RAF-Auflösung Die Stalingrader von 1998

RAF-Auflösung: Die Stalingrader von 1998 Fotos
Staatsanwaltschaft Stuttgart

Drei Terroristengenerationen hatten alles versucht und waren gescheitert - moralisch, politisch und militärisch: 1998 gab die Rote Armee Fraktion ihre Auflösung bekannt, nachdem es ihr nicht gelungen war, eine Revolution herbeizubomben. Der letzte Akt blieb rätselhaft - wie viele Aktionen vorher. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.2 (1021 Bewertungen)

Im April 1998 ging im Kölner Büro der Nachrichtenagentur Reuters ein in Chemnitz aufgegebenes, achtseitiges Schreiben ein. "Die stadtguerilla in form der raf ist nun geschichte", stand darin. "Das ende dieses projektes zeigt, dass wir auf diesem Weg nicht durchgekommen sind", hieß es lapidar. Oder anders ausgedrückt: Der bewaffnete Kampf der Linksterroristen von der "Rote Armee Fraktion" in der Bundesrepublik war deshalb falsch, weil er keinen Erfolg hatte.

"Die raf konnte keinen weg zur befreiung aufzeigen", räumten die Autoren selbstkritisch ein - um sich im nächsten Satz wieder zu rechtfertigen: "Aber sie hat mehr als zwei jahrzehnte dazu beigetragen, daß es den gedanken an befreiung heute gibt."

Nach einer Aufzählung der seit der Gründung der RAF zu Tode gekommenen Kämpferinnen und Kämpfer zitierten die RAF-Auflöser, ohne sie namentlich zu nennen, die Kommunistin Rosa Luxemburg. Die hatte im Januar 1919, einen Tag vor ihrer Ermordung, in der "Roten Fahne" geschrieben: "Die Revolution sagt: Ich war, ich bin, ich werde sein."

Auflösungserklärung am Führergeburtstag

Der Tag, an dem die Auflösungserklärung der RAF in Köln eintraf und veröffentlicht wurde, war der 20. April - für ältere Deutsche unauslöschlich als "Führers Geburtstag" mit Adolf Hitler verbunden. Der einstige BKA-Chef und große Antipode der RAF, Horst Herold, schon 17 Jahre in Rente, stellte deshalb auch ungläubig fest: "An einem solchen Tag löst sich eine RAF, wie ich sie kenne, nicht auf."

Die RAF von 1998 war auch nicht mehr die RAF, die Herold, der 1981 zurückgetreten war, gekannt und bekämpft hatte. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, die im Mai 1970 in West-Berlin zu den Gründern der Terrorgruppe zählten, waren 1972 verhaftet worden. Sie waren in ihrem bewaffneten Existenzialismus verzweifelt und hatten im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim Selbstmord begangen.

Die zweite Generation der RAF unter Führung von Brigitte Mohnhaupt und Peter-Jürgen Boock, die mit der Entführung Hans Martin Schleyers im "Deutschen Herbst" 1977 vergeblich versucht hatte, die Führungsspitze freizupressen, war zur Hälfte in den Jahren 1978 bis 1982 verhaftet worden. Die andere Hälfte der Gruppe war ab 1980 ausgestiegen und hatte klammheimlich in der DDR Asyl gefunden.

Hoffnungsloser Kampf, moralischer Bankrott

Spätestens mit der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut", bei der im Oktober 1977 mit der RAF verbündete Palästinenser harmlose Urlauber als Geiseln nahmen, hatte die Gruppe ihren moralischen Bankrott offenbart. Doch noch einmal hatte eine neue Generation - mit deutscher Stalingrad-Mentalität - den hoffnungslosen Kampf fortgesetzt.

Wer sich zuletzt hinter dem Logo mit dem fünfzackigen Stern und der Maschinenpistole versteckte, ist allerdings bis heute ein Rätsel. "Sie wissen nicht viel über uns", hatte die Gruppe sich noch 1996 gebrüstet. "Sie haben noch nie wirklich durchgeblickt, wie unsere strukturen aussehen oder wer in der raf organisiert ist."

