Rätselhaftes Ende Nazi-Arzt im falschen Grab

Rätselhaftes Ende: Nazi-Arzt im falschen Grab Fotos
DER SPIEGEL

Ein NS-Mörder in einer Gruft mit Nazi-Opfern? In Nürnberg wurde 2005 der Name des "Reichsgesundheitsführers" Leonardo Conti entdeckt - auf einem Ehrengrab für Zwangsarbeiter. Schnell wurde der Name weggefräst - aber wie kam Hitlers Spitzenmediziner überhaupt dorthin? Von

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Dicht an dicht reihen sich 580 zumeist slawisch klingende Namen auf einer Bronzetafel auf dem Nürnberger Südfriedhof. Die Grabtafel erinnert an osteuropäische Opfer von Krieg und Gewalt, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg bestattet wurden. Und sie erinnert an ein Missgeschick, dessen Ursache bis heute rätselhaft bleibt. In der untersten Zeile klafft eine Lücke: Die erhabenen Buchstaben des 581. Namens sind entfernt worden.

Neben russischen, polnischen und lettischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern ruhen in dem Gräberfeld auch die sterblichen Überreste von Leonardo Conti. Es ist sein Name, der auf der Bronzetafel fehlt. Alten Aufzeichnungen der städtischen Friedhofsverwaltung zufolge war der Mann Arzt. Die Angaben über seine Herkunft sind widersprüchlich. Erstmals erwähnt wird Conti als "Italiener". Eine weitere Notiz vermerkt als Geburtsland "Schweiz". Irgendjemand setzt später noch einen "Doktor" vor den Namen.

Abschied von Lugano

Leonardo Georgico Ambrogio Giovanni Conti kam am 24. August 1900 im schweizerischen Lugano als Sohn des Postdirektors Silvio Conti und seiner Frau Nanna, geb. Pauli, zur Welt. Die Eltern ließen sich scheiden, und die aus dem niedersächsischen Uelzen stammende Mutter kehrte mit ihren Kindern nach Deutschland zurück. 1915 erhielt Nanna Conti die durch die Ehe verlorene preußische Staatsangehörigkeit für sich und ihre Kinder zurück; später wird sie in ihrer Heimat eine gewisse Bekanntheit als "Reichshebammenführerin" erlangen.

Leonardo Conti legte das Abitur ab, studierte Medizin und promovierte über "Weichteilplastik im Gesicht". 1923 trat er der SA bei, 1927 wurde er Mitglied der NSDAP, zwei Jahre später Gründungsmitglied des NS-Ärztebundes. 1932 ernannte Hermann Göring Conti, mittlerweile Abgeordneter des Preußischen Landtags, zum "Kommissar zur besonderen Verwendung". So wurde Conti unter anderem für politische Säuberungen zuständig. Höchstes Lob erhielt er als Leiter der medizinischen Versorgung bei den Olympischen Spielen von Berlin 1936. Für die steile Karriere im NS-Staat war seine ausländische Herkunft nicht hinderlich. "Conti war ein Mann der ersten Stunde", resümiert der Heidelberger Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart.

Conti wird Staatssekretär für Gesundheitswesen im Reichsinnenministerium und nach dem Tod des "Reichsärzteführers" Gerhard Wagner 1939 dessen Nachfolger und zusätzlich - auf Befehl Hitlers - "Reichgesundheitsführer". Der neue Titel soll, so der Wille des "Führers", ein Zeichen setzen für eine neue Qualität in der medizinischen Versorgung der deutschen Bevölkerung. Für die Nazis geht es darum, die "Volksgesundheit" ganz in den Dienst ihrer Ideologie zu stellen.

Neben seiner Aufgabe als "Reichsgesundheitsführer" im Reichsministerium des Inneren ist Multifunktionär Conti zugleich Leiter des "Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes" (NSDÄB) und auch noch "Hauptdienstleiter" der NSDAP für den Bereich Volksgesundheit - und macht sich in seinem ideologischen Wahn schwer schuldig. "Er war mitverantwortlich für Zwangssterilisationen, Schwangerschaftsunterbrechungen und Euthanasie", resümiert Ernst-Alfred Leyh, der sich in seiner Dissertation mit Conti befasst hat: "Unbestritten ist auch seine Beteiligung an Menschenversuchen."

Das Ende

Mit der Ausrufung des "totalen Kriegs" durch die Nazis verschoben sich die Machtstrukturen innerhalb des NS-Regimes und Conti gelang es nicht mehr, Reichsgesundheitsminister oder "Reichskommissar" zu werden. Ein anderer Mediziner rückte in den Vordergrund: 1942 ernannte Hitler seinen Begleitarzt Karl Brandt zum "Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen". Brandt soll das zivile und militärische Gesundheitswesen koordinieren. Durch diesen und andere Führererlasse entmachtet, stellte Conti sein Amt zur Verfügung. Zehn Tage nach Kriegsende, am 19. Mai 1945, wird er von den Alliierten verhaftet.

Zu einer Anklage kommt es nicht mehr. Conti "entzog sich der irdischen Gerechtigkeit, indem er sich im Oktober 1945 im Gefängnis zu Nürnberg erhängte", vermerkte 1946 das Munzinger-Archiv. Karl Brandt wurde am Ende der Nürnberger Ärzteprozesse am 20. August 1947 zum Tode verurteilt und am 2. Juni 1948 in Landsberg am Lech hingerichtet.

