. Brian stand danach von Kopf bis Fuß in Schaum." Drei Tage lang blieb Radio Sutch damals stumm.

Der Brand war nicht das einzige Missgeschick. Nur wenige Wochen nach ihrem Start sollten die Radiomacher Besuch von einem Vertreter eines Londoner Musikverlags bekommen. Der Gast kam natürlich mit dem Boot und versuchte, von dort aus auf die Leiter am Turm zu springen, doch er rutschte ab. In letzter Minute, so erinnert sich Dale, konnte die Crew verhindern, dass er von der Bordwand an einem der Betonpfeiler des Geschützturmes zerquetscht wurde, und ihn aus dem Wasser fischen. Aus dem Geschäft allerdings wurde nichts mehr: Zurück an Bord ließ sich der Mann umgehend an Land bringen - einen zweiten Versuch, den Turm zu erklimmen, wagte er nicht.

Doch auch ohne professionelle Hilfe wurde Radio Sutch bekannt. Neben den Alben des Gründers wie etwa "Jack the Ripper" spielte der Sender auch andere Bands, die von Calvert betreut wurden. Und er hatte eine Spezialität im Programm: Obwohl man sie nicht sehen konnte, regte eine attraktive Blondine zu nächtlicher Stunde die Fantasien der Zuhörer an. Mandy Rice-Davies, den Briten zu diesem Zeitpunkt aus der spektakulären Sexaffäre ihres Heeresminister John Profumo bekannt, las aus "Lady Chatterleys Liebhaber" - ein Roman, der in Großbritannien wegen ausgiebiger Sexszenen jahrzehntelang verboten war.

"Kommen Sie mit erhobenen Händen raus!"

Eine raue Lautsprecherstimme riss die Radiopiraten eines Morgens unsanft aus ihren Träumen. "Hier spricht der Kapitän," hallte es zu den verschlafenen DJs, "kommen Sie mit erhobenen Händen raus oder wir kommen zu Ihnen rauf." Vor Shivering Sands lag ein Kriegsschiff der königlichen Marine. Die Besatzung war von der Admiralität beauftragt worden, die illegal besetzte Militäranlage zu räumen. Brian Paull fasste sich als erster, mürrisch brüllte er hinunter: "Verpisst euch - wir sind müde. Wir haben die halbe Nacht versucht, einen Generator zu reparieren."

Sutch war nicht bereit, seine Station zu räumen. "Wenn Sie versuchen, die Leitern zu uns hochzuklettern," drohte er der Royal Navy, "begießen wir Sie mit Frittenfett." Das war es dem Verteidigungsministerium dann wohl nicht wert. Unverrichteter Dinge fuhr das Schiff davon. Offensichtlich wollte man eine derart spektakuläre Auseinandersetzung um den ohnehin nutzlosen Geschützturm vermeiden. Die Boulevardpresse wertete den Abzug als Sieg der Radiopiraten über die britische Kriegsmarine.

Und das hatte Folgen: Andere Piratensender fühlten sich ermutigt; nach und nach wurden weitere Seefestungen besetzt. DJ Paddy Roy Bates etwa ging mit Radio Essex, später auch Britain's Better Music Station B.B.M.S. auf der Festung Knock John Tower auf Sendung. Radio Invicta, Radio King und Radio 390 funkten von den Türmen Red Sands. Die Besetzer von Sunk Head planten neben ihrem Tower Radio ab 1966 sogar die Ausstrahlung eines Tower-TV-Programms.

Sutch selbst hatte zu dieser Zeit seine Meeresfestung längst verlassen. Noch im September 1964 verkaufte er seinen Sender an Calvert, der ihn nun unter dem Namen Radio City betrieb. Die Piratensender, die bald schon Werbeeinnahmen generierten, wurden zu einem lukrativen Geschäftsfeld - und schließlich auch zur Ursache tragischer Streitereien, wie etwa um eine mögliche Fusion mit Radio Caroline: Bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit einem Verhandlungspartner kam Calvert im Juni 1966 ums Leben, seine Frau Dorothy übernahm danach den Sender - allerdings nur für kurze Zeit.

BBC und Lord Sutch

Die britische Regierung nämlich erließ im Jahr darauf ein Rundfunkgesetz, den so genannten Marine Broadcasting Offences Act, das unlizensierte Radioausstrahlungen unter Strafe stellte und auch deren finanzielle Unterstützung, etwa durch Werbung, verbot - das Ende für die meisten Piratensender. Nicht jedoch für die Karriere vieler in der Szene bekannt gewordener DJs, die nun bei der BBC unterkamen.

Auch David Sutch machte weiter Musik, vor allem aber mischte er sich weiter in die Politik ein - mit schrillem Outfit und teils absurden Forderungen seiner in den achtziger Jahren gegründeten Official Monster Raving Loony Party, die etwa mit der Forderung, Butterberge zu Skipisten umzuwandeln, die europäische Agrarpolitik anprangerte. Nach Sutchs Freitod im Jahre 1999 ließ Premierministers Tony Blair durch einen Sprecher verlauten, man werde ihn "schmerzlich vermissen". Über viele Jahre hinweg habe er einzigartige Beiträge zur britischen Politik geleistet. Ohne ihn würden die Wahlen nie wieder so sein wie zuvor.

Es war das Verdienst der Radiopiraten, dass auch die BBC schließlich Populärmusik in ihr Programm aufnahm. Das Verhältnis zwischen dem öffentlich-rechtlichen Sender und David Sutch aber blieb speziell: 1998, knapp ein Jahr vor Sutch' Tod, kürte die BBC nach einer Umfrage dessen LP "Lord Sutch and Heavy Friends" von 1970 zur "schlechtesten Platte aller Zeiten".

Sutchs langjähriger Weggefährte DJ Colin Dale äußert in seinen Erinnerungen den Verdacht, dass es Sutch mit der Gründung seines eigenen Sender gar nicht so sehr um seine Musik gegangen war: Radio Sutch sei 1964 einfach nur ein Werbegag im Wahlkampf der Teenager-Partei gewesen.



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insgesamt 5 Beiträge
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Christian Altenhofen, 09.01.2016
1. Kriegsmarine?
Gibt es dann auch eine "Friedensmarine"?
Patrick Schwanenberg, 09.01.2016
2. @Christian Altenhofen
Nein, aber eine Handelsmarine. Zugegeben, "Kriegsmarine" ist ein etwas altmodisches Wort und bezieht sich hauptsächlich auf die deutsche Marine zur Nazizeit.
Harald Schmidt, 09.01.2016
3. Irgendwie romantisch
Die Anfänge der Demokratisierung des Rundfunks. Heute in Zeiten von youtube ein bisschen anachronistisch, aber es gibt sie noch. Gerade in den Niederlanden wird noch gerne der Piratensender aktiviert und Polka für alle auf UKW gesendet...
Harald Messemer, 09.01.2016
4. Ritchie
Und kein Geringerer als Ritchie Blackmore spielte Gitarre bei Lord Sutch.
Dirk Knauer, 29.10.2016
5. Filmtipp zum Thema
The Boat that Rocked, in Deutschland bekannt unter dem Titel Rock"n Roll Revolution, ein Film aus dem Jahr 2009, unter anderem mit Philip Seymour Hoffman und Bill Neighy, zeigt das Spektakel der teilweise auf Schiffen residierenden Piratensendern. Viel Spass beim gucken
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