RAF-Geschichte Die Schießerei von Singen

Im Mai 1977 gelang der Polizei ein erster großer Erfolg im Kampf gegen die RAF: Knapp vier Wochen nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Buback konnten die Terrorfahnder Verena Becker und Günter Sonnenberg verhaften - zwei Mitglieder der Kommandoebene der RAF.

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Einer älteren Dame war das junge Paar verdächtig vorgekommen, das am Morgen des 3. Mai 1977 im "Cafehaus Hanser", im Zentrum des südbadischen Städtchens Singen am Hohentwiel, frühstückte. Die "steckbriefbewusste Rentnerin", wie der SPIEGEL sie später beschrieb, lief schnurstracks in das schräg gegenüber liegende Polizeirevier.

Kurz darauf kamen zwei junge Schutzpolizisten in das Café, doch das Paar erklärte, es habe seine Ausweise in ihrem unweit geparkten Wagen. Dass die beiden Polizisten, als sie sich bereit erklärt hatten, gemeinsam zu dem Wagen zu gehen, einen fatalen Fehler gemacht hatten, merkten sie nach ein paar hundert Metern: Als einer der beiden Beamten seine Dienstwaffe zog, war die Frau schneller, zog eine Pistole, schoss dem Polizisten die Waffe aus der Hand und hielt noch einmal drauf, als er auf dem Boden lag. Dem zweiten Beamten glückte leicht verletzt die Flucht.

Das Paar rannte los und stoppte einen Opel Ascona. Als der Fahrer nicht aussteigen wollte, hielt der Mann ihm seine Pistole an die Schläfe und zog ihn aus dem Wagen. Doch die Flüchtenden kamen nicht weit und landeten mangels Ortskenntnis, inzwischen von zwei Polizeiwagen verfolgt, in einer Sackgasse. Schließlich versuchten sie zu Fuß zu entkommen, doch der Mann stürzte von einem Schuss in den Kopf getroffen nieder; die Frau erhielt einen Schuss in den Unterschenkel und ergab sich.

Es dauerte noch etliche Stunden, bis die Polizei die Identität der beiden Verhafteten aufgeklärt hatte, doch dann konnte sie endlich einen dringend benötigten Fahndungserfolg bekannt geben. Bei der in Singen verhafteten Frau handelte es sich um Verena Becker, 24; der Mann wurde zunächst fälschlich als Knut Folkerts, 27, identifiziert, es war jedoch Günter Sonnenberg, 22.

"Eine entschlossene junge Frau"

Becker und Sonnenberg, so stellte das Bundeskriminalamt fest, hatten in Essen Fahrkarten nach Zürich gelöst, wollten aber offenbar über die grüne Grenze in die Schweiz gelangen. Die Terrorfahnder machten fette Beute: In einem Rucksack fanden sie zwei Revolver, drei Pistolen und vor allem das Heckler&Koch-Selbstladegewehr, mit dem Buback ermordet worden war.

Mit Verena Becker, 24, wurde eine Terroristin der ersten Stunde verhaftet. Zusammen mit ihrer Freundin Inge Viett war sie 1971 nachts durch West-Berlin gezogen und hatte Schaufenster von Geschäften für Brautkleider und von Sexshops eingeworfen. Dabei hatten die beiden feministischen Aktivistinnen Aufkleber mit der mysteriösen Botschaft "Die schwarze Braut kommt" hinterlassen.

Becker wurde zusammen mit Viett von Bommi Baumann für den Untergrund rekrutiert. "Plötzlich entdecke ich", so schrieb Inge Viett später über Becker, "hinter dem verschmitzten Mädchengesicht eine entschlossene junge Frau."

Doch schon die erste größere Aktion der beiden ging gründlich schief. Nachdem am "Bloody Sunday", dem 30. Januar 1972, britische Soldaten in Londonderry etliche Demonstranten erschossen hatten, beschloss die Gruppe als Solidaritätsaktion mit der Irisch-Republikanischen Armee, IRA, im Britischen Yachtclub in West-Berlin eine Bombe zu legen. Doch diese explodierte nicht. Ein Bootsbauer, der sie fand, spannte sie in einen Schraubstock und wurde bei der Explosion getötet. Der Mann, der die Bombe deponiert hatte, lief bald nach seiner Inhaftierung zum Verfassungsschutz über und sagte umfassend aus. Becker wurde verhaftet und für den Bombenanschlag und einen Bankraub zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Theorie des Guerillakrieges, Nahkampf und Schießen

Sie musste allerdings nur rund die Hälfte ihrer Strafe absitzen, denn Ende März 1975 entführte ein Kommando der RAF-Partner- und Konkurrenzorganisation "Bewegung 2. Juni" den West-Berliner CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz. Um das Leben von Lorenz zu retten, ließ die Bundesregierung Becker und vier weitere inhaftierte Terroristen nach Aden ausfliegen.

In der Hauptstadt des sozialistischen Südjemens verlor sich die Spur Beckers und der anderen vier Freigepressten. Das Bundeskriminalamt wusste auch nicht, dass Ende 1975 der Heidelberger Anwalt Siegfried Haag zusammen mit der später von der Polizei erschossenen Elisabeth von Dyck in Aden eintraf und in einem Lager der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP) auf die Freigepressten traf. Haag war von der in Stammheim inhaftierten RAF-Führung, von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, damit beauftragt, schnellstmöglich wieder eine illegale Truppe aufzubauen. Stefan Wisniewski war der fähigste neue "Fighter", wie die RAF ihre Mitglieder gerne nannte.

Mitte 1976 stießen noch Peter-Jürgen Boock, Rolf Clemens Wagner und andere Aspiranten einer Frankfurter RAF-Wiederaufbaugruppe hinzu. Becker und auch Rolf Heißler schlossen sich, da fast alle Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" in West-Berlin verhaftet worden waren, der RAF an. Sie alle bekamen von den Palästinensern eine militärische Ausbildung, Theorie des Guerillakrieges ebenso wie Nahkampf und Schießen. Als erste Aktion nach der Rückkehr in die Bundesrepublik fasste die zweite Generation der RAF eine "Bestrafungsaktion" gegen Siegfried Buback ins Auge.

Nur der Auftakt

Günter Sonnenberg, Sohn eines Karlsruher Bundesbahnoberamtsrates, war im Gymnasium Klassenbester und studierte Soziologie, bevor er mit Knut Folkerts und Christian Klar in Karlsruher Kommunen lebte. Zusammen mit anderen empörte er sich über die harten Haftbedingungen der RAF-Gefangenen. Ende 1976 tauchte er ab; seine Zeit als Illegaler der RAF währte ganze fünf Monate. Nach seinem Kopfschuss schwebte Sonnenberg tagelang zwischen Leben und Tod. "Bubacks Mörder künstlich am Leben gehalten", titelte die Münchner "Abendzeitung".

Er wurde, wie Becker auch, später zu lebenslang verurteilt. Sonnenberg mietete das Motorrad, von dem aus Buback erschossen wurde. Es wird vermutet, dass er zur Tatzeit auch der Fahrer war. Welche Rolle Becker, die später mit dem Verfassungsschutz kooperierte, bei dem Attentat spielte, ist noch immer umstritten und wird dieser Tage wieder heftig diskutiert.

Die Fahnder hatten zwar mit den Verhaftungen in Singen zwei Mitglieder der RAF-Kommandoebene ausgeschaltet, aber sie hatten keine Ahnung davon, dass der Mord an Buback nur der Auftakt eines lange geplanten Aktionszyklus der RAF war. Diese "Offensive 77" konnten sie durch die Verhaftung von Becker und Sonnenberg nicht stoppen.

Michael Sontheimer

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 04.05.2007



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