RAF-Anschlag auf Springer "Räumt sofort das Haus. Ihr Schweine!"

RAF-Anschlag auf Springer: "Räumt sofort das Haus. Ihr Schweine!" Fotos
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Wände stürzten ein, die Explosion riss ein Loch in die Mauer: Vor 40 Jahren zündete die RAF im Hamburger Springer-Verlagshaus mehrere Sprengsätze. Ein ehemaliger leitender Mitarbeiter erinnert sich an den Moment der Detonation, die Angst danach - und die Gefahr, die noch Stunden im Gebäude lauerte. Von

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Der Anruf erreichte Hannelore Pötter am Nachmittag des 19. Mai. "Frau Pötter, seien Sie unbesorgt, Ihr Mann lebt!", rief der Verlagsmitarbeiter ins Telefon, er hatte es nur gut gemeint. Hannelore Pötter jedoch, bis dahin völlig ahnungslos, bebte plötzlich vor Angst.

Ihr Mann Arnd Pötter, damals stellvertretender Verlagsleiter der "Bild"-Gruppe und Vater dreier Kleinkinder, war nur knapp einem Bombenanschlag entgangen. Er hätte sterben können, so wie jeder andere der rund 3000 Menschen, die sich damals im Axel-Springer-Verlagshaus in Hamburg aufhielten. Innerhalb von nur vier Minuten explodierten zwei Vier-Kilo-Rohrbomben im Gebäude.

Vier weitere Sprengsätze befanden sich im Haus, versteckt unter Putzlappen, hinter einem Sessel, in einem Wandschrank für Feuerlöscher. Nur durch Zufall gab es kein Blutbad an jenem Tag: Vier der sechs Bomben hatten versagt beziehungsweise konnten rechtzeitig entschärft werden. "Es hätte nicht viel gefehlt", schreibt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, "und der Freitagnachmittag des 19. Mai 1972 wäre als Tag des blutigsten Anschlags der RAF in die bundesdeutsche Geschichte eingegangen."

Dass Pötter, ebenso wie seine Kollegen, um ein Haar Opfer eines terroristischen Anschlags geworden wäre, ging dem Hamburger erst später auf. "Mit einem derartigen Gewaltakt hatten wir niemals gerechnet, trotz der bewegten Jahre", sagt der heute 73-Jährige. Mit "bewegte Jahre" meint Pötter die politische Kontroverse um den Axel-Springer-Verlag innerhalb der Linken: ein Streit, der bereits seit den sechziger Jahren schwelte.

"Haut dem Springer auf die Finger!"

Der Furor von rebellierenden Gruppen wie dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und der Außerparlamentarischen Opposition (APO) war dem Medienkonzern spätestens seit dem gewaltsamen Tod des Anti-Schah-Demonstranten Benno Ohnesorg im Juni 1967 gewiss. In Slogans wie "Springers Schreiberhorden halfen Benno morden", "Haut dem Springer auf die Finger" und "Enteignet Springer" entlud sich der Zorn vieler auf einen Verlag, der damals nicht nur weite Teile der deutschen Presselandschaft dominierte, sondern auch offensiv genau jene bürgerlich-konservativen Werte beschwor, die der Linken zutiefst verhasst waren.

Die Schüsse auf den Studentenführer Rudi Dutschke, einen der prominentesten Befürworter der "Enteignet Springer!"-Bewegung, heizten die ohnehin aufgeladene Stimmung weiter an. Als der 28-Jährige am Gründonnerstag des Jahres 1968 von einem jungen Hilfsarbeiter mit drei Kugeln niedergestreckt wurde und nur knapp überlebte, stand für SDS und APO fest: "'Bild' schoss mit". Voller Zorn machten sich einige Demonstranten in der Nacht nach dem Attentat daran, das Springer-Hochhaus in Berlin zu stürmen. "Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Blätterwald", dichtete der Liedermacher Wolf Biermann.