Die RAF hatte als Zerfallsprodukt der Studentenbewegung den Kampf gegen den Imperialismus der USA aufgenommen und versucht, in der Bundesrepublik eine Art Heimatfront im Vietnamkrieg zu eröffnen. Zwangsläufig verstrickte sie sich schnell in eine eskalierenden Kleinkrieg mit dem Polizei- und Justizapparat. Als "Befreit-die-Guerilla"-Guerilla, deren vordingliches Ziel die Freipressung ihrer inhaftierten Kader war, wurden ihre Aktionen immer selbstbezogener.

"Wir hätten 1977 aufhören sollen"

Während ab Ende der siebziger Jahre die Ökologie-, Frauen- und andere soziale Bewegungen immer mehr Einfluss gewannen, war die RAF zu einem absurden Anachronismus verkommen. Je mehr sich die elitäre Truppe von der radikalen Linken isolierte, umso militaristischer und brutaler ging sie vor.

"Wir hätten im Grunde Ende 1977, spätestens aber nach den Verhaftungen 1984 aufhören sollen", sagt heute ein Mann der zweiten RAF-Generation, der damals im Gefängnis saß. "Ab Mitte der achtziger Jahre hatten die Aktionen überhaupt keine Linie mehr. Es gab keine politische Perspektive mehr." Einzelne RAF-Gefangene versuchten, auf die Illegalen Einfluss zu nehmen. Aber es fehlte die Einigkeit unter ihnen.

Immer mehr RAF-Gefangene waren mit der Genickschuss-Taktik ihrer Genossen im Untergrund nicht einverstanden. "Mir war klar, dass Herrhausen von der Deutschen Bank bald dran sein würde, und so war es dann auch", erinnert sich der Ex-RAF-Mann. Aber es dauerte lange, bis die ersten Gefangenen das perspektivlose, opportunistische Morden auch öffentlich kritisierten.

Versöhnungsangebot und Deeskalation

Noch nach dem Zusammenbruch der DDR versuchte die Terrorgruppe sich bei den Ostdeutschen, die sich durch die Deutsche Einheit betrogen sahen, anzubiedern. Ein RAF-Mitglied erschoss am 1. April 1991 mit einem Präzisionsgewehr den Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder durch die Scheibe seines Arbeitszimmers in seinem Haus in Düsseldorf.

Angesichts des Scheiterns der schlichten repressiven staatlichen Taktik gegen die RAF und des Ausbleibens von Fahndungserfolgen erklärte der liberale Bundesjustizminister Klaus Kinkel im Januar 1992: "Der Staat muss dort, wo es angebracht ist, zur Versöhnung bereit sein." Der FDP-Mann startete in der Tradition seines Parteifreundes und einstigen Bundesinnenministers Gerhart Baum ein Aussteigerprogramm und sorgte für Erleichterungen bei den harten Haftbedingungen der RAF-Gefangenen. Gut vier Monate später erklärte die RAF, dass sie die "Eskalation zurücknimmt". Es werde vorerst keine Anschläge gegen Menschen mehr geben.

Um einen solchen handelte es sich bei der letzten Aktion der RAF auch nicht. Vier bis heute unbekannte Vermummte überwältigten und fesselten am 27. März 1993 im hessischen Weiterstadt die Wachen eines kurz vor der Eröffnung stehenden Gefängnisses. Anschließend jagten sie die Anlage mit 200 Kilogramm Sprengstoff in die Luft.

"Knastsprengung in Kürze"

Vor der Detonation hatten die Terroristen die Zubringerstraße abgesperrt und ein Warnschild angebracht: "Knastsprengung in Kürze - Lebensgefahr. Sofort wegrennen." Menschen wurden nicht verletzt, der Sachschaden betrug 130 Millionen Mark und verzögerte die Eröffnung des Gefängnisses um vier Jahre.