Aus Sicht von Historikern hätte Conti ein ähnliches Urteil zu erwarten gehabt. "Sehr wahrscheinlich wäre er wegen Mittäterschaft angeklagt worden", meint der Medizinhistoriker Eckart. Bis zu Contis Entmachtung 1942 seien rund 200.000 Menschen Opfer der Euthanasie geworden. "Conti steht im Kernbereich der politischen ärztlichen Verbrechen", so Eckart.

Zweifelhaftes Gedenken

Mit dem Selbstmord des Ärztefunktionärs in der Nürnberger Untersuchungshaft scheint der Fall Conti erledigt. Doch im Jahr 2000 taucht sein Name wieder auf: Die Stadt Nürnberg, das Bayerische Sozialministerium und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichten eine Gedenktafel auf dem Nürnberger Südfriedhof. "In diesem Gräberfeld ruhen 581 Kriegstote aus dem Nürnberger Südfriedhof hier zur letzten Ruhe zusammengebettet." Reihenweise sind die Namen der Bestatteten aufgeführt - in der untersten Zeile in Versalien auch: "DR. CONTI LEONARDO".

Mehr als fünf Jahre vergingen, bis jemandem der italienisch klingende Name unter den vielen slawischen auffiel. Am 6. Juni 2005 titelte die Nürnberger Lokalausgabe der "Bild"-Zeitung: "Menschenrechtler entsetzt: Hitlers Mord-Arzt Conti auf Opfertafel". Einen Tag später griff auch die Bundesausgabe des Boulevardblatts das Thema auf. Der Nürnberger Oberbürgermeister wurde per Schlagzeile aufgefordert: "OB Maly! Streichen Sie Hitlers Mord-Arzt von der Gedenktafel."

Schon am folgenden Tag kann "Bild" verkünden: "Endlich reagieren die Behörden! Name von Hitlers Mord-Arzt auf Opfertafel überklebt". Und am 9. Juni wird dann auch Vollzug gemeldet: "Abgeflext! Hitlers Chefarzt verschwindet von der Ehrentafel". "Die gemeinsame Nennung eines hochrangigen NS-Funktionsträgers mit den ausländischen Kriegsgefangenen erschien den Verantwortlichen als ein Missgeschick, das rasch bereinigt werden sollte", gab der Volksbund zu Protokoll und kündigte gemeinsam mit der städtischen Bestattungsanstalt die Überprüfung aller 30 Gedenktafeln auf dem Nürnberger Südfriedhof an.

Missgeschick bereinigt

Aber wie kam ein NS-Mörder überhaupt in ein Grab voller Opfer der Hitler-Diktatur? Restlos aufgeklärt wurde der Bestattungsfall Conti nie. Nach den handschriftlichen Unterlagen, die im städtischen Bestattungsamt erhalten geblieben sind, könne man "nur sagen, dass es unter den Toten jemanden mit diesem Vor- und Nachnamen gibt", erklärt Amtsleiter Günther Gebhardt. Einen Hinweis auf die Funktion des Reichsgesundheitsführers gebe es nicht, ebenso wenig darauf, warum Conti als Kriegsgefangener aufgelistet wurde. "Wir haben keinen Totenschein und wissen auch nicht, wie und von wem er auf den Friedhof gebracht wurde."

Auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kann dies nicht erklären. "Die Beschriftung der Tafeln erfolgte auf Basis der Listen, die wir vom Bestattungsamt der Stadt Nürnberg erhalten haben", sagt der bayerische Volksbund-Landesgeschäftführer Gerd Krause.

Nachdem der Fall bekannt geworden war, wurden verschiedene Möglichkeiten diskutiert. Kurzzeitig war eine Umbettung diskutiert, dann aber wegen der Uneindeutigkeit des Falls und mit Rücksicht auf die Totenruhe der anderen Beigesetzten verworfen worden. Auf die Möglichkeit, einen zusätzlichen Hinweis auf Conti und seine politische Verantwortung anzubringen, verzichtete man ebenfalls - und entschied sich dafür, Contis Namen von der Tafel zu entfernen.

Zurück in Lugano

Die Umbettungsvariante sorgte zwischenzeitlich für Unruhe in der Schweiz. "Ungeliebtes Conti-Grab - 60 Jahre später will niemand die Gebeine vom Reichsgesundheitsführer aus Lugano" titelte am 23. Juni 2005 die "Tessiner Zeitung". Die sterblichen Reste hätten auf Tessiner Friedhöfen nichts zu suchen, zitierte die Zeitung den Vize-Stadtpräsidenten von Lugano. Ähnlich äußert sich der Bürgermeister von Castello Monteggio, dem Heimatort der Contis.

Zu diesem Zeitpunkt weiß der Bürgermeister noch nicht, dass es in seiner Gemeinde längst einen Conti-Grabstein gibt - in einem Privatgarten. "Nanna Conti, geb. Pauli, Hebamme, *4. April 1881 Uelzen/Han, + 30. Dez. 1951 Bielefeld, zum Andenken an ihre Söhne Silvio Conti Dr. rer. pol, * 6. Mai 1899, Lugano, + 21. Okt. 1938, Prenzlau, Leonardo Conti Dr. med., *24. August 1900, Lugano, +6. Okt. 1945, Nürnberg", lautet die Inschrift.

Und wie kam der seltsame Gedenkstein nach Lugano? Der Bielefelder Friedhof hatte den Grabstein laut Zeitung einst an die Conti-Verwandtschaft in Castello Monteggio expedieren lassen. Als die Erben das Haus in den achtziger Jahren verkauften, drückten sie den Gedenkstein den neuen Besitzern auf. Doch auch die wollten mit dem Andenken nicht in Verbindung gebracht werden - den Reporter der Lokalzeitung baten sie, anonym bleiben zu dürfen.

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