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Rätselhafter Fotofund Das Europa-Album eines unbekannten Meisters

Sightseeing 1904: Europareise durch eine verschwundene Welt Fotos
Archiv William Nelson

London, Wien, Bayreuth - aus dem Jahr 1904 gibt es kaum hochwertige Reisebilder. Der Amerikaner William Nelson entdeckte das außergewöhnliche Album einer Europatour und fahndet nach dem Fotografen. Eine Spur führt nach Deutschland. Von

Drei Tage waren für die Haushaltsauflösung angesetzt, zwei bereits verstrichen, da erst entdeckten William Nelson und seine Frau das stattliche Gebäude an einer Straßenecke im historischen Teil von Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota. Als Gelegenheitsbesucher solcher Ausverkäufe kamen die beiden diesmal spät, die Restobjekte hatte man bereits in die Garage geräumt.

Nelson interessiert sich sehr für Kunst und Geschichte des 19. Jahrhunderts. Ein eher unscheinbares Fotoalbum fiel ihm ins Auge, er fand darin nur Negative, zu mehreren in die transparenten Hüllen gestopft. Eines zog er heraus: Es zeigte eine Windmühle, aufgenommen wohl in den Niederlanden. Den übrigen Inhalt zu bewerten, schien schwierig. Der Preis war niedrig, seine Neugier groß - Nelson nahm das Album mit.

Gut 25 Jahre später treibt dieses Album William Nelson noch immer um. Er sucht den Menschen, der die Aufnahmen gemacht hat. Der heute 67-Jährige, der selbst einmal Fotografie studierte, erforschte die Details der Bilder und die ihrer Entstehung, lokalisierte die Aufnahmeorte und konnte sogar einige der abgebildeten Personen identifizieren. Er hat auch die früheren Eigentümer des Hauses ermittelt - in der Hoffnung, so den ursprünglichen Albumbesitzer zu finden. Und er hat, sobald das Internet die Chance dazu bot, die Bilder verbreitet, auf dass sie jemand erkennen möge.

London, Paris, Linderhof

William Nelson ist überzeugt: Es handelt sich um einen wahren Schatz, einen kleinen Teil eines großen Werkes. "'Grand Tour' durch Europa im Jahr 1904" hat er den Fund genannt. Die Aufnahmen entstanden an den seinerzeit touristisch attraktivsten Orten in Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Österreich-Ungarn und den Niederlande.

Die Reiseroute war gespickt mit kulturellen Höhepunkten: London, Paris, Prag, Wien, Dresden, Nürnberg, Schloss Linderhof in Oberbayern, aber auch Étretat in Frankreich, dessen steile Felsklippen Claude Monet und Gustave Courbet in Gemälden verewigten und populär machten. Außerdem Volendam und Marken in den Niederlanden, zu jener Zeit ein Mekka für Künstler und Fotografen.

Dieses eher unscheinbare Fotoalbum entdeckte William Nelson bei einer Haushaltsauflösung Anfang der Neunzigerjahre in einem der wohlhabenderen Viertel von Minneapolis. Es enthielt ausschließlich Negative, 240 Stück - und eine englischsprachige, handgeschriebene Inhaltsangabe, allerdings sehr knapp gehalten. Nelson hatte Mühe, die Beschreibungen den Aufnahmen zuzuordnen. Sie waren zu mehreren in die ersten 60 Albumhüllen gestopft, die übrigen 40 waren leer.

Für die Aufnahmen war ein Rollfilm, Kodak No. 103, mit einer Bildgröße von 12 x 9,5 Zentimetern verwendet worden. Das genaue Kameramodell ist unbekannt. Es könnte eine solche Buckeye No. 7 der American Camera Manufacturing Company gewesen sein. Der Fotograf müsste außerdem ein Stativ und Blitzgeräte bei sich getragen haben.

Wann die Aufnahmen entstanden, ist in dem Album nicht angegeben. Akribische Recherche aber brachte William Nelson auf die Spur - durch dieses Foto, leicht unscharf. Der Mann, der die Werbeplakate herumträgt, wurde in London fotografiert. Er warb für eine Aufführung in Wyndham's Theatre. "Cynthia" mit "Miss Ethel Barrymore" aber, so fand der Fotodetektiv heraus, war kein großer Erfolg beschieden. Die Produktion lief daher nur kurz: Mitte Mai 1904.

Auch über die Reisegruppe wird im Album nichts gesagt. Wer war dabei? Lediglich zwei Vornamen werden erwähnt: "Loren" und "Emily" - wahrscheinlich eines der abgebildeten Paare in dieser Aufnahme, die wohl auf dem Deck eines Schiffes, vielleicht einer Fähre entstand. Die Personen tauchen auf verschiedenen Aufnahmen auf, meist aber im Hintergrund. War der Künstler hinter der Kamera eine Künstlerin? Das war William Nelsons erster Eindruck gewesen, als er den handgeschriebenen Index sah. Dafür spräche für ihn auch, dass die Porträts der Menschen vor Ort überraschend entspannt und natürlich wirken. "Angesichts dieser Tatsache wäre ich nicht überrascht, wenn herauskäme, dass der Fotograf eine Frau war."

Die Veröffentlichung auf Flickr ergab eine bemerkenswerte Spur: In einem historischen Archiv in Bayreuth existiert eine Fotografie, deren Quelle unbekannt ist - und die sich als ein Abzug eines der Negative erwies: Sie zeigt einen Mann inmitten von Gänsen auf dem Markt von Bayreuth. Es gibt mehrere Aufnahmen aus dieser Stadt. Möglicherweise hatten die Reisenden die Wagner-Festspiele besucht. War dieser Fotoabzug damals zurückgeblieben? Dies könnte bedeuten, so mutmaßt William Nelson, dass...

...der Fotograf den Film noch während der Reise entwickelt hat - wozu er Zugang zu eine Dunkelkammer benötigte. Finden sich in Bayreuth womöglich noch weitere Spuren dieser Reisegruppe? Oder anderswo?

Es seien absolut untypische Touristenfotos, beschreibt Nelson das Markanteste an diesen Aufnahmen: "Ihre dokumentarische Qualität fängt, wie wir heute wissen, die Essenz einer Welt und einer Lebensweise ein, die sich bald für immer veränderte."

In seiner Dunkelkammer hatte er Abzüge von den Bildern gemacht und die fast hundert Jahre alten Negative aus Zelluloid - wegen ihres selbstentzündlichen Materials - im Gefrierschrank gelagert. Er wusste: Ewig würden sie sich dort nicht halten.

1999 verfügte Nelson als Grafikdesigner über einen digitalen Scanner. Für die sich immer wieder einrollenden Negative baute er einen Filmhalter und scannte jedes einzeln ein. 240 Stück. Nicht jedes Bild war gut. Manche waren unscharf oder durch Lichteinfall unansehnlich geworden - aber der Anteil der gelungenen Fotos war bemerkenswert hoch. Nur wenige waren Teil einer Serie, es gab keine Anzeichen von Belichtungsreihen, kaum einmal dasselbe Motiv aus verschiedenen Blickwinkeln. Wer war der Mann, der so fotografierte? Oder die Frau?

Kaum Details für den Fotodetektiv

William Nelson Zur Großansicht
privat

William Nelson

Der Fotograf wusste offensichtlich genau, was er tat. Bedenke man, sagt Nelson, dass die Bilder mit dem transportablen, jedoch sperrigen Equipment von 1904 gemacht wurden, dass man die Belichtung jeweils schätzen musste und es noch dazu mit beweglichen, weil lebendigen Motiven zu tun hatte - dann seien die Aufnahmen wirklich außergewöhnlich. Auch ihre Schärfe: Die Bilder ließen sich auf 50 x 40 Zentimeter vergrößern, ohne körnig zu werden.

Und erst die Komposition! Nelson schwärmt: Die anderen Mitglieder der Reisegruppe seien fast nie im Bild, die Qualität der Fotos erinnere "an Alfred Stieglitz, Eugène Atget und August Sander", die damalige Foto-Avantgarde. Das Werk eines solchen Künstlers müsse aber noch viel größer sein - unter den 240 Bildern seien nur je eines aus Paris und aus Prag. "Wer bitte", fragt der Fotodetektiv, "reist nach Paris oder Prag und macht dann nur ein einziges Foto?"

Das Album selbst verrät es nicht. Es verrät überhaupt sehr wenig über die große Reise und enthält keinerlei persönliche Informationen, außer die Vornamen der Mitreisenden "Loren" und "Emily". Der englischsprachige Index, schwer zu entziffern, besteht nur aus wenigen Stichworten. Ganz so, als hätte der oder die Aufzeichnende die Notizen allein für sich selbst gemacht.

Genannt werden nicht einmal die Reisedaten. Ermittler Nelson fand aber eine Aufnahme, die einen Mann in London mit Reklametafel zeigt: Werbung für eine Aufführung im Wyndham's Theatre, "Cynthia" mit "Miss Ethel Barrymore". Die Produktion, so fand er heraus, floppte und lief daher nur sehr kurz, Mitte Mai 1904.

Eine Verbindung nach Bayreuth?

Vieles bleibt Spekulation. Da er das Album in Minneapolis fand und Fotografen ihre Negative für gewöhnlich behalten, vermutet Nelson eine persönliche Verbindung zur Stadt. Die Erforschung der damaligen Fotografenszene ergab jedoch keine Hinweise. Der Urheber könnte natürlich auch erst später nach Minneapolis gekommen sein. Das Haus jedenfalls, in dem Nelson das Album fand, entstand erst 1918.

Jüngst weckte ein neues Fundstück seine Aufmerksamkeit: In einem historischen Archiv in Bayreuth existiert ein Abzug eines der Motive der großen Reise, ohne Quellennachweis. Es zeigt einen Mann inmitten von Gänsen auf dem Bayreuther Markt. Nelson folgert, dass der Fotograf seine Bilder unterwegs entwickelt haben könnte, mit Zugang zu einer Dunkelkammer und womöglich persönlichen Verbindungen nach Bayreuth. Die künstlerisch interessierte Reisegruppe könnte etwa die Wagner-Festspiele besucht haben.

Indes umfasst das Verzeichnis der Festspielbesucher für 1904 mehrere Tausend Namen, darunter viele Amerikaner, aber auch Einträge ohne Vornamen und Wohnort. William Nelson ist überzeugt, dass es sich lohnt, den Fotografennamen zu erfahren. Er lässt nicht locker - Nelson will die ganze Geschichte.

Haben Sie konkrete Hinweise zur Identität des Fotografen? Dann helfen Sie bitte dem Bilddetektiv William Nelson mit einer Nachricht auf seiner Flickr-Seite oder nutzen Sie die Feedback-Funktion bei einestages.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Bild 1 - Bayreuth
Peter William Birch, 25.01.2016
Bild 1 - das ist Bayreuth, der Marktplatz (heute: Maximilianstraße), im Hintergrund die Spitalkirche, rechts daneben das ehemalige Gebäude der Stadtsparkasse (wo mein Vater arbeitete), viel später Hugendubel, jetzt - hm, irgendwas... Ganz links das Sandsteingebäude gibt es heute noch, meine Stammkneipe wenn ich mal wieder dort bin und ein Bier trinken will. Die Frauen sind definitiv keine "Wanderarbeiterinnen" sondern Bäuerinnen aus dem Hummelgau (Landkreis Bayreuth, Mistelgau at alii) mit der dort üblichen Tracht (meine Verwandtschaft stammt aus dieser Gegend, daher kenne ich das) und dem "Huckelkorb" (ein handgefertiger Korb aus Weidenzweigen, mein Großvater machte die auch) auf dem Rücken für Einkäufe, denn es fand dort gerade sicherlich auch ein Markt statt. Die sichtbar ausgestellten Waren sind Töpfereien aus Thurnau, das wurde mit Pferdefuhrwerken angeliefert (im Hintergrund links sichtbar). Die Frau gleich neben dem "Gendarm" = Stadtpolizisten telefoniert gerade auf ihrem Handy. Öhm. Ok. Das war ein Witz... Ich bin dort gleich um die Ecke aufgewachsen. Ich kenne diesen Markt, ich kenne diese Leute. All das fand noch bis nach '45 statt, deshalb.
2. Bayreuth
Andrew Kramer, 25.01.2016
Auf dem ersten Bild sind - anders als in der Bildunterschrift genannt - wohl keine Wanderarbeiterinnen zu sehen, sondern Klein(st)bäuerinnen, die ihre Ware auf den Bayreuther Markt tragen. Ich komme aus der Region und wir nannten diese Frauen immer "Kreefraa" (Krenfrau - Meerrettichfrau). Nochin meiner Kindheit brachten sie aus der Fränkischen Schweiz Kren, Gewürze, Gemüse in ihren Körben und gingen t.w. von Haus zu Haus damit. Schöne Bilder!
3. Kleiner Hinweis
Ralf Zimmerman, 25.01.2016
Auf Bild 1 sehen mir die Frauen nicht nach Wanderarbeiterinnen aus. Die Kleidung, ist doch recht hochwertig und sauber, z.B. bei der älteren Frau rechts. Auf Bild 3 sieht man wie arbeitende Frauen damals aussahen, immer mit Schürzen, schmutziger und elender. Ich tippe auf Tragefrauen, die die Einkäufe für die damaligen Grosshaushalte für Geld nach hause trugen. Evtl. auch einige, die ihre eigenen Einkäufe so nach hause brachten, wie die Frau rechts mit dem kleinen Korb. Nachher endete das dann wie auf Bild 6. Die Trachten auf Bild 22, müssten irgendwo aus dem Bayrischen Richtung Alpen kommen. Dazu gibt es Heimatbücher, wo die damals einheitlichen Trachten üblich waren. Dazu tragen Einige gleichartige, typische Taschen. Meine Vorfahrinnen dürften in ähnlichen Trachten rumgelaufen sein. Tolle Bilder, Gratulation, Reinhard Scherer
4. Trachten
Jörg Wetzel, 25.01.2016
Das ist wirklich eine faszinierende Fotosammlung! Foto Nr. 22 sollte eigentlich nicht so schwer zu entschlüsseln sein. Die Frauen auf dem Foto tragen offenbar eine Miesbacher Tracht, also sind die oberbayerischen Leserinnen und Leser aus dieser Gegend gefragt, diesen Kircheneingang zu erkennen - schließlich dürfte die modische Verbreitung Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht so groß gewesen sein.
5. Markt ohne Name
Zephir Babar, 25.01.2016
Havelska Markt in Prag 1
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