Dritte RAF-Generation Rückkehr der Untoten

Die Weltrevolution blieb aus, einstige Terroristen erreichen das Rentenalter. Jetzt hat ein Trio der dritten RAF-Generation Raubüberfälle verübt. Was über Baader-Meinhofs "Enkel" bekannt ist.

DPA

Von Butz Peters


Sie kamen mit Schnellfeuerwaffen und Panzerfaust, einer trug keine Maske, einer den Schriftzug "POIZEI" (ohne L) auf dem Rücken. Gleich zweimal in den vergangenen Monaten hat ein Tätertrio Geldtransporter angegriffen - am 6. Juni 2015 nahe Bremen und am 28. Dezember in Wolfsburg. Beide Überfälle scheiterten. In Wolfsburg raste der Fahrer der Sicherheitsfirma einfach davon.

Aufgrund von DNA-Analysen sind Ermittler sicher: Die Spuren führen zur Roten Armee Fraktion. Zu den seit 25 Jahren untergetauchten Mitgliedern Daniela Klette, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub.

Droht eine neue Linksterrorwelle? Formiert sich gar die vierte Generation der RAF? Kaum. Alles spricht für Beschaffungskriminalität: Terrorismus ist keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Wer jahrzehntelang im Untergrund lebt, hat irgendwann die Beute früherer Überfälle aufgezehrt. Vermutlich wollte sich das Tätertrio die Altersversorgung sichern.

Tief verwurzelt in der linken Szene

Ernst-Volker Staub, mutmaßlich frisch doppelt gescheiterter Räuber, ist inzwischen 61 Jahre alt und beschäftigt seit Jahrzehnten Terroristenfahnder im Bundeskriminalamt. Am 2. Juli 1984 fasste ihn die Polizei in einer "Nachzüglergruppe" in Frankfurt - da saßen die Köpfe der zweiten RAF-Generation wie Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar längst in Haft. Noch einmal wollte Staub mit fünf Gesinnungsgenossen zum "bewaffneten Kampf" in der Bundesrepublik antreten. Doch das Sextett war gefasst, bevor es sein "Aktionspapier" umsetzen und Unheil anrichten konnte.

Mit diesen Verhaftungen war "die RAF faktisch zerschlagen", blickte später Eva Haule zurück. Sie ist eines der beiden bis heute überführten, lebenden Mitglieder des letzten RAF-Trupps. Mehr gibt es nicht. Haule und ihre einstige Kampfgefährtin Birgit Hogefeld, beide mittlerweile um die 60, schweigen eisern zu Taten und Tätern.


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"Sie haben aus technischen Fehlern gelernt" - im Video spricht SPIEGEL-Redakteur Michael Sontheimer über die dritte RAF-Generation. Und schreibt in der neuen SPIEGEL-Ausgabe über die "Rentner Armee Fraktion": Früher kämpften sie gegen Imperialismus, heute um den Lebensunterhalt.


Zurück in den heißen Sommer 1984: In Wiesbaden taucht ein Pärchen in den Untergrund ab. Birgit Hogefeld, damals 28, und ihr Freund Wolfgang Grams, 31, gehören seit Jahren zum Sympathisantenkreis der Roten Armee Fraktion. Sie engagieren sich in der Roten Hilfe, besuchen RAF-Gerichtsverhandlungen und -Häftlinge, demonstrieren gegen die Haftbedingungen.

Eines Tages beschließen sie, den "bewaffneten Kampf" selbst zu führen statt nur zu unterstützen, und verlassen praktisch Hand in Hand ihre Wohnung in der Wiesbadener Wellritzstraße 37: Birgit Hogefeld, Orgellehrerin und abgebrochene Jurastudentin mit Berufsziel "RAF-Anwältin"; zu ihren Vorbildern zählt Otto Schily. Wolfgang Grams, Ex-Mathestudent, ist ein engagierter Hausbesetzer und Straßenkämpfer - als "nicht zimperlich" beschreibt ihn ein Jugendfreund.