Die "Kommandoebene", wie die Illegalen der RAF nun genannt wurden, um sie von Unterstützern zu unterscheiden, hatte in den letzten Jahren wohl höchstens noch zehn Mitglieder. Eine zentrale Position nahmen Birgit Hogefeld und ihr Freund Wolfgang Grams ein. Die beiden liefen am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt Bad Kleinen in eine Falle. Sie wollten sich mit einem Unterstützer treffen, doch der arbeitete für den Verfassungsschutz. Hogefeld wurde festgenommen, Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella blieben nach einer Schiesserei tot auf dem Bahnhof liegen.

Die RAF hatte nun 33 Menschen ermordet; auf ihrer Seite hatten 20 Menschen den bewaffneten Kampf mit ihrem Leben bezahlt. Obwohl die Gruppe kaum mehr operationsfähig war, brauchte sie noch einmal fünf Jahre, um dem Irrsinn ein förmliches Ende zu bereiten.

Nur zwei von 22 Taten sind restlos aufgeklärt

Von den 22 bekannten Taten der dritten Generation sind nur zwei eindeutig aufgeklärt: Der Mord und der Mordversuch von Wolfgang Grams bei der Schießerei in Bad Kleinen. Alle anderen Aktionen, bei denen zusammen neun Menschen ermordet und 29 verletzt wurden, bleiben rätselhaft. Für die Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt mit seinen Hunderten von Terrorfahndern ist eine beispiellose Blamage.

Eva Haule, die im August 2007 nach 20 Jahren Haft entlassen wurde und in Berlin als Fotografin arbeitet, weiß Vieles. Hogefeld, die in Frankfurt einsitzt, dürfte nahezu alles über die Mordtaten der dritten Generation wissen. Aber die beiden wahren die RAF-Tradition und schweigen. "Aussagen über illegale Strukturen und geheime Orte des Exils", hieß es in einer der letzten RAF-Erklärungen vom November 1996, "sind und bleiben absolut abzulehnen."

Viele ehemalige RAF-Mitglieder erwarten vor allem von Brigitte Mohnhaupt klärende Worte. Noch immer hat sie nicht öffentlich der verlogenen Legende widersprochen, nach der Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe im Oktober 1977 in Stammheim ermordet worden seien. Nach wie vor ist die Selbstkritik nur halbherzig. Aber auch noch immer sitzen einstige RAF-Mitglieder im Gefängnis: Christian Klar bis mindestens Anfang 2009; Birgit Hogefeld, wenn sie nicht begnadigt wird, wohl bis zum Jahr 2013.

Es vergeht kein Monat, in dem nicht neue Bücher über die RAF erscheinen. Sie ist Stoff von Spielfilmen, verarbeitet ist sie nicht. Die RAF bleibt der schwarze Fleck auf der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik.

Artikel bewerten
3.2 (1021 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Peter Ofenbaeck, 20.04.2008
Etwa 10 Jahre jünger als die RAF-Mitglieder der 1. Generation habe ich die Stimmung in den 70er Jahren als bedrückend wahrgenommen. Dabei war ich selbst nie vom Terrorismus und den staatlichen Reaktionen darauf betroffen. In den 80er Jahren gab es eine erste Phase der Individualisierung. Man dachte nicht in gesellschaftlichen Zusammenhängen, sondern suchte sich ausgehend vom eigenen Schicksal Menschen mit ähnlicher Problematik. Selbsthilfegruppen waren ein großes Thema. Ich betrachtete die RAF heute als pervertierte Selbsthilfegruppe von Menschen, die in in ihrer Kindheit oder Jugend traumatisiert worden waren und nun einen engen Kreis psychisch Verstörter bis paranoider Individuen bildeten, die von dem Wahn zerfressen waren, kaputtzumachen, was sie kaputt machte. Und zwar bis zum Äußersten. Das politische Mäntelchen ist in meinen Augen sehr fadenscheinig. Ganz ähnliche Ursachen scheinen mir heutige Selbstmordattentate zu haben. Grandiose Abgänge gescheiterter junger Menschen. Auch die Reaktionen des Staates ähneln denen vor 30 Jahren. Nichts gelernt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH