Mord an Kinderschönheitskönigin Stille Nacht, tödliche Nacht

Wer ermordete JonBenét Ramsey? An Weihnachten 1996 wurde die sechsjährige Schönheitskönigin im Keller ihres Elternhauses tot gefunden - das Verbrechen ist bis heute ungeklärt. Eine TV-Doku rollt den Fall wieder auf.

imago/ZUMA Press

Von Hendrik Behrendt


Es ist 5.52 Uhr am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages, als Patsy Ramsey hektisch den Notruf wählt. Wenige Minuten zuvor hat die 39-Jährige einen Erpresserbrief auf der Treppe ihres Hauses in Boulder (Colorado) gefunden.

Ihre sechsjährige Tochter JonBenét soll entführt worden sein, von dem Kind fehlt jede Spur. "Wir sind aufgestanden, und sie war nicht hier. Oh Gott! Schicken Sie bitte jemanden! Bitte, schnell, oh Gott, bitte", fleht Ramsey die Frau am Notruftelefon an.

Wegen des Weihnachtsfestes ist die Dienststelle der örtlichen Polizei an diesem Donnerstagmorgen im Jahr 1996 nur schwach besetzt. Ermittlerin Lisa Arndt und ein weiterer Beamter fahren zum Haus der Familie Ramsey in der 15th Street. Es wird durchsucht, doch das Mädchen bleibt verschwunden.

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Mordfall JonBenét Ramsey: Der Tod einer Schönheitsprinzessin

Im Erpresserbrief heißt es, die Täter würden zwischen acht und zehn Uhr morgens anrufen und weitere Forderungen übermitteln - doch das Telefon bleibt stumm. Um 13 Uhr fordert Lisa Arndt den Vater des Mädchens auf, das Haus erneut zu durchsuchen, um festzustellen, ob etwas fehlt.

Im Weinkeller macht John Ramsey kurze Zeit später eine schreckliche Entdeckung: Unter einer weißen Decke liegt die Leiche seiner sechsjährigen Tochter, gefesselt und geknebelt. JonBenét ist ermordet worden.

"Ich küsste sie und sprach mit ihr"

Wer trägt die Schuld am gewaltsamen Tod des Mädchens, das als "Little Miss Christmas" zu trauriger Berühmtheit gelangte? Seit Jahrzehnten bewegt das Verbrechen die US-amerikanische Öffentlichkeit. JonBenét war bereits als Kinderschönheitskönigin bekannt, hatte an mehreren Wettbewerben teilgenommen. Bis heute steht nicht fest, wer sie ermordet hat.

Im Verhör erinnerte sich der 53-jährige Vater an den Moment, als er seine Tochter fand:

"Ich riss das Klebeband von ihrem Mund. Ich versuchte, das Seil zu entknoten, das um ihre Arme gebunden war. Ich küsste sie und sprach mit ihr. Mir wurde klar, dass sie nicht einfach nur schlief. Dann trug ich sie die Treppe hinauf."

Ramsey legte seine tote Tochter im Erdgeschoss ab. Um ihren Hals war eine Würgschlinge geschnürt, so eng, dass die Kordel tief ins Fleisch schnitt. Ein Gerichtsmediziner stellte später zudem einen Schädelbruch und Verletzungen im Intimbereich fest.

Schwierige Spurensicherung

Da es sich um eine Entführung zu handeln schien, war bereits morgens die Bundespolizei FBI eingeschaltet worden. Agent Ron Walker erreichte um die Mittagszeit das Haus der Ramseys und musste feststellen, dass aus dem Kidnapping ein Mordfall geworden war:

"Ich betrat das Haus und sah mir alles genau an. Ich sah den Körper des kleinen Mädchens dort direkt vor dem Weihnachtsbaum. Das war herzzerreißend - es war Weihnachten, und hier lag ein totes Kind."

Da die Leiche bewegt worden war, ließen sich mögliche Spuren nur schwer sichern. Hinzu kam, dass die Ramseys im Laufe des Vormittages Freunde und Nachbarn gebeten hatten, zu ihnen zu kommen, um ihnen seelischen Beistand zu leisten. FBI-Agent Walker:

"Da waren all diese Menschen, alle hinterließen so viele Spuren, dass es später unmöglich war zu identifizieren, welche Person etwas berührt oder getragen hat. So wie dieser Tatort verschmutzt wurde, war es eigentlich klar, dass der Fall mehr als problematisch werden würde."

Rasch wurde die Presse auf den Fall aufmerksam. JonBenét Ramsey hatte einige Little-Miss-Wettbewerbe für Kinder gewonnen. Als erste Bilder der Sechsjährigen veröffentlicht wurden, die das Opfer als aufgetakelte Schönheitsprinzessin zeigten, überschlugen sich die Schlagzeilen. Einer der ersten Journalisten vor Ort war Lawrence Schiller vom Magazin "The New Yorker".

"Es würde mich jeden verdammten Tag quälen"

Er baute schnell Vertrauen zu Zeugen und Ermittlern auf und führte Hunderte Interviews, die er auf Tonband aufzeichnete. Schiller erhielt Einblick in Ermittlungsakten und recherchierte noch lange weiter. "Wenn meine Tochter getötet worden wäre, würde ich nicht 20 Jahre im Ungewissen sein wollen", beschrieb er seine Motivation, "es würde mich jeden verdammten Tag quälen."

Im Laufe der Zeit trug der mittlerweile 80-Jährige eine riesige Menge Material zusammen. Die Ergebnisse seiner Recherchen sind in ein Buch und in die TV-Dokumentation "Little Miss Christmas - Mord an Weihnachten" eingeflossen, die SPIEGEL Geschichte an diesem Mittwoch zeigt.

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  • Mehr zum Thema sehen Sie am 31.Mai 2017 ab 21.55 Uhr in der zweiteiligen Dokumentation "Little Miss Christmas - Mord an Weihnachten" auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

In der Doku widmet sich Schiller ausführlich dem Erpresserbrief, der im Haus der Ramseys gefunden wurde. Von Anfang an spielte das Schreiben eine zentrale Rolle in der Ermittlungsarbeit. Das Papier für die Nachricht kam von einem Notizblock aus dem Haus - genau wie der Stift, mit dem die Zeilen geschrieben wurden.

Dass das Schreiben offenbar spontan am Ort des Verbrechens verfasst worden war, machte die Ermittler stutzig, ebenso die ungewöhnliche Höhe der Lösegeldforderung: 118.000 Dollar sollten gezahlt werden. Das entsprach genau dem Betrag, den Vater John Ramsey als Jahresbonus von seinem Arbeitgeber erhalten hatte.

Ermittler im Streit

Doch wer konnte das wissen? Und warum wurde der Brief im hinteren Teil des Hauses deponiert, wo man ihn nur schwer finden konnte? Die Ermittler führten eine Reihe grafologischer Untersuchungen durch; demnach konnte Mutter Patsy Ramsey nicht eindeutig als Verfasserin der Zeilen ausgeschlossen werden.

Hatte die Mutter also die Tat möglicherweise selbst begangen und verfasste das Schreiben, um die Ermittler auf eine falsche Fährte zu führen? Oder stammte der Brief von einem unbekannten Täter, der in das Haus der Ramseys eindrang, eine Lösegeldforderung hinterließ und das Kind ermordete? Diese Fragen stellten sich auch die Ermittler immer wieder, darüber kam es zu heftigen Kontroversen.

Während einige Beamte die Familie - die Mutter, den Vater, auch den drei Jahre älteren Bruder - als Täter in Erwägung zogen, gingen andere eher von der These eines unbekannten Täters aus. Für beide Theorien gab es zunächst Indizien, aber keine Beweise. Die Folge waren konkurrierende Dienststellen, die gar nicht oder nur unzureichend miteinander kooperierten.

