RAF-Debatte "Es gab keine wirksame Strategie gegen die RAF"

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Der Spitzenbeamte im Auswärtigen Amt, Gerold von Braunmühl, wurde 1986 von der RAF ermordet. Im Gespräch mit einestages erläutert sein Sohn Patrick von Braunmühl, wie er versucht hat, diesen Verlust zu verarbeiten. "Die Trauer bringt einen dazu", sagt er, "verstehen zu wollen."

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einestages: Herr von Braunmühl, Ihr Vater, der Diplomat Gerold von Braunmühl, wurde an 10. Oktober 1986 von der RAF vor der Türe seines Hauses in Bonn, in dem Sie damals auch lebten, erschossen. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Braunmühl: Ich war zunächst völlig fassungslos. Damals machte ich gerade mein Abitur und an dem besagten Abend war ich mit Freunden in einer Kneipe. Meine Schwester rief mich an und sagte: "Unser Vater ist ermordet worden." Mein erster Gedanke war, dass es ein Anschlag auf den Außenminister Hans-Dietrich Genscher gewesen sein müsse, dem mein Vater zufällig zum Opfer gefallen war.

einestages: Das war es aber nicht.

Braunmühl: Nein, und dass Terroristen der RAF, wie es sich dann herausstellte, meinen Vater ermordet hatten, das machte mich noch fassungsloser.

einestages: Warum das?

Braunmühl: Die RAF war eine Gruppe, die für sich in Anspruch nahm, für eine menschlichere Welt zu kämpfen. Wieso ermorden die meinen Vater, fragte ich mich, der seine Lebensaufgabe darin sah, für eine friedliche menschlichere Welt zu arbeiten.

einestages: Ihr Vater war ein Linksliberaler, ein enger Berater von Hans-Dietrich Genscher.

Braunmühl: Ja, obwohl er in keiner Partei war. Er wurde mit zehn Jahren gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Familie aus dem Sudetenland vertrieben. Die Erfahrungen dieses Krieges und der Folgezeit haben ihn sehr geprägt. Sein Lebensmotiv war es deshalb, dass es einen solchen Krieg nicht mehr geben dürfe.

einestages: Ihr Vater war kein bekannter Politiker, sondern ein Spitzenbeamter.

Braunmühl: Er stand überhaupt nicht im Rampenlicht. Ich habe die Motive der Mörder verstehen wollen und habe das Bekennerschreiben studiert, diese komplizierte Sprache und kryptische Begründung, er sei ein Geheimdiplomat im imperialistischen System. Ein hermetisches Denken mit einem Weltbild, das im Wesentlichen aus Schweinen und Revolutionären bestand.

einestages: Haben Sie es dabei bewenden lassen?

Braunmühl: Nein. Ich wollte verstehen, warum mein Vater ermordet wurde. Deshalb habe ich dann die Geschichte der RAF studiert, von ihren Anfängen in der Studentenbewegung über den Deutschen Herbst bis zur dritten Generation.

einestages: Was hat Ihnen das gebracht?

Braunmühl: Es war interessant, und vor allem war es mir einfach Bedürfnis und Notwendigkeit. Die Trauer bringt einen dazu, verstehen zu wollen, warum das passiert ist. Aber die Beschäftigung mit der Entwicklung der RAF hat nur einen kleinen Teil der Fragen beantwortet, die ich hatte und habe.

einestages: Welche Entwicklung sehen Sie bei der RAF?

Braunmühl: Die Studentenbewegung und ihre Auflehnung gegen autoritäre und überkommene Strukturen an den Universitäten, gegen das Schweigen über die Nazi-Vergangenheit, der Protest gegen den Vietnamkrieg, das konnte ich noch nachvollziehen. Doch bei der Bereitschaft, Gewalt einzusetzen und Menschen zu töten, da setzte es bei mir aus.

einestages: Wie beurteilen Sie die RAF insgesamt?

Braunmühl: Man kann sich doch nicht einbilden, mit derart menschenverachtenden Mitteln eine menschlichere Gesellschaft schaffen zu können. Ich bezweifle auch, dass bei den Mitgliedern der RAF altruistische Motive im Vordergrund standen, sondern sehe bei ihnen eher Größenwahn und Machtanmaßung. Noch dazu verfügten sie nicht in Ansätzen über ein Konzept, wie eine ganz andere Gesellschaft, für die sie kämpften, aussehen sollte.

einestages: Haben Sie jemals mit einem ehemaligen RAF-Mitglied gesprochen?

Braunmühl: Ich habe 1995 zusammen mit zwei meiner Onkel das ehemalige RAF-Mitglied Birgit Hogefeld im Gefängnis besucht. Meine Motivation dabei war die Hoffnung, bei der Beantwortung meinen Fragen weiterzukommen.

einestages: Und ist Ihnen das gelungen?

Braunmühl; Die Situation war gespenstisch. Wir waren durch eine Panzerglasscheibe von Frau Hogefeld getrennt und hatten nur eine Stunde Sprechzeit. Ich hatte kurzzeitig die Vision, dass sie es vielleicht war, die meinen Vater erschossen hat. Ich war sehr angespannt, dachte mir aber, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass sie mit uns sprechen würde, wenn sie die Todesschützin gewesen wäre.

einestages: Über was sprachen Sie dann mit Ihr?

Braunmühl: Wir haben über ihren Weg in die RAF gesprochen. Aber sie hat sehr deutlich gemacht, dass sie zwar inzwischen die Politik der RAF für falsch hält, aber nicht bereit ist, über Dinge zu sprechen, die von den Ermittlern genutzt werden könnten.

einestages: Haben Sie sie direkt gefragt?

Braunmühl: Ja. Ich habe sie gefragt, wie die RAF ihre Opfer ausgewählt hat. Sie sagte, das sei meistens abstrakt und schematisch erfolgt. Auf weiteres Nachfragen hat sie ausweichend geantwortet.

einestages: Können Sie ihr Schweigen zu den Tatumständen nachvollziehen?

Braunmühl: Dass man nicht andere belasten will, um sich selbst aus der Affäre zu ziehen, kann ich noch nachvollziehen, aber eine glaubhafte Ablösung - nicht nur von den politischen Irrtümern der RAF, sondern von dem, was sie menschlich angerichtet hat - die würde anders aussehen.

einestages: Wie sollten die Ex-RAF-Leute sich denn verhalten?

Braunmühl: Es gibt bei den Angehörigen den starken Wunsch nach Aufklärung. Aufklärung macht die Toten nicht wieder lebendig, aber sie ist für die persönliche Verarbeitung wichtig. Angesichts dieses Wunsches stehen die ehemaligen RAF-Leute in der moralischen Pflicht, zur Aufklärung der Taten beizutragen. Sie sollten die Karten auf den Tisch legen und ich habe immer noch die Hoffnung, dass das eines Tages geschehen wird.

einestages: Ihre vier Onkel haben einen Monat nach der Ermordung Ihres Vaters einen Offenen Brief in der taz veröffentlicht, mit dem sie in einen Dialog mit der RAF treten wollten, in dem sie die RAF-Mitglieder auch mit "Ihr" angeredet haben. Dieser Schritt wurde vom Generalbundesanwalt Rebmann oder auch der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" scharf kritisiert, weil man mit Mördern nicht diskutieren dürfe.

Braunmühl: Bei diesem Brief, den ich auch mitgetragen habe, ging es darum, den Argumenten aus dem Bekennerschreiben etwas entgegenzusetzen, das absurde Weltbild und den Heldenmythos der RAF zu entlarven. Wir wollten auch die Beschreibung meines Vaters als "Geheimdiplomat ... im Zentrum des imperialistischen Gesamtsystems" nicht so stehenlassen. Immerhin hat der Brief eine heftige Diskussion in der linken Szene ausgelöst und dazu beigetragen, dass sich Sympathisanten von der RAF distanziert haben.

einestages: Wie hätte der Staat Ihrer Meinung nach auf die terroristische Bedrohung reagieren sollen?

Braunmühl: Der Paragraph 129a, mit dem Hunderte wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung strafrechtlich verfolgt wurden, auch wenn sie nur Texte der Terroristen dokumentierten, um sie kritisch zu diskutieren oder ein Buch mit Texten der RAF hatten, um sich zu informieren, das halte ich zum Beispiel für einen schweren Fehler, der damals gemacht wurde.

einestages: Das müssen Sie genauer erklären.

Braunmühl: Man ist hinterher immer schlauer, aber man hätte möglicherweise, die Entstehung der dritten Generation verhindern können, wenn man sich aktiver mit der RAF auseinandergesetzt hätte. Ihre Gedanken kritisch offen zu legen, damit hätte man ihnen die Anziehungskraft nehmen können.

einestages: Haben die zuständigen staatlichen Institutionen bei der Bekämpfung der RAF Fehler gemacht?

Braunmühl: Es existierte keine wirksame Strategie gegen die RAF, und mit den zum Teil rigiden Haftbedingungen und der Einschränkung der Verteidigerrechte wurde der RAF eher noch zugearbeitet. Dass dieser enorme Verfolgungsapparat bislang über die dritte Generation der RAF nahezu nichts herausgefunden hat, ist ein Armutszeugnis.

einestages: Frau Hogefeld hat ein Gnadengesuch gestellt,

Braunmühl: Mir kommt es nicht darauf an, dass die Täter bis zu ihrem Lebensende hinter Gittern sitzen. Aber ich finde auch nicht, dass RAF-Mitglieder besser behandelt werden sollten als andere Mörder. Ich vertraue darauf, dass der Bundespräsident die richtige Entscheidung treffen wird.

einestages: Sie erwarten von den einstigen RAF-Mitgliedern, dass sie sich eines Tages zu ihren Taten öffentlich erklären und dazu beitragen, dass die historische Wahrheit ans Licht kommt?

Braunmühl: Diese Hoffnung und Erwartung habe ich. Das ist das mindeste, was sie für die Angehörigen ihrer Opfer tun können.

Das Interview führte Michael Sontheimer

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