Radsportklassiker Paris-Roubaix Tortur de France

Radsportklassiker Paris-Roubaix: Tortur de France Fotos
"Paris-Roubaix" - Delius Klasing Verlag

Paris-Roubaix gilt als brutalster Klassiker des Radsports: Seit 115 Jahren quälen sich die Fahrer bei dem Eintagesrennen über das ruppige Kopfsteinpflaster der Strecke, durch Schlamm, Staub oder Schnee. Zum diesjährigen Startschuss zeigt einestages Bilder aus elfeinhalb Jahrzehnten Radsporthölle. Von

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Scheint die Sonne, schimmern sie in sattem Grau oder Blau. Die rechteckigen werden liebevoll "Würfelzucker" genannt, die runden "Melone" oder "Babykopf": Pflastersteine. Die Nordfranzosen kommen ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Kopfsteinpflaster sprechen, diesem ebenso archaischen wie widerspenstigen Straßenbelag, der in dieser Region noch immer weit verbreitet ist.

Für die Fahrer beim legendären Rennen Paris-Roubaix sind die Felsbrocken ein einziger Alptraum. Ein wahrer Leidensweg, eine endlos erscheinende Maschinengewehrsalve von Schlägen, die den Sportlern in Knochen und Gelenke fahren - ein Minenfeld, durch das die Radprofis mit Höchstgeschwindigkeit navigieren. Die Gefahren sind vielfältig: Steinkanten, die Reifen platzen lassen können. Spurrinnen, die bei einer falschen Lenkbewegung gnadenlos die Felge zerbrechen. Schlaglöcher, die darauf warten, Gabeln zu zerknicken wie Strohhalme und den Fahrer aus dem Sattel zu heben.

Paris-Roubaix - das sind rund 250 Kilometer Strecke, von denen mehr als 50 über das berüchtigte Pflaster führen, das dem Eintagesrennen den Spitznamen "Die Hölle des Nordens" einbrachte. Die Felsbrocken sind die härtesten Herausforderer beim brutalsten Radklassiker der Welt.

Schnee, Staub, Schlamm - die Hölle von Paris-Roubaix

Bei Sonne hüllt der scharfe Aprilwind in den Ebenen Teile der Strecke in dichte Wolken aus Staub, der den Fahrern in Lungen und Augen brennt. Bei Regen wird die Fahrt auf der Buckelpiste zu einer gefährlichen Rutschpartie - und zu einer gnadenlosen Schlammschlacht, die Mensch und Material bei einigen der Rennen bis zur Unkenntlichkeit mit einer Schicht aus Matsch überzieht. Manchmal werden die Fahrer auch von Schneeschauern überrascht, die ihnen vom Gegenwind horizontal entgegengetrieben werden, dann stechen die kalten Kristalle wie Nadeln in Gesicht und Beine.

Passend, dass dieses Martyrium stets am zweiten Sonntag im April stattfindet, einem Termin, der meist in die Fastenzeit und kurz vor das Osterfest fällt, die Passion Paris-Roubaix. Für Teilnehmer und Berichterstatter scheint der Leidensweg gleichermaßen ein quasireligiöses Ereignis zu sein. Wer von dem Rennen erzählt, ringt um martialische Bilder, als würden die Beteiligten direkt aus der Hölle berichten.

"Nicht Angst, sondern Muffensausen" schrieb der Journalist Pierre Chany 1987 über die Stimmung unter den Radprofis am Start. Der zweimalige Paris-Roubaix-Sieger Marc Madiot sagte: "Jeder, der ankommt, ist ein Überlebender." Jacques Goddet, bis Mitte der achtziger Jahre Direktor des Rennens, sprach einmal gar von "Bedingungen, bei denen die Schwelle zur Grausamkeit überschritten ist". Nicht umsonst wird der wohl berüchtigste Abschnitt der Strecke "La Tranchée" - der Schützengraben - genannt. Es ist eine 2400 Meter lange Kopfsteinpflasterschneise durch den Wald von Arenberg. Wer sich nicht auf dem schmalen Weg halten kann, stürzt unweigerlich. "Gewinnen kannst du in Arenberg nicht", stellte die Radsportlegende Eddy Merckx einmal trocken fest, "verlieren schon."

Von einem Hund aus dem Sattel geholt

Schon als Paris-Roubaix 1896 das erste Mal stattfand, war das Rennen außergewöhnlich. Denn obwohl Radsport damals gerade zum gesellschaftlichen Großereignis aufstieg, waren Straßenrennen die Ausnahme. Die frühen Helden des Sports traten in Velodromen gegeneinander an, die damals in vielen Städten entstanden. Der einfache Grund für die Rennen im Kreisverkehr: Die Fahrräder waren nicht robust genug, um den schlechten Zustand des Straßennetzes mitzumachen. So blieben die Straßenrennen den Rebellen und Sonderlingen vorbehalten. Die Zuschauerzahlen waren mager, die Siegprämien entsprechend klein.