Hinrichtungen und Sprengfallen

Rasch formiert sich um das Untergrund-Paar Ende 1984 eine komplett neue Mannschaft. Die RAF-Neueinsteiger haben kaum Waffen, kein Geld. Und so gut wie keine Erfahrung mit dem Leben im Untergrund. "Aber wir waren entschlossen, diesen Weg zu gehen", schrieb Eva Haule 1993 in einem offenen Brief aus dem Gefängnis. Und über Wolfgang Grams als treibende Kraft: "Ohne ihn und seine Zähigkeit, mit der er alle praktischen Probleme angefasst und gelöst hat, wäre das nicht gegangen."

Zehn Morde verüben Baader-Meinhofs "Enkel" im folgenden Jahrzehnt:

* Am 1. Februar 1985 klingelt in Gauting eine "Briefbotin" um 7.20 Uhr an der Haustür des Bungalows von Ernst Zimmermann, Vorstandsvorsitzender des Triebwerkherstellers MTU. Der Manager stirbt an einem Nahschuss in den Hinterkopf. Eine regelrechte Hinrichtung.

* Im August 1985 lockt eine RAF-Frau den amerikanischen Soldaten Edward Pimental, 20, in Wiesbadens Stadtwald. Dort erschießt ihn die RAF - nur um mit seinem Ausweis ein Auto auf der Rhein-Main-Airbase der US-Streitkräfte abstellen zu können. In diesem VW-Passat explodiert eine 240-Kilo-Bombe. Zwei Menschen sterben, 23 werden verletzt.

* Im Juli 1986 sprengt die RAF mit einer am Straßenrand versteckten 50-Kilo-Bombe Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler in die Luft.

* Drei Monate später wird Gerold von Braunmühl erschossen. Dem Vertrauten von Bundesaußenminister Genscher lauert ein Kommando vor seiner Haustür in Bonn-Ippendorf auf. Tatwaffe ist die Smith & Wesson, mit der neun Jahre zuvor die zweite Generation Arbeitgeberpräsident Schleyer ermordet hatte. Traditionspflege à la RAF.

* 1989 beginnt die RAF das Hightech-Morden. Mit einer teuflischen Sprengfalle tötet sie Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen in Bad Homburg auf dem Weg ins Büro.

* Am Ostermontag 1991 erschießt ein RAF-Scharfschütze Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder in seinem Düsseldorfer Haus.

* Letztes Opfer der dritten RAF-Generation: GSG-9-Kommissar Michael Newrzella. Ihn erschießt Wolfgang Grams im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen, bevor er beim Feuergefecht selbst sein Leben verliert.

Es ist der einzige aufgeklärte der zehn Morde dieser Phase. Die erste RAF-Generation um Andreas Baader und Ulrike Meinhof (1970-1972) wollte durch Anschläge "das revolutionäre Bewusstsein der Massen wecken" - so formulierte sie es in ihrer zweiten Kampfschrift unter dem Tarntitel "Die neue Straßenverkehrsordnung". Der Avantgarde-Gedanke: die RAF vornweg. Und die Massen rennen hinterher.

Bei der zweiten Generation ging es letztlich nur noch um die Befreiung von Baader und den anderen Häftlingen aus den Gefängnissen. Die "Big Raushole", so der Arbeitstitel der zweiten Generation, scheiterte im Deutschen Herbst 1977.

Die dritte Generation setzte auf eine neue Strategie. Hogefeld, Grams und Co. wollten endlich heraus aus der politischen Isolation: Teil einer "Revolutionären Front in Westeuropa" werden, durch Verbündete "zu einer neuen Stärke kommen". Es ist die ideologische Hinterlassenschaft aus der Endphase der zweiten Generation, der die neue Truppe folgt.

Das Morden perfektioniert

Im Inland arbeitet sie mit "Kämpfenden Einheiten" zusammen, die "Sachschadenanschläge" auf Gebäude und Strommasten verüben. Und mit "politischen Initiativen": Sie schlagen legal die PR-Trommel für die Revolution in Deutschland und mobilisieren für Demonstrationen. Im Ausland kooperiert die junge Garde mit Terrortruppen wie der Action Directe in Frankreich und den Roten Brigaden in Italien. Es gibt gemeinsame Erklärungen, Austausch von Waffen und Sprengstoff - die Europäisierung des "bewaffneten Kampfes".

Die dritte Generation hat aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt und perfektioniert das Morden: An den Tatorten hinterlässt sie kaum Spuren. Deshalb weiß man heute so wenig über sie. 1993 endet die Mordserie - bis zur Auflösung 1998 verschickt die Ex-Terrortruppe nur noch Presseerklärungen.