Bundesweit zogen Tausende vor die Tore der Verlagsdruckereien, um die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern. Und selbst im Ausland protestierten zahlreiche Menschen vor Büros des Springer-Verlags oder anderen bundesdeutschen Einrichtungen: In Wien etwa demonstrierten Studenten mit Slogans wie "Springer - Mörder" vor dem Büro der Springer-Zeitschrift "Hörzu".

Während die einen ihrem Unmut über den mächtigen Medienkonzern durch geballte Fäuste Luft machten, schrieb Ulrike Meinhof zunächst als Journalistin gegen Springer an. Vier Jahre später griff sie gemeinsam mit der RAF zu drastischen Mitteln - und heckte einen Anschlag aus, der nicht nur viele Menschenleben hätte kosten können, sondern auch das Lager der Terroristen tief spalten sollte.

Es geschah in einer von Gewalt und Angst geprägten Zeit: Ab dem 11. Mai 1972 wütete der RAF-Terror in Deutschland, innerhalb von nur vier Tagen gingen an vier verschiedenen Orten sieben Bomben hoch, ein Mensch starb, mindestens 18 wurden verletzt. Am 19. Mai war Hamburg an der Reihe.

Zweite Bombe auf der Damentoilette

Der erste Anruf erfolgte gegen 15.35 Uhr. "In 15 Minuten geht bei Ihnen eine Bombe hoch", warnte ein Mann mit auffällig heller Stimme. Die Telefonistin dachte sich nichts dabei. Zwei Minuten später meldete sich erneut ein anonymer Anrufer, diesmal nahm eine andere Telefonistin ab: "In 15 Minuten geht eine Bombe hoch! Räumt sofort das Haus. Ihr Schweine!"

"Halt deine Schnauze!" konterte die Dame und legte auf. Hellhörig geworden, kontaktierte die erste Telefonistin den Sicherheitsbeauftragten, der jedoch nicht mehr dazu kam, den Alarm auszulösen.

Um 15.41 Uhr knallte es zum ersten Mal, im dritten Stock, direkt neben dem Raum der Korrektoren. Wände stürzten ein, zur Straße hin riss die Bombe ein großes Loch in die Mauer. Ein Mitarbeiter wurde durch die Druckwelle aus dem Fenster geschleudert, im Umkreis von 100 Metern zerklirrten die Fensterscheiben.

Vize-Verlagsleiter Arnd Pötter erörterte gerade vor einem halben Dutzend Kollegen die Vorteile des modernen Fotosatzes, da zerriss der ohrenbetäubende Knall die Luft. Pötter eilte aus seinem Büro im sechsten Stock des Hamburger Axel-Springer-Verlagshauses, um nachzuschauen, was da los war.

Viel Zeit blieb ihm nicht: Schon vier Minuten später, um 15.45 Uhr, explodierte die zweite Bombe. Diesmal auf der Damentoilette im sechsten Stockwerk - nur wenige Meter vom Büro Pötters entfernt. "Ich dachte, hier kommen wir nie mehr raus", sagt er. In Panik erklomm Pötter ein Gerüst, das zu jener Zeit an der Außenfassade befestigt war, und kraxelte außen am Gebäude hinunter.

Mit schlotternden Knien zurück ins Büro

Draußen, vor dem Gebäude, sammelten sich die Menschen, "der Schock spiegelte sich in den bleichen Gesichtern der Kollegen", erinnert sich Pötter. Erst langsam realisierten die Axel-Springer-Mitarbeiter, welcher Gefahr sie so knapp entronnen waren. "Wir hatten ein Riesenglück", so Pötter. Dass die Bedrohung noch lange nicht gebannt war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand: Vier weitere todbringende Bomben schlummerten noch immer in dem Gebäude.

Sie wurden erst innerhalb der nächsten 32 Stunden nach dem Anschlag gefunden und entschärft, nachdem sich erneut ein anonymer Anrufer mit den Worten gemeldet hatte: "Es sind noch mehr Bomben im Haus, die hochgehen. Die Polizisten sind alle Trottel, die suchen an der verkehrten Stelle!"

Zu diesem Zeitpunkt waren die Springer-Mitarbeiter längst wieder an ihren Plätzen, Pötter kehrte sogar nach knapp drei Stunden in sein Büro zurück. Mit "schlotternden Knien" zwar, doch fest entschlossen, "sich nicht kleinkriegen zu lassen", so der Vize-Verlagsleiter. "Wir durften uns keinen Produktionsstopp erlauben", begründet er die Entscheidung der Verlagsspitze, unmittelbar nach dem Terroranschlag weiterzuarbeiten. Am nächsten Tag erschienen, so Pötter, alle Springer-Blätter pünktlich, wenn auch teils in vermindertem Umfang.

"Baader war sauer"

Die Bilanz der Bomben von Hamburg: 36 Verletzte, zwei davon schwer, der Sachschaden betrug 336.000 D-Mark. Getroffen hatten die Bomben nicht etwa die Chefetage, Führungskräfte wie Pötter oder aber "Bild"-Redakteure. Sondern vor allem jene, die zu vertreten die RAF immer vorgegeben hatte: einfache Arbeiter - Setzer und Korrektoren. Was innerhalb der Terroristengruppe zu massivem Streit führte, wie der geständige Gerhard Müller im Stammheim-Prozess verriet.

"Baader war sauer, weil er nicht wollte, dass wir, die Avantgarde der Proletarier, Arbeiter zusammenbomben", zitierte der SPIEGEL Müllers Aussagen. Der Ex-Bombenbastler benannte Ulrike Meinhof als Hauptverantwortliche des Springer-Anschlags und berichtete, dass Andreas Baader sie dazu verdonnert habe, im Bekennerschreiben "Bedauern" über die Anschläge zu äußern.

"Wir bedauern, dass Arbeiter und Angestellte verletzt worden sind", hieß es denn auch in dem Schreiben, das am 22. Mai aufgegeben wurde. Die Verfasserin versuchte weiter, die Schuld für die Verletzten auf den Verlag abzuwälzen: Springer wurde vorgeworfen, das Haus aus purer Profitgier nicht geräumt zu haben, "trotz rechtzeitiger und eindringlicher Warnungen". Ganz so, als würden wenige Minuten ausreichen, ein Verlagshaus von Springers Dimensionen zu räumen. Das Bekennerschreiben geriet zur Lüge, die Rechtfertigung zum Offenbarungseid.

Die RAF zerfleischt sich selbst

Daher verurteilten nicht nur sämtliche Medien jedweder politischen Couleur den Anschlag, sondern drängten auch prominente Linke wie Günter Wallraff und Walter Jens darauf, sich klar von den Terroristen zu distanzieren. Forum ihres Appells: die Zeitschrift "Konkret", für die Ulrike Meinhof viele Jahre als Kolumnistin gearbeitet hatte.

Statt das verhasste Medienimperium kleinzukriegen, stand die erste Generation der RAF infolge des Hamburger Anschlags noch isolierter da als zuvor - und zerfleischte sich selbst. "Es war eine von den taktischen, keine von den strategischen Aktionen. Hinterher gab es auch bei uns viel Kritik an dem Angriff", bewertete die einstige Terroristin Irmgard Möller die Bomben auf Springer.

Noch deutlicher wurde nur Gudrun Ensslin: Am 106. Verhandlungstag des Stammheim-Prozesses beklagte die Terroristin mit Blick auf die "Sache 72", wie sie die blutigen Mai-Anschläge bezeichnete, "das Missverhältnis zwischen unserem Kopf und unseren Händen".