Trotzdem versammelten sich 45 unerschrockene Teilnehmer im April 1896 mit ihren schweren Stahlrennern an der Startlinie. Trotz der Ausrüstung war das sportliche Niveau beim ersten Start von Paris-Roubaix bereits beachtlich. Josef Fischer, der erste und einzige deutsche Sieger in der Geschichte dieses Eintagesrennens, gewann mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 30 km/h. Bei seinem Sieg half trotzdem der Zufall: Sein härtester Kontrahent Arthur Linton wurde kurz hinter Amiens von einem Hund zu Fall gebracht. So radelte Fischer, dessen Markenzeichen sein wie ein Rennradlenker geformter Schnurrbart war, als Erster durchs Ziel - obwohl er auf den letzten 40 Kilometern Kopfsteinpflasterstrecke erst von einem Pferd und später von einer ganzen Kuhherde attackiert wurde.

Bis heute bestimmen Unwägbarkeiten über Sieg und Niederlage bei Paris-Roubaix. 1983 schlug der Spanier Pello Ruiz Cabestany gleich sechsmal auf dem nassen Pflaster hin - auf einem einzigen Kilometer. Der Franzose Jean Graczyk schied 1961 mit einem Sattelbruch aus, nur um ein Jahr später nach einem Sturz unter 15 anderen Fahrern begraben zu werden. Und Gilbert Duclos-Lassalle nahm 14-mal an dem Wahnsinnsrennen Teil, bevor er das erste Mal gewann.

Explosion bei der Zieleinfahrt

1934 wurde der italienische Radrennfahrer Olimpio Bizzi gar Opfer eines Polizeiirrtums: Nachdem er über 210 Kilometer das Feld angeführt hatte, wies ihm ein Ordnungshüter die falsche Abzweigung. Als Bizzi trotz Umweg die Führung halten konnte, brach ihm zu allem Übel 17 Kilometer vor dem Ziel das Hinterrad. Dennoch eierte er tapfer weiter - und wurde tatsächlich erst zwei Kilometer vor dem Ziel von den anderen Fahrern eingeholt. Nicht umsonst sagt Jacques Goddet, Paris-Roubaix sei der letzte Wahnsinn, den der Radsport noch zu bieten hätte.

Wohl auch deshalb gibt es das Rennen nun schon seit 115 Jahren, während die Velodrome ihre einstige Bedeutung für den Radsport längst verloren haben und viele Eintagesrennen in Vergessenheit geraten sind. Doch Mitte der sechziger Jahre musste auch der Radsportklassiker Paris-Roubaix eine Krise überwinden: Nachdem immer mehr Gemeinden ihre alten Kopfsteinwege asphaltiert hatten, drohten der Strecke die Pflasterpassagen auszugehen. 1965 wurde der historische Tiefstand erreicht - nur noch 22 Kilometer der Strecke mussten die Fahrer auf Kopfstein zurücklegen. Das Rennen drohte sein Markenzeichen und seinen Wahnwitz einzubüßen.

So begannen die Veranstalter, dem immer seltener werdenden Pflaster nachzujagen, veränderten die Strecke von Jahr zu Jahr - und überzeugten die Gemeinden, die historischen Hubbelwege unter den bequemen Asphaltstraßen wieder freizulegen. Seit den achtziger Jahren gibt es einen Verein, der sich für die Erhaltung der Pflasterstraßen einsetzt. Zu ehrenamtlichen Ausbesserungsarbeiten pilgern sogar Radsportfans aus Belgien und England.

Diese Begeisterung ist seit jeher auch im Velodrom in Roubaix zu spüren, in dem die Fahrer die letzten Meter des Rennens absolvieren. Wer einmal schlammverschmiert und ausgelaugt als Erster in den Radsporttempel gefahren ist, wird für alle Qualen entlohnt. "Du hörst schon draußen, wie unglaublich laut die Menge ist", schwärmt Marc Madiot, der 1985 und 1991 alleine an der Spitze fuhr, "und wenn du einfährst, ist es wie eine Explosion." Jean-Pierre Danguillaume, ein anderer Sieger, erinnert sich voller Begeisterung: "Auf dem Weg zu den Duschen kannst du den Leuten im Gesicht ablesen, dass du für sie ein großer Champion bist."

Doch die Liebe und Achtung der Menge ist nicht der einzige Lohn für die Strapazen des vielleicht härtesten Radrennens der Welt. Am Ende darf der schlammverschmierte, eingestaubte, ausgelaugte Held bei der Siegerehrung voll Stolz seine Trophäe in die Höhe reißen: einen echten nordfranzösischen Pflasterstein.

Zum Weiterlesen:

"Paris-Roubaix: Die Hölle des Nordens". Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2011, 205 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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