Der Verfassungsschutz ging von einem "15 bis 20 Personen zählenden Kommandobereich" aus. Heute stehen lediglich drei Täter fest. Birgit Hogefeld und Eva Haule wurden wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Schon seit Jahren sind sie wieder auf freiem Fuß. Wolfgang Grams starb in Bad Kleinen.

Das Tätertrio der missratenen Geldtransportüberfälle zählt offenbar zum letzten Aufgebot der RAF. Ein Beleg von mehreren für die RAF-Vergangenheit aus Sicht der Fahnder: Sie entdeckten Fingerabdrücke von Staub und seiner Freundin Klette auf Unterlagen in dem Rucksack, den Wolfgang Grams in Bad Kleinen trug.

Ratlose Staatsschützer

Ernst-Volker Staub, Jahrgang 1954, musste als RAF-Mitglied vier Jahre Freiheitsstrafe absitzen. Nach seiner Haftentlassung 1988 stellten Ermittler "intensive Kontakte zu Personen des RAF-Umfeldes in Hamburg und Wiesbaden" fest. Ihren Erkenntnissen zufolge schloss er sich im März 1990 abermals den Terroristen an - der, soweit bekannt, einzige Rückfalltäter aus der zweiten Generation.

Daniela Klette, Jahrgang 1958, lernte bei der Roten Hilfe in Wiesbaden Hogefeld und Grams kennen. Sie engagierte sich gegen die Startbahn West und in der Anti-Nato-Bewegung. Ein Haar von ihr klebte im VW-Passat, mit dem das RAF-Kommando türmte, das 1991 bei Königswinter 250 Gewehrschüsse auf die US-Botschaft am anderen Rheinufer abfeuerte.

Burkhard Garweg ist ein "echter 68er" - geboren 1968 in Bonn. Nach dem Schulabgang als Elftklässler tauchte er in der Hamburger Hafenstraße auf und in die linke Szene ein, wie bald darauf auch Staub. Einen Beruf lernte Garweg nicht, lebte von Sozialhilfe. Er ist der jüngste, der jemals in die "RAF-Fahndung" kam.

Und der Rest der dritten Generation? Auf Fahndungsplakaten suchten die Ermittler in den Neunzigern weitere fünf Männer und eine Frau "im Zusammenhang mit den Straftaten der 'Rote Armee Fraktion'". Doch keinem konnten solche Taten nachgewiesen werden.

"BKA-Fahndungsplakate sind keine 'Mitgliedslisten' der RAF", lästerte die dritte Generation kurz vor ihrer Auflösung in einer Erklärung über die Staatsschützer: "Sie haben noch nie wirklich durchgeblickt, wie unsere Strukturen aussehen oder wer in der RAF organisiert ist." Damit hatte das letzte RAF-Aufgebot recht.

Zum Autor
  • einestages-Autor Butz Peters (Jahrgang 1958) ist Rechtsanwalt und Journalist in Dresden. Über die Rote Armee Fraktion hat er bereits vier Bücher veröffentlicht, darunter "Tödlicher Irrtum: Die Geschichte der RAF".

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insgesamt 24 Beiträge
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Thomas Schneider, 23.01.2016
1. Die These
dass die jüngsten Raubüberfälle aus Geldnot begangen wurden, ist für mich nicht schlüssig. 1. Räuber in Geldnot stehlen sich die Tatfahrzeuge und kaufen sie nicht vorher. 2. Warum mehrere Überfälle in kurzer Zeit. Linksterroristen leben bestimmt nicht in Luxus, so dass keine Serie von Überfällen notwendig ist. Deshalb ist meine Vermutung, dass hier etwas Größeres in Vorbereitung ist, für das viel Geld benötigt wird. Das möchten unsere Regierenden nur nicht zugeben, da sie schon genügend andere Probleme nicht in den Griff kriegen. Das passt zur Aussage des Innenministers am Abend des abgesagten Länderspiels, dass er dem Volk Dinge verschweigt, um es nicht zu beunruhigen.
Joachim Freitag, 23.01.2016
2. Werbung für eine Anwaltskanzlei
Substantiell ist "Rückkehr der Toten" hohl, natürlich kommen die nicht zurück, was soll der Unsinn, das anzunehmen. Im Gegenteil zeigt sich aber, dass die potentielle Aufruhr gegen linksextrem weiter mehr von der Presse gepuscht wird, als entsprechend die rechten Aktivitäten, die augenblicklich viel kräftiger sind, mehr der Mentalität des Durchschnittsmenschen entsprechen und genau betrachtet auch die logische Konsequenz des politischen gemütlichen Elends der etablierten Mitte ist. Wenn die drei dann wirklich noch eine Verbindung zur RAF haben sollten, dann spielt das nur insoweit eine Rolle, als es sich nun offenbar lohnt, aus anderer Richtung Angst zu schüren. Tatsächlich sind das eventuell 3 im Untergrund lebende Kriminelle ohne Erfolg, denen im Untergrund die Mäuse ausgegangen sind. Der eigentliche Grund - so ist anzunehmen - liegt wohl eher darin, auf sich als spezialisierter Rechtsanwalt aufmerksam zu machen und so wird man opportuner weise mal eben zum Publizisten. Prädikat: Insgesamt lächerlich.
Hans-Peter Hoffmann, 23.01.2016
3. Die „perfektionierten Morde“ der 3.RAF-Generation
Die der 3.RAF-Generation zugeschriebenen Morde waren sowohl von der technischen und organisatorischen Vorbereitung als auch von ihrer Ausführung perfekt. So wurde z.B. der Treuhand-Chef Detlev Rohwedder – der einen ganz anderen Kurs mit der Treuhand verfolgte als die damalige Bundesregierung - mit einem 4-fach tödlichen Schuss aus einer Entfernung von fast 70m durch das einzige nichtkugelsichere Fenster seiner Villa erschossen. Ein präziser Schuss von hinten, der Wirbelsäule, Aorta, Speiseröhre und Luftröhre zerfetzte. Es war ein Meisterschuss, wie er noch nicht einmal von einem professionell ausgebildeten und trainierten Sniper sicher ausgeführt werden kann. Und der Schuss kam politisch rechtzeitig: die Rohwedder-Nachfolgerin Breuel riss das Ruder der Treuhand sofort in die von der Bundesregierung gewünschte Richtung einer totalen Reprivatisierung des gesamten ehemaligen „Volkseigentums“ der DDR um. Es ist stark zu bezweifeln, dass ein Amateurschütze der RAF zu einer solchen Leistung in der Lage war. Und: wer hatte ihn denn darüber informiert, dass das Schlafzimmerfenster nicht schussfest war? Wahrscheinlich war noch nicht einmal Rohwedder davon informiert. Es deutet einiges bei diesem Mord – und auch bei den anderen der 3.RAF-Generation in die Schuhe geschobenen Morden – darauf hin, dass staatliche Institutionen, etwa der Verfassungsschutz, dabei ihre Finger im Spiel hatten. Ein Vergleich zu dem NSU-Skandal drängt sich geradezu auf. Die jetzigen Überfälle auf die Geldtransporter sehen dagegen geradezu stümperhaft aus. Und dann noch Rechtschreibfehler auf der Kutte! Wo doch die gesuchten RAF-ler urdeutsch sind. Offensichtlich haben sie ihr Handwerk gründlich verlernt und sind dazu noch dement.
Andreas Ringer, 23.01.2016
4. Opferauswahl
Ein Mysterium der sogenannten dritten Generation bleibt die Opferauswahl. Herrhausen war zum Zeitpunkt der Ermordung einer der wenigen europäischen Bänker, die sich Gedanken um die Verschuldung der Länder der südlichen Hemisphäre machten. Rohwedder, einer der wenigen deutschen Manger, denen Humanisierungsprojekte, nicht nur als Beruhigung der Betriebsräte galten. Konnte man keinen Unternehmer mehr finden, der in jungen Jahren Offizier der Waffen-SS war?
zeichen kette, 23.01.2016
5. Das mit dem Lebensunterhalt
könnte schon passen. Die letzten beiden Überfälle waren erfolglos, der davor war 1999, damals wurde eine knappe Million DM erbeutet. Für mindestens drei Personen über 15 Jahre ist das nicht viel, eher wenig.
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