Ein falsches Geständnis

Auch das riesige Medieninteresse, das Journalisten vermeintliche Wahrheiten und Ermittlungserfolge verkünden ließ, bevor diese bewiesen waren, erschwerte die Arbeit der Behörden.

JonBenét wurde in Marietta im US-Bundesstaat Georgia beigesetzt, wo früher ihre Mutter wohnte. Patsy Ramsey starb 2006 an Krebs und hat ihre letzte Ruhestätte neben ihrer Tochter gefunden. Vater John hat später wieder geheiratet und Boulder verlassen.

2006 wurde ein 41-jähriger Lehrer in Thailand festgenommen und gestand, den Tod von JonBenét verschuldet zu haben. Doch seine DNA stimmte nicht mit den Spuren am Tatort überein, die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine Anklage. 2008 wurde die Familie von der Staatsanwaltschaft entlastet - doch der Fall bleibt ungeklärt.

Jüngst nahm die ungewöhnliche Netflix-Doku-Fiktion "Casting JonBenet" den Fall neu ins Visier. Auch die Polizei in Boulder ist nach wie vor aktiv. Im Herbst 2016 verkündete ein Sprecher, dass in dem Mordfall weiter ermittelt werde. Bis heute allerdings ohne Erfolg.

insgesamt 8 Beiträge
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Felix Horch, 31.05.2017
1. Betrag als Indiz
Die 118.000 als Forderung sind das wichtigste Indiz. Nur jemand der den Betrag kannte, konnte ihn fordern. Der Täter / in stammt aus dem Kreis. Abgesehen davon ist es derbe egal, ob das Kind Schönheitskönigin war. Es braucht also nicht erwähnt zu werden. - Aus meiner Sicht ein böser Inside-Job.
Linda Zenner, 01.06.2017
2.
" Abgesehen davon ist es derbe egal, ob das Kind Schönheitskönigin war. Es braucht also nicht erwähnt zu werden." Doch, das ist wichtig, denn es ist durchaus möglich, dass ein Pädosexueller das Mädchen im Fernsehen gesehen und angefangen hat, sich darauf zu konzentrieren und es zu verfolgen. Ich selbst hätte genau diese Befürchtung, wenn ich meinen Töchtern als kleine Kinder solche Auftritte erlaubt hätte.
Wilfried Huthmacher, 01.06.2017
3.
Mir als Vater einer Tochter bricht da irgendwo ein Stück meines Herzens, wenn ich überlege, das sich jemamnd an einer kleinen 6jährigen so brutal vergriffen hat. Mit so kleinen Stöpseln kann man so eine Mengeherrlichen Blödsinn machen und die lieben einen dann dafür - aber bei solcher Brutalität macht mich das so wahnsinnig traurig.
Polina Hutter, 02.06.2017
4. Der Täter ist längst bekannt
Wenn die Ermittlungen nicht von Anfang an von den Älteren und dem mit Ihnen befreundeten Polizeichef massiv behindert worden wären, wäre längst und zweifelsfrei festgestellt werden können, das der damals neunjährige Bruder der Mörder ist, der seine Schwester im Streit mit einer Taschenlampe auf den Kopf geschlagen hatte. Und dies hatte insofern mit dem Schönheitsprinzessinnendasein seiner Schwester zu tun, dass er den Kampf um die Liebe und Aufmerksamkeit seiner Eltern verloren hatte und seine Schwester dafür abgrundtief hasste. Dies hat eine nicht polizeiliche Ermittlung mit Einbeziehung den weltbesten Ermittler durch die Auswertung von Beweisstücken und Befragung von damals ermittelnden Polizisten, die nicht ermitteln durften, vor paar Jahren mit einer an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit rausgefunden. Es gibt dazu eine gute Doku bei YouTube.
Victor Knox, 03.06.2017
5.
Für mich liest sich das wie die Tat des eifersüchtigen Bruders, die anschließend von den Eltern mit fingierten Spuren vertuscht wurde.
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