Den Springer-Anschlag brandmarkte die Terroristin als eine jener Aktionen, "von denen wir nichts wussten, deren Konzeption wir nicht zustimmten und die wir in ihrem Ablauf abgelehnt haben." Die mutmaßliche Initiatorin der Hamburger Bomben, Ulrike Meinhof, schwieg zu dem schwerwiegenden Angriff.

Am 9. Mai 1976, fünf Tage nach der öffentlichen Demütigung durch ihre Weggefährtin Ensslin - und fast auf den Tag genau vier Jahre nach dem Springer-Anschlag - fanden zwei Beamte sie tot in ihrer Zelle mit der Nummer 719. Die Terroristin hing am Gitter ihres linken Zellenfensters, mit einem aus blau-weißen Handtüchern gedrehten Strick um den Hals.

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1.
Andreas Waldheim 18.05.2012
Zu schreiben, daß ausgerechnet Springer bürgerlich-konservative Werte beschwor, ist ein dreifacher Schlag ins Gesicht jedes Bürgerlich-Wertkonservativen. Springer war ein Hetzblatt! Diesen primitiven Aufwieglern Bürgerlichkeit, Konservativismus, oder überhaupt irgendwelche Werte (außer Geldwerte) zuzuschreiben, ist entweder naiv, oder zynisch.
2.
Horst Jungsbluth 20.05.2012
Springer und seine Zeitungen dienten nur als Vorwand und Rechtfertigung für die Gewaltverbrechen der RAF, deren Sprache und Aktionen jenen der NS-Schlägertrupps in der Weimarer Republik verdammt ähnelten. Der spätere Bundeskanzler Schröder war der Meinung, dass er für erfolgreiches Regieren nur Bild, BamS und Glotze benötige, was eigentlich dagegen spricht, dass diese beiden Zeitungen Bürgerlich-Konservative ansprach. Hinsichtlich des Falles Dutschke ist nach der Enthülllung der Stasi-Tätigkeit des Polizisten Kurras zu überprüfen, ob nicht hier die Stasi ein ganz perfides Spiel über mehrere Banden zum Zwecke einer Revolte betrieben hat.
3.
Michael Blanc 20.05.2012
Das Springer-Bashing ist nach wie vor ein Hobby der deutschen Intelligenzija http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/05/15/eine-bank-als-zufalliges-opfer/
4.
Tom Jowker 22.05.2012
Ulrike Meinhofs Rolle bei "Konkret" beschränkte sich nicht auf den einer Kolumnistin, sondern sie war immerhin mehrere Jahre lang Chefredakteurin der Zeitschrift.
5.
Tom Jowker 22.05.2012
Nur unzureichend wird allerdings in dem Artikel beschrieben, wie sehr auch der Verlag Axel Springer, und ganz besonders die Bild-Zeitung, in dieser Zeit unverhohlen zu Gewalt und Lynchjustiz aufrief. Die Beschuldigungen, Springer trage wesentliche Schuld an dem Mordanschlag auf Dutschke, sind nicht weit hergeholt. Das kann man z.B. in einem SPON-Beitrag vom 30.4.2012, geschrieben von Dutschkes Sohn, nachlesen. Er ruft in Erinnerung, was die "Bild" zwei Monate vor den Schüssen auf Rudi Dutschke geschrieben hatte: 'Unter der Überschrift "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!" schrieb ein Redakteur: "Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen... Unsere Jung-Roten sind inzwischen so rot, dass sie nur noch rot sehen, und das ist gemeingefährlich und in einem geteilten Land lebensgefährlich. Stoppt ihren Terror jetzt!" Ein dunkel gerahmtes Foto meines Vaters wurde zusammen mit dem Artikel abgedruckt.' Auch der Rest des Beitrags von Marek Dutschke [http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/marek-dutschke-axel-springer-war-kein-opfer-a-829694.html] ist übrigens lesenswert, schon weil er die heute kaum vorstellbare Stimmung der Zeit recht gut erläutert